Während König Stefan immer mehr mit den Mönchen lacht und scherzt und mit ihnen zusammen betet, zieht sich der Dämon immer mehr zurück. Er besucht zwar noch die Gottesdienste und Gebete aber er steht dort meist mit gesenktem Haupt und die Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Die Worte Philips dass Martin sein Meister sei machen ihm schwer zu schaffen. Der Dämon dachte bisher dass Stefan sein Meister sei weil er diesem beim letzten Kampf in die Finger gespielt wurde, doch Liu Tse hat den Sieg für den König errungen. Dies allein wäre ja nicht schlimm, er würde dann trotzdem dem König gehören vor allem weil Martin keinerlei Besitzansprüche gestellt hat. Er war so schnell verschwunden dass auch niemand daran dachte den kleinen Dämon zu fragen wie es mit dem großen weiter gehen soll. Und nun wurde er in einem spielerisch gemeinten Kampf erneut bezwungen. Liu Tse kämpft einfach in einer ganz anderen Liga! Während sich der Dämon richtig angestrengt hat und all seine Kniffe und Tricks angewendet hat schien es für Liu Tse ein kleiner Spaziergang zu sein. Alle verbalen Gemeinheiten sind an den kleinen Dämon abgeprallt als würde er sie nicht hören. Die Schläge sind an ihm abgeprallt als wüsste Liu Tse lange vorher wo der Dämon hinschlägt und er konnte sich gut darauf vorbereiten. Und die Tritte verpufften im Nichts weil Liu Tse einfach nie da war wo der Dämon hin treten wollte. Als es zu doof wurde wollte der Dämon seine Flügel ausbreiten und das Dämonsfeuer beschwören um zu gewinnen. Doch Liu Tse hat ihn mit dem flachen Schwert berührt ganz entsetzlich geleuchtet so dass es in des Dämons Augen brannte und mit einem schiefen Lächeln gesagt: „Denk nicht mal dran!" Das hat den Dämon so aus dem Konzept gebracht dass der Kleine ihn besiegen konnte. Und nun erhebt Philip Besitzansprüche. Er wird diesem entsetzlich mächtigem Martin gehören. Lucifer erschaudert. Dieses Licht um den kleinen Kerl macht ihm Angst weil er nicht weiß was das ist. Kein Dämonfeuer könnte so hell leuchten wie Martin in diesem Augenblick. Sollte der Kleine wirklich die Seiten gewechselt haben? Sollte er wirklich ein Engel sein? Einer der himmlischen Heerscharen die für Gott selbst streiten? Luzifer erschaudert. Er kann sich nicht erklären warum aber er fühlt sich so ohnmächtig neben Martin. Kein noch so verführerisches Wort wird in Martins Ohr dringen, kein Schatz der Welt seine Habgier wecken, kein hübsches Gesicht seine Lust zu Tage treten lassen, nichts kann Martin verführen auch nur falsch zu denken. Der Dämon namens Lucifer fühlt sich nicht wohl in seiner Haut. Einem anderen Dämon zu gehören ist schon schrecklich, aber einem Engel zu gehören? Wie soll das nur funktionieren? Ob der Engel ihn taufen wird? Ob er dann verbrennen muss? Lucifer hat furchtbare Angst. Die schleppt er jeden Tag ein Stückchen schwerer mit sich herum. Als Martin ihn anspricht um mit ihm zu reden kann Lucifer nicht mehr. Am liebsten würde er zurück in die Hölle fahren. Aber dort ist es auch nicht schön. Lucifer schleicht bedröppelt hinter Martin her und die beiden setzen sich in den Klostergarten auf eine Bank. „Was bedrückt dich?" fragt Martin direkt. Lucifer druckst herum. Er kann es einfach nicht sagen. Wie soll er seine Angst in Worte kleiden? Er schaut seine Hände an die in seinem Schoss ruhen. Er drückt die Hände so dass sie ganz weiss werden. Martin legt seine Hand sanft auf die verkrampften Hände des Dämons. „Sag, was bedrückt dich? Du siehst unglücklich aus." lockt Martin den anderen sein Leid zu klagen. Doch der schüttelt seinen Kopf. „Ich weiss nicht." flüstert er heiser. Der Dämon windet sich und er fühlt sich ganz offensichtlich sehr unbehaglich. „Möchtest du nicht mit mir reden?" fragt Martin und der Dämon schüttelt seinen Kopf. „Nein, ich will nicht mit dir reden." sagt er sehr leise. Sich seinem Meister zu widersetzen bedeutet in der Regel den Tod für die Dämonen. Doch Lucifer ist sich sicher dass er nicht vom Engel zum Teufel gejagt wird. Er muss darüber ein bisschen schmunzeln. Martin schaut den schmunzelnden Dämon fragend an. „Was erheitert dich?" fragt er und Lucifer schaut Martin wieder ängstlich an. Martin seufzt. „Möchtest du gar nicht reden oder nur mit mir nicht reden?" fragt Martin. „Mir dir will ich nicht reden." sagt Lucifer leise. Zum zweiten mal hat er seinen Meister abgewiesen. Wie lange kann das noch gut gehen? Lucifer zittert inzwischen. Eigentlich will er gar nicht zurück in die Hölle müssen. Die Hölle ist selbst für die Dämonen ein furchtbarer Ort. So trist und dunkel dass man selbst ganz schwermütig wird. Die Schmerzen und Pein sind selbst für die Wesen der Hölle nicht gut auszuhalten. „Soll ich Philip rufen, so dass er mit dir redet?" fragt Martin. Der Dämon nickt. Wie als habe er Sehnsucht nach Martin tritt Philip aus dem Kreuzgang und er schaut sich im Klostergarten Um. „Philip!" ruft Martin laut und er winkt seinen Schatz herbei. Philip geht zu den beiden und er lächelt Martin sanft zu. Die beiden begrüssen sich mit einer kurzen Umarmung und Martin schildert sein Dilemma. „Unser Dämon möchte mir seinen Kummer nicht anvertrauen." Philip schaut den Dämon an und der schämt sich zutiefst. Zumindest hat er den Kopf gesenkt und er blickt auf seine Hände. „Soll Martin weg gehen?" fragt Philip lieb. Der Dämon schüttelt seinen Kopf. Ein drittes mal mag er seinen Meister nicht vor den Kopf stossen. „Nein, er soll bleiben." seufzt er. Philip kniet sich vor den Dämon und er nimmt dessen kalte Hände in seine. Von unten schaut er in das hoffnungslose Gesicht des Dämons. „Was bedrückt dich, Kleiner? Wie kann ich dir helfen?" Der Dämon schaut erstaunt den Prior an. Wie kommt der sterbliche darauf dass er ihm helfen könnte? Doch dann muss Lucifer weinen. Philip nimmt ihn wie ein Kind in den Arm und er hält ihn und er wiegt ihn. Nach einer Weile schnieft der Dämon: „Ich will nicht zurück in die Hölle." Philip streichelt über die blonden Locken des Dämons die ihn so sehr an die Haare von Martin erinnern. „Können wir das verhindern?" fragt Philip sanft. Der Dämon schluchzt nun viel lauter um dann zu sagen: „Ich weiss es doch nicht." Martin legt eine Hand zart auf den Rücken des traurigen Dämons. „Wenn du dir was wünschen dürftest, was wäre das?" fragt er lieb. Lucifer dreht sich in Philips Armen um und er schnieft: „Bitte schickt mich nicht weg." Martin lächelt nun. „Das werden wir bestimmt nicht machen." sagt er glücklich weil der Dämon nun auch mit ihm redet. Lucifer schaut bedröppelt zu Martin. „Aber der König reist doch bald ab, muss ich da nicht mit?" Martin schüttelt nun seinen Kopf. „Wenn du nicht möchtest dann musst du nicht mit." sagt er bestimmt. Philip stimmt Martin zu. „Wenn es dein Wunsch ist hier zu bleiben so darfst du hier bleiben." Lucifer zieht die Nase hoch. Er wischt mit dem Ärmel seines Gewandes seine Augen trocken. „Darf ich im Kloster wohnen? So richtig?" fragt er hoffnungsvoll. Martin nickt und er schaut zu Philip. Philip fragt erstaunt: „Du weisst aber wer wir sind und was wir machen?" Nun grinst der Dämon. „Ihr seid fromme Menschen und ihr lebt Gottesfürchtig." gibt er brav Antwort. Philip nickt. „Und was bist du und was möchtest du bei uns?" Der Dämon verzieht sein Gesicht. „Ich bin Lucifer, ein Dämon und ich will mich bei euch vor der Hölle verstecken." Martin schaut Lucifer erstaunt an. Ein Dämon verrät seinen Namen nicht. Der Name gibt demjenigen der ihn kennt viel Macht. Philip und er können den Dämon nun selbst aus der Hölle rufen, der Dämon müsste gehorchen. Lucifer scheint ihnen echt zu vertrauen dass sie seinen Namen nicht missbrauchen. Philip kennt dieses Geheimnis nicht. Woher auch? Martin hat ihm einst ja auch sehr bereitwillig seinen Namen verraten. Er lächelt dem Dämon dennoch zu. „Dann wollen wir dich gerne in unserer Mitte aufnehmen und dich vor der Hölle verstecken, Lucifer, Lichtbringer." Lucifer strahlt vor Freude. „Was wollt ihr dafür von mir haben?" fragt er eifrig. „Nichts, Lucifer." sagt Philip ruhig. „Wir möchten dafür keine Gegenleistung." erklärt Martin. Lucifer staunt. Normalerweise gibt es nichts einfach nur so. „Warum tut ihr das?" fragt Lucifer erstaunt. „Warum tun wir was?" fragt Philip nach. „Na, ihr habt mir das Leben gerettet indem ihr mich aus den kalten Fluten gezogen habt. Ihr habt nicht nur mich, sondern auch meinen Meister gerettet, der in tödlicher Absicht unterwegs zu euch war. Nun ist Martin mein Meister geworden und dennoch benutzt ihr mich nicht sondern ihr habt versprochen mir zu helfen, warum?" Lucifer schaut Philip ernst an. Philip zuckt hilflos mit seinen Schultern. „Weil er es kann." sagt Martin. „Philip kann gütig sein. Er kann verzeihen dass der König seine Stadt angreifen wollte. Stefan hat sich ja schon entschuldigt und nun will er Kingsbridge nicht mehr angreifen. Im Gegenteil, er möchte eine Kapelle in unserer Kirche haben und dort sollen wir für ihn beten. Der königliche Schutz ist uns nun sicher. Würden wir schmollen dann würde Stefan abreisen ohne dass wir für sein Seelenheil bitten könnten. Das wäre nicht gut, denn dann hätten wir ja auch nicht seinen Schutz. Und dass du nun unser Dämon bist ist für Philip nicht weiter schlimm. Er hatte ja schon einmal einen und Philip weiss wie man Dämonen am besten führt: indem man anders ist als alle anderen Meister zuvor. Du kannst dich glücklich schätzen. Philip wird dich lieben, dir den Himmel zeigen und wenn du dafür bereit bist dich taufen. Er kann aus uns höllischen Wesen Kinder des Lichts machen. Ich glaube du warst einst einer?"
Lucifer schaut in sich gekehrt. Dieses andere Leben ist schon so lange her dass es schon gar nicht mehr wahr ist. Doch er kann sich an eine Zeit erinnern an der er nicht ständig gehetzt durchs Leben ging, eine Zeit in der Ruhe geherrscht hat, auch für ihn. Er kann sich an eine Zeit erinnern in der er nicht den Seelen der Menschen hinterher gelaufen ist, er konnte Freundschaften schließen. Es gab einmal eine Zeit in der er nicht ständig in Todesangst leben musste, das Paradies war ihm sicher. Doch dann hat er es vermasselt. Lucifer wollte das Licht in die Welt bringen. Den Himmel zu den Sterblichen bringen. Er hat in Gottes Werk herumgepfuscht um es zu verbessern. Irgendwie ist ihm das nicht so wirklich gelungen. Derjenige der ihn aus dem Himmel geworfen hat hat einst gesagt dass er das Werk verschlimmbessert hat. Gott hat seinen Geschöpfen einen freien Willen gegeben. Sie dürfen für ihr Leben selbst entscheiden. Er hat ihnen die Erkenntnis zwischen Gut und Böse gegeben. Lucifer wollte das Böse ausmerzen. Er wollte die reine Erkenntnis, das reine Gute in die Welt bringen und nun ist er der Inbegriff des Bösen. Er, der einst das Licht war bringt nur noch Schatten. Er kann kein Leben mehr schenken, nur noch Hass, Krieg und Tod. Keine Liebe mehr bringen, nur noch Verderben. Und doch haben ihn der sterbliche Philip und der kleine Dämon Martin aus den Fluten gezogen. Sie haben ihn nicht ertrinken lassen, sie haben ihm ihren Odem geschenkt bis sie ihn aus der Rüstung befreit hatten um ihn heraufzuziehen. Über den Rand der Hölle ist Lucifer gestürzt doch Martin hat ihn aufgehalten. Er hat seine Hand festgehalten so dass Lucifer kein zweites mal abstürzt. Die Hölle hat nach ihm gegriffen aber der kleine Dämon hat so tapfer ausgehalten. So viele Menschen haben sich an ihn gekrallt. Lucifer hatte Angst dass sie dazu beitragen dass sie alle in die Hölle stürzen aber Martin hat den Menschen Mut gemacht sich festzuhalten. „Haltet durch, Rettung naht. Haltet euch fest, ihr werdet gerettet!" hat er ihnen stets zugerufen und er hatte Recht. Philip ist gekommen um eine Seele nach der anderen aus dem Höllenspalt zu ziehen. Zuletzt auch Lucifer und danach Martin. Die beiden haben alle gerettet. Nicht nur an dem Rand dieser entsetzlichen Hölle. Auch in der Krankenstube. Sie haben Wunden ausgewaschen, Gliedmassen verbunden und Fieber gesenkt. Lucifer war lediglich ein wenig unterkühlt und er war einer der ersten die hätten gehen dürfen. Doch Lucifer wollte nicht. Er ist bei dem König geblieben und er hat zunächst gedacht er würde wieder mit dem König ziehen. Doch jeden Tag den er im Kloster verbrachte hat Lucifer gemerkt dass er hier hin gehört. Hier leben möchte. Lucifer hat es satt Menschen zu verführen, ihnen böse Gedanken einzuflüstern, ihre Sehnsüchte ins unermessliche zu führen, ihre Grausamkeiten zu verstärken. Hier ist er das erste Mal seit unendlich langer Zeit wieder ruhig. Er kann atmen. Die Gebete klingen zwar nicht wie die himmlischen Heerschaaren aber sie kommen dem doch sehr nahe. Hier hört er von Gottes Güte, von seinem erneuerten Bund, von dem Versprechen dass selbst der Sünder seine Schuld abgeben kann weil Gott selbst dafür gesühnt hat. Lucifer weiss was er will. Er will hier bleiben. Er schaut auf und er nickt. „Ja, einst war ich ein Engel." sagt er leise. Lucifer entfaltet seine schwarzen Flügel. Sie schmerzen nicht mehr und er kann sie völlig entfalten ohne dass ihm die Sehnen reissen oder die Knochen knacken. Doch der himmlische Glanz bleibt aus. Der Lichtbringer hat kein Licht mehr übrig das er bringen könnte. Er ist eine traurige Karikatur seiner selbst. Lucifer schämt sich. Martin nimmt den gefallenen Engel in seine Arme und er streichelt ihm den Rücken. „Ich bin mir sicher dass du hier glücklich wirst. Glücklicher als da draussen. Hier werden Philip und ich über dich wachen damit dir kein Übel mehr zustößt." verspricht Martin. Lucifer nickt und er lässt sich von den beiden trösten. Hier in Kingsbridge wird Lucifer einen Neuanfang wagen. Hier, zwischen all den Menschen die er einst verführt hat und denen er böses wollte. Remigius, dem er eingeredet hat er könne ein Kloster leiten, Alfred, dem er eingeredet hat dass sein Vater nicht ihn, sondern seinen Ziehbruder liebt. Jake, dem er das selbe eingeflüstert hat. Francis, dem er eingeredet hat dass kleine Jungs sich ganz hervorragend als Sexualpartner eignen, dem er zuletzt verstümmelt hat und dem er nach dem Leben getrachtet hat. Matthias, dem er eingeredet hat dass der Lebenswandel seiner Schwester entsetzlich wäre und er die Schuld dafür trage, Bella, der er eingeredet hat dass sie ihre Krankheit verdienen würde, Tom, dem er eingeredet hat dass er als alleinstehender Mann keinen Säugling ernähren könnte, Peter, dem er eingeredet hat er sei besser als all die anderen Novizen. Sie alle haben ihm widerstanden. Sie alle haben ihr Leben zurechtgerückt und sie sind seiner Macht entglitten. Nun wird Lucifer sich unter sie gesellen und er hofft dass er zur Ruhe kommen kann, dass Philip und Martin ihn daran hindern in alte Gewohnheiten zu fallen. Lucifer will wieder zum Licht gehören. Er weiss noch nicht wie das gehen soll aber er möchte die Antwort hier in Kingsbridge finden.
