Teil 13

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Philip liegt noch lange neben dem kleinen Novizen wach. Der Mond scheint hell durch das Fenster und beleuchtet das schlafende Gesicht des Jungen. Während Philip den jüngeren betrachtet gegen ihn die Worte seines Bruders Francis durch den Kopf. Empfindet er für den kleinen Engel wirklich mehr als es für einen Mönch schicklich wäre? Philip dreht diese Frage in seinem Herzen und wenn er ehrlich zu sich ist dann muss die Antwort „ja" lauten. Ohne Martin an seiner Seite fühlt sich Philip nicht seiner Aufgabe als Prior der Klostergemeinde in Kingsbridge gewachsen. Der jüngere ist so ein flinker Kopf und seine Ideen sind phänomenal. Philip weiss dass er sich stets auf seinen jüngeren Freund verlassen kann. Keine Aufgabe ist dem Kleinen zu schwer, nichts wird ihm zu viel. Egal um was Philip Martin bisher gebeten hat, Martin hat jede Aufgabe gewissenhaft und zügig erledigt. Nicht selten hat er dazu noch eigene, gute Ideen eingebracht. Außerdem gefällt Philip einfach auch Martins Humor und dass sie auf einer Wellenlänge schwimmen. Und dann muss sich Philip eingestehen dass er Martins Körper wunderschön findet. Das ebenmäßigerem Gesicht mit den strahlenden Augen die ihn stets interessiert anschauen. Das grenzenlose Vertrauen das aus dem jüngeren spricht ist atemberaubend. Wenn Martin lächelt dann hüpft Philips Herz und sein Lachen kann jegliche Verzagtheit aus Philips Herz verschwinden lassen. Martins Stimme klingt wie die eines himmlischen Wesens, Philip glaubt fest daran dass der Kleine ein Engel ist. Mehr als einmal durfte er ja schon dessen Flügel bewundern. Diese wunderschönen strahlend weißen Flügel, deren feste Schwungfedern wirklich ebenmäßig sind. Als Philip an die Daunen denkt muss er lächeln. Die zarten Federn fühlen sich unvergleichlich schön an. So schön um sein Seelenheil dafür aufzugeben? Philip streichelt Marin sanft und dann steht sein Entschluss fest: er wird diesen kleinen Dämon der sich heimlich in sein Herz geschlichen hat verlassen. In dem Moment wo Philip seine Hand von Martin nimmt schluchzt dieser im Schlaf. Als Philip das Wimmern hört fällt es ihm wie Schuppen von den Augen: der Kleine wartet mit Sicherheit am Rande des Abgrundes zur Hölle und er droht dort hineinzustürzen. „Oh, Gott, nein!" denkt Philip und er legt sich mit klopfendem Herzen neben Martin, umarmt ihn feste und schließt seine Augen um dem Knaben in der Traumwelt beizustehen. Kaum hat Philip die Augen geschlossen da sieht er schon Martin wie er sich ängstlich an ein Stück Fels klammert um nicht in den Spalt zu stürzen. Die Tiefe scheint den Jungen zu rufen. Philip ist mit ein paar Schritten bei Martin und er zieht ihn sanft in seine Arme. Martin weint, doch als er Philip bemerkt lässt er den Felsen los und krallt sich wimmernd an seinen Freund. „Ich hab gedacht du kommst heute gar nicht." sagt er um Fassung ringend. Sofort hat Philip ein schlechtes Gewissen. Er weiß ja eigentlich dass Martin unter diesen Alpträumen leidet und dass nur er ihn draus erretten kann. Philip erinnert sich dass ihm einst ein Engel des Herrn ihm den Auftrag gegeben hatte den Jungen zu retten. Wie kann er da bloß mit dem Gedanken spielen Martin zu verlassen? Philip drückt den aufgelösten Knaben sanft an seine Brust. „Es tut mir so Leid, bitte entschuldige mich. Ich habe noch mit Francis geplaudert während du längst eingeschlafen bist. Ich habe mich nicht beeilt." sagt Philip bekümmert. Er schämt sich zu sehr dass er danach noch seinen Gedanken nachgegangen ist anstatt sich sofort um Martin zu kümmern. Tröstend streichelt er dem Kleinen den Kopf. „Ist schon gut." murmelt Martin an Philips Brust. „Ich bin heilfroh dass du gekommen bist. Viel länger hätte ich es glaube ich nicht mehr ausgehalten." sagt er leise. Philip schaut Martin reumütig an und er sagt: „Bitte verzeih mir dass ich so spät gekommenen." Martin nickt und er lächelt zart. „Es ist doch nicht dein Fehler dass ich eingeschlafen bin." erwidert er errötend.

Am nächsten Morgen stehen Philip und Martin wie gewohnt sehr früh auf. Doch in der Burg gibt es keine Klosterbrüder. Sie sind alleine in der kleinen Kapelle und sie verrichten die Gebete in trauter Zweisamkeit. Da Philip Martin so gerne beim Singen lauscht feiert er die Laudes mit allen dazugehörigen Gesängen. Philips kräftiger Bariton hallt wunderschön durch die kleine Kapelle und als Martin seinen glockenhellen überirdischen Sopran darübersetzt schlägt Philips Herz gleich doppelt so schnell und er bekommt eine Gänsehaut. Er liebt diesen Gesang. Er klingt wirklich wie der Gesang der Himmel. Es kann einfach nicht sein dass Martin ein Dämon ist. So glockenrein wie er Gott lobt kann es einfach nicht sein. Philip wischt diese Furcht aus seinem Herzen und aus seinen Gedanken. Jetzt genießt er den Lobgesang und er fühlt sich dem Himmel ein Stückweit näher als wenn er heute morgen im Bett geblieben wäre um noch ein wenig auszuruhen. Bevor sie die Gebete beendet haben geht die kleine Kapellentür auf und Francis gesellt sich zu den beiden Betenden. Er kennt die Gebete ebenfalls auswendig und ihn hat der wunderbare Gesang geweckt. Francis ist kein Klosterbruder mehr. Er ist ein geweihter Priester aber ihm untersteht keine Gemeinde. Er ist für das Seelenheil niemand geringerem als dem König zuständig. Er liest ihm private Messen wann immer dem König danach ist. Außerdem ist er wie Philip auch in Kingsbridge aufgewachsen und da in Kingsbridge Bücher vervielfältigt werden kann Francis sehr gut lesen und schreiben. Sowohl in englisch, französisch als auch in Latein und selbst hebräisch und arabisch sind ihm geläufig. Als Schreiber des Königs verdient Francis gutes Geld so dass er in einem angenehmen Luxus lebt. Doch als er von den vertrauten Gesängen seiner Kindheit geweckt wurde hat sein Herz vor Freude gehüpft. Francis konnte gar nicht anders reagieren als schnellstmöglich aus dem Bett zu springen und in die Kapelle zu eilen. Sein Bruder Philip betet und dessen kleiner Novize betet inbrünstig mit. Francis steigt in die Gebete mit ein und als sie alle drei ihre Stimmen erheben um Gott zu loben ergreift Francis eine Sehnsucht die ihm unerklärlich ist. Er hat das Gefühl er könne die Herrlichkeit des Herrn erblicken, ja als würde ihm sein Bruder den Blick in den Himmel eröffnen. Auch ihm fährt ein Schauer über den Rücken und er bekommt eine Gänsehaut bei ihrem Gesang. Nachdenklich begleitet er seinen Bruder zum Frühstück. „Ich habe dich auf König Stefans Liste gesetzt. Er empfängt heute einige seiner Lehensleute. Er möchte Unterstützung in seinem Kampf gegen die Heiden im Norden bekommen. Ihr werdet empfangen wenn die Sitzung kurz vor Ende ist. Ich würde euch dennoch raten der königlichen Sitzung beizuwohnen." erklärt Francis und Philip lacht ihm erfreut zu. „Wir werden gleich mit dir kommen, wenn wir dürfen" sagt er aufgeregt und Francis lächelt über den Eifer der aus Philips Gesicht spricht. Die drei frühstücken gemeinsam. Während Francis die herrlichen Speisen gewohnt ist so ist das weisse, weiche Brot für Philip nicht alltäglich und für Martin gänzlich neu. Philip strahlt über die Speisenauswahl und empfiehlt Martin von dem süßen Brot zu kosten. „Nimm dir am besten von der gelben Butter und dem Honig darauf! Du wirst sehen, es ist köstlich!" berät er seinen Novizen der sehr skeptisch das Brot beäugt. Während Francis und Philip sich bedienen und anfangen ihr Frühstück zuzubereiten bleibt Martin eher verunsichert regungslos auf seinem Stuhl sitzen. Francis lächelt dem Kleinen zu und er fragt: „Was zögerst du?" Martin errötet weil ihn Francis so direkt angesprochen hat. Er neigt seinen Kopf und er flüstert: „Beten wir nicht gemeinsam?" Francis lacht und er schüttelt seinen Kopf. „Nur im Kloster wird vor den Mahlzeiten gemeinsam gebetet." erklärt er gut gelaunt. Noch Martin schaut erstaunt auf. Er ruft eifrig: „Nein! In der Familie unseres Baumeisters ist es ebenfalls üblich vor einer Mahlzeit Gott zu danken. Und in den Familien in Kingsbridge, bei denen ich schon essen durfte ebenso." Francis lächelt dem Kleinen zu und er sagt schulterzuckend: „Hier sind wir bei der Familie von Shyring zu Gast. Sie halten es nicht so streng mit den Regeln der Kirche. Als Gast darfst du dich den Gepflogeneheiten des Gastgebers anpassen." Martin schaut Francis ungläubig an und dann dreht er seinen Kopf um sich bei Philip zu vergewissern ob Francis Recht hat. Philip nickt seinem Novizen zu: „Ja, leider hat Francis Recht und die Herren von Shyring sind nicht für ihre Gottesfurcht berühmt." Martin zieht eine Schnute. „Aber sollten wir sie dann nicht daran erinnern dass es besser wäre Gott zu loben und den irdischen Reichtum als Seegen zu empfangen?" Philip denkt über die Worte seines Novizen nach. „Du hast Recht!" sagt er bestimmt und er steht auf und breitet seine Arme aus. Er segnet die frühstückenden Menschen und er fängt an Gott für die Speisen zu danken. Die allermeisten legen verschämt ihr Essen zur Seite und fallen in das Gebet mit ein. Als Philip zu Ende gebetet hat strahlt Martin zu ihm hinauf. Philip setzt sich wieder als sei das was er getan hat nicht unerhört und dann richtet er sich sein Essen. Martin schaut weiter bewundernd zu Philip. Als Philip sein Brot fertig bestrichen hat schneidet er es kurzerhand durch und er hält Martin eine Hälfte vor dessen Mund. „Junge, iss!" sagt Philip lächelnd. Er kennt seinen Novizen. Er würde höchstwahrscheinlich nicht die erlesenen Speisen kosten weil er glaubt dass er nicht würdig ist köstliche Dinge zu essen. Martin lebt wirklich bescheiden. Nein, eher karg. Martin besitzt nur das was er am Leib trägt. Wenn er ein zweites Hemd bekommt so verschenkt er es an Bedürftige, wenn er Schuhe bekommt gibt er sie weiter und er läuft barfuß. Beim Essen hält er sich weitgehend zurück. Er hat noch nie über Hunger geklagt, noch nie eine Portion mehr verlangt. Auch wenn er noch so hart arbeitet, Martin ist immer sehr bescheiden. Doch diesen köstlichen Honig soll der Kleine einmal probieren. Philip findet dass Honig und Martin hervorragend zueinander passen, sind sie doch beide zuckersüß.

PhilipWo Geschichten leben. Entdecke jetzt