"Sie wissen was retrograde Amnesie bedeutet, richtig?"
"Es bedeutet, dass ich mein Gedächtnis nach dem Anfall verloren habe. Dies bezieht sich jedoch nur auf den Zeitraum eines Jahres zuvor. Aber-"
"Kehren Ihre Erinnerungen zurück?", fragte sie.
"Ja, anfangs war es Stück für Stück und jetzt weiß ich alles, außer-"
"Wie geht es Ihnen damit?" Seufzend ließ ich mich in den Sessel sinken. Was sollte mir das ganze hier bringen, wenn sie mir meine Fragen nicht beantwortete?
"Es geht mir scheiße, wenn ich ehrlich bin."
"Ehrlichkeit ist immer gut. Sind Sie ehrlich mit sich selber?", fragte die Psychologin.
"Inwiefern? Ich stelle mich selten vor den Spiegel und belüge mich selber." Ja, ich war genervt und ja, ich ließ es gerade an der Psychologin raus, aber was sollte ich dagegen machen? Sie trieb mich seit Stunden in den Wahnsinn und die letzten Tage hatte sie es nicht anders gemacht.
"Sind Sie sich Ihrer Emotionen und Empfindungen bewusst?"
"Ja, so ziemlich. Außer-"
"Gibt es etwas, an das Sie sich noch nicht ganz oder gar nicht erinnern?" Erschöpft legte ich mein Gesicht in meine Hände und seufzte.
"Hören Sie, ich versuche Ihnen die ganze Zeit schon zu sagen, dass ich mich an alles erinnere, außer daran, warum ich meinen Verlobten liebe.", sagte ich ruhig und legte ein Lächeln auf. Sicher hielt sie mich inzwischen für einen Psychopaten.
"Das ist also der Grund für Ihre Unausgeglichenheit.", stellte sie fest und notierte etwas in ihr Büchlein.
"Wahrscheinlich.", sagte ich mit zusammengebissenen Zähnen. Sie nickte und notierte erneut etwas.
"Wissen Sie, woran das liegen könnte?", fragte sie. Ich bemühte mich nicht durchzudrehen und der Frau vor mir den Kopf abzureißen. Entweder war sie wirklich sehr inkompetent, oder sie wollte, dass ich durchdrehte.
"Nein, ich habe nicht den leisesten Schimmer, Sie?" Die Psychologin notierte sich etwas, legte ihr Büchlein beiseite und sah mich dann an. Ihr Blick war undefinierbar.
"Das Gedächtnis ist aufgebaut wie ein Baum. Im Großen und Ganzen. Es sind einzelne Personen oder Momente, die unsere Erinnerungen miteinander verknüpfen. Als Sie sich nach und nach erinnerten hat es sicher mit gewissen Dingen zusammengehangen.", sagte sie und es war das erste, was für mich an diesem Tag Sinn ergab.
"Immer wenn ich mit Leuten Zeit verbracht oder Fotos gesehen habe, kamen Erinnerungen zurück.", erklärte ich. Die Psychologin nickte.
"Liegt es dann nicht auf der Hand, wieso Sie sich noch immer nicht an Ihre Gefühle für Ihren Verlobten erinnern?", fragte sie. Ich kam mir ziemlich dumm vor, wenn sie auf diese Weise mit mir sprach und hoffte für sie, dass wir zu einem Ergebnis kommen würden.
"Wenn Gefühle und Erinnerungen an Momente gekoppelt sind, haben Sie sich noch nicht an das erinnert, was Ihre Gefühle an sich gebunden hat." Das was sie sag, ergab Sinn für mich. Doch wie genau sollte ich herausfinden, welche Erinnerung Harrys Gefühle an sich gebunden hatte?
"Gibt es eine Möglichkeit herauszufinden, woran meine Gefühle gebunden sind?", fragte ich. Die Psychologin schüttelte den Kopf und sah auf ihre Uhr.
"Das können nur Sie herausfinden. Wir sind für heute am Ende. Bitten Sie Emily um einen neuen Termin in der folgenden Woche?", fragte sie und drehte sich bereits weg von mir. Ich nickte, was sie vermutlich nicht sah und verließ den Raum. Dann holte ich mir einen Termin bei Emily und verließ die Praxis.
Vor dem Haus empfing mich Lya mit Kaffee in der Hand.
"Und?", fragte sie neugierig.
"Sag bitte, dass das Kaffee ist.", sagte ich und nahm ihr den Becher aus der Hand.
"So schlimm?", fragte sie und eilte mir hinterher. Ich bestieg meinen Wagen und seufzte.
"Sie hat mir erklärt, wie das Gedächtnis aufgebaut ist und dank ihr weiß ich jetzt, dass nur ich herausfinden kann, wie ich mich an meine Gefühle für Harry erinnern kann." Ich startete den Wagen und fuhr los. Lya nahm sich den Becher und trank einen Schluck.
"Und wieso erinnerst du dich nicht?"
"Jede Erinnerung ist an etwas gebunden. An ein Ereignis, einen Moment. Ich erinnere mich an meine Gefühle, wenn ich mich an diesen Moment erinnere.", erklärte ich und bog ab.
"Und welcher Moment ist das?"
"Wenn ich das wüsste würde ich jetzt wohl vorm Altar stehen, nicht wahr.", meckerte ich. Seit Tagen ließ ich meine Laune an anderen aus und nervte mich selber damit. An ihrer Stelle würde ich mich nicht mehr sehen wollen.
"Tut mir leid, dass sie dir nicht wirklich helfen konnte. Soll ich dich etwas aufheitern?", fragte Lya. Ich sah zu ihr, sie grinste breit und gefährlich. Wollte ich wirklich wissen, was sie vor hatte?
"Kommt drauf an. Könnten wir dabei sterben?", fragte ich und lachte unsicher.
"Nein, keine Lebensgefahr. Höchstens Schnappatmung. Biegst du rechts ab?" Ich folgte ihren Anweisungen und erkannte schließlich das Gebäude, vor dem wir hielten.
"Du weißt, dass ich inzwischen wieder weiß, wo wir sind?", erinnerte ich sie.
"Dann freust du dich sicher schon genau so sehr, wie ich.", trällerte sie und harkte sich bei mir ein. Wiederwillig ließ ich mich von ihr mitziehen, betrat den Aufzug und schließlich das Tonstudio. Bereits draußen erkannte ich den Song.
"Wusstest du, dass er hier ist?", fragte ich meine beste Freundin, die daraufhin nur mit den Schultern zuckte. Als wir das Tonstudio betraten, nickte Calum uns zu. Wir setzten uns auf die Couch in der Ecke und lauschten. Ich war froh, dass ich mich an dieses Lied erinnerte.
"That's what you are and do to me
Most important for my symphony
I don't believe what you've got me through
With everything you do
With everything you do.", sang Harry. Erst letzte Woche hatte er mir den Song vorgesungen. Jetzt probten sie ihn wahrscheinlich für die anstehende Tour.
"Wolltest du mich noch einmal besuchen, bevor ihr nach LA fliegt?", fragte Harry. Er legte seinen Arm um mich, küsste mich auf die Wange und begrüßte dann auch Lya.
"Selbstverständlich. Wie läuft es mit den Vorbereitungen?", fragte ich an ihn und Calum gewandt.
"Gut, wir sind bald startbereit.", sagte Calum.
"Wir haben ja noch zwei Wochen, bis es losgeht.", sagte Harry. Er schien sich dazu verpflichtet gefühlt zu haben.
"Können wir kurz?", fragte er an mich gewandt. Ich nickte und folgte ihm in den Nebenraum.
"Wie lief es?"
"Sie konnte mir sagen, woran es liegt, aber nicht, wie ich es ändern kann. Ich glaube, wir haben noch viel Arbeit vor uns.", seufzte ich. Harry seufzte ebenfalls und nahm mich in den Arm.
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Understand (III)
Fiksi Penggemar"Hallo?" "Harry? Wo bist du?", fragte ich eilig. Ich wollte keine Zeit mehr verlieren. "Ich bin auf dem Weg nach Hause. Was ist denn?" "Komm zurück. Und beeil dich.", sagte ich und wartete seine Antwort nicht ab. Ich hörte noch, wie er wendete, bevo...
