Teil 4

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Liu Tse ist ab sofort für das kleine Baby zuständig. Er ist derjenige der die Windeln wickelt, die Fläschchen füttert und das Baby umsorgt. Er hatte eh noch keine wirklich feste Aufgabe und hat mal hier mal dort ausgeholfen. Stets sehr fleissig aber immer nur zusätzlich zu demjenigen der mit der Aufgabe betraut ist. Liu Tse nimmt auch diese Aufgabe sehr ernst. Man sieht ihn so gut wie nie ohne das Baby das bald auf den Namen Johannes getauft wird. Philip selber tauft den Säugling den Liu Tse über das Becken hält. Natürlich murren einige Brüder über das Kind. Im Dormitorium wollen sie den Kleinen nicht haben weil er ihren Schlaf stört. Da Philip nun im Priorshof ein eigenes Schlafgemach hat und nicht mehr bei den anderen Brüdern schläft zieht Liu Tse mit dem Baby kurzerhand zu ihm. Ab sofort sind die Nächte unruhig und weder Philip noch Liu Tse können wirklich durchschlafen. Das Baby fordert sie sehr. Der Kleine wacht nachts mehrmals auf und er muss nicht nur gefüttert und gewickelt werden. Stunden verbringen die beiden das Baby im Arm zu wiegen und ihm Schlaflieder zu singen. Liu Tse scheint die schlaflosen Nächte besser wegzustecken als Philip. Bald ist eis ein eingespieltes Ritual dass sie zwar zu dritt einschlafen, aber Liu Tse bald für das Kind aufsteht und sich dann mit ihm in Philips Arbeitszimmer zurückzieht um den Kleinen Johannes zu umsorgen. Natürlich ärgert sich Philip dass er seinen Novizen mit dem Baby so sehr im Stich lässt aber er könnte sich tagsüber kaum auf seine eigentlichen Aufgaben als Prior konzentrieren wenn er sich die Nacht um die Ohren hauen würde. Liu Tse sieht man fast nur noch mit Johannes herumlaufen. Er nimmt ihn mit in die Kirche wenn die Gebete und Messen abgehalten werden, er nimmt ihn auch mit zum Küchendienst und er hätte ihn mit ins Scriptorium genommen, wenn sich die anderen nicht so sehr an dem Baby gestört hätten. Doch ihre Konzentration leidet wenn der kleine Johannes weint und so geht Liu Tse anstatt die heiligen Schriften abzuschreiben zu Philip und er lernt dort lesen und schreiben. Da Philip nachts sich so gut wie nicht mehr um den kleinen Johannes kümmert ist es ihm wichtig dass er es wenigstens über Tag tut. Regelmässig nimmt er Liu Tse das Baby nachmittags ab so dass der kleine Novize auch einmal eine Babypause hat. Selten dass sich Liu Tse von Johannes lösen kann und so verbringen sie häufig die gemeinsame Zeit zu dritt.

Da Philip den Kirchturm wieder aufbauen lassen möchte kommen Handwerker nach Kingsbridge. Es sind raue Kerle und zum Teil haben sie ihre Familien mit. Liu Tse hilft Matthias die Gästezimmer herzurichten. Ein kleines, dünnes Mädchen beobachtet ihn mit grossen Augen wie er die Betten bezieht. Sie bedankt sich ganz lieb und Liu Tse findet das sehr süß. Sie staunt nicht schlecht als Johannes weint dass der nette kleine Mönch ein Fläschchen für das Baby dabei hat. Die Kleine fragt sofort nach etwas zu Essen für sich. Liu Tse nimmt sie an die Hand und geht mit ihr zu Matthias in die Küche. Das Mädchen darf sich an den Tisch setzen und Liu Tse bringt ihr etwas Brot und Schmalz. Die Kleine haut tüchtig rein. "Aber Junge!" tadelt Matthias Liu Tse lachend. "Wenn du die Bettler vor den Brüdern versorgst, bekommst du Ärger." Liu Tse nickt und macht eine entschuldigende Geste. Da das Mädchen satt ist möchte sie den Namen des netten Mönchs wissen. Sie sagt: "Ich heisse Martha, wie heisst du?" Liu Tse macht eine Geste dass er nicht sprechen kann. Matthias antwortet an seiner Statt: "Er spricht nicht und er hat auch keinen Namen. Zumindest keinen den wir kennen. Ich nenne ihn meist Junge." Liu Tse nickt zustimmend und das Mädchen ist traurig dass Liu Tse keinen Namen hat. Er tätschelt ihr tröstend den Kopf und zuckt mit den Schultern. Der Name ist ihm nicht so wichtig. Hauptsache er weiss was er ist. Und kein Dämon mehr zu sein fühlt sich phantastisch an. Liu Tse bringt das Mädchen wieder zu den Gästezimmern. Dort warten seine Eltern und älteren Brüder auf sie. Sie haben sich Sorgen gemacht wo die Kleine wohl sei. "Papa, der namenlose Mönch hat mir ganz viel zu essen gegeben!" plappert die Kleine fröhlich. Sie kann wie ein Wasserfall reden und das tut sie nun auch. Sie erzählt allen haarklein was sie an diesem Nachmittag erlebt hat. Der Vater schaut den kleinen Novizen an und entdeckt dann das Baby das der um den Bauch geschnallt trägt. Mit grossen Augen fragt er den unbekannten Mönch wo der das Baby wohl her hat. Aber Liu Tse kann nur entschuldigend mit den Schultern zucken. Der grosse, dunkelhaarige und etwas rauhe Mann fragt lieb ob er das Baby einmal halten dürfe. Liu Tse holt Johannes aus dem Tuch und reicht ihm dem grossen Mann. Das Baby passt mühelos in die schaufelgrossen Hände. Verliebt schaut der bärtige Handwerker das entzückende Baby an und seine Söhne drängen sich um ihn herum. "Schaut einmal wie klein er ist." sagt der Vater mit belegter Stimme. "Sie werden viel zu schnell gross!" lacht die Mutter und lehnt sich ebenfalls über den Säugling um ihn zu betrachten. Verliebt sagt der Vater: "Alfred, du warst auch einmal so klein." Der angesprochene ist ein grosser Junge, etwa genau so alt wie Liu Tse aber mindestens zwei Köpfe grösser. Er hat wie der Vater schwarzes Haar und die kräftige muskelbepackte Statur. Er schaut überhaupt nicht glücklich drein dass er mit dem winzigen Baby verglichen wird. Doch der kleine Johannes hat ebenso wie die beiden Männer schwarze Haare. Martha, die ebenfalls schwarze Zöpfe trägt und dem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten ist sagt andächtig: "Er ist ganz genau so süss wie unser Baby es war, nicht wahr?" Traurig nickt der Vater und eine kleine Träne rinnt aus seinem Augenwinkel. Er reicht dem kleinen Mönch das Baby und er krächzt: "Ja, Martha, er ist genau so süss wie unser Baby es war." Liu Tse betrachtet die Familie. Die Frau die bei ihnen ist hat braunes, gelocktes Haar und der andere Sohn hat flammend rote Haare. Er sähe aus als würde er nicht zur Familie gehören wenn er nicht die selben grünen, leicht schräg stehenden Augen wie die Mutter hätte. Er hat einen abweisenden, ja ängstlichen, gehetzten Blick. Ganz anders als die kleine Martha. Der Vater schaut den kleinen Mönch an und er fragt ob er hier wohl auf Arbeit hoffen dürfte. Er sei Steinmetz und er würde gerne helfen die Kirche wieder aufzubauen. Liu Tse nickt und er bedeutet dem Vater mitzukommen. Er bringt den Steinmetz zu Prior Philip. Da Liu Tse nicht spricht muss der Steinmetz sich selbst dem Prior vorstellen. "Ich heisse Tom Builder und ich bin Steinmetz. Ich habe schon mehrere Häuser gebaut und bei einigen Kirchen geholfen sie wieder instand zu setzen. Es ist mein Traum einmal eine Kirche zu bauen und jetzt würde ich gerne helfen eure Kirche wieder instand zu setzen." Philip weiss gar nicht so recht was er sagen soll. Zu gerne würde er den Steinmetz einstellen, aber er weiss noch gar nicht ob er sich das leisten kann. Doch Tom lässt nicht locker und schliesslich einigen sich die Männer darauf dass Tom zunächst für Unterkunft und Verpflegung bleiben wird bis Philip in ein paar Wochen dann einen Überblick über seine Finanzlage hat.

PhilipWo Geschichten leben. Entdecke jetzt