(12) "Träume sind Fenster zu unserer Seele"

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Nachdem Hodge wieder gegangen war ohne wirklich gesagt zu haben, warum er uns überhaupt aufgesucht hatte, hatte Alec mir nun aus der Distanz wieder erklärkt wie ich in gewissen Situationen am besten mit dem Bogen kämpfen konnte und wie genau ich meine Technik, Pfeile schnell aus dem Köcher zu holen, verbessern konnte. Und dann folgte eine lange Zeit, die nur durch unzählige Aufgaben geprägt war, in denen ich meine Fähigkeiten am Bogen trainieren sollte. Ob nun im Rennen, halb am Boden liegend oder nach einer schnellen Drehung, er lies keine Situation aus, die mir einfallen konnte.

"Gut. Letzte Runde und dann sind wir durch für heute", sagte er und betrachtete mich mit seinem trainierten Augen undurchdringlich. Ich nickte nur und begann den Ablauf erneut durchzuspielen und lies mich leicht erschöpft auf den Boden fallen, als ich endlich den letzten Pfeil durch meine Finger hatte gleiten lassen. Die Innenseite meines linken Unterarms schmerzte, weil ich die Technik dann doch noch nicht so gut draufhatte und daher die Sehne immer und immer wieder an diesem gescheuert hatte. Außerdem waren meine Finger und mein Kopf erschöpft, weshalb ich froh war, nun endlich Schlaf erlangen zu können, auch wenn ich wusste, dass die Träume mich vermutlich wieder heimsuchen würden.

"Das war doch ein guter Anfang. Du kannst duschen und noch etwas essen, bevor du dich aufs Ohr legen solltest. Morgen machen wir weiter", meinte Alec und bot mir eine helfende Hand zum Aufstehen an.

"Ja ok. Vielen Dank für das Training", sagte ich kurz erschöpft lächelnd, bevor ich mich abwandte, um seinen Vorschlag in die Tat umzusetzen. Nachdem ich geduscht und gegessen hatte, legte ich mich in mein Bett und versuchte mir gute Gedanken vor dem Einschlafen zu machen. Noch immer hatte ich die irrgläubige Hoffnung, dass mich das vor den Albträumen bewahren konnte. 

Kaum war ich in die Traumwelt gesunken, vernahm ich wieder die undeutlichen Geräusche und die verschwommenen Bilder. Ich wollte mich davon wegdrehen, aber es gab noch nie ein wirkliches Entkommen. Verzweifelt versuchte ich erneut in der Realtität anzukommen, aber ich schaffte es nicht. Der Traum hielt mich immer unnachgiebig in seinen Klauen und zwang mich dazu ihn zu betrachten und zu durchleben, obwohl ich noch immer nicht sehen und hören konnte worum es eigentlich ging. Ich wollte einfach nur weg.

Schnappatmig wachte ich schließlich völlig fertig wieder auf. Sofort erhob ich mich aus meinem Bett, zog mir Socken und Schuhe und eine Strickjacke über, bevor ich leicht fluchtartig mein Zimmer verließ. An Schlaf wollte ich nun vorerst nicht mehr denken. Schon allein das Wissen, dass ich diesem Traum vielleicht wieder ausgeliefert sein könnte, lies mich hellwach werden. Lieber würde ich gar nicht schlafen als so.

Meine Beine trugen mich aus meinem Zimmer heraus und schnurstracks nach draußen vor die Tür des Instituts. In dem Außenbereich stand eine Bank, auf die ich mich nun fallen lies. Meine Finger vergruben sich in dem Stoff der Strickjacke und zogen diese enger um meinen Körper, damit ich nicht so schnell auskühlte. 

"Was machst du denn hier?", fragte plötzlich eine Stimme hinter mir, die ich sofort als Alecs Stimme identifizierte. Was machte er hier draußen um diese Uhrzeit?

"Das könnte ich dich genauso fragen", antwortete ich etwas kühl und blickte in seine Augen, die im Licht der Laternen geheimnisvoll funkelten.

"Ich hab dich rausgehen sehen und wollte gucken, ob alles gut ist. Du weißt doch, dass du nicht mehr aus dem Institut gehen sollst und schon gar nicht alleine, solange wir nicht wissen, warum Valentin hinter dir her ist", antwortete er und schritt näher auf mich zu.

"Ja, tschuldige hatte ich glatt wieder vergessen", murmelte ich etwas genervt. Mich nach so einem anstrengenden Albtraum zu erwischen, konnte immer tödlich enden, auch wenn ich mich versuchte zurückzuhalten. Verdammt, ich wollte doch einfach nur einen Moment meine Ruhe und frische Luft.

"Was ist los, Averie? Du bist sonst nie so komisch drauf? Ist irgendetwas passiert?", fragte er nun überraschend sanft und lies sich einfach neben mir auf die Bank fallen. Selbst in diesem Moment fühlte sich diese Geste vetraut an. 

"Nichts, ich hab nur schlecht geschlafen", antwortete ich leise und blickte in die Ferne, in der New York noch immer laut und hell zu sein schien.

"Hattest du wieder diesen Albtraum?", fragte er, was meinen Kopf sofort in seine Richtung schießen ließ. Woher wusste er davon? Soweit ich mich erinnern konnte, hatte ich ihn nie in seiner Nähe erwähnt.

"Woher weißt du davon?", sprach ich meine Gedanken nun laut aus.

"Denkst du ich lasse dich ganz alleine mit diesem Typen sprechen? Ich traue ihm nicht, auch wenn Magnus es offensichtlich tut. Ich habe kein so gutes Gefühl bei ihm, weshalb ich eine Rune aktiviert habe, um euch zumindest zuhören zu können", erklärte er, was mir sowohl ein Lächeln als auch genervtes Stöhnen entlockte, weshalb er sich mich grinsend zuwandte:

"Hat diese Antwort dich so sehr gespalten?", fragte er, womit er offensichtlich auf meine wiedersprüchliche Reaktion auf seine Erklärung hindeutete.

"Ich weiß ehrlich gesagt nicht, was ich mit dir anfangen soll? Mal bist du super nett und dann bist du wieder ein komplettes Arschloch. Also, Mr. Lightwood, wie habe ich ihr Verhalten zu interpretieren?", stellte ich die Frage in den Raum, die mich schon lange beschäftigt hatte. Er blieb still und bedachte mich nicht mal mit einem Blick.

"Weißt du, Träume sind Fenster zu unserer Seele, also versucht dir dein Unterbewusstsein vielleicht irgendetwas mit dem Albtraum zu sagen", entgegnete er schließlich nach einer zerreißenden Stille. Überrascht drehte ich mich ihm zu und behielt dabei im Hinterkopf, dass er meine Frage eiskalt ignoriert hatte.

"Aber sollte der Traum dafür nicht deutlich sein. Ich kann nichts visuell oder auditiv erkennen. Es ist einfach nur aufreibend und ich fühle mich danach, als ob ich einen Marathon gelaufen bin, obwohl ich mich nicht damit beschäftigen kann", sagte ich.

"Ja, aber irgendetwas muss da sein. Vielleicht hängt das wirklich mit dem Zusammen, weshalb du so wertvoll für Valentin zu sein scheinst. Dieser Traum hat eine Bedeutung. Da bin ich mir absolut sicher", entgegnete er und sah mir dabei tief in die Augen. Sie strahlten Vertrautheit und Sicherheit aus, weshalb sich unbewusst ein leichtes Lächeln auf meine Lippen legte.

"Na wenn du das sagst, dann wird es wohl so sein", löste ich mich nun etwas von seinen Augen und erblickte eine Gestalt in der Ferne stehen, die nun auf uns zukam. Beim Näherkommen sah ich, dass es nicht nur eine war.

"Wir sollte gehen, komm", erklang plötzlich Alecs harte Stimme, die unfassbar angespannt schien und schon kurz danach zog er mich hoch und drückte mich vor sich. Einige Pfeile schossen knapp an uns vorbei, was in mir eine leichte Schockstarre hervorrief, aus der mich Alec allerdings sofort herausholte und mich weiterzerrte.

"Komm, Averie, wir müssen schnell zurück ins Institut", sagte er sanft, obwohl noch immer die Anspannung und ein gewisser Nachdruck zu spüren waren. Ich nickte nur, bevor ich mit Alec zusammen die Stufen hochrannte, dann die Tür zum Institut aufriss und hinter dieser verschwand. Dieses Mal schienen wir ihnen noch rechtzeitig entkommen zu sein.


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