Siebenundsiebzig

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Jetzt

Rio

Jeden Abend, wenn die Bar zumacht, verschwindet Ben für eine halbe Stunde nach oben, um die Abrechnung zu machen. Das ist für mich der perfekte Zeitpunkt, um endlich an meinen lang ersehnten Whiskey zu kommen. Zuerst genehmige ich mir nur ein bis zwei Schlucke. Als ich merke, dass Ben die Flaschen nicht kontrolliert, werden es schon mal ein bis zwei Gläser. Der Whiskey rinnt heiß und warm meine Kehle hinunter und gibt mir einfach ein gutes Gefühl. Danach geht mir die Putzerei viel leichter von der Hand. Das geht ungefähr eine Woche gut, dann werde ich erwischt. Als ich gerade das zweite Glas ansetze, kommt Ben zurück in die Bar und betrachtet mich schweigend über seine Brille hinweg. Obschon ich mich erschrocken habe, schütte ich den Rest noch hinunter und stelle die Flasche wieder an ihren Platz. Dann schaue ich ihn trotzig an. Was will er schon dagegen machen? Er könnte mich rausschmeissen, doch ich habe schon einmal draußen überlebt und könnte es wieder. Doch gleich, als mir dieser Gedanke kommt, beschleicht mich ein mulmiges Gefühl. Will ich das denn noch einmal durchmachen? Wieder alleine auf der Straße? Nachdem ich hier jetzt endlich ein wenig zur Ruhe gekommen bin?

Gespannt schaue ich wieder zu Ben, der jetzt langsam näher kommt und die Whiskeyflasche aus dem Regal nimmt. Ruhig schenkt er mein Glas wieder voll. Bis obenhin voll! Mit einer Geste gibt er mir zu verstehen, dass ich trinken soll. Ich zögere zuerst, doch dann denke ich mir, was solls. Wenn er es mir schon anbietet, warum sollte ich es nicht annehmen? Also nehme ich das Glas und schütte es hinunter. Sofort füllt er es wieder. Nach dem zweiten Glas wird mir schon leicht schummerig. Noch immer hat er kein Wort gesagt. Noch ein Glas nehme ich, das nächste lehne ich dankend ab. Doch Ben ist unerbittlich und bedeutet mir zu trinken. Nun hat mich mein Ehrgeiz gepackt und ich leere Glas um Glas. Nach der halben Flasche kann ich nicht mehr stehen und lasse mich auf einen der Barhocker plumpsen. Noch immer schüttet mir Ben Whiskey ins Glas.

Ich habe genug! Ich kann nicht mehr! Als ich drohe, vom Barhocker zu fallen, fängt mich Ben rechtzeitig auf und schafft mich irgendwie in mein Zimmer, wo er mich vorsichtig aufs Bett legt. Ich liege da wie tot, alles dreht sich um mich, sogar wenn ich die Augen schließe. Ich war noch nie in meinem Leben so besoffen.

Ben verlässt nur kurz mein Zimmer, um einen Eimer zu holen. Sicher ist sicher, denkt er sich wahrscheinlich. Danach macht er es sich neben meinem Bett in einem alten Sessel gemütlich. Nicht lange, nachdem ich ins Bett gefallen bin, steigt auch schon eine grauenhafte Übelkeit in mir hoch. Wie konnte ich nur so viel trinken? Und dann, als alles hoch kommt, springt Ben auch schon herbei und hält mir den Eimer hin. Ich kotze mir die Seele aus dem Leib. Immer und immer wieder würgt es mich, bis nichts mehr kommt. Ich glaube, ich möchte sterben...

So geht es die ganze Nacht, bis ich vor Erschöpfung endlich einschlafen kann. Der nächste Morgen gibt mir dann noch den Rest. Die Kopfschmerzen sind einfach unerträglich. Ich habe das Gefühl, dass eine ganze Tanztruppe in meinem Kopf einen Stepptanz aufführt. Das Tageslicht brennt in meinen Augen und mein Mund fühlt sich an, als hätte ich aus der Kloschüssel gesoffen. Dankbar entdecke ich das Aspirin und das große Glas Wasser neben meinem Bett und werfe schon mal die Pillen ein. Kurze Zeit später hat sich der Schmerz zum Glück etwas reduziert und ich setze mich in meinem Bett auf.

Nie wieder! Nie wieder werde ich mich so besaufen! In der nächsten Zeit werde ich den Whiskey nicht einmal anschauen und es ist mir egal, dass das wahrscheinlich genau das war, was Ben bezweckt hatte mit seiner Aktion. Langsam stehe ich auf und wanke in die Dusche. Das Wasser tut gut und nach der Dusche fühle ich mich wenigstens wieder halbwegs wie ein Mensch und nicht wie ein gestrandeter Alien.

Als ich in die Bar gehe ist Ben schon fleißig am Vorbereiten für heute Abend. Halbwegs erwarte ich sarkastische Kommentare und verspanne mich schon. Ich bin schon ein wenig erstaunt, als nichts kommt, also mache ich mich einfach auch an meine Arbeit und räume die Stühle von den Tischen. Hin und wieder spüre ich, wie er mich nachdenklich betrachtet. Doch noch immer sagt er nichts, wofür ich ihm tatsächlich dankbar bin. Nur mit Mühe schleppe ich mich durch den Abend und als nur noch ein paar Gestalten in der Bar herumhängen, bedeutet mir Ben, zu ihm zu kommen. Schon bin ich wieder auf Abwehr, doch alles was er sagt ist:" Gut gemacht Rio. Ich bin stolz auf dich, dass du es durchgezogen hast. Du kannst jetzt verschwinden, den Rest schaffe ich alleine."

Ich starre ihn zunächst erstaunt an. Mit sowas hätte ich jetzt gar nicht gerechnet. Ich muss ein paar Mal schlucken, irgendwie hat sich in meinem Hals ein Kloß gebildet und meine Augen fangen an zu tränen. Schnell wische ich mir übers Gesicht, nicke und verschwinde in mein Zimmer.

Na?Hat Rio etwas daraus gelernt?
Was denkt ihr?

Rio - from the beginning Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt