Müdigkeit

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Ihre blauen Augen verfolgten seine Bewegungen wie die eines Leopards, der bereit war seine Beute anzuspringen. Ihr Gesicht hatte sie hinter den vielen Seiten eines Buches versteckt. Das Herz in ihrer Brust schlug so laut, dass sie fast der Überzeugung war, dass er es bestimmt hören konnte. Sie scannte seinen nackten Rücken ab. Die meisten Verletzungen waren über die letzten Wochen zu hellen Narben verheilt, nur die tiefen Wunden waren noch dunkelrot und sichtbar. Die Muskeln in seiner rechten Schulter spannten sich an, als er das goldene Messer an die sandfarbene Wand hängte. Plötzlich drehte er sich um. Harley war nicht schnell genug, um ihren Blick wieder auf die vielen Buchstaben vor ihrer Nase zu richten, bevor er ihre wunderschönen Augen auf sich ruhen sah. Sie hörte seine Schritte, sie wurden lauter und lauter, genau wie ihr Herzschlag. Doch bevor sie irgendwas sagen konnte, erfasste eine blasse, tätowierte Hand plötzlich ihr Buch. Doch er zog es nicht von ihr weg, wie sie es erwartet hatte, sondern drehte es um 180 Grad und drückte es ihr wieder zwischen die Finger. Etwas überrascht über diese Aktion, ließ sie das Buch ein Stückchen sinken und blinzelte ihn verwirrt an. Er türmte über ihr und schaute auf sie hinab. „Kannst du falschrum lesen?", fragte er etwas sarkastisch und hob die nichtvorhandenen Augenbrauen. Sie schaute auf das Papier, das sie in den Händen hielt. Die vielen Wörter und Sätze waren lesbar und gerade vor ihr aufgestellt. Das bedeutete wohl, dass sie vorhin, so sehr von seinem wunderschönen Anblick abgelenkt, das Buch falsch herum aufgeschlagen hatte. Sie ließ es wieder auf ihre Brust sinken und lächelte ihn unschuldig an. Ein kleines Schmunzeln schlich sich auf seine ungeschminkten Lippen. Auch seine fesselnden Augen waren nicht von schwarzen Schatten umrandet, wie normalerweise. „Vielleicht", antwortete sie schulterzuckend und grinste, dieses Mal schuldbewusst. Plötzlich kniete er sich neben sie auf das Bärenfell, stützte sich mit den Ellenbogen an der Couch, auf der sie lag, ab und starrte ihr direkt in die weiten, leuchtenden Augen. „Was soll das werden, wenn es fertig ist, Harley?", flüsterte er, während er sich über sie beugte, „Hm?" Sie zuckte zurück, als eine warme Hand plötzlich ihre Wange berührte. Erst jetzt bemerkte sie die Müdigkeit, die in seinen sturmgrauen Augen lag. Wann hatte er eigentlich das letzte Mal geschlafen? „Puddin'?", sagte sie leise und schob das Buch von ihr runter, sodass es zwischen dem Sofakissen und der Lehne stecken blieb. Sie umfasste sein Gesicht mit beiden Händen und schaute ihn schief an. „Was ist los?" Sie wusste nicht genau, was sie dazu brachte diese Frage zu stellen, doch in der letzten Woche hatte sich der Joker sehr anders verhalten als sonst. Sie hatte ihn noch nie so leise und erschöpft erlebt. Er steckte zwar mit Ed zusammen mitten in den Vorbereitungen für den Überfall auf den Pinguin, der sehr bald stattfinden würde, aber sowas laugte ihn sonst nie so sehr aus. Es musste einen anderen Grund dafür geben, dass er nicht vor die Tür ging, nicht schlafen konnte und nicht so drauf war wie der Joker sonst drauf war. Er verengte die Augen und schaute sie verlegen an. „Was sollte denn los sein?", fragte er nach einer Weile. Sie konnte raushören, dass sich etwas hinter dieser Gegenfrage versteckte. Sie zog die Augenbrauen zusammen. Ihr Körper drehte sich schnell auf den Bauch, um ihm direkt in die müden Augen zu schauen. Ihre Nasenspitzen berührten sich fast, als sie sich, genau wie er, auf die Ellenbogen stützte. „Warum glaube ich dir das nicht?", fragte sie und griff nach seiner Hand, die schlaff vor ihr auf dem schwarzen, ledernen Stoff der Couch lag. Anstelle einer Antwort bekam sie jedoch nur das Verdrehen seiner Augen zurück. Und plötzlich ließ er sich neben dem Sofa auf den Rücken fallen. Verwirrt kroch sie zum Rand des Möbelstücks und schaute auf ihn hinab. „Warum ignorierst du mich?", fragte sie in einem bettelnden Ton. Er hatte sein Gesicht von ihr abgewandt, sodass man den scharfen Verlauf seines Unterkiefers ganz genau sehen konnte. Darum war das, was als nächstes passierte so unerwartet. Denn plötzlich umgriff jemand beide ihre Arme und zog sie vom Sofa runter. Kreischend vor Überraschung fiel sie auf den Joker drauf und ihr Gesicht kollidierte mit seiner vernarbten Brust. „Ich ignoriere dich also?", hörte sie ihn sagen, während sie genervt ausatmete. Ein kleines, leises Lachen kam aus seiner Kehle und kitzelte ihre Geduld wie eine weiße Feder. Sie richtete sich auf und rutschte über seinen Körper, sodass sie auf seinem Bauch sitzen blieb und sich über ihn beugte, einen besorgten Ausdruck in den Augen. „Puddin', bitte...", sie legte ihre rechte Hand auf seine rechte Wange und streichelte mit dem Daumen langsam über diese, „Ich sehe doch, dass irgendwas nicht stimmt." Sie hob und senkte sich mit seinem Brustkorb, während seine Lunge scharf Luft einsog und wieder rausdrückte. Doch er antwortete mal wieder nicht, sondern zog sie an ihren Schultern zu sich runter, sodass sich ihre Lippen fast ganz zart berührten, käme da nicht der Zeigefinger ihrer blassen, kalten Hand dazwischen. Sie drückte ihn auf seinen Mund und schaute den Schurken unter ihr mit einem scharfen Blick an. „Nicht bevor du mir antwortest", sagte sie mit fester Stimme. Seine Gesichtszüge veränderten sich nicht, keinen Millimeter, obwohl sie sich ganz sicher war, dass er hinter der wunderschönen Fassade mit sich rang, die richtige Entscheidung zu treffen. Ein paar Momente verstrichen, in denen sich ihre Augen einfach nur anstarrten, ihre blau wie der tropische Ozean und seine grau wie die Wolken an einem regnerischen Tag. Doch irgendwann öffnete er doch noch seinen Mund. „Vor einer Woche war der Jahrestag eines Ereignisses, an das ich nicht besonders gerne erinnert werde." Harley schob die Unterlippe hervor. „Und was für ein Ereignis?" Schon wieder antwortete er nicht. Dieses Mal war ihr Finger nicht schnell genug, sondern traf nur auf seinen Hals, den er, keine Sekunde später, hinabwanderte bis runter über den Rücken mit dem zerrissenen Drachen aus schwarzer Tinte. Da saß sie also nun, auf seinem Schoß, auf dem Bärenfell, innig küssend. Sie wusste ganz genau, worauf das hinauslaufen würde und sie hatte auch nichts dagegen. Überhaupt nichts, sie liebte es über alles. Doch trotzdem hätte sie vorher gerne erfahren, warum genau der meistgefürchtetste Superschurke Gothams sich im Moment nicht so benahm, wie sie es sonst von ihm gewohnt war...

Emergency Exit Madness - Abgebrochen Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt