Als die Hamleighs und ihr Heer geflohen sind faltet Martin seine Flügel wieder ein. Er steigt vom Pferd und nimmt das gute Tier an den Zügeln. Er untersucht den Bauch des Tieres und merkt dass er dem armen Tier den Bauch ein wenig verletzt hat als er den Sattelgurt mit dem Messer durchtrennt hat. Er entschuldigt sich bei dem Pferd und führt es hoch zum Kloster in den Stall. Er will es zusammen mit dem Stallmeister und dem Medicus versorgen. Auf dem Weg zum Kloster kommt ihm ein aufgeregter Philip entgegen gestürmt. Er rennt auf Martin zu und als er den jüngeren erreicht nimmt er ihn behutsam in seine Arme. Verwundert erkennt Martin dass der ältere weint. „Was ist los? Was ist passiert?" fragt Martin bang. Er hat Angst dass etwas furchtbares geschehen sein muss weil Philip so aufgewühlt ist. „Bist du verletzt?" kann Philip schließlich zwischen zwei Schluchzern fragen. Er rückt etwas von Martin ab und betrachtet den kleinen Kämpfer um eventuelle Verletzungen zu entdecken. Martin schüttelt seinen Kopf. „Nein, mir geht es gut. Ich habe nichts abbekommen." erklärt er und Philip seufzt unendlich erleichtert. „Ich hatte so eine wahnsinnige Angst um dich, das kannst du dir gar nicht vorstellen." sagt Philip und zieht den jüngeren wieder in eine innige Umarmung. Martin genießt die körperliche Nähe seines Freundes. Er fühlt sich wie unrunden warmen, ihn beschützenden Kokon und da merkt er wie ausgelaugt und müde ihn der Kampf gemacht hat. Er hält sich mehr an Philip fest als dass er ihn zurück umarmt. Martin schließt seine Augen und legt seinen Kopf an Philips Brust. Das regelmässige Klopfen von Philips Herz beruhigt Martin und er kann entwand entspannen. Unwillkürlich entfleucht Martins Kehle ein Laut der an ein verwundetes Tier erinnert. Sofort spannt Philip seine Muskeln an um seinem kleinen beizustehen. Bei Martin brechen nun die Dämme. Das Adrenalin unsrigen Körper schwindet und bei Martin bleibt ein leeres und bedrückendes Gefühl zurück. Die Angst und Panik vor dem Kampf, die Furcht vor dem Tod, die er bisher weggedrängt hatte um einen kühlen Kopf zu bewahren greift nun um so heftiger nach dem kleinen Burschen. Wimmernd liegt Martin in Philips Armen und der ältere tut gut daran den kleinen schnellstmöglich von der Straße zu führen. Philip hebt Martin auf seine Arme und dann führt er das Pferd in den Stall. Er gibt das Tier an Bruder Matthias weiter der den Prior mit seinem aufgelösten Novizen stumm mit großen Augen anschaut. Er weiß ja dass die beiden sich nahe stehen und dass Philip sich um den Kummer des jüngeren kümmert ist verständlich. Doch warum der Knabe so aufgelöst ist ahnt Matthias nicht. Weder Matthias, noch irgendein anderer Mensch wird in den nächsten Tagen und Stunden den kleinen Novizen mit dem strahlenden Engel überein bekommen. Selbst Richard erkennt nicht dass Martin der strahlende Held war der die Stadt und alle Menschen darin gerettet hat. Lange suchen sie nach ihrem Retter und sie fragen sogar Martin ob er den Ritter gesehen habe. Martin hat sich schnell in denArmen seines Freundes beruhigt. Laser realisiert dass die Menschen ihn nicht erkennen ist er zufrieden. Er erzählt nicht dass er der strahlende Held war. Leise und zurückhaltend organisiert er zusammen mit Philip den Wiederaufbau der Stadt. Philip bemerkt dass sein kleiner Novize nicht mehr so schwebend und selbstsicher neben ihm her geht. Er wirkt bedrückt und traurig. Philip macht sich grosse Sorgen um Martin, denn der Kleine mag nicht so recht erzählen was ihn bedrückt. Jedes mal wenn Philip fragt weicht Martin aus und er behauptet dass es ihm gut ginge. Doch es geht ihm nicht gut. Er ist oft nachdenklich und in sich gekehrt. Die Schultern und der Kopf hängen und manchmal muss Philip Martin anstupsen wenn er mit ihm reden will weil Martin auf Ansprache nicht mehr reagiert. Als sie besprechen dass sie die Stadt nicht mehr aus Holz sondern aus Stein aufbauen wollen beteiligt sich Martin fast gar nicht. Philip legt seinen Arm schützend um seinen kleinen Freund und er bespricht alles mit Tom alleine. Die Stadt soll prächtig werden. Sie soll sich zwar wie gewohnt an die Klostermauern schmiegen aber sie soll grosszügig aussehen. Die Häuser werden alle frei stehend, jedes Haus mit einem eigenen Gärtlein so dass die Bewohner sich ihr Gemüse anbauen können, ein paar Hühner oder Ziegen halten können. Der zentrale Marktplatz wird doppelt so gross wie der alte Dorfplatz und die Häuser um den Marktplatz herum werden prächtige Handelshäuser sein. Unten wird Platz für die Werkstädten sein und oben wohnen die Meister mit ihren Familien. Tom möchte dass auch die Steinmetze und Zimmerleute hier ihre Häuser bekommen, aber Philip findet die Idee nicht so gut. "Wenn die Kirche einmal steht werdet ihr weg ziehen. Dann benötigen wir nicht mehr so viele Steinmetze und Zimmerleute." wendet er ein. Tom lacht. "In einer Stadt gibt es immer Arbeit. Da müssen Häuser ausgebessert oder neu gebaut werden, die Kirche wird ebenfalls ständig repariert werden müssen. Auch im Kloster wird es immer Arbeit für uns geben, glaub mir!" wendet Tom ein und schliesslich gibt Philip nach. "Dann gönne dir aber das schönste Haus, immerhin bist du derzeit mein wichtigster Mann." lacht Philip und Tom dankt ihm dafür. In den nächsten Monaten sind alle Menschen damit beschäftigt ihre Stadt neu zu errichten. Tom und Philip haben sie in einem Modell geplant und nun entsteht in Windeseile eine prächtige kleine Stadt. Als Martin mal wieder so gedankenverloren in der Gegend herum steht schnappt sich Philip Martin und er führt seinen Freund zu dem kleinen Wegkreuz an dem man so einen schönen Blick über die Stadt und das Kloster hat. Von hier sieht die Stadt aus wie in einem Ameisennest. Überall bewegen sich Menschen und sie bauen und schaffen. Die Baustelle der Kirche liegt leider brach, die Arbeiter werden in der Stadt gebraucht. Als Philip und Martin sitzen fragt Philip Martin: "Martin, was bedrückt dich?" "Nichts." kommt es gedankenverloren von dem jüngeren. Dabei sieht er so verloren aus wie man nur aussehen kann. Martins Augen strahlen nicht, sie schauen nicht einmal. Philip kniet sich vor den Jungen und er schaut ihm lange ins Gesicht ehe Martin bemerkt dass Philip vor ihm kniet. "Was machst du da?" fragt er schliesslich verwundert. Philip hat noch nie vor ihm gekniet. Martin weiss gar nicht warum sein Freund das tut. "Ich möchte dass du mir endlich deinen Kummer anvertraust." sagt Philip bestimmt. Martin schluckt. Soll er es wagen und seinen Freund die schreckliche Last seiner Angst aufbürden? Martin seufzt und er sackt noch ein wenig mehr in sich zusammen. Philip legt sanft seine Hände um das kleine, traurige Gesicht. Er fühlt dass Martin zum Mann wird, immerhin sind seine Wangen nicht mehr zart, sondern einige Stoppeln bahnen sich den Weg durch die Haut. Mit den Daumen liebkost er das wunderhübsche Gesicht. "Martin, bitte." flüstert der ältere. "Dich so zu sehen zerreisst mir mein Herz." Martin schaut Philip verwundert an. "Wie meinst du das?" fragt er bang und Philip erklärt ihm dass es nicht leicht ist ihn so traurig zu sehen und ihm nicht helfen zu können. "Mir kann niemand helfen." sagt Martin prompt. "Lass es mich wenigstens versuchen. Erzähle mir von deinem Kummer." Bittet Philip eindringlich. Endlich überwindet sich Martin und er berichtet was ihn bedrückt. Martin hat in dem Kampf gemerkt dass er während dem Kampf in eine Art Blutrausch gefallen ist. Er hätte liebend gerne seinen Gegnern die Köpfe abgeschlagen um ihnen das Leben zu nehmen. "Ich habe gemerkt was meine Bestimmung hier auf Erden ist und sie ist nicht gut. Ich bin ein Monster, ein kämpfendes Ungeheuer!" erklärt Martin und er erzittert bei dieser Vorstellung. Philip lässt seine Hände um das kleine Gesicht gelegt. Er schaut seinen Novizen ernst an. "Du hast keinen einzigen Kämpfer ernsthaft verletzt. Lediglich einige Schnittwunden und Knochenbrüche hast du bei den Männern der Vorhut verursacht." erklärt Philip. Martin nickt. "Ich musste mich so zusammenreissen das Schwert eben nicht ein paar Spanne tiefer in die Leiber zu stossen, nicht ein wenig kräftiger zuzuschlagen. Es hat mich alle Willenskraft gekostet. Eigentlich habe ich mich danach gesehnt einem Menschen das Leben zu nehmen. Ich habe während ich die Vorhut von den Pferden geschmissen habe mir immer gesagt dass es wesentlich rühmlicher sei einen Ritter zu töten als einen einfachen Soldaten. Als die Ritter vor mir geflohen sind war ich im ersten Moment ziemlich enttäuscht. Ich hätte so gerne mein Schwert in ein Herz gestochen, ich bin furchtbar." Martin senkt seinen Blick und aus seinen Augen fliessen die Tränen. Philip hält das keine Gesicht weiter fest und er wischt die Tränen mit seinen Daumen weg. "Möchtest du deine Gefühle beichten?" fragt Philip leise. Martin hebt verwundert seinen Kopf. "Wenn du deine Gefühle beichtest dann kann ich dir deine Sünden vergeben." erklärt Philip. Martin lacht freudlos. "Einem Dämon kannst du keine Sünden vergeben." krächzt Martin. Philip schaut Martin ernst an. "Martin, ich habe dich getauft. Natürlich darfst du beichten und selbstverständlich kann ich dir Kraft meines Amtes deine Sünden vergeben. Gott vergibt dir deine Sünden. Ich bin mir sicher dass er sie dir vergibt. Du hast gegen deine Natur bestanden und kein einziges Leben genommen. Du hast weder einen Mann der Vorhut verletzt noch bist du einem Ritter hinterhergeritten um ein Leben zu nehmen. Du hast den Dämon in dir gezügelt. Du hast dich gegen deine Natur gestellt und hast im Sinne Gottes gehandelt. Du hast eine ganze Stadt vor den marodierenden Raubrittern verteidigt. Wenn du dabei Gedanken und Gefühle hattest die einem Christen nicht würdig sind so kann ich sie dir vergeben." Martin staunt Philip an. Dann wirft er sich in die Arme seines Priors und er beichtet ihm schluchzend seine schlimmen Gedanken und Gefühle. "Und ausserdem liebe ich dich mehr als ich es vermutlich sollte, ich geniesse es immer viel zu sehr wenn du mich berührst." schiebt er nach seiner Rede noch leise hinterher. Philip streichelt zart über den schon zu lange nicht mehr geschorenen Kopf seines Novizen und er sagt nachdenklich: "Mit diesen sündigen Gedanken müssen wir beide leben." Martin schaut Philip verwundert an und der ältere errötet. Dann sagt er lächelnd: "Ich könnte mir auch vorstellen dass ich mehr mit dir mache als dich nur im Arm zu halten. Das ist unsere persönliche Aufgabe unsere Gedanken und Gefühle im Griff zu behalten und der Versuchung und Verlockung nicht zu erliegen." Martin freut sich unglaublich dass Philip seine Gefühle teilt, dass auch der ältere zugibt ständig an sich arbeiten zu müssen, dass auch er nicht immer rein im Denken ist. "Du weisst dass es die Gebote und Regeln gibt weil es eben nicht selbstverständlich ist dass wir uns daran halten können. Wir werden durch die Regeln lediglich daran erinnert wie das Ideal eines Mönchs aussieht. Dass wir dem Ideal nacheifern sollten steht ausser Frage, dass wir es nicht immer schaffen ebenso." erklärt Philip und Martin versteht nun was Philip damit meint. Dass auch Philip es nicht immer schafft seine Gedanken und Gefühle zu kontrollieren hilft Martin zu akzeptieren dass auch er nicht unfehlbar ist, dass er es sein darf. Dass er beichten kann und dass er danach wieder neu im Glauben Jesus nacheifern darf. Als Philip Martin die Schuld vergeben hat ist der Kleine unendlich erleichtert. Er fällt seinem Prior um den Hals und er weint erst einmal. Danach ist er wie ausgewechselt. Er schaut wieder fröhlich aus seinen Augen und er kann sich wieder auf seine Aufgaben konzentrieren. Glücklich hilft er Philip und Tom bei der Planung und Errichtung der kleinen Stadt. Häuser werden sinnvoll errichtet. Das heisst dass der Müller ein Haus neben seiner Mühle bekommt. Die Mühle ist mit einer breiten Strasse mit dem Tor verbunden das zu den Feldern der Bauern zeigt. Die Bauern haben ihre Höfe bei ihren Feldern, sie alle haben aber die Wohnhäuser in der Stadt damit die Familien nicht fliehen müssen, sollten sie noch einmal angegriffen werden. Am Fluss werden ebenfalls die Häuser der Brauer und der Gräber errichtet. Bruder Remigius ist nämlich in den Wirren des Wiederaufbaus heim gekehrt und er berichtet was er gelernt hat. Natürlich halten sich Philip und Martin an ihr Versprechen und Remigius bekommt eine wunderbare Brauerei. Damit das Bier gut schmeckt weit weg von den Gärbern und noch weiter weg von der Kanalisation. Ja, die drei haben auch an den Unrat der Stadt gedacht. Der wird in einer Kanalisation gesammelt und aus der Stadt gespült. Das führt dazu dass Kingsbridge nicht so entsetzlich riecht wie es andere Städte tun. Kingsbridge wird in kürzester Zeit zu einer schmucken kleinen Stadt in der das Leben brummt.
