Francis rollt gut gelaunt die Urkunden zusammen und er gibt sie Philip. Martin schaut Philip ernst an. "Wir sollten nicht hier zu Abend essen sondern gleich aufbrechen. Mir gefällt es nicht hier auf der Burg Shyring zu verweilen wo wir sie um ihr alleiniges Marktrecht, ihren Steinbruch, ihren Wald und ihre Lehen betrogen haben. Wenn ich der Burgherr wäre würde ich versuchen diese Vereinbarungen rückgängig zu machen, zur Not auch mit Gewalt." Philip wird blass und Francis nickt anerkennend. "Du hast recht, kleiner Novize." sagt Francis ernst zu Martin. "Kommt, ich geleite euch noch zu den Ställen. Sollen wir uns noch in der Küche Proviant holen?" Martin schüttelt seinen Kopf. "Nein, wir gehen direkt zu den Ställen. Philip schaut Martin entsetzt an. "Meinst du wirklich wir sind in Gefahr? Wir haben doch nichts unrechtes getan!" Martin schaut Philip direkt in die Augen und er sagt: "Die Wahrheit liegt im Auge des Betrachters. Ich bin mir sicher dass der Graf von Shyring diese Urkunden hier als Unrecht ansieht. Er hat vorhin dem König die Treue geschworen und ihm zehn bewaffnete Ritter für den Kampf zugesagt. Ich bin mir sehr sicher dass er es nicht auf sich beruhen lassen wird dass wir ihm so viel wegnehmen dürfen." Philip schaut betroffen. Doch entschlossen geht er hinter Francis und Martin zu den Ställen. Er ist nicht gewillt den Grafen von Shyring um Erlaubnis zu fragen die königlichen Anordnungen auch umsetzen zu dürfen. "Der Krieg spielt dir in die Karten, Pilip." sagt Francis. Wenn der Graf und seine Mannen im Krieg sind werden sie nicht merken wie ihr die Steine für eure Stadtmauer schlagt. Vielleicht seid ihr schlagkräftig genug wenn sie zurückkommen um euch gegen seinen Zorn zur Wehr zu setzen." Philip seufzt und nickt. "Möge Gott seine schützende Hand über euch halten." sagt Francis und er küsst Philip. "Möge der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, dich bewahren." antwortet Philip und er umarmt Francis. "Danke für alles." sagt Martin und er lächelt Francis schüchtern zu. Francis strubbelt durch Martins Haare. "Du bist ein vorlautes aber kluges Kerlchen. Ich freue mich schon darauf dich wieder zu sehen. Wer weiss wer du dann bist." "Ich werde Martin sein." sagt Martin verwundert. Francis lacht und er reicht dem Jungen einen Beutel. "Geh und hole etwas Hafer für unterwegs. Es wird euch genau so schmecken wie euren Tieren." Martin nickt und er nimmt den Beutel. Er wendet sich zum gehen um den Beutel mit dem Hafer zu füllen. "Du hast da einen klugen Jungen." sagt Francis lächelnd zu Philip. Der nickt und sagt: "Ja, er ist so etwas wie meine rechte Hand geworden. Er lernt schnell und ist ausserdem bescheiden." "Falls du ihn mal irgendwann nicht mehr bei dir im Kloster haben möchtest dann kann ich mir ihn gut als meinen Sekretär vorstellen, falls du verstehst was ich meine." sagt Francis. Philip stutzt. "Wozu benötigt ein Sekretär einen Sekretären?" fragt er lachend. Francis sagt etwas angesäuert: "Als ob dir sein hübsches Gesicht und sein engelsgleiches Lächeln nicht aufgefallen wäre!" Nun hält Philip entsetzt inne. "Was willst du von ihm?" fragt er mit wütender Stimme. Francis hebt abwehrend die Hände. "Nichts was ein solch ausserordentlich hübscher Knabe nicht auch wollte. Ich würde ihm kein Haar krümmen aber ich würde ihn auch nicht hinter den Klostermauern vergammeln lassen." Philip schaut Francis entsetzt und wütend an. „Bist du von allen guten Geistern verlassen?" zischt er seinem jüngeren Bruder böse zu. „Du kannst doch nicht ernsthaft meinen Novizen lüstern anschauen und mich dann noch um ihn bitten!" Philip starrt Francis völlig fassungslos an und Francis merkt dass er eine Grenze überschritten hat die er besser nicht überschritten hätte. Er weiß ja eigentlich dass sein älterer Bruder sich an die Regeln der Kirche und ganz besonders das Keuschheitsgelübte hält. Schon als sie Knaben waren ist Philip die Enthaltsamkeit wesentlich einfacher gefallen als ihm selber. Schuldbewusst senkt Francis sein Haupt. „Ich wollte deinem Novizen nicht zu Nahe treten. Er scheint einaufgewecktes Bürschchen zu sein und ich kann mir sehr gut vorstellen dass er etwas von der Welt sehen möchte." nuschelt Francis entschuldigend. „Philip zischt erbost: „Nicht so lange ich es verhindern kann. Ich lasse nicht zu dass irgendjemand seine schmutzigen Finger auf ihn legt, nicht einmal wenn der jemand du bist!" Böse starrt Philip seinen jüngeren Bruder an. Er hat ihn ja eigentlich lieb aber dessen sexuelle Eskapaden haben ihn schon früher sehr genervt. Francis hat doch genau wie er ein Versprechen gegeben. Sie haben sich der Kirche versprochen und ein Gelübte abgelegt. Wie kann Francis es nur ständig und ständig brechen? Weiß er denn gar nicht wie wichtig es ist dass man in jeglicher Hinsicht mit ganzem Herzen bei einer Sache ist? Vor allem wenn man ein Mann Gottes ist so ist es doch wichtig dass man diese Tatsache ernst meint. Ein Mönch zu sein hat nicht nur Vorteile, man muss mit seinem Lebenswandel sich diese Vorteile verdienen. Man steht als Mönch gesellschaftlich über den Bauern, und in weiten Bereichen der Gesellschaft neben dem Adel. Das ist ein Privileg. Von den Adligen wird für ihre Privilegien erwartet dass sie in Zeiten des Krieges ihrem König mit Waffen in die Schlacht folgen, von den Mönchen wird erwartet dass sie die Gebote der Kirche befolgen, beten, arbeiten und sich keusch verhalten. Dass Philips eigener Bruder diesen Erwartungen so gar nicht gedenkt zu entsprechen verletzt Philip zutiefst. Er nimmt die Gebote sehr ernst und er erwartet, ja verlangt von allen anderen Männern der Kirche dass sie sich genau so loyal verhalten. Francis erkennt in Philips steinernem Blick dass sich die Ansichten seines älteren Bruders in keinster Weise verändert haben. Auch nicht wenn er einen engelsgleichen Knaben bei sich hat. Francis wird rot als er sich dabei erwischt dass er nicht nachvollziehen kann dass Philip nicht den Verlockungen der köstlichen Lippen oder des niedlichen Gesichtes seines Novizen erlegen ist. Gleichzeitig schämt er sich zutiefst für seine Gedanken und Gefühle. Francis versteht seinen älteren Bruder. Theoretisch würde er ebenfalls gerne so konsequent keusch leben, doch er kann es einfach nicht. Als Jugendlicher hat er seinen älteren Bruder sehr bewundert und ihm nachgeeifert. Doch seit dem er aus dem Kloster heraus ist ist er den Verlockungen immer öfters erlegen so dass er inzwischen meint es sei ganz normal dass auch ein Mann der Kirche seine Bedürfnisse zwischendurch einmal befriedigt. Nun dem wütenden Blick Philips ausgesetzt zu sein lässt Francis an seiner Haltung zweifeln. "Du hast ja Recht, Philip. Ich sollte nicht so denken und schon gar nicht so handeln." beichtet er zerknirscht. Philip brummt unwirsch und wird in dem Moment von einem entsetzten Martin unterbrochen. "Was ist euch den passiert dass ihr euch so angiftet?" fragt der Kleine erschrocken. Philip schaut Francis wütend an und der sagt reumütig: "Philip musste mich mal wieder daran erinnern dass es in der Kirche ein Keuschheitsgelübde für Priester und Mönche gibt." Martin nickt verstehend. "Das ist sehr wichtig." belehrt der Jüngere Francis und er fährt fort dem älteren zu erklären weswegen das Keuschheitsgelübde richtig und gut und unbedingt zu beachten sei. Francis muss ein wenig schmunzeln denn die Worte die der Knabe so eifrig vorträgt erinnern ihn sehr an die Worte die sein Bruder stets benutzt hat wenn er ihn ermahnt hat. "Du hast viel von meinem Bruder gelernt." lächelt Francis. Philip knufft Francis und er sagt: "Was Martin da eben so glühend vorgetragen hat ist wahr. Wir leben nach den Regeln der Kirche und du solltest das auch tun. Und wenn du es nicht schaffst, so solltest du wenigstens nicht in Erwägung ziehen unschuldige Novizen vom rechten Weg abzubringen!" Francis zieht seinen Kopf ein und er beugt sein Haupt vor Philip. "Du hast ja Recht. Ich werde mich bessern." verspricht er und Philip nickt versöhnlich. Dann seufzt er einen Abschied. Philip liebt seinen Bruder und es zerreisst ihm das Herz dass er ihn wieder einmal ausgeschimpft hat. Er umarmt den jüngeren und er sagt ihm dass er ihn lieb hat. Francis wundert sich über die Geste, geniesst sie aber sehr. "Ich verspreche dir ich werde mich bessern." flüstert er seinem Bruder zu und der lächelt ihn dafür an. "Ich nehme dich beim Wort. Es freut mich dass du dich bessern willst." freut sich Philip ehrlich. Als Philip sich verabschiedet hat nickt Francis dem Martin noch freundlich zu und Philip und Martin besteigen ihre Reittiere und verlassen die Burg. Martin reitet nachdenklich neben Philip her. Der wundert sich über seinen grübelnden und in sich gekehrten Begleiter. "Was beschäftigt dich?" fragt Philip und Martin schaut ihn irgendwie ängstlich an. Philips Herz krampft ein wenig bei dem betrübten Ausdruck in dem Gesicht seines sonst so gefassten Freundes. Martin scheint mit sich zu Ringen. Es scheinen ihm die Worte zu fehlen oder er scheint sich nicht zu trauen die Frage zu stellen die ihm unter den Nägeln brennt. "Du kannst mich alles fragen." fordert Philip den Kleinen noch einmal freundlich auf und endlich traut sich Martin sich dem älteren anzuvertrauen: "Was meintest du damit als du sagtest dass Francis unschuldige Novizen vom rechten Weg abbrächte?" Philip seufzt. Er hatte eigentlich nicht vor den Kleinen darüber aufzuklären wie das unkeusche Leben aussieht. Dennoch glaubt er dass es richtig und wichtig sei dass Martin zumindest theoretisch die andere Seite des Lebens kennen lernt bevor er darauf verzichtet. Francis und er selber haben viel zu früh der Kirche Treue und Keuschheit geschworen. Für Philip war das nicht schlimm, er hat das Versprechen, einmal gegeben nie gebrochen. Als Francis aber erfahren durfte auf was er sich da eingelassen hat fühlte er sich wohl verraten und nimmt es Prior James sehr übel dass er ihn so früh für die Kirche rekrutiert hat. Philip nimmt also all seinen Mut zusammen und er klärt seinen kleinen Novizen über das Leben und die Liebe auf. Martin hört staunend und mit weit aufgerissenen Augen und Mund dem älteren zu. Er erfährt Dinge die er einfach noch nicht wusste. Als Philip geendet hat schaut Martin traurig. "Was bedrückt dich, Kind?" fragt Philip sanft und aus Martin platzt wehmütig: "Ich glaube mich liebt niemand!" Philip zügelt sein Reittier und er steigt ab um zu Martin zu gehen. Er nimmt den jüngeren von dessen Muli und er umarmt ihn feste. "Doch, Martin, ich liebe dich." sagt er mit belegter Stimme. Es auszusprechen fällt Philip unendlich schwer aber er weiss dass er es dem Kleinen unbedingt sagen muss. Niemand soll sich ungeliebt fühlen. "Ausserdem liebt dich Gott." lächelt er dem Knaben zu. Martin schaut Philip ängstlich an. "Aber...." stottert er, "aber wir dürfen doch niemanden lieben, hast du selbst gesagt!" Philip schaut Martin ernst an. "Doch, wir dürfen lieben. Die Agape, die reine Liebe dürfen wir empfinden. Lediglich die Lust, also die Eros, die sollten wir nicht ausleben. Ich liebe dich mit meinem Herzen, Martin, nicht mit meinem Körper." Martin strahlt wie nur er strahlen kann. Wortwörtlich. Es wird um einiges heller um Philip herum. "Ich liebe dich auch, Philip!" sagt der Kleine und er umarmt Philip und er drückt sich eng an seinen Prior. "Ich liebe dich mit jeder Faser meines Herzens. Du hast mir das Leben geschenkt und ich bin dir dafür sehr dankbar."
