"3 76 + 7 24,25 + 1 12,57 + 4 102 + 6 113 + 5 90 + 2 37, 79 + 13 142, 35"
Das war die erste Reihe, die ich am obersten Ende des Zettels lesen konnte. Aber was genau sollten diese Zahlen bedeuten?
Vorsichtig inspizierte ich das Kinderbuch, das ich noch in der Hand hielt. Vielleicht würde das mir helfen herauszufinden, was die Zahlen bedeuten konnten. Waren es Seitenzahlen mit den jeweiligen Zeilen oder waren es die abzählten Wörter von dem Beginn der Seite an? Aber irgendeinen Hinweis, wenn es denn wirklich um Bücher ging, musste es ja auf das spezifische Buch haben oder würde alles in diesem Buch allein stehen?
Ich atmete tief durch, um die Verwirrung und Überforderung etwas abzuschütteln, bevor ich durch das Buch blätterte. Auf keiner der Seiten fiel mir etwas auf, das die Zahlen in irgendeiner Weise erklären könnte. Deshalb schnappte ich mir ein weiteres Buch aus dem Karton und blätterte es durch. Danach ein weiteres und ein weiteres, aber keines von ihnen schien mir etwas offenbaren zu wollen, bis ich schließlich das Kinderliederbuch in der Hand hielt, dessen Lieder wir immer gesungen hatten. Auf der Innenseite des Innenbandes stand eine kleine 1, die durch einen Kreis umrundet war. Stand die erste Zahl also für das Buch?
Um diese Vermutung zu überprüfen, schlug ich Seite 12 auf und sah, dass dort das Wort "aber" mit einem gelben Textmarker markiert worden war. Die Buchstaben leuchteten mich geradezu an, weshalb ich schnell auf Seite 57 blätterte und dort die Worte "versuche dich" ebenfalls markiert vorzufinden. Allerdings gab es auch noch andere Worte, die andersfarbig markiert worden waren. Scheinbar würde sich dieses Muster auch durch die restlichen Zahlenreihen ziehen.
Schnell legte ich die Bücher wieder zurück in die Kiste und rannte nach unten zu meiner Tante. Ich brauchte ein Stück Papier und einen Stift, damit ich die Nachrichten zusammenbauen konnte, die meine Mutter für mich hinterlassen hatte. Und das so schnell es ging. Sie hatten schon fast zehn Jahre auf mich gewartet, weshalb ich nun keine weitere Minute verlieren wollte.
"Tante Clara, hast du ein Blatt Papier und einen Stift für mich?", erkundigte ich mich sofort, als ich in die Küche gestürmt kam, in der Izzy und meine Tante ganz entspannt saßen und irgendetwas zusammen tranken.
Sie schreckten beide kurz hoch und sahen mich dann interessiert an. Ich wiederholte meine Bitte nochmal, sodass meine Tante sofort die Sachen zusammensuchte, um die ich sie bat.
"Soll ich mitkommen?", wollte Izzy wissen, aber ich schüttelte lediglich meinen Kopf. Ich war meiner Mutter lange nicht mehr so nah gewesen wie in diesem Moment, in dem ich ihre letzten Nachrichten an mich zusammenbasteln musste...konnte. Ungerne würde ich in diesem Moment jemanden bei mir haben, egal um wen es sich dabei handelte.
"Nein, alles gut. Ich würde das gerne allein machen", antwortete ich leise, sodass meine Tante es nicht hörte und nahm kurz darauf die Sachen in Empfang, bevor ich wieder nach oben in das alte Zimmer meiner Mutter verschwand.
Schnell suchte ich alle Bücher heraus, die in ihrem Innenband eine kleine umkreiste Zahl stehen hatten, packte sie unter meinen Arm und schleppte sie in mein altes Zimmer, in dem ich nach dem Tod meiner Eltern groß geworden war. Es sah noch genauso aus, wie als ich es vor etwas mehr als einem Jahr verlassen hatte.
Ich legte die Bücher auf meinem Bett ab, holte den Zettel, den Stift und die Briefe hervor und machte mich an die Arbeit, die Zahlenreihen in Worte zu übersetzen.
"Der Anfang wird nicht schön werden, aber versuche dich dennoch fallen zu lassen. Entspanne dich und dann schaffst du es zu verstehen"
Das war der erste Satz, den meine Mutter mithilfe der Kinderbücher für mich zum Entziffern zurückgelassen hatte. Hatte sie das getan, weil sie Angst davor hatte, dass Valentin es herausfinden könnte, dass sie mir Nachrichten hinterlassen hatte?
Ich versuchte die Gedanken an die Geschehnisse damals zu verdrängen. Wollte ich wirklich wissen, was vorgefallen war mit jedem noch so verstörendem Detail? Auch wenn ich endlich meine negativen Emotionen auf jemanden, Valentin um genau zu sein, lenken konnte, sollte ich nicht in ein solches Muster verfallen. Und nicht zu wissen, wie es damals war, schien mir im Moment als eine der besten Optionen dafür.
"Fokus, Konzentration und Kontrolle sind deine wichtigsten Bausteine", hieß der nächste Satz, den ich zusammengesucht hatte. Scheinbar gab sie mir wirklich Tipps, wie ich mit der Gabe lernen konnte umzugehen und worauf ich zu achten hatte. Selbst jetzt noch versuchte sie sich um mich zu kümmern. Dieser Gedanke trieb mir wieder einige Tränen in die Augen, die ich wegblinzelte, bevor ich mich weiter ans Entschlüsseln machte.
"Das Öffnen und Schließen des Ventils solltest du schnell lernen. Konzentration ist dabei entscheidend bis du es automatisch kannst"
"Du kannst auch nach Gedanken suchen. Du musst die Schichten sehen und dann deine Konzentration auf das legen, was du suchst"
"Du kannst auch Gedanken verändern, aber sei dabei vorsichtig. Es kann gefährlich werden"
Ich wusste nicht genau, was ich über ihre Worte denken sollte. Hätte ich sie am Anfang meiner Entwicklung gehabt, hätten sie mir vielleicht helfen können. Genauso wie es meine Mutter geplant hatte. Aber jetzt? Was konnte ich jetzt noch aus ihnen lernen. Ihre Expertise würde mir helfen, aber diese kurzen Sätze, ließen mich nur noch trauriger und frustrierter werden. Weil der Wunsch meiner Mutter, in den sie so viel Arbeit gesteckt hatte, nicht erfüllt werden konnte und weil ich sie mir nur noch mehr zurückwünschte. Scheinbar hatte sie gewusst, wie all die Dinge funktionierten, mit denen ich kämpfte.
Eine kurze Pause war genau das, was ich jetzt brauchen würde, bevor ich mich an die letzten drei Zahlenreihen machte. Die letzte war auch noch besonders lang, weshalb ich mit mir haderte. Vielleicht hatte sie doch noch etwas zu erklären, was mir wirklich helfen konnte.
Ich lies meine Augen von den Büchern zu dem Bücherregal im Zimmer wandern. Ich hatte einige Bücher mit nach New York genommen, aber es standen dennoch noch einige in dem Regal. Gedankenverloren lies ich meine Finger über die Buchrücken streifen, als ich ein kleines Heftchen zwischen den Büchern entdeckte.
Ich konnte mich nicht mehr daran erinnern, weshalb ich es herauszog und betrachtete. Von außen war es unscheinbar, aber sobald ich die erste Seite geöffnet hatte, sah ich, dass es ein Heftchen war, dass ich zur Einschulung bekommen hatte. Meine Mutter hatte die Seiten mit Farben und kleinen aus Papier ausgeschnittenen Figürchen gestaltet. Die kleinen Papierwimpel umrandeten ein Foto von uns dreien. Meine Mutter hatte ein leuchtendes Sommerkleid an, mein Vater Shorts und T-Shirt, aber hatte dabei natürlich seine Ukulele auf dem Schoß.
Dann fiel mein Blick auf mein jüngeres Ich, dass zwischen den beiden stand und breit in die Kamera grinste, sodass meine Zahnlücke zu sehen war. Mein rotes Kleid wehte ihm Wind und ich hatte jeweils einen meiner Arme um meine Eltern gelegt, sodass ich die Nähe beider gleichzeitig spüren konnte.
Ich versetzte mich in die Zeit zurück, was mir eine Gänsehaut über den Körper schickte. Niemals hätte ich mir bessere Eltern wünschen können, als die, die ich gehabt hatte und niemals hätte ich mir jemand besseren als meine Tante vorstellen können, um mich nach dem Tod meiner Eltern so aufzufangen und seitdem derartig zu unterstützen.
Plötzlich kam in mir das große Bedürfnis auf, zu ihr zu wollen. Manchmal zeigte man seine Freude und Dankbarkeit den wichtigsten Menschen in seinem Leben gegenüber viel zu selten, aber das wollte ich von nun an nicht mehr tun. Ich wollte, dass sie wussten, wie viel mir jeder einzelne von ihnen bedeutete, weshalb ich nach unten rannte, das Heftchen noch immer in meinen Fingern und meine Tante Clara vollkommen überrumpelte und mich in ihre Arme schmiss.
"Ich hab dich lieb, Tante Clara, und ich bin dir so dankbar für alles, was du für mich getan hast. Bitte vergiss nie, wie sehr ich dich lieb habe. Egal was passiert, das wird sich nie ändern"
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Hunter
FanfictionAverie Clark ist eine 19-jährige Waise, die nach Brooklyn gezogen ist, um hier ihr Jurastudium zu absolvieren. Sie lebt für Gerechtigkeit und den Schutz für Opfer, da ihre Eltern in ihrem Kindesalter ermordet wurden. Jedoch wandelt sich ihr Leben sc...