Es dauerte eine ganze Weile, in der ich die restlichen Sachen zusammenpackte, die ich mitnehmen wollte, bis ich erneut ein Klopfen an meiner Tür vernahm. Mit dem Gedanken, dass es Izzy sein musste, bat ich die Person sofort herein und arbeitete einfach weiter daran, die Kleidung sorgfältig in die Tasche zu verfrachten.
Die Tür öffnete sich, aber die Stimme, die ich hörte, war nicht Izzys. Es war Alec.
"Averie, bitte lass mich mitfahren. Es tut mir leid, dass du das eben mitbekommen hast. Es ist nicht so wie es aussah. Aber bitte fahr jetzt nicht deshalb von hier weg und das auch noch nur mit Izzys Hilfe. Valentin hat genug Gefolgsleute um euch ganz leicht außer Gefecht zu setzen", versuchte er mir zu erklären und klang dabei so verzweifelt wie ich ihn selten zuvor gehört hatte. Seine Stimme zitterte sogar etwas, was mir nur verdeutlichte, wie emotional angeschlagen auch er gerade war. Trotzdem würden mich seine Worte nicht davon abhalten zu fahren.
"Ok, Alec. Aber Izzy und ich werden uns trotzdem gleich auf den Weg machen. Wir beide sollten keine Zeit verlieren", antwortete ich ihm, während ich mich zu ihm drehte. Meine Tasche lag noch immer geöffnet auf dem Bett und ich wusste noch nicht einmal, ob wir überhaupt lange genug dort bleiben würden, sodass ich sie brauchen würde. Dennoch half das Packen mir, meine Entscheidung zu festigen. Ich würde das tun, egal was Alec davon hielt.
"Meine Eltern waren die Einzigen, die noch etwas über diese Gabe gewusst haben und dort nach Hinweisen zu suchen, ist eine der wenigen Möglichkeiten, die wir haben, um mehr herauszufinden. Und das wird entscheidend sein, wenn wir Valentin wirklich besiegen wollen. Also bitte mache es nicht schwerer, Alec", bat ich ihn und sah ihm bittend in die Augen. Ich spürte, dass wir beide emotional angeschlagen waren und dennoch schien unsere Verbindung darunter nur leicht gelitten zu haben. Sie war noch immer da.
Alec seufzte und ich spürte wie schwer er sich damit tat, mir einfach die Freiheit zu lassen und mich damit auch freiwillig der möglichen Gefahr aussetzen zu lassen. Seine Augen hatten etwas flehendes in sich, aber ich schüttelte nur den Kopf, woraufhin er sagte:
"Ok. Aber bitte seid vorsichtig. Ich möchte beide von euch wohlerhalten wiedersehen"
Ich lächelte ihn zustimmend zu, schloss meine Tasche und verschwand mit ihm gemeinsam ins Herz des Instituts, in dem Izzy stand und sich mit ihrer Mutter unterhielt. Auch diese schien nicht allzu zufrieden mit unserem Plan zu sein, aber bei der Aussichtslosigkeit der Informationslage bezüglich meines Falles, stimmte sie schließlich zähneknirschend zu, bevor sie sich ohne ein weiteres Wort verzog.
"Sind wir bereit?", erkundigte ich mich als ich auf sie zuschritt. Sie lächelte mich seicht an und nickte, aber ich spürte, dass sie die Unterhaltung mit ihrer Mutter noch immer beschäftigte. Ich konnte es nicht so ganz verstehen, warum sich ihre Mutter ihr und Alec gegenüber immer so kalt verhielt, aber ich würde sie nur immer und immer wieder aufbauen können, wenn es soweit war. An der eigentlichen Situation würde ich schwerlich etwas ändern können.
"Passt bitte aufeinander gut auf", bat uns Alec noch einmal und ich sah wie nun ein ehrlicheres Lächeln auf Izzys Gesichtszügen seinen Platz fand.
"Natürlich, Bruderherz. Versuche du aber in der Zeit hier nicht noch mehr Schwachsinn zu veranstalten. Verstanden?", erst klang sie scherzend, allerdings wurde ihr Ton zum Ende hin immer bissiger, was Alec mit einem Augendrehen quittierte.
"Gut. Magnus müsste gleich hier sein", fuhr Izzy unbeirrt fort, verabschiedete sich kurz von ihrem Bruder und zog mich dann mit sich in Richtung des Ausgangs. Gerade als wir bei der Eingangstür angelangten, wurde sie vor unseren Nasen geöffnet und der Hexenmeister stand mit seiner ganzen Erscheinung vor uns. Er hatte mich schon immer durch seine Ausdrucksstärke in den Augen beeindruckt und seine Entschlossenheit gepaart mit Bedachtheit, mit der er Dinge anging, waren unfassbar inspirierend. Wenn man ein gutes Vorbild suchte, dann würde man es ihn ihm mit großer Wahrscheinlichkeit finden.
"Washington D.C. hab ich gehört", sagte er mit einer Leichtheit in der Stimme, die mich fragen lies, was passiert sei, dass ihn so positiv stimmte. Freuen tat mich dieser Umstand aber allemal.
"Genau. Kennst du dort einen Ort, an den du uns bringen kannst?", fragte Izzy, woraufhin Magnus sofort nickte.
"Das Kapitol. Ich weiß nicht, wie weit das von eurem Zielort entfernt ist, aber das ist der einzige Ort in Washington D.C. an dem ich bereits war. 1976 war ich dort mit einem Senatsabgeordneten und habe dieses wunderschöne Gebäude auch von innen bestaunen dürfen. Über die Politik sollte man diskutieren, aber dieses Gebäude, diese Architektur, über die sollten höchstens Lobreden gehalten werden. Ihr wisst gar nicht.."
Magnus driftete vollkommen selbst in eine Lobrede ab, weshalb ich ihn versuchte schnell zurückzuholen:
"Ja, ich denke, dass das Kapitol reichen wird"
Er sah mich erst etwas verwirrt an, bevor er nickte und Izzy und mich dann durch ein Portal zum Kapitol brachte. Es hatte wirklich eine einzigartige Wirkung, das konnte jeder, der einmal die Freude hatte, es aus nächster Nähe zu betrachten, bezeugen.
"Danke, Magnus. Wir schreiben dir eine Feuernachricht, wenn wir wieder deine Hilfe brauchen sollten", erklärte Izzy, bevor sich Magnus verabschiedete und wir uns durch den Nahverkehr bis zu dem Haus meiner Tante durchschlugen. Izzy war nie zuvor in Washington D.C. gewesen, weshalb sie es zu genießen schien, diese Stadt, die so viel Macht in der Mundiwelt in sich trug, zu sehen.
Als wir schließlich vor der Tür von dem Haus meiner Tante Clara standen, machte sich ein eigenartiges Gefühl in mir breit. Irgendwie war es ein Gefühl von Heimat, das allerdings nicht mehr so stark positiv ausgeprägt war. Vielleicht sah ich dieses Haus jetzt anders, weil sich meine komplette Welt verändert hatte.
"Soll ich erstmal hier draußen warten?", wollte Izzy von mir wissen. Ihr Ton war einfühlsam und ich spürte, dass sie merkte, wie überraschend schwer mir es fiel, in diesem Moment hier zu sein, die Chance zu haben meine Eltern in einem ganz neuen Licht zu sehen und hoffentlich endlich mehr erfahren zu können. Über mich, meine Familie und die Gabe, mit der ich lernen musste klar zu kommen.
"Nein, alles gut. Ich bin froh, dass ich das nicht alleine machen muss", gestand ich und sah sie lächelnd an, bevor ich schließlich mit neu gefundenem Mut an die Tür klopfte. Tante Claras Stimme erklang von innen und es überraschte mich etwas, als ich sie schließlich vor mir stehen sah. Ihr Gesicht hatte die eine oder andere Falte mehr bekommen, vermutlich von ihrem stressigen Alltag im Kapitol, aber dennoch strahlten ihren Augen noch genauso wie als ich sie für das Studium in New York verlassen hatte.
"Averie", sagte sie überrascht, aber zog mich kurz darauf bereits schon in ihre Arme. Ich hielt mich an ihr fest und war erleichtert diesen Teil meines alten Lebens noch immer bei mir zu haben. Es mochte sich alles um mich herum verändert haben, aber meine Tante war noch immer die Alte.
"Es ist so schön dich mal wiederzusehen, aber du hättest dich ruhig vorher ankündigen können. Dann hätte ich noch etwas gebacken oder etwas schönes gekocht", meckerte sie scherzend, bevor sie sich aus der Umarmung löste und mich genau betrachtete.
"Du siehst jetzt so erwachsen aus. Unfassbar. Aber komm doch rein", fuhr sie fort, als ihr Blick schließlich auf Izzy fiel, die meine Tante höflich begrüßte.
"Kommt doch beide rein", wiederholte sie sich und lächelte sowohl Izzy als auch mich freundlich an.
"Ich bin froh dich wiederzusehen", begann ich, sobald wir beiden in den Flur gegangen waren und wusste, dass ich dennoch gleich ziemlich mit der Tür ins Haus fallen würde. Aber meine Neugier war zu groß, als das ich jetzt eine ewig lange Konversation über mehr oder weniger belanglose Dinge aushalten könnte.
"Kann ich bitte die Sachen von meinen Eltern sehen? Ich weiß, dass du viele Dinge aufbewahrt hast, also kann ich sie bitte mir angucken? Es ist unfassbar wichtig"
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Hunter
FanfictionAverie Clark ist eine 19-jährige Waise, die nach Brooklyn gezogen ist, um hier ihr Jurastudium zu absolvieren. Sie lebt für Gerechtigkeit und den Schutz für Opfer, da ihre Eltern in ihrem Kindesalter ermordet wurden. Jedoch wandelt sich ihr Leben sc...