Schweigepflicht

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„Harleen?! Du?!" Sie drehte sich erschrocken zur Seite. Byron stand direkt neben ihr und schaute sie geschockt an. „Ja, ich, Byron", sie faltete die Arme vor der Brust, „Oder bist du auch der Ansicht, dass ich noch zu unerfahren und jung bin, um ihn zu behandeln?!" „Nein nein, ganz und gar nicht, Harleen, ich bin nur etwas überrascht." Sie zog die eine Augenbraue hoch. Er zögerte kurz. „Erm... willst du vielleicht später ne Tasse Kaffee trinken?" Sie zuckte nur mit den Schultern. „Wenn du willst, komm bei mir einfach irgendwann im Büro vorbei." „Ich bin gleich fertig, ich muss ihn nur noch wegbringen", und er deutete auf die Tür, die sich hinter der Psychologin schon geschlossen hatte. Sie nickte nur und ging. Sie war schlecht gelaunt. Es war nun schon das sechste Mal, dass sie eine Sitzung mit dem Joker hatte und für irgendeinen seltsamen Grund meinte jeder, dass sie noch zu unerfahren war, um ihn zu therapieren. Mit Ausnahme von Dr. Arkham und dem Joker selbst. Immerhin war sie doch schon viel mehr zu ihm durchgedrungen, als alle anderen zusammen. Sie verstand nicht, warum alle dieser Meinung waren. Die Geräusche ihrer Absätze hallten durch den Flur. Ihre Augen waren auf eine bestimmte Tür fixiert. Ihr Büro. Sie hatte das Gefühl, dass sie länger in ihrem Büro verbrachte im Moment, als zu Hause. Sie recherchierte über den Joker. Er war nun schon knappe sieben Jahre als Joker bekannt. So richtig gefürchtet wurde er aber erst vor fünf Jahren, 2008, als er einen Anschlag auf die größte Bank in Gotham verübte und somit sehr viel Aufmerksamkeit erregte. Im selben Jahr war er das erste Mal in Arkham gewesen. Ab dann hatte sich alles verschlimmert und er entwickelte sich zu eines der gefürchtetsten Schurken ganz Gothams. Manche sagten sogar, er sei der allerschlimmste Feind des dunklen Ritters. Sie steckte den Schlüssel ins Schloss und drehte. Sie stoppte ganz plötzlich und horchte auf. Sie musste lächeln, als das Lachen des Jokers durch die Irrenanstalt schallte. Sie hatte keine Angst mehr davor. Allgemein traute sie sich schon viel mehr. Sie hatte das Gefühl, dass sie durch die Erfahrung, die sie mit dem Joker machte, immer mehr Mut bekam. Manchmal konnte sie sich schon keinen Tag ohne die Stunde mit ihm vorstellen. Innerhalb einer Woche war etwas zwischen ihnen entstanden. Irgendeine Verbindung, die Harleen jedoch nicht beschreiben konnte. Sie wusste wirklich nicht was es war, aber irgendwas an ihr war wohl für den Psychokiller anders als bei den anderen Psychologen. Vielleicht lag es auch einfach daran, dass sie eine junge Frau war, die gar nicht so schlecht aussah. Das sagten ihr jedenfalls immer alle. Sie betrat ihr Büro und schaute sich kurz um. Grau und langweilig. Wie so oft. Sie legte die Akte auf den Schreibtisch und setzte sich auf den Stuhl. Sie starrte die weiße Wand an und klopfte mit ihren Fingern auf der Oberfläche rum. Morgen war wieder Samstag. Wieder Nachtschicht. Und dazu noch Silvester. Sie müsste also mit ihren Kollegen zum neuen Jahr anstoßen. Vor genau einem Jahr minus einen Tag hatte der Joker einen Anschlag auf das One Gotham Center verübt, wo eine große Silvesterparty stattgefunden hatte. 227 Tote. 195 Schwerverletzte. 2 Unversehrte. Batman und der Joker selbst. Das würde dieses Jahr nicht passieren. Wahrscheinlich. Beim Clown Prince of Crime konnte man sich ja nie sicher sein. Plötzlich klopfte es an der Tür. Sie schreckte aus ihren Gedanken auf und schüttelte kurz den Kopf. Die Psychologin stand auf und ging zur Tür und öffnete sie. Sie hatte jemand anders erwartet. „Dr. White? Was wollen Sie denn hier?" „Abend, Dr. Quinzel. Darf ich reinkommen?" „Ja, natürlich", und sie trat zur Seite, um den älteren, kleinen Mann mit der Brille in ihr Büro zu lassen, „Setzen Sie sich." „Oh nein, danke, es dauert nicht lange." Harleen nickte nur und lehnte sich gegen den Schreibtisch. „Also, was gibt's?" „Ich will nur wissen wie gut du mit dem Joker vorankommst." Sie nickte. „Gut, ich hab schon viel mehr erreicht als alle anderen." Der kleine Mann nickte ebenfalls. „Darf ich seine Akte sehen?" „Oh, erm...", sie griff hinter sich und reichte ihm den roten Hefter mit der Aufschrift Joker, „Bitte sehr." „Danke. Ich gebe sie Ihnen morgen wieder", er drehte sich wieder zur Tür, „Es ist nur zu Ihrem Besten, Dr. Quinzel." „Was meinen Sie?" „Dass Sie die Schweigepflicht brechen", er ging auf den Ausgang zu und öffnete diesen, „Morgen ist übrigens eine Sitzung um acht Uhr abends. Meinen Sie Sie könnten morgen etwas früher zu ihrer Nachtschicht kommen?" Die junge Psychologin starrte ihn an. „Ja, aber-" „Gut, dann bis morgen." Und mit den Worten schloss er die Tür hinter sich. Sie glotzte die graue Oberfläche an und runzelte die Stirn. Sie hatte immer gedacht, dass es keine Schweigepflicht unter Psychologen gab. Immerhin mussten sie einander immer etwas aushelfen, wenn sie an einem Fall arbeiteten. Vielleicht hatte sie sich ja auch etwas geirrt. Vielleicht gab es nur dann keine Schweigepflicht mehr, wenn es notwendig war oder sie einen Fall voneinander abnahmen. Aber Dr. White hatte den Killerclown ja auch schon therapiert. Also war es wohl nicht schlimm. Hoffte sie. Vielleicht hatte sie auch gerade einen großen Fehler begangen. Was sie jedoch nicht wusste war, dass genau das der Fall war.

Emergency Exit Madness - Abgebrochen Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt