Teil33

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Eines Tages, während Martin zusammen mit Jake vom Steinbruch kommt wo sie die Steine für die Aussenfassade ausgesucht haben, begegen sie unterwegs einem Mann der ihnen beiden  seltsam vertraut und doch fremd vorkommt. Der Fremde sieht aus wie ihr Prior Philip den sie vorhin bei Tom am Bau zurückgelassen haben. Jake wundert sich. "Was macht Philip hier und warum hat er so eine seltsame Kutte an?" Martin schaut in die Ferne und er fängt an zu strahlen. Er stupst Jake vertraut mit dem Ellenbogen an und er deutet begeistert in die Richtung des Mannes. "Das ist Bruder Francis, Philips jüngerer Bruder!" sagt er freudig und er winkt Francis fröhlich zu. "Francis!" ruft er mit seiner glockenhellen, knabenhaften Stimme. Francis schaut auf und er sieht zwei Mönche aus dem Kloster Kingsbridge auf sich zukommen. Der eine hat flammendrote Haare und Francis erkennt ihn nicht. Der andere ist winzig klein und Francis erkennt den Freund seines Bruders in dem kleinen Mann. Der Junge hat ihn wohl auch erkannt und seinen Namen gerufen. Da er aufgeregt winkt winkt Francis mal zurück. Er erinnert sich dass der Novize ein aussergewöhnlich hübscher Knabe war. Er scheint inzwischen das Gelübde abgelegt zu haben, zumindest trägt er die Kutte die auch sein Bruder stets anhat. Das Bürschchen rennt auf ihn zu und Francis öffnet wie von selbst seine Arme um den Kleinen zu empfangen. Doch Martin stockt kurz vor Francis. Unsicher schaut er auf die geöffneten Arme. Soll er da wirklich hineinspringen? Philip, ja, der ist ja auch der Bruder. Aber er? Ausser mit Philip vermeidet Martin Körperkontakt zu den Brüdern. Nur wenn er sie als Arzt behandelt und eine Berührung unvermeidlich ist berührt er sie. Francis lächelt so aufmunternd und da Martin sich ehrlich freut Francis zu sehen lässt er sich doch in eine Umarmung ziehen. Sofort vergleicht er diese Umarmung mit denen von Philip. Philip ist viel sanfter. Er würde nie so schraubstockartig Martin festhalten. Martin hat das Gefühl als wolle Francis ihn zerquetschen und nie wieder los lassen. Fast ein bisschen panisch drückt er sich von dem älteren ab. "Francis, wie schön dass du uns besuchen kommst." pipst Martin eingeschüchtert. "Ich bin mir sicher dass Philip sich sehr über deinen Besuch freut. Soll ich dich zu ihm bringen? Er ist auf der Baustelle." Francis nickt und er sagt lächelnd: "Ja, bitte. Führe mich zu meinem Bruder." Unangenehmerweise lässt Francis seinen Arm um Martin gelegt. Martin schaut hilfesuchend zu Jake und der kapiert es. Er tritt vor den fremden Mann und er begrüsst ihn freundlich: "Seid Gegrüßt, Fremder!" er streckt Francis eine Hand hin und er stellt sich vor: "Ich bin Jake Builder. Philip hat mich als seine rechte Hand erkoren." Jake erzählt das alles um den anderen Mann dazu zu bewegen Martin aus der unangenehmen Umarmung zu entlassen. Und der Plan funktioniert. Francis wendet sich stirnrunzelnd an Jake und nimmt dessen Hand. "Du bist Philips rechte Hand?" fragt er erstaunt. Er dachte dass sein Bruder eine Liebelei mit dem kleinen Mönch hat der ihm stets am Rocksaum hängt. Doch dieser hässliche Bursche mit den flammendroten Haaren und dem leichten Silberblick behauptet das Gegenteil. Ob sich Philip so einen unansehnlichen Burschen nun an seine Seite gestellt hat damit er seinem Herz befehlen kann den hübschen Knaben nicht mehr zu lieben? Francis hofft es sehr. Wenn Philip das Bürschchen verstossen hat dann kann er ihn sich doch angeln. Francis begrüsst den jungen Rotschopf angemessen höflich und freundlich. Dann gehen sie zu dritt zur Baustelle. Hatte Francis gehofft dass Philip seinen Martin nicht mehr haben will so wird er eines besseren belehrt. Martin ruft Philip und der dreht sich schon selig lächelnd um. "Was ist Martin?" fragt er und schaut den Kleinen immer noch genau so verliebt an wie eh und jeh. Doch als Philip Francis erblickt strahlt er. "Francis!" ruft er freudig aus und kommt lachend seinem Bruder entgegen. Nun wird Francis in eine herzliche Umarmung gezogen. Doch Philips Arm bleibt nicht auf Francis Schultern liegen. Wie selbstverständlich legt Philip anschliessend seinen Arm um Martin während er sich weiter strahlend mit Francis unterhält. Martin legt seinen Kopf gegen Philips Brust und er schliesst kurz seine Augen. Zu innig sieht diese Geste aus. Philip scheint weiter sehr an Martin zu hängen und auch Martin liebt Philip offenbar von Herzen. Wenn er könnte würde er in seinen Prior hineinkriechen. Francis lässt sich vom begeisterten Philip den halb fertigen Kirchenbau zeigen. Martin und Philip sind sich dabei so nah dass man vermuten könnte dass sie ein Paar seien. Während Philip im Chorraum begeistert seine Arme ausbreitet und Francis begeistert zuruft: "Schau, du kannst schon erahnen wie prächtig die Kirche einst sein wird!" nickt Martin lächelnd und er schaut bewundernd zu Philip. Der kleine klatscht begeistert in die Hände und er faltet sie anschliessend vor seiner Brust, stets seine bewundernden Augen auf Philip gerichtet und darauf wartend dass Philip ihn wieder berühren möchte. Philip braucht nur seine Hand ausstrecken und der Kleine eilt zu ihm um die Hand zu umgreifen um dann selig lächelnd an Philips Hand weiterzugehen und Francis die Kirche zu präsentieren. Francis schaut sich um. Die Säulen und Fenster sind sehr zierlich und dennoch von gewaltiger Höhe. Das Langschiff mit den beiden Seitenschiffen wirkt wie eine gigantische Halle nur durchbrochen von den wunderschönen Säulen. "Seid ihr sicher dass das alles hält?" fragt Francis beeindruckt. Martin nickt und er erklärt begeistert wie ihr Baumeister die Statik ausgerechnet hat. "Von aussen bekommt die Kirche ein Rippengerüst. Dann ist sie viel breiter aber wirkt ganz schlank!" erklärt der kleine Mönch. Francis kann sich darunter nichts vorstellen und darum zeigen sie ihm den Neubau von aussen. Zahlreiche Spangenbögen sind neben der Kirche gebaut und sie stützen das Gebäude von aussen. Hätte man diese Bögen in den Kirchbau integriert wäre die Kirche breit und Plump geworden. Doch so sieht sie unglaublich hoch, schön und schlank aus. Francis kann sich gut vorstellen wie sie aussehen wird wenn sie vollendet sein wird. Diese Kirche wird phänomenal aussehen. Francis ist sich sicher dass er noch nie eine schönere und filigranere Kirche gesehen hat. Wie vollkommene Bäume so wachsen die Säulen in den Himmel. Am oberen Ende sind diejenigen die schon fertig sind und ein wenig vom Dach tragen verzweigt und es gehen Rippen wie Äste von den Säulen aus. Sogar kunstfertige Blattornamente sind zu erkennen. Francis kann seine Begeisterung über dieses vollkommene Bauwerk kaum zurückhalten. Er lässt sich von Jake erklären wie sie das Dach auf die Kirche bringen wollen. Als Francis realisiert dass es ein steinernes Dach werden wird ist er vollends entzückt. Philip und Martin verabschieden sich von Jake und Francis. „Es tut mit Leid Bruder aber die Pflicht ruft. Sehen wir uns beim Essen? Bleibst du als unser Gast?" fragt Philip und er freut sich sehr als Francis nickt. Gebannt hört Francis weiter Jake zu. Als Philip und Martin weg sind nimmt Jake Francis mit in die Baumeisterhütte. Dort zeigt er ihm die Pläne die Tom aufgemalt hat. Jake erklärt wie sie es schaffen solch hohe und schlanke Wände zu ziehen ohne dass die umfallen. „Mein Bruder Alfred ist ein Meister in Steine gerade behauen. Unermüdlich schlägt er sie so lange bis sie wirklich exakt passen. Ich bin mit sehr sicher dass er ein Haus ohne Mörtel bauen könnte. Er ist da wirklich sehr begabt." Francis hört Jake beeindruckt zu dann streicht er über ein steinernes Schäfchen und er fragt: „Hat das auch dein Bruder Alfred gemacht? Es ist wunderschön, es scheint so lebendig, gerade als würde es blöken." Jake lächelt. „Nein, das habe ich gemacht. Ich mag es Steine zu verzieren und zu schmücken. Das fällt mir leicht und das ist meine Gabe. Ein Haus oder gar eine Kirche baut man damit aber nicht. Vater hat stets Alfreds wunderbare Quader als tragende Steine verwendet. Ich werde die Wasserspeiher und den Zierrat beisteuern." Jake lächelt wehmütig. Francis fragt verwundert: „Wenn du solch eine Gabe für die Steine hast, weswegen hat Philip dich dann ins Kloster geholt?" Jake seufzt schwer. „Es gab eine Zeit in der ich nicht einsah dass hübsch verzierte Steine nicht diejenigen sind die ein Haus ausmachen und tragen. Ich dachte ich wäre der vollkommenere Steinmetz und ich war eifersüchtig dass Vater Alfred zu seiner rechten Hand gemacht hat. Philip hat mir beigebracht dass so viel mehr zu einem gelungenen Kirchbau gehört. Ich berechne mit ihm die Kosten des Baus, errechne wie viele Steine wir noch benötigen und wie viele Bäume wir noch schlagen müssen damit das Gerüst trägt. Außerdem lerne ich für die Menschen auf dem Bau zu sorgen. Egal was für eine Aufgabe derjenige hat, er muss essen und trinken." Jake schaut Fracis an und der beobachtet den hässlichen Knaben beeindruckt. „Du hältst viel von deinem Bruder, steht ihr euch sehr nahe?" fragt Fracis. Jake schüttelt seinen roten Schopf. „Nein. Alfred ist in Wirklichkeit mein Stiefbruder. Ich dachte immer dass Vater ihn darum lieber hat als mich und ich war sehr eifersüchtig auf ihn. Doch ich habe inzwischen erkannt dass das nicht so ist. Ich dachte immer dass Alfred weniger könnte als ich, jedoch habe ich mich da sehr geirrt. Alfred kann Wände berechnen, er kann das Lot ziehen und wie gesagt, er kann Steinen in solch ebenmäßige Form bringen dass sie auch ohne Mörtel halten würden. Vater hat recht daran getan ihn zu seinem Stellvertreter zu ernennen. Ich habe jedoch sehr eifersüchtig reagiert und das Verhältnis zu meinem Stiefbruder zerstört." Francis schaut Jake fast bewundernd an. Einen Irrtum zuzugeben ist nicht leicht. „Ich bin mir Sicher dass ihr euch eines Tages aussprechen könnt." sagt Francis tröstend und Jake grinst schief. Er nickt bedrückt und fragt: „Soll ich euch noch weiter herumführen?" Francis verneint. „Bringe mich lieber zu meinem Bruder."

PhilipWo Geschichten leben. Entdecke jetzt