Ein energisches Klopfen an die Fensterscheibe beendete Melindas Plauderstunde mit Herrn Kessler. Vor der Tür stand seine Frau. Mit hochrotem Kopf und in die Seiten gestemmten Armen rief sie ihren Mann zum verabredeten Wocheneinkauf.
»Tu mir einen Gefallen Walter und quatsche nicht die ganze Nachbarschaft zu!«
Ein schmallippiges Lächeln in Melindas Richtung.
»Frau Zucker hat bestimmt Wichtigeres zu tun!«
Herr Kessler fügte sich, nicht jedoch ohne Melinda noch einmal zuzuzwinkern und sich mit nach oben gestrecktem Daumen zu verabschieden.
»Wenn Sie weitere Einzelheiten brauchen, Sie wissen, wo Sie mich finden!«
Melinda hörte, wie Frau Kessler ihren Mann anzischte während sie ihn grob in Richtung Gartentor schob. Melinda wartete bis die beiden außer Sicht waren. Sie ging wieder in die Hütte und sah, dass Herr Kessler die Zeitung liegengelassen hatte. Ob aus Absicht oder aus Vergesslichkeit, völlig egal. Entscheidend war, was Kessler ihr erzählt hatte und er Melindas Bitte nachgekommen war, die Polizei aus dem Spiel zu lassen. Melinda hatte ihm versprechen müssen, der erste zu sein, der ihr neues Romanskript lesen durfte. Ein unhaltbares Versprechen, das den alten Mann verzückt hatte.
»Was ist mit ihrer Frau? Kann sie den Schnabel halten?«, hatte sie Herrn Kessler gefragt.
»Die liest prinzipiell keine Zeitung.«
»Und die anderen Gartenbesitzer? Familie Abel und diese Nicki?«
»Kamen erst hierher als Sonja und Nina schon weg waren.«
Melinda konnte ihr Glück kaum fassen. Kessler hatte die falsche Stella auf dem Bild wiedererkannt. Der im Artikel erwähnte Name hatte ihn sichtlich irritiert. Er erzählte ihr, dass die Frau auf dem Foto in Wirklichkeit Nina heiße und sie mit ihrer Schwester Sonja bis vor ein paar Jahren in dem verwilderten Garten am Ende des Weges gewohnt hatte. Zwei freundliche, sehr zurückgezogen lebende junge Frauen, die einem Pläuschchen nie abgeneigt waren, wenn er an ihrem Zaun vorbeiging. Im Frühjahr 2015 waren sie plötzlich verschwunden. Seitdem war der Garten unbenutzt und wucherte vor sich hin. Herr Kessler wusste auch, dass das Grundstück nicht der Stadt gehörte, sondern in Privatbesitz war. Es gehörte Marlene Brandt, in die er mal ein wenig verschossen gewesen war, von der er jedoch nicht wusste, ob sie noch lebte oder in irgendeinem Seniorenheim ihr Dasein fristete.
Gegen Ende ihres Gesprächs fiel Kessler noch ein Vorfall ein, der sich 2011, kurz nach Ankunft der beiden jungen Frauen, zugetragen hatte. Voller Energie berichtete er Melinda von seiner Idee, eine Fotoreihe aller Gartenbewohnerinnen und Gartenbewohner im Wandel der Zeit zu schießen. Am Ende war nichts daraus geworden, weil Nina und Sonja es vehement abgelehnt hatten, sich von ihm fotografieren zu lassen. Sie waren so wütend gewesen, dass sie ihm beinahe die Kamera aus den Händen gerissen hatten. Es war ihm noch immer schleierhaft, weshalb die jungen Frauen so wütend gewesen waren. Später hatte er dann aber doch ein Foto geschossen, heimlich, das Negativ jedoch nie entwickeln lassen. Er versprach Melinda, es für sie herauszusuchen.
Melinda ließ Zippo in den Garten laufen, wo nasser Schnee von den Büschen und Bäumen klatschte und der Rasen sich zunehmend in eine Trauerlandschaft aus Wasser und Matsch verwandelte. Die Temperaturen stiegen und das romantische Winterwetter verabschiedete sich fürs Erste, doch für die kommende Woche waren erneut frostige Temperaturen und frischer Schnee vorausgesagt worden. Melinda rief Arndt an, aber es antwortete nur seine Mailbox. Auch Bullerjahn ging nicht ans Telefon. Eigentlich wollte sie am Abend noch einmal in Eberts Archiv hinabsteigen, um mehr Klarheit über den ungebetenen Besucher auf ihrem Rücken zu erlangen. Im Moment ließ sie der Wandersmann in Ruhe. Melinda spürte ihn kaum. Ab und zu vernahm sie mal ein leises Knacken oder ein heiseres Zischen, doch nie mehr. Fast war es, als hätte er Freundschaft mit ihr geschlossen. Doch vielleicht wartete er auch auf etwas und hielt sich vornehm zurück. Was wusste sie schon?
Wenn sie sich ihre Mütze tief ins Gesicht zog, ihre Körperhaltung veränderte und sich einen anderen Gang zulegte, dann kam sie vielleicht auch ohne Bullerjahns Schützenhilfe in sein Büro und konnte sich die Zugangskarte für das Archiv holen. Sie wusste ja wo sie sich befand, hatte ihn beim Herausnehmen der Karte beobachtet. Die Bücher über Hexerei, welche Sophie ihr zurückgelegt hatte, waren ihr aber erst einmal wichtiger. Ihre Internetrecherchen übers Handy, winziger Bildschirm und Minitastatur, hatten keine brauchbaren Ergebnisse geliefert außer entzündete Augen. Melinda setzte alles auf die Macht des gedruckten Wortes.
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Pilzgericht (Krimi)
Mistério / SuspenseDer zweite Fall für Holler & Sieben. Eine Tote im Pilzkorb, ein verliebter Förster, ein mysteriöses Phantom, ein Wald voller Geheimnisse und eine Vergangenheit, die einfach nicht ruhen will. Für Holler und Sieben kann es nur heißen: Zähne zusammen...
