Alecs p.o.v.
Genervt hatte ich mich schließlich aus dem Trainingsraum zurückgezogen. Elyssia und ich waren zwar seit unserer frühsten Kindheit bereits Freunde, aber eine solche Show jetzt abzuziehen und meine Autorität dadurch bei Averie so zu untergraben, würde ich ihr vermutlich etwas übel nehmen. Dennoch wollte ich die mir zugeteilte Aufgabe direkt angehen.
Meine Augen scannten immer wieder die Bilder von der Stadt ab, aber ich konnte nichts Auffälliges erkennen. Zwar schwebten mir noch so allerlei Gedanken im Kopf herum, aber ich konnte sie für den Moment bei Seite schieben und mich auf die Aufnahmen konzentrieren.
"Und hast du schon über meinen Ratschlag nachgedacht?", erklang die Stimme meiner Mutter, weshalb ich mich zu ihr umdrehte. Sie trug ihren streng zurückgekämmten Pferdepfanz wie immer voller Würde und sah mich in ihrem blauen Etuikleid steckend aufmerksam an. Ich hatte nicht eine Sekunde über ihr Angebot nachdenken müssen, aber die Antwort, die ich ihr sofort gegeben hatte, hatte nicht ihren Wünschen entsprochen, weshalb sie es scheinbar noch einmal versuchen wollte.
"Meine Antwort kennst du bereits", entgegnete ich deshalb kurz und drehte mich dann wieder zu den Bildschirmen um.
"Allerdings, aber ich bin immer noch fest davon überzeugt, dass du, sobald Valentin aus dem Weg geräumt wurde, gemeinsam mit Elyssia nach Boston gehen solltest. Füllt eure Verbindung wieder mit Leben", sprach sie sanfter, als ich es sonst von ihr gewohnt war, auf mich ein. Sie musste es wohl wirklich unbedingt wollen, dass es so kam, um einen solchen Ton anzuschlagen.
"Und dann? Möchtest du, dass Elyssia und ich eine glückliche Familie werden?", erkundete ich mich mit einem leicht spöttischen Unterton.
"Nein, lasst nur eure Beziehung wieder aufleben und ich bin mir sicher, dass ihr schon einen Weg zueinander finden werdet. Was dann passiert, wird die Zeit zeigen", erklärte sie süffisant, woraufhin ich einfach nur still blieb. Es hatte sowieso keinen Zweck. Als ich allerdings merkte, dass sie wieder Luft holte, speißte ich sie schnell mit "Ich muss jetzt arbeiten" ab, bevor ich mich auf den Weg zum Keller machte.
Allerdings kam ich dort nicht ganz an, da mir Elyssia und meine Schwester auf dem Weg zu den Treppen entgegen kamen. Sie schienen gerade erst aus dem Keller herausgekommen zu sein.
"Na großer, schon deine Aufgabe erfüllt?", fragte Elyssia grinsend, was ich mit einem kurzen Seitenblick abtat. So war unsere Beziehung schon immer gewesen und das würde sich auch nicht ändern, wenn ich plötzlich in ihr Institut zog.
"Wo ist Averie?", wollte ich stattdessen wissen, woraufhin mir Izzy antwortete:
"Sie ist unten bei Alexander und Niclas. Er wollte nur mit ihr sprechen, wenn wir nicht dabei sind. Keine Ahnung, ob dem die Tage da unten nicht so gut getan haben"
"Einem wie ihm machen doch ein paar Tage in einem Keller gar nichts aus. Der kommt doch aus einem der dreckigsten Rattenlöcher, das man sich überhaupt vorstellen kann. Aber ok, konntet ihr denn irgendetwas herausfinden?"
"Naja, nicht so richtig", erwiderte Elyssia, woraufhin ich wissen wollte, was das nun heißen sollte.
"Er hat uns nicht viel erzählt, nur das Valentin vorhat uns alle umzubringen, selbst Averie, wenn er sie nicht mehr braucht", erklärte sie.
"Und dann lasst ihr sie einfach da unten allein?"
Ich konnte nicht glauben, dass sie Averie mit zwei verrückten Kreismitgliedern im Keller zurückgelassen hatten. Wer wusste, was da passieren konnte. Klar, war ich mir bewusst, dass sie inzwischen beachtliche Kampfskills besaß und dass unsere Sicherheitsvorkehrungen reichen müssten, aber trotzdem machte mir diese Tatsache eine viel zu große Angst. Warum hörte mein Herz in letzter Zeit nur nicht mehr auf mich?
Bevor meine Lippen noch ein weiteres Wort vermochten auszusprechen, drängte ich mich an ihnen vorbei und hetzte zu der Treppe, die in den Keller führte. Es war still und ich konnte lediglich mein schnell pochendes Herz hören.
Plötzlich allerdings erklang ein Kinderlied, was mich augenblicklich in eine völlige Verwirrung riss.
"Fuchs, du hast die Gans gestohlen
Gib sie wieder her
Gib sie wieder her
Sonst wird dich der Jäger holen mit dem Schießgewehr
Sonst wird dich der Jäger holen mit dem Schießgewehr"Es war nicht Averie, die dieses Lied sang und auch nicht Alexander, weshalb es Niclas sein musste. Sofort erhöhte ich meine Schrittfrequenz bis ich schließlich Averie vor der Zelle von Niclas stehen sah. Ihr war unser Training noch immer an der Haltung anzusehen, aber sie schien soweit unverletzt. Wieso war ich nur davon ausgegangen, dass es anders war?
"Alles gut?", wollte ich mich dennoch versichern, was sowohl Averies, als auch Niclas Aufmerksamkeit auf mich lenkte. Ihre Augen fanden meine und schienen die Verwirrung, die mich selbst eben noch fest im Griff gehabt hatte, nun in sich zu tragen.
"Ja, alles gut", antwortete sie und auch in ihrer Stimme, war die Verwirrung einwandfrei zu erkennen.
"Kann ich dich kurz sprechen?", fragte ich, weil ich diese eigenartige Situation etwas aufbrechen wollte, woraufhin sie mir einfach nickend zu den Treppen folgte.
"Was ist denn los, Alec? Hast du etwas auf den Kameras entdeckt?", wollte sie wissen.
"Nein, aber konntest du etwas herausfinden?", stellte ich eine ziemlich dämliche Frage, woraufhin sie gleich grinsend sagte:
"Also wenn ich hier nur bei dir rumstehe, wird das eine schwierige Angelegenheit werden"
"Ok und sonst? Was sollte das eben mit dem Lied?", quetschte ich sie etwas aus.
"Keine Ahnung. Er hat einfach wie aus dem Nichts angefangen dieses Lied zu singen. Das ist aber schon eigenartiger, weil Alexander genau das gleiche Lied damals im Kopf "gesummt" hat, als ich mit ihm gesprochen habe. Meinst du, dahinter könnte etwas mehr stecken, als bloß die Liebe zu solchen Kinderlieder Klassikern?", brachte sie meine Gedanken in Gang. Jetzt wo sie erwähnte, dass Alexander das gleiche Lied "gesungen" hatte, konnte es sich wohl kaum noch um einen reinen Zufall handeln.
"Welche Möglichkeiten für Erklärungen gibt es dafür? A) es ist irgendein vereinbartes Signal an den anderen. B) es ist so etwas wie eine Hymne für sie, auf deren Töne sie trainiert wurden oder C) das ist einer von Valentins Schachzügen, um dich zu verwirren und dich davon abzuhalten, dich um dein Training kümmern zu können", stellte ich ihr einige Ideen vor, die mir so kurzfristig ins Auge gesprungen waren.
"Oder D) es hat irgendeine Bedeutung, die wir nur noch herausfinden müssen", entgegnete sie mir grübelnd.
"Ich weiß es nicht. Es wäre ja auch zu einfach, wenn wir die Lösung schon wissen würden, aber wir können uns ja gleich mal auf die Suche nach Jace und Clary machen und dann gemeinsam mit denen in der Bibliothek etwas stöbern. Vielleicht gibt es literarische Quellen, die uns bei der Lösung des Rätsels helfen könnten", schlug ich vor und sie nickte.
"Ok, aber ich will erst noch einmal in die Dusche springen. Treffen wir uns in fünfzehn Minuten vor meiner Tür?"
Ich nickte bloß und sah dann, wie sie sich schnell auf den Weg in ihr Zimmer machte. Hoffentlich würden wir bald eine Lösung finden und dann Valentin endlich in die Knie zwingen können. Noch hatte sie ihre fröhliche Ader nicht verloren, aber wenn Valentin sie noch einmal in seine Finger kriegen würde, würde das vielleicht anders aussehen. Aber darüber brauchten wir uns hier drinnen ja glücklicherweise keine Gedanken zu machen.

DU LIEST GERADE
Hunter
FanfictionAverie Clark ist eine 19-jährige Waise, die nach Brooklyn gezogen ist, um hier ihr Jurastudium zu absolvieren. Sie lebt für Gerechtigkeit und den Schutz für Opfer, da ihre Eltern in ihrem Kindesalter ermordet wurden. Jedoch wandelt sich ihr Leben sc...