Teil 63

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Als König Stefan sich verabschiedet hat kehrt wieder der Alltag in Kingsbridge ein. Tom hat einige seiner besten Zimmerleute für den Neubau der Brücke abgestellt. Der Gerüstbau an den Kirchtürmen und unter der Decke muss warten. Dafür werden in der Kirche die Fenster eingesetzt. Sehr schöne Grisaille Technik aus Frankreich findet hier Verwendung. Die Kirchenfenster werden mit fast durchsichtigen Scheiben versehen. Nur hier und da wird mit Schwarzlot ein Ornament oder ein paar Blätter aufgemalt und eingebrannt. Alles sehr zurückhaltend und recht karg, so wie es sich Philip wünscht. Tom ist begeistert. Die Kirche ist so hell und wenn die Sonne scheint benötigen sie wirklich keine zusätzlichen Kerzen um in der Kirche die Messe zu lesen. Die Glasbläser sind wahrlich Meister ihres Faches.
Im Fluss werden die letzten Leichen geborgen. Drei Ritter und zwei Knappen sind in der Mitte des Flusses ertrunken. An ihren Wappenröcken erkennt Philip die Männer. Lucifer kann ihm die Namen ganz genau nennen, nicht nur das Haus dem sie angehören. Luzifer kennt auch die Knappen mit Namen. Er nennt auch diese und Philip lässt die Ritter heim zu ihren Familien bringen, die Knappen beerdigt er in geweihter Erde. Er erlässt den Burschen posthum all ihre Sünden und er nimmt die Knappen in die Fürbittengebete auf. Für die Familien schreibt er Briefe in denen er erklärt unter welch tragischen Umständen die Jünglinge ihr Leben gelassen haben und dass es ihm, dem Prior von Kingsbridge ausserordentlich leid täte. Er verspricht den Familien alles in seiner Macht stehende zu tun um die Familien zu unterstützen. Bisher hat sich noch keine Familie auf die vorhergehenden Briefe gemeldet. Doch auf diese Briefe steht irgendwann eine junge Frau vor ihren Toren. Das Mädchen ist offensichtlich gesegnet und sie trägt ein Kind unter ihrem Herzen. Martin entdeckt sie als er abends aus Kingsbridge hoch zum Kloster geht. Er hat mal wieder bei einer Hurengeburt geholfen und den Säugling trägt er hoch ins Kinderheim, denn die Mutter möchte das Kind nicht selber gross ziehen. Es ist ein Junge und sie hat Martin eindringlich gebeten dass er den Knaben mit nimmt um ihm eine bessere Zukunft zu schenken als sie es kann. Martin hat eingewilligt unter der Bedingung dass die Mutter jeden Sonntag zur Messe kommen müsse um ihr Kind aufwachsen zu sehen. „Darf ich denn in die Kirche kommen?" hat die Frau erstaunt gefragt und Martin hat sie herzlich eingeladen. „Aber selbstverständlich!" hat er ausgerufen. „Du bist mehr als willkommen." Nun eilt er den Berg hinauf und er wäre beinahe gegen die Fremde gerannt. „Grüß Gott und einen schönen guten Abend!" grüßt Martin. Die Fremde grüßt zurück und sie fragt: „Ich bin auf der Suche nach Prior Philip. Ich habe einen Brief von ihm in dem steht dass er mir helfen würde." Martin lächelt die junge Frau traurig an. „Wer war dein Liebster?" fragt er mitfühlend. Das Mädchen nennt den Namen von einem der toten Knappen und Martin sagt dass es ihm sehr leid täte dass ihr Mann nun tot sei. „Ich war noch nicht verheiratet." sagt das Mädchen bitter. „Das macht doch nichts. Du hast ihn geliebt und er dich. Dass sein Verlust für dich sehr schmerzhaft ist kann ich mir gut vorstellen." seufzt Martin. Das Mädchen nickt. „Ich habe niemanden mehr zu dem ich gehen könnte." erzählt sie. „Selbst die Huren wollten mich in meinem Zustand nicht aufnehmen." Martin nickt verstehend. „Ich bin mir sicher dass wir eine Bleibe für dich und dein Baby finden werden. Du bist nicht mehr alleine. Willkommen in Kingsbridge, willkommen im Kloster." sagt Martin und er lächelt dem Mädchen zu. Die ist ganz erstaunt und ihr fällt eine bleischwere Last von der Schulter. Unter tränen bedankt sie sich bei Martin. „Mir braucht ihr nicht danken. Es ist doch eine Selbstverständlichkeit dass wir dir helfen." sagt Martin tröstend. Martin wiegt den weinenden Säugling und er sagt entschuldigend: „Ich würde den Kleinen gerne so schnell wie möglich ins Warme bringen, er friert und er hat Hunger. Ich glaube er vermisst auch seine Mutter." Das Mädchen bekommt grosse Augen. „Ist er ein Waisenknabe?" fragt sie mitfühlend. „Nein, seine Mutter sieht sich ausser Stande ihn zu behalten. Im Waisenhaus wird er unter besseren Bedingungen aufwachsen." erklärt Martin. Das Mädchen nickt traurig. Sie kann sich nur schwer vorstellen dass eine Mutter ihr Kind verlässt. Sie würde lieber im Elend leben als ihr Kind her zu geben und das ist noch nicht einmal auf der Welt. „Glaube mir, die Mutter dieses Knaben liebt ihr Kind mit Sicherheit genau so sehr wie ihr euer Kind liebt. Verurteilt sie nicht voreilig. Sie hat sich aus Liebe zu ihrem Kind dazu entschieden ihn wegzugeben." sagt Martin mit seiner sanften Stimme. Das Mädchen nickt verwundert und sie folgt Martin. Am Tor wartet Philip auf Martin. Er freut sich seinen Mann zu sehen und er begrüsst ihn trotz seiner Begleitung mit Umarmung und er schenkt ihm auch einen Kuss auf die Wange. Zu lange hat er seinen Martin heute missen müssen. Martin lächelt seinem liebsten zu und er erklärt wen er da alles mit hat. Philip begrüsst das Mädchen mindestens genau so herzlich und mitfühlend wie Martin. Auch er heisst sie in Kingsbridge willkommen. Dann führt er sie in das Waisenhaus. Heute Nacht kann sie dort unter kommen und morgen werden sie sehen was sie mit ihr anfangen werden. Jakob führt die junge Frau in ein kleines Zimmer wo sie sich ausruhen kann und von den Strapazen der Wanderschaft erholen kann. Sie bekommt etwas zu essen und zu trinken obwohl die Vesper schon lange vorbei ist. Doch die Kinder haben immer Nahrung zur Verfügung. Philip möchte nicht dass auch nur eins von ihnen Hunger leidet. Nicht einmal in der Fastenzeit.
Mitten in der Nacht weckt Jakob Martin und Philip. „Bei dem Mädchen haben die Wehen eingesetzt, ihr müsst kommen und helfen." sagt er hastig. Martin und Philip hasten zu dem Mädchen. Sie hat die Wehen nun schon seit dem sie allein in dem Zimmer ist. Zunächst wollte sie ihr Kind still und heimlich bekommen. Sie hat so gut sie es konnte die Wehen weggeatmet und versucht nicht zu schreien. Als sie das aber nach einer Weile nicht mehr verheimlichen konnte und ihr ein Schrei entfleucht ist, kam sofort der Novize um nach ihr zu schauen. Er hat das Mädchen beruhigt und ihr gesagt dass er Hilfe holen würde. Dann ist er raus gerannt und er kam mit Martin und Philip wieder. Nun tastet Martin an ihrem Bauch und er sagt fröhlich: „Das Kind möchte heraus kommen. Es liegt gut und ihr werdet es gut gebären können." Das Mädchen schaut den Mönch verwirrt an. „Woher wisst ihr das?" fragt sie erstaunt. „Ihr seid nicht die erste deren Kind ich auf die Welt hole. Ich bin öfters mal die Hebamme für die Frauen unten in Kingsbridge." erklärt Martin. Die Nächste Wehe zieht gewaltig. Martin hilft ihr souverän und er übernimmt die Führung. Philip darf helfen indem er die Frau festhält und sie sich an ihn krallen darf, ihm weh tun darf und ihm ins Ohr brüllen darf. Ansonsten steht er einfach nur herum. „Kinder folgen der Schwerkraft. Philip wird euch gleich unter die Arme greifen. Ihr werdet euch in die Wehe fallen lassen und so kräftig wie ihr könnt pressen. Philip lässt euch nicht fallen. Presst!" Das Mädchen tut was ihr Martin befiehlt und dann sagt Martin erfreut: „Der Kopf ist schon draussen. Noch ein paar Wehen und es ist vollbracht." Martin hat Recht und das Mädchen hat ihren kräftigen Jungen noch vor Mitternacht zur Welt gebracht. Sie nennt ihn nach seinem Vater David und Martin schaut nach dem Kleinen. Er ist ein süßes Baby, er hat einen kugeligen Kopf und riesige braune Augen. Der kleine Mund sucht Nahrung und die kleinen Fäuste kann er ganz prima ballen. Martin legt ihn der Mutter in den Arm und er ist glücklich. Das Wunder der Geburt erleben zu dürfen ist für ihn jedes mal wieder wunderschön. Das er an diesem Tag zwei Geburten begleiten durfte  und beide völlig komplikationslos verlaufen sind ist für ihn ein grosses Geschenk.
Nachdem sie die Kammer der jungen Mutter verlassen haben schauen Philip und Martin noch bei dem kleinen Jonathan vorbei. Der weint und windet sich. „Er vermisst seine Mutter." klagt Martin leise. Philip seufzt. „Wieso hast du den Jungen nur mitgenommen? Wäre es nicht besser gewesen seine Mutter hätte ihn aufgezogen bis er wenigstens Brei essen kann?" Martin lehnt sich gegen seinen Freund. Sie haben nun schon den dritten Säugling. „Ich konnte sie nicht davon überzeugen den Bub auch nur anzuschauen." seufzt Martin. Philip streichelt das Baby und er ist entzückt von dem kleinen wunderbaren Menschlein. „Sie werden so schnell gross." sagt er nachdenklich. Johannes kann inzwischen lesen und schreiben. Ihm fallen die ersten Zähne aus. Und klein Francis bekommt die letzten Backenzähne. Der liegt drüben bei ihnen im Bett und auch er wird sie bestimmt in der Nacht noch brauchen. „Meinst du wir sollen den Kleinen mitnehmen?" fragt Martin und er schaut Philip an. Der nickt erschöpft. Er weiss wie anstrengend so ein Säugling ist und erst recht wenn man erst eine Ziege melken muss um dem Baby die Milch zu geben. Als die beiden das Für und Wider besprechen öffnet sich leise die Tür. Die junge Mutter steckt ihren Kopf herein. „Entschuldigt wenn ich einfach so hereinplatze aber die Wände sind dünn und ich habe euer Gespräch belauscht. Ich kann den kleinen Jonathan gross ziehen. Ich habe genügend Milch für beide Jungen." sagt sie und sie setzt sich zu den Männern. Ihr eigener Sohn schläft bereits, Jonathan versucht noch Milch zu trinken die für seine Verdauung suboptimal ist und das aus einem Gefäß das inzwischen recht gut funktioniert. Doch als Anna ihn anlegt da seufzt das Baby glücklich und er saugt sich fest um zu trinken. Martin und Philip danken Anna. „Du bist unsere Rettung!" strahlt Martin. Philip grinst und er sagt: „Wir sind dir zutiefst dankbar." Anna lächelt und sie sagt dass sie sich freut helfen zu können. So verabschieden sich die beiden Mönche von der jungen Mutter und sie gehen zurück in ihr Bett. Doch an Schlaf ist nicht zu denken wenn ein Kind zahnt. Natürlich hat klein Francis Schmerzen und Fieber. Philip kuschelt ein bisschen mit dem Kleinen und Martin holt ein Fruchtleder und etwas Weidenrinde für das Kind. Als die Rinde wirkt nehmen sie den Bub in ihre Arme und sie schließen ihre Augen für ein paar Stunden. Als sie von der Glocke zur ersten Hore, der Matutin weckt brummt Philip nur und er zieht Martin eng an sich damit der nicht wagt aufzustehen. Martin erhebt sich dennoch und Philip schält sich auch aus dem Bett. Hundemüde beten sie die vertrauten Verse. Die Brüder schauen ihren Prior und seinen Stellvertreter mitleidig an. Es hat sich inzwischen herumgesprochen dass die beiden noch ein Kind entbunden haben und ihr Francis zahnt. Der brüllt ja auch bei Tage ohrenbetäubend seinen Schmerz in die Gegend. Philip und Martin sehen so aus als hätten sie Schlaf dringend nötig. Francis geht mit den beiden in den Priortshof. „Ich nehme euch klein Francis jetzt ab. Bis zum Morgengrauen könnt ihr schlafen." sagt Francis bestimmt. Philip nickt seinem Bruder dankbar zu. Noch ehe irgendetwas geregelt ist schläft er schon. Martin nimmt den kleinen schlafenden Francis und er gibt dem grossen Francis die Instruktionen. „Wenn er Hunger bekommt kannst du ihm von der Milch hier geben. Wenn ihm seine Zähne weh tun dann bekommt er Fruchtleder zum darauf herumlaufen. Nimm nicht zu viel, das ist nicht gesund. Wenn er zu viel davon isst dann hat er anschliessend Durchfall. Wenn es zu schlimm wird dann weck mich bitte, dann bekommt er Weidenrinde." Francis lächelt. „Ich kann ihm auch das Schmerzmittel geben." sagt er lieb. Martin schaut unglücklich zu Francis auf. „Aber wenn du es falsch dosierst dann ist das nicht gut." wirft Martin ein. „Dann gib mir die erforderliche Menge schon einmal in ein Schälchen oder auf den Löffel." Sagt Francis und Martin freut sich über die Idee. Er bereitet alles zu und dann fällt er zu Philip ins Bett. Der schlafende Philip zieht Martin eng an seine Brust und er murmelt zufrieden. Francis schaut zu seinem Bruder der nun sein Gesicht an Martin schmiegt. Martin umarmt Philip ebenfalls und er ist schneller eingeschlafen als Francis die Kammer verlassen kann. Das Baby hält er sicher in seinem Arm und er geht mit dem Kleinen in die Schreibstube des Priorthofs. Er setzt sich auf einen Sessel den er zum Kamin rückt. Das Kind wacht nicht auf und Francis langweilt sich sehr. Da hätte der Kleine doch wirklich bei seinem Bruder und seinem Freund schlafen können und die beiden wären nicht gestört worden. Klein Francis wacht erst kurz vor der Vesper auf und Francis füttert den Zwerg. Da das Kleinkind nun hellwach ist geht er mit ihm in die Kirche. Klein Francis ist ein goldiges Kerlchen. Francis ist ein bisschen stolz dass er nach ihm benannt wurde. Der Minnimann betritt ernsthaft die Kirche. Er lässt Francis Hand los und er imitiert den schreitenden Gang der Mönche. Natürlich sieht das mit seinen kleinen unbeholfenen Beinchen echt niedlich aus. Klein Francis steckt wie Philip es oft tut, die Hände in den jeweils anderen Ärmel und er hält sich an seinen eigenen Unterarmen fest. So schreitet der Kleine, in die Babykutte gehüllt die einst schon Johannes gehört hat, durch den langen Mittelgang. Der grosse Francis ist direkt hinter dem Knirps und er lächelt über den eifrigen Buben. Kurz bevor Klein Francis die Stufen erreicht stolpert er. Francis fängt den Kleinen rechtzeitig auf. Dennoch brüllt Klein Francis wie am Spieß und er lässt sich kaum beruhigen. Erst als Francis ihm sagt dass er gleich die Bibel nach vorne tragen darf ist Klein Francis wieder ruhig und er schaut sich aufgeregt um. „Wo Pilip?" fragt der Minni weil normalerweise der Prior die Gottesdienste hält. Philip ist nicht anwesend und auch Martin scheint sich verschlafen zu haben. „Philip kommt heute nicht. Ich lese die Messe und du hilfst mir wie es sonst Martin macht, ja?" sagt Francis. Die anwesenden Mönche grinsen über das beschenkte Kindergesicht. Klein Francis kennt die Abläufe in und auswendig. Er weiss wann er was nach vorne tragen muss und er darf sogar die Schellen läuten. Nach dem ersten Lied huschen zwei Gestalten in die Kirche und sie reihen sich ganz hinten ein, ihre Kapuzen tief ins Gesicht gezogen, doch jeder der Anwesenden weiss dass es Philip und Martin sind. Nach dem Gebet lobt Martin Klein Francis dass er das heute ganz prima gemacht habe. Der Lütte ist ganz stolz auf sich und er fragt ob er jetzt immer im Gottesdienst dienen dürfe. Martin streichelt die blonden Locken und er nimmt das Kind auf seinen Arm. „Wenn du immer so ernsthaft bei der Sache bist dann darfst du das ganz bestimmt." Philip fragt seinen Bruder etwas angesäuert wieso er ihn nicht geweckt hat. „Du hast dir den Schlaf redlich verdient." sagt Francis nur. Philip schüttelt seinen Kopf. „Wenn ich über der Arbeit das Gebet vergesse dann ist das nicht gut." wiederspricht der Prior. Francis und Philip streiten noch ein bisschen weil sie in diesem Punkt wirklich unterschiedlicher Meinung sind. Francis sagt dass die Gebete wichtig seien, die körperliche Unversehrtheit aber wichtiger sei. Philip sagt dass es nichts wichtigeres als das Gebet gäbe und dass ein Mönch doch bitte schön alles andere dem Gebet unterordnen müsse. „Du hast vorhin ausgesehen wie eine Leiche. Du hast mit Sicherheit kaum etwas von dem Gebet mitbekommen und du hast auf dem Rückweg schon wieder geschlafen." lacht Francis. Philip will etwas erwidern aber Martin greift seine Hand und Philip lässt die Diskussion auf sich beruhen. Er weiss dass er keine guten Argumente mehr gegen Francis hat. Er war wirklich nicht bei der Sache und er war nur körperlich bei der Matutin anwesend. Da hat Francis vollkommen recht. Philip könnte nicht sagen ob er nicht sogar während des ersten Gebets sogar schon wieder im stehen geschlafen hat. Die streichelnde Hand von Martin tut Philip gut. Er lässt seine Hand seinem Schatz und er sagt Francis: „Danke dass du uns heute Nacht den Kleinen abgenommen hast. Das tat gut." Francis lächelt und er verrät dass Klein Francis ruhig geblieben ist. Martin freut sich. „Bei dir ist er immer viel lieber als bei uns." sagt Martin fröhlich. Francis lacht und er sagt: „Die meisten Kinder benehmen sich bei ihren Eltern schlechter als bei anderen."
Bevor Philip und Martin zur Baustelle gehen schauen sie im Kinderheim vorbei. Sie wollen nach Anne und ihren beiden Jungen sehen. Anne freut sich dass sich die beiden blicken lassen. Als sie Francis mit dem kleinen Francis im Arm sieht staunt sie. Philip erklärt: „Das ist mein Bruder Francis." Francis nickt Anne einen Gruss zu und er begrüsst seinen Lieblingsnovizen Jakob mit einem Kuss. Die beiden machen die Kinder für den Tag fertig und sie bekommen dabei Unterstützung von den älteren Kindern. Philip schaut sie sich an und er seufzt: „Ich glaube der Umzug der Mädchen kann nicht mehr lange herausgezögert werden." Martin nickt. Er weiss dass zwei der anwesenden Mädchen inzwischen ihre Monatsblutung haben. Er hat die Mädchen selbst aufgeklärt und ihnen gesagt dass sie keine Angst haben müssten, dass das eine ganz normale Blutung sei. Er hat den Mädchen Binden gegeben und ihnen mit Schmerzmitteln, Tee und viel gutem Zureden den ersten Schock genommen. Dass sie nun noch im Kinderheim wohnen ist eigentlich nicht richtig. Doch woher sollen sie eine Vorsteherin für ihr Kloster nehmen? Philip fragt in seiner Verzweiflung ob sich nicht Anne dieses Amt zutrauen würde, doch die schaut den Prior an als sei der doof. „Ich bin Mutter und ich säuge zwei Babys. Ich kann mich nicht um mehr kümmern. Wenn ich nicht meinen Kopf angewachsen hätte dann würde ich ihn verlieren." Martin nimmt Philips Hand und er erklärt seinem Prior mit sanften Worten warum es ein Wochenbett gibt und warum das so wichtig ist. „Anne hat gestern einen Menschen aus ihrem Bauch gepresst. Sie ist verletzt und sie muss heilen. Sie benötigt gerade all ihre Energie damit sie den kleinen Jungen am Leben erhält. Nun ist für sie nichts mehr wichtig als David. Dass sie den kleinen Jonathan mit säugt ist wunderbar, hilft aber nicht dass sie schneller heilt. Im Gegenteil, der Junge saugt ihr im wahrsten Sinne des Wortes ihre Energie raus. Zwei Babys zu ernähren ist eine Höchstleistung und wir können sie nur bewundern und ihr dankbar sein. Bürde ihr nicht noch eine Aufgabe auf die sie nicht erfüllen kann weil sie keine Frau der Kirche ist. Anne lächelt Martin zu und sie fragt: „Ich würde es aber gerne werden. Darf ich, wenn ich das Wochenbett verlasse mit in euer Frauenkloster ziehen? Mein Verlobter ist verstorben und ich liebe ihn über alles. Ich kann mir nicht vorstellen dass ich wo anders glücklich werden könnte als hier wo er in geweihter Erde ruht. Hier will ich alt werden und ich würde gerne einst neben ihm begraben werden." Anne wird etwas rot. Solch eine Bitte ist unerhört, denn sie ist nicht mit dem Vater ihres Kindes verheiratet. Doch Philip erlaubt ihr genau das. „Natürlich darfst du hier bleiben. Wir freuen uns über dich. Wenn es dir gefällt so darfst du unserem Konvent beitreten." Damit ist die Unterhaltung beendet und Philip und Martin verabschieden sich um zur Baustelle zu gehen.

PhilipWo Geschichten leben. Entdecke jetzt