Teil 1 - Gegenstück

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„Wir verabschieden uns heute von Ehemann, Vater und Freund. Der Tod kommt zu schnell und ist unausweichlich. Ich selber bin damals mit Rick zur Schule gegangen. Wir waren zusammen angeln und seit Jahrzehnten gute Freunde. Doch niemand verspürt in diesen Tagen so viel Schmerz, wie seine Familie. Jetzt spricht für ihn seine Tochter Mary-Jane.", sagte der Pastor. Harry drückte meine Hand und ließ sie los, als ich aufstand, um nach vorne zu gehen. Ich stellte mich an das Pult und atmete tief durch.
„Als ich sieben Jahre alt war, erklärte mein Dad mir, dass nichts für immer währt. Dass wir das Leben genießen müssen, weil es viel zu schnell vorbei ist. Kurz davor war mein Hase verschwunden. Erst vor einigen Jahren hatte er mir gebeichtet, dass mein Hase nicht gestorben, sondern ausgebüchst war.
Als ich 14 Jahre alt war hatte ich meinen ersten Liebeskummer. Mein Dad erklärte mir, dass Jungs eben etwas länger brauchten, als Mädchen und dass ich irgendwann ganz von alleine den Richtigen finden würde. Er schenkte mir den Glauben an eine wundervolle Zukunft und die große Liebe.
Mein Dad war nicht nur einfach mein Vater. Er war mein Vertrauter, Freund und auch Komplize, wenn wir etwas vor meiner Mum verheimlichten, damit ich keinen Ärger bekam.
Das letzte richtige Gespräch, dass ich mit ihm führte, handelte von der Liebe. Er war selten mit meiner Wahl zufrieden, doch mit dieser war er einverstanden. Ich wünschte er hätte miterlebt, wie ich zu einem Leben mit ihm zugestimmt habe. Wenn ich in ein paar Monaten zum Altar schreite, werde ich an ihn denken. An den besten Vater, den man haben kann. Ich liebe und vermisse dich, Dad."
Mit gesenktem Kopf und meinen Zetteln in der Hand ging ich wieder runter und setzte mich auf die Bank. Harry legte seinen Arm um mich und küsste mich auf die Schläfe.
Nachdem meine Tante Lissi ein paar Worte gesprochen hatte, verließen wir die Kapelle. Auf Wunsch meiner Mutter fiel das Essen danach aus. Ich selber hatte eh keine Lust mehr auf Verwandte oder dergleichen.
Harry fuhr meine Mum und mich nach Hause. Während meine Mum in der Küche zu kochen begann, um sich abzulenken, gingen Harry und ich nach oben. Ich setzte mich auf die Bettkante. Harry schloss die Tür und setzte sich dann zu mir. Für einige Augenblicke schwiegen wir.
„Können wir morgen nach Hause fahren?", flüsterte ich. Harry legte seinen Arm um mich und zog mich näher zu sich. Er küsste meinen Kopf und legte seinen dann auf meinen.
„Natürlich, Babe. Alles was du möchtest.", sagte er. Wir blieben noch etwas so sitzen, bis ich zu müde dazu wurde. Es war später Nachmittag, als ich mich schlafen legte. Harry hatte sich zum kuscheln zu mir gelegt, war jedoch weg, als ich gegen 20 Uhr aufwachte, weil ich Durst hatte.
Gähnend rieb ich mir die Augen, als ich auf Socken runter ging, um mir etwas zu trinken zu holen und zu gucken, wo mein Freund war.
„Ich bin so froh, dass sie dich hat, Harry.", hörte ich meine Mum sagen. Überrascht blieb ich auf der Treppe stehen und begann ihrem Gespräch zu lauschen.
„Mary und ihr Dad hatten eine sehr spezielle Beziehung. Ohne dich wäre sie sicher nicht so stabil."
„Ich bin für sie da, wie sie es für mich wäre.", sagte Harry. Mein Herz schmolz dahin. In Gedanken versunken spielte ich mit dem Ring an meinem Finger.
„Es tut mir leid, dass dein Antrag nicht so funktioniert hat. Das hast du dir sicher alles anders vorgestellt. Nicht wahr?"
„Wenn ich ehrlich bin, habe ich mir in dem Moment nicht viele Gedanken darüber gemacht. Ich hatte mehrmals vorgehabt ihr den Antrag zu machen und mich eigentlich dafür entschieden, zu warten, bis wir wieder in London sind. Doch dann konnte ich einfach nicht mehr warten. Es war nicht der passendste Moment, aber was macht das schon...", sagte Harry. Ich dachte zurück an den Antrag und schmunzelte. Mein Dad war während des Antrages verstorben. Das machte es nicht gerade einfacher. Doch als ich mich von ihm verabschiedet hatte, hatte ich gewusst, was ich tun musste.
„Manchmal sind die unpassendsten Momente die passendsten. Das einzige was zählt ist, dass sie ja gesagt hat.", sagte meine Mum.
„Da hast du Recht. Wir werden sehen, wie sich alles weitere ergibt, wenn wir zurück in London sind. Ich lasse ihr die Zeit, die sie braucht." Beinahe rutschte mir der Ring vom Finger, als ich Harrys wundervollen Worten lauschte.
Meine Mum hatte recht, wenn sie sagte, dass ich ohne Harry jetzt nicht so stabil sein würde. Er gab mir Halt; war mein Fels in der Brandung.
Als die beiden nicht weiter sprachen, ging ich die letzten Stufen runter.
„Oh, ich dachte du schläfst noch.", sagte Harry und stand auf. Lächelnd ergriff ich seine Hand und zog ihn zurück auf die Couch.
„Ich bin auch unglaublich müde, aber ohne dich kann ich nicht schlafen.", sagte ich und legte meinen Kopf auf seine Schulter.
„Dann lass uns zusammen hochgehen, damit du schlafen kannst.", sagte Harry und zog mich mit auf die Beine.
„Wir fahren morgen zurück nach London, wenn das für dich ok ist.", sagte ich noch eben zu meiner Mum. Sie hielt kurz inne; nickte schließlich.
„Selbstverständlich. Das Leben geht weiter." Sie wirkte traurig, als sie das sagte. Und das, obwohl sie sich ein Lächeln abmühte. Ich küsste sie auf die Wange und folgte dann Harry nach oben.
„Oh, ich habe vergessen, dass ich eigentlich runter gekommen bin, um etwas zu trinken.", sagte ich, als wir in meinem Zimmer standen.
„Ich hole dir was." Harry küsste mich und verließ dann den Raum. Ich setzte mich auf mein Bett und sah aus dem Fenster. Dann entdeckte ich das Bild auf dem Nachtschränkchen. Ich griff danach und betrachtete es.
Damals, vor 14 Jahren, war noch alles gut gewesen.
Ich wusste nicht, ob das Gefühl des Verlustes nachlassen würde. Sicher würde ich meinen Dad noch lange Zeit vermissen.
„Hier ist dein Wasser.", sagte Harry und reichte es mir. Ich stellte das Bild beiseite und trank einen Schluck. Dann kuschelte ich mich an Harry, mit dem Blick zu dem Bild. Irgendwann schlief ich ein.

Understand (III)Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt