Noch mehr Versprechen

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Turn out the light and what are you left with?
Open up my hands and find out they're empty.
Press my face to the ground, I've got to find a reason.
Just scratching around for something to believe in,
something to believe in.

(Aqualung – Something to believe in)

Minerva hatte eine unruhige Nacht hinter sich, als sie am Sonntagmorgen zum Frühstück in der Großen Halle erschien. Es waren nur wenige Schüler anwesend, die sich mit Büchern und Pergamenten über die Haustische ausgebreitet hatten; bis das Essen erschien, dauerte es noch eine halbe Stunde.

Der Lehrertisch war verlassen, keinen ihrer Kollegen hatte es so früh aus dem Bett getrieben. Minerva durchquerte die Halle und schenkte den Schülern, die zu ihr aufsahen, ein schmallippiges Lächeln. Auf ihrem Platz lag wie jeden Morgen der Tagesprophet, den sie zwar ausbreitete, nachdem sie sich gesetzt hatte, aber nicht las. Sie konnte ihre Gedanken nicht dazu bringen, sich auf den Leitartikel zu konzentrieren. Stattdessen wanderten sie immer wieder zurück zu der gestrigen Begegnung.

Ihr wäre beinahe das Herz stehen geblieben, als sie Jacob Prince gesehen hatte. Für einen Moment hatte sie wirklich geglaubt, Severus stünde vor ihr. Im Nachhinein wusste sie gar nicht, wie sie darauf gekommen war. Vielleicht war es die Form seiner Augen oder die Art, wie er sie angesehen hatte. Vielleicht auch nur ein Gefühl. Jetzt lief ihr jedenfalls eine Gänsehaut den Rücken hinunter.

Severus war ein Kapitel in ihrem Leben, das sie gern neu schreiben würde. Sie hatte viel mit Albus' Porträt diskutiert, nachdem damals klar geworden war, dass Severus den Orden nie verraten hatte. Es hatte lange gedauert, bis sie ihren Frieden mit dem Verlauf des Krieges geschlossen hatte. Es war eh zu spät gewesen, sich darüber aufzuregen. Albus war tot, Severus war tot. Keine Reue dieser Welt konnte etwas daran ändern, dass sie Severus unrecht getan hatte in dem Jahr, in dem er die Schule geleitet hatte.

Als das Büro der Schulleiter durch Severus' Porträt ergänzt worden war, hatte sie versucht, sich bei ihm zu entschuldigen, aber er hatte behauptet, er wüsste nicht, wovon sie sprach. Minerva war sich unsicher, ob er wirklich nicht wusste, was in seinem letzten Lebensjahr passiert war, oder ob er nur nicht darüber reden wollte. Vielleicht war es eine Mischung aus beidem; sein Porträt war ... mangelhaft, um es vorsichtig auszudrücken. Vielleicht war es besser, dass es inzwischen eingeschlafen war; es hatte sich nie richtig angefühlt, mit ihm zu reden. Nicht so wie bei den anderen Schulleitern. Albus hatte auch einige Details vergessen, aber im Großen und Ganzen war er wie früher. Severus war mehr eine traurige Kopie gewesen, eine weitere Erinnerung daran, wie sehr er sie und alle anderen getäuscht hatte.

Minerva erschrak, als die Tische sich plötzlich mit Essen füllten. Sie hatte nicht gemerkt, wie die Zeit vergangen war. Inzwischen waren schon deutlich mehr Schüler in der Großen Halle und die Bücher und Pergamente waren verschwunden. Gerade betraten Filius und Neville die Halle und unterhielten sich angeregt miteinander. „Guten Morgen, Minerva", sagte ersterer fröhlich und setzte sich neben sie auf seinen Platz.

„Filius", entgegnete sie knapp und nickte Neville zu, während sie nach der Kaffeekanne griff und sich eingoss.

„Keinen Tee heute morgen?"

„Nein", sagte sie, „heute morgen brauche ich was Stärkeres."

„Oh, ich hoffe, es geht dir gut?" Er sah besorgt zu ihr auf.

Sie lächelte. „Mach dir keine Gedanken, Filius. Ich hatte nur eine unruhige Nacht."

„Wie gut, dass heute Sonntag ist." Er griff nach einer Scheibe Toast und füllte sich Rührei auf.

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