"Ok", antwortete ich simpel, nicht wissend, was diese kommende Begegnung für Auswirkungen haben würde. Schließlich war ich in dieser Welt nicht groß geworden und kannte die Bedeutung der Clave nur am Rande. Was ich allerdings sicher wusste war, dass meine Vorfahren einst für sie gearbeitet hatten. Was das für mich nun bedeutete, konnte ich jedoch bloß erahnen.
Alec sah mich etwas zögernd an, bevor er sich ein Lächeln auf die Lippen zwang und mich aus dem Zimmer führte. Wir durchschritten einige Gänge, die keinerlei Spuren von den Kämpfen mehr zu bewundern hatten. Es wurde bereits aufgeräumt. Hoffentlich ging es dabei nur um die Spuren und nicht um die lebenden Beteiligten. Ich war kein Shadowhunter, weshalb sie keine Verpflichtung dafür hatten mich am Leben zu lassen.
"Was genau wollen sie denn von mir?", fragte ich vorsichtig bei Alec nach, nachdem mein Kopf mir zu viele schlimme Möglichkeiten zum Fraß vorgeworfen hatte. Keine von ihnen erschien mir auch nur ansatzweise wünschenswert, aber vermutlich befand sich die Wahrheit irgendwo zwischen ihnen.
"Das solltest du gleich in Ruhe mit ihnen besprechen", sprach er kalt, emotionslos, als ob es ihn nicht interessieren würde wie es für mich ausging. Überrascht von seinem Tonfall suchte ich in seinem Gesicht nach Anzeichen, die mir mehr über seinen Gemütszustand verrieten, aber Alec war wieder zu seinem alten Ich zurückgekehrt. Er wirkte gar nicht mehr wie der Alec, den ich, nachdem ich aufgewacht war, geküsst hatte. War das ein Fehler gewesen?
Schließlich nickte ich bloß ruhig vor mich hin und ließ mich weiter von ihm führen. Es hatte keinen Sinn meine Energie in diesem Moment damit zu verbrauchen, wenn ich wusste, dass ich gleich mit den Clave eine Konversation führen sollte. Eine Konversation, die mir bei dem Gedanken daran schon Sorge und Angst bereitete.
"Wir sind da", erklärte Alec und öffnete eine Tür für mich. Achtsam schritt ich hindurch und sah mich gleich mehreren Menschen gegenüber, die am anderen Ende des Raumes auf mich zu warten schienen.
"Schön, dass du wieder gesund bist, Averie", begrüßte mich eine Dame und stand auf, um auf mich zuzugehen. Sie schien freundlicher als erwartet, was meine Hoffnung bereits wieder in die Höhe trieb.
"Guten Tag", fiel meine Begrüßung dennoch recht schüchtern aus.
"Setz dich doch zu uns", bat sie mich und zeigte auf einen Stuhl, der gegenüber von den anderen stand. Alle Augen auf mich gerichtet bewegte ich mich bedacht auf den Platz zu und versuchte möglichst nicht zu stolpern oder ähnliches. Ich wirkte schon schüchtern genug, was für Verhandlungen nicht unbedingt das Beste war. Da musste ich mich nicht noch vollends blamieren.
"Ich bin die Inquisitorin Imogen Herondale. Ich werde heute mit Ihnen das Gespräch führen, während einige wichtige Mitglieder der Clave zuhören werden, ok?", erkundigte sie sich und ich war mir nicht sicher in wieweit das keine rhetorische Frage gewesen war, weshalb ich stumm nickte.
"Gut. Wir haben bereits viel über Ihre Kräfte gehört, allerdings würden wir natürlich gerne sehen wie sie funktionieren. Würden Sie uns bitte eine Kostprobe davon geben", erklärte sie, woraufhin ich tief durchatmete.
"Ich kann Gedanken lesen und sie modifizieren. Allerdings ist das Modifizieren ein komplizierter Prozess, damit er langanhaltend wirksam ist und die Person die neuen Gedanken nicht sofort ablehnt. Ich denke nicht, dass ich ihnen das deshalb präsentieren könnte", entgegnete ich ruhig und dennoch nervös bezüglich ihrer Antwort.
"Wie wäre es, wenn du uns das Lesen zeigst?", machte die Inquisitorin mir ein anderes Angebot, woraufhin ich nickte. Meine Augen blickten sie fokussiert an und ich hatte mein Ventil bereits geöffnet, als mir ihre Gedanken sichtbar wurden.
"Hoffentlich wird alles gut funktionieren. Die Clave würden sich über eine gute Zusammenarbeit sehr freuen", sprach ich ihre Gedanken laut aus, woraufhin sie zu lächeln begann.
"Wir würden uns wirklich freuen, wenn Sie hier in Idris bleiben würden und an unserer Seite dafür sorgen würden, dass die Prozesse und das, was danach folgt, besser verläuft. Ich bin mir sicher, dass Sie viele Leben retten können", erklärte sie enthusiastisch.
"Was ist mit meinem Leben in New York und meinen Freunden?", erkundigte ich mich zögerlich.
"Sie können sicherlich mal ein paar Tage zu ihnen und sie besuchen. Vielleicht werden Sie auch mal außerhalb Idris gebraucht, aber vorerst werden Sie hier unter den Augen der Clave sich beweisen müssen", beschrieb sie mir meine bevorstehenden Wochen und Monate, wenn ich auf ihr Angebot einging.
"Und wenn ich verneine. Darf ich dann wieder zurück zu den anderen nach New York?", wollte ich sichergehen, indem ich alle meine Optionen kannte.
"Leider wird das nicht möglich sein. Sie sind kein Shadowhunter, weshalb sie nicht weiter im Institut bleiben dürften. Wenn es ganz schlecht läuft, müssten sie vorsichtshalber in Gewahrsam und die Kreismitglieder müssten leider schlussendlich doch noch umgebracht werden, da keiner mehr da ist, der sie heilen könnte", deutete sie mir die Auswirkungen meiner Entscheidung an. Mein Herz wurde schwer und ich brauchte einen Moment, bevor ich wieder tief durchatmen konnte. So eine Entscheidung konnten sie doch nicht von mir verlangen.
"Besuchen Sie Ihre Tante jetzt und kommen Sie in einer Stunde wieder, um uns ihre finale Entscheidung mitzuteilen", ergänzte sie, bevor sie mich leicht anlächelte und ich fast schon fluchtartig den Raum verlies.
Alec führte mich erneut durch die Gänge, bis wir schließlich bei einer Tür ankamen, hinter der sich meine Tante versteckte. Sobald ich hereinkam, lief sie sofort auf mich zu und nahm mich in eine feste Umarmung.
"Geht es dir gut, Averie? Ich hab mir solche Sorgen um dich gemacht", flüsterte sie mir ins Ohr und lehnte sich dann in der Umarmung verharrend etwas zurück, um mein Gesicht betrachten zu können.
"Mir geht es gut und dir? Es tut mir leid, dass du das alles mitmachen musstest", erwiderte ich mit einem traurigen Schmunzeln.
"Wir haben es ja fast überstanden", entgegnete sie und lächelte mich aufmunternd an. Sie klang noch so hoffnungsvoll trotz all der furchtbaren Situationen, die sie hatte miterleben müssen. Aber gerade weil sie dennoch so hoffnungsvoll war, schien diese Erfahrung sie mental gestärkt zu haben. Würde das ihr wieder verloren gehen, wenn ich Magnus bat ihr ihre Erinnerungen zu nehmen? Welche Auswirkungen hatte das im Allgemeinen auf sie? Und hatte ich überhaupt das Recht, das für sie zu entscheiden?
"Ist wirklich alles gut bei dir? Du siehst so erschöpft aus", fragte sie erneut und betrachtete mich ganz genau. Ein Lächeln brach durch meine nachdenkliche Fassade hindurch und löste ihre Sorgen hoffentlich noch ein bisschen mehr auf.
"Ich bin etwas erschöpft, aber davon abgesehen geht es mir wirklich gut", flunkerte ich sie an, aber bemühte mich um eine möglichst authentisch klingende Aussage.
"Das freut mich. Und wie soll es jetzt mit uns weitergehen? Kommst du mit mir nachher wieder zurück nach Washington D.C., wenn wir hier endlich raus sind? Vielleicht können wir das Ganze zusammen besser aufarbeiten, als alleine und ich hätte dich auch lieber in meiner Nähe in nächster Zeit", erzählte sie und sah mich meine Antwort abwartend gespannt an. Aber welche Antwort sollte ich ihr bloß geben? Welche Antwort konnte ich ihr überhaupt geben?
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Hunter
FanfictionAverie Clark ist eine 19-jährige Waise, die nach Brooklyn gezogen ist, um hier ihr Jurastudium zu absolvieren. Sie lebt für Gerechtigkeit und den Schutz für Opfer, da ihre Eltern in ihrem Kindesalter ermordet wurden. Jedoch wandelt sich ihr Leben sc...