(62) Zünglein an der Waage

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"Averie?", erklang die kratzig klingende Stimme meiner Tante, die mich schlagartig in Panik versetzte.

"Averie, was ist hier los? Geht es dir gut?", schien sie ihre Verwirrung und Angst in eine Handlung katalysieren zu wollen. Und diese Handlung schien wieder mich betreffend zu sein. Ihre Reaktion erinnerte mich so erschreckend sehr an die Zeit nach dem Tod meiner Eltern, in der sie ebenso fokussiert auf mich war. Dabei war gerade jetzt sie doch in viel größerer Gefahr. Aber das konnte und sollte sie nicht unbedingt erfahren, damit sie nicht zu große Angst bekam. Traurigerweise war ich schon fast an Situationen wie diese gewöhnt.

"Mir geht es gut, Tante Clara. Und dir? Ist bei dir alles in Ordnung?", nahm ich meine Stimme wahr, die gezeichnet war von Überzeugung, die klar meine Angst und Verunsicherung überdecken sollte. Verdecken vor ihr, vor Valentin und ein Stück auch vor mir selbst.

Tante Clara versuchte mir ein aufmunterndes Lächeln zu schenken, aber ich merkte, dass sie sich schwer tat. Sie wollte wieder stark sein. Für mich und vermutlich auch für sich selbst. Wie sehr wir Menschen uns doch alle ähnelten. Nicht die Angst an sich heranzulassen, war auch für mich häufig eine gute Taktik gewesen, aber häufig genug, führte diese Taktik eben auch nur bis zu einem gewissen Punkt. Alles was darüber hinaus ging, musste man anders bewältigen. 

"Es geht schon", erwiderte sie schließlich und lies den Blick auf mir schweben. Ihre Augen funkelten noch immer, obwohl ich an ihrer Haltung merkte, dass sie ziemlich erschöpft zu sein schien.

"Es wird alles gut werden. Ich werde nicht zulassen, dass etwas passieren wird", versuchte ich ihr Mut und Zuversicht zuzusprechen, ohne zu spezifisch zu werden, aber sie stieg darauf nicht wie erhofft ein:

"Nein, Averie. Was auch immer hier vor sich geht, lass dich nicht zu Dingen drängen, die du nicht machen willst. Es gibt sicherlich noch andere Mittel und Wege"

Ich schüttelte verzweifelt mit dem Kopf und kniff die Augen zusammen, damit ihnen keine Tränen entflohen. Warum musste sich alles derartig entwickeln? Warum konnte ich nicht einfach noch immer mein Jurastudium absolvieren und musste nicht meine Tante in Geschehnisse ziehen, die sie besser nie sehen sollte.

"Also, Averie, fühlst du dich jetzt motiviert dazu, uns einige Hinweise darauf zu geben, wie viel Training wir noch in dich stecken müssen, bevor wir loslegen können?", erkundigte sich Valentin und grinste mich dabei verspottend an. 

Wie in Tranche nickte ich und bereitete mich auf das vor, was nun unweigerlich passieren würde. Ein letztes Mal sah ich meine Tante an, bevor ich mein Ventil öffnete und meine Konzentration auf Alexander legte, der mich in diesem Moment arrogant von oben herab betrachtete. Ich versuchte mich nicht von seiner Ausstrahlung beeinflussen zu lassen, als ich nun in die erste Ebene blickte.

Lass uns doch mal sehen wie sehr du schon bereit bist für deine Aufgabe. 

Gänsebraten..mhhh... was gibt es besseres?

Habt ihr noch irgendwelche Wünsche für die Gute Nacht Geschichte?

Meinst du, dass du wirklich aus dieser Sache so schnell herauskommst?

Seine Gedanken schienen völlig wirr zu sein und ich versuchte verzweifelt Ordnung in sie zu bekommen, damit ich sie verändern konnte. Ich brauchte irgendeinen Anhaltspunkt. Nur welchen? Sollte ich jetzt schon versuchen Alexander gegen Valentin zu lenken? Machte mich und meine Intentionen das auffälliger oder wäre eben das Auslassen dieser Möglichkeit verdächtiger? Scheinbar hatte seine Gedankenstruktur auf mich abgefärbt und mir schien jegliche Struktur in meinen Gedanken zu fehlen.

Tief durchatmend versuchte ich meinen Fokus kurz von ihm zu lösen, bevor ich ihn wieder auf Alexander richtete. Dieses Mal schien ich besser die Oberhand über seine Gedanken zu gewinnen und ich versuchte nach und nach neue Gedanken in seine Gedanken einzuweben. Anstatt diese Gedanken allerdings gegen Valentin zu richten, richtete ich sie gegen mich selbst.

Das hatte zum einen den Grund, dass ich Angst hatte, dass ich jemanden anderen treffen würde als Valentin, wenn ich meinen Angriff auf ihn lenkte. Und dieser andere eben auch meine Tante Clara sein konnte. Zum anderen musste ich allerdings auch erkennen, dass es besser war, wenn es hart auf hart kam, einfach zu sterben. Scheinbar war ich ein wichtiger Faktor für Valentins Plan und wenn ich diesen stören konnte und damit die Schattenwelt und dadurch auch die Welt der Mundis vor dem Untergang bewahren konnte, dann musste das leider überwiegen. So heroisch es auch klang, ich fühlte mich elend bei dieser Entscheidung. Sie war evolutionsbiologisch einfach nicht für uns Lebewesen vorgesehen. Egal ob Mundi, Shadowhunter oder Schattenwesen.

Ich hasse dieses Mädchen. Ich würde ihr gerne mal eine Lektion erteilen

Diesen Gedanken versuchte ich immer und immer wieder möglichst unauffällig in seine Gedanken hereinzuschmuggeln, sodass ihm die Veränderung möglichst nicht auffiel. Allerdings spürte ich nach einiger Zeit, dass es zu wirken schien, da sein Ausdruck sich verdunkelte und er schlagartig auf mich zusprang. Erschrocken schloss ich die Augen und versuchte mich aus den Fesseln zu winden, allerdings hatte ich keine Chance mich zu wehren als mich der erste Schlag bereits traf. Ein weiterer folgte, bevor man Alexander von mir heruntergezerrt hatte und sich ein grinsender Valentin über mich beugte.

"Scheint so, als hättest du gute Arbeit geleistet, Averie. Mit so etwas können wir arbeiten. Aber ich möchte dennoch noch ein paar weitere Beispiele sehen, damit es klar ist, dass es sich nicht nur um einen Zufall handelt", erklärte er fast schon fröhlich quietschend wie ein Kind, bevor eine neue Person hereingeführt wurde und ich den ganzen Zirkus wiederholen sollte. Immer unter den wachsamen Augen von Valentin und meiner Tante.


Alecs p.o.v.

Ich hatte die Nacht über nicht sehr viel und wenn dann sehr schlecht schlafen können. Noch vor einigen Monaten wäre das vermutlich wegen der Arbeit gewesen, aber nun ging es nicht mehr nur um die Arbeit, sondern um jemanden, der mich scheinbar hasste. Verständlicherweise nachdem ich im großen Stil versagt hatte und dennoch sagte mir mein Gefühl, dass ich ihre Privatsphäre in dieser einen Ausnahmesituation nicht respektieren konnte. So sehr ich es auch wollte, ich musste irgendwie zu Magnus Kontakt aufnehmen. 

Während ich hin und her überlegte, begann mein Körper mich zu verkaufen und knurrte als hätte ich seit Tagen nichts mehr gegessen. Obwohl ich nicht sicher war, dass es nicht vielleicht wirklich so war. 

Genervt erhob ich mich aus dem Bett und steuerte auf die Küche zu. Es war noch früh und viele hatten nach dem Verschwinden der beiden Kreismitglieder gestern ziemliche viele Überstunden gemacht, die sie jetzt wieder abfeiern würden, wenn auch nur mit schlafen.

"Guten Morgen", begrüßte mich Elyssia als ich in der Küche ankam. Sie saß seelenruhig dort und trank einen Tee oder etwas Tee ähnliches. Schnell erwiderte ich den Gruß, bevor ich mir etwas zum Knabbern holte und mich neben sie fallen lies. Vielleicht war jetzt die Möglichkeit sie noch einmal heimlich etwas auszuhorchen. Auch wenn man das bei Freunden nicht machen sollte, warf ich meine Prinzipien gerade über Board. Einfach so, nur für ein Mädchen.. wie ich mich doch bereits verändert hatte.

"Wie geht es dir?", erkundigte ich mich und sah sie forschend an. Sie ließ sich allerdings scheinbar nicht aus der Ruhe bringen und lächelte mich nur breit an.

"Ich wusste gar nicht, dass du so sehr an meinem Wohlergehen interessiert bist. Nach dem Debakel mit Averie wirst du wohl etwas weibliche Aufmerksamkeit brauchen, aber dafür bin ich leider nicht die Richtige, Alec", entgegnete sie, erhob sich und verschwand mir zuzwinkernd mit einem letzten:

"Ich bin mir aber sicher, dass du noch jemanden dafür finden wirst"

Verwirrt von ihrem Verhalten beschloss ich schnell eine Feuernachricht an Magnus zu schicken und zu fragen wie es Averie ging. Abwartend auf die Antwort tackerte ich leicht mit den Fingerkuppen auf dem Tisch. Ich hatte viel zu viel Zeit noch einmal alles im Kopf durchzugehen und stieß dennoch immer wieder auf Dinge, die nicht zusammenpassten. Hoffentlich bildete ich mir das aber nur ein, weil ich.. ja ich weiß auch nicht.. irgendeinen Grund würde es schon für meine Halluzinationen geben.

Ich hasste es, dass ich mich in meiner schlimmeren Vermutung bestätigt fühlte, als ich schließlich die Feuernachricht von Magnus erhielt:

"Warum fragst du mich das? Ist sie nicht im Institut bei euch?"

HunterWo Geschichten leben. Entdecke jetzt