Teil 46 - Abgesagte Hochzeit

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"Das hier auch?", fragte Lya und wischte sich erschöpft den Schweiß von der Stirn.
"Ja. Wir haben es gleich geschafft und dann lade ich euch auf ein Glas Champagner ein.", sagte ich und streichelte Lya im Vorbeigehen über die Schulter. Sie seufzte und gab den Karton Scott, der ihn in den Wagen hob.
"Wenigstens nehmen wir Harrys Auto und nicht deins. Dann hätten wir ja noch öfter fahren müssen." Es war nicht leicht, Lias Hilfe zu genießen. Doch ich war froh, dass sie da war und mir half. Genau wie Scott. Heben durfte Lya inzwischen nämlich nicht mehr. Geschweige denn, dass sie es noch konnte.
"Wir laden das ganze doch nur noch aus und dann fahre ich eh mit Luke ins Krankenhaus zu Gemma.", sagte ich und startete den Wagen. Ich freute mich darauf, das Appartement wieder zu beziehen. Letzte Nacht hatte ich während des Packens ununterbrochen darüber nachgedacht, ob es nicht etwas überstürzt war, wieder zu Harry zu ziehen. Egal ob er da war oder nicht. Doch was hatte ich zu verlieren? Erstens war es ja nichts neues, dass ich bei Harry wohnte und zweitens hatten wir vor zu heiraten. Was ich jedoch den anderen noch nicht erzählt hatte, da sie ihre Aufmerksamkeit nun lieber Gemma schenken sollten.
"Gut, dann kann ich mich etwas ausruhen, bevor wir heute Abend den Champagner trinken.", sagte Lya und grinste, obwohl wir beide wussten, dass sie dann doch eher bei Saft oder Wasser blieb.
"Weiß Harry eigentlich, dass du wieder einziehst?", fragte Scott von der Rückbank. Kurz sah ich über den Rückspiegel zu ihm.
"Was sollte er dagegen haben? Die beiden heiraten doch eh.", mischte Lya mit. Besser hätte ich es nicht sagen können.
"Als ich nach dem Anfall in die Wohnung und nicht zu ihm gezogen bin, war Harry ziemlich traurig und ich kann mir wirklich nicht vorstellen, was dagegen sprechen sollte." Die beiden harkten nicht weiter nach, doch ihre Blicke entgingen mir nicht. Wie sollten sie auch verstehen, was zwischen Harry und mir vorging und wie wir uns jetzt fühlte. Es überraschte mich ja selber, dass es jetzt wieder wie vorher, oder gar noch intensiver war.
"Gehst du mit dem Schlüssel vor?", fragte ich Lya und reichte ihn ihr. Sie nahm ihn nickend und machte sich auf den Weg zum Aufzug. Scott und ich folgten ihr mit Gepäck. Wir fuhren nach oben, wo Lya die Tür aufschloss und dann mitten im Weg stehen blieb.
"Würdest du vielleicht aus dem Weg gehen?", fragte ich schnaufend. Die Kartons waren ziemlich schwer.
"Ich bin mir nicht sicher, ob du das sehen willst.", sagte Lya. Irritiert und doch entschlossen drückte ich sie leicht zur Seite und betrat das Appartement. Meine Schritte verlangsamten sich schnell, als mich das Chaos empfing. Auf der Couch, den Tischen, dem Boden... überall standen Geschenke, Dekorationen und vieles mehr. Alles von der geplanten Hochzeit.

"Damit habe ich nicht gerechnet. Gut, dass ich mich diese Woche eh darum kümmern wollte.", sagte ich achselzuckend und trug meinen Karton ins Arbeitszimmer.

"Wie, darum kümmern? Willst du die Geschenke zurück schicken, oder wie?", fragte Lya hinter mir.

"Nein, wieso sollte ich? Harry und ich werden trotzdem heiraten." Wie versteinert blickten meine beste Freundin und ihr Freund mich an.

"Das ist, das kommt plötzlich, aber ich freue mich natürlich für euch.", sagte Lya schließlich und nahm mich in den Arm. Nachdem auch Scott mir erneut gratuliert hatte, brachten wir noch die restlichen Sachen nach oben. Daraufhin fuhr ich die beiden nach Hause und dann ins Krankenhaus zu Harrys Familie. Ich nahm meinen Mac mit, damit Harry mit seiner Familie skypen konnte.

"Hey.", begrüßte ich das volle Zimmer. Gemma hielt ihre Kleine im Arm, während John, Luke und Anne am Fenster auf den Stühlen saßen und mich nun anlächelten. Johns Mutter saß neben der Tür.

"Mary, schön, dass du da bist.", begrüßte Anne mich.

"Ich habe meinen Mac mitgebracht, damit Harry seine Nichte endlich auch sehen kann. Wie heißt die Kleine überhaupt?", fragte ich und startete meinen Mac.

"Rosalie."

"Was für ein schöner Name!", sagte ich ehrlich, setzte mich neben Johns Mutter und startete den Videoanruf.

"Hallo, mein Engel.", begrüßte Harry mich.

"Hey, ich bin bei deiner Familie. Möchtest du die kleine Rosalie sehen?" Harry nickte eilig, weshalb ich den Mac vor Gemma und das Baby hielt. Doch John nahm mir den Mac aus der Hand, während Gemma mir das kleine Würmchen reichte. Ich war leicht überfordert, doch beruhigte mich, als sie sicher schmatzend in meinen Armen lag.

"Süß sieht sie aus, zum Glück eher wie Gemma, nicht wahr John.", sagte Harry und brachte alle damit zum Lachen.

"Steht dir gut.", fügte er noch hinzu und zwinkerte mir zu. Ich rollte mit den Augen und reichte Rosalie dann wieder ihrer Mutter.

"Ich rufe dich spöter noch mal an. Ich liebe dich.", sagte ich zu Harry.

"Bye, Onkel Haz!", rief Luke.

"Macht's gut! Bis später Engel, ich liebe dich auch!" Dann legte ich auf und stellte den Mac beiseite.

"Ich war vorhin im Appartement.", sagte ich zu Anne, als wir uns einen Tee holten.

"Oh, ziehst du wieder zurück?", fragte sie freudig.

"Ja, das habe ich vor, aber Harry weiß noch nichts davon.", gab ich zu. Anne legte ihre Hand auf meinen Rücken, was mir etwas Sicherheit gab.

"Ich kann mir nicht vorstellen, dass er etwas dagegen haben wird. Und wie ist es mit deinen Erinnerungen?" Seit Harry geflogen war, hatte ich nur an ihn und mich gedacht und vergessen, die Wiederkehr meiner Erinnerungen mitzuteilen.

Ich zog Anne auf die Stühle vor dem Krankenzimmer und erzählte es ihr dann.

"Wir hatten letzte Woche ein paar unglaubliche Tage in LA. Schon vorher habe ich gemerkt, dass meine Gefühle für Harry irgendwo tief in mir noch immer vorhanden sind und habe noch mehr versucht, mich an alles zu erinnern. Leider hat das in LA nicht funktioniert. Als Harry mich nach Hause gefahren hat, haben wir uns geküsst, doch auch da kam nichts wieder. Harry fuhr weg und ich habe versucht mich mit lesen abzulenken. Dann habe ich die Widmung gelesen, in der ich ihn zitiert habe und schließlich kamen sie endlich wieder." Ich sah zu Anne auf und entdeckte Tränen in ihren Augen. Sie nahm mich in den Arm und drückte mich fest.

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