Teil48

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Ab sofort lässt Philip die Mönche ihre Kapuzen auch während des Gottesdienstes tragen. Philip ist sich sicher dass besser nicht zu viele Menschen mitbekommen sollten dass sein Bruder und Doppelgänger im Kloster wohnt. Francis möchte aber nicht von den Chorgesängen und Gebeten ausgeschlossen werden. Auch Martins Idee dass Philip und Francis sich ja im Gebet abwechseln können ist nicht auf Gegenliebe gestossen. Sie möchten einfach beide am Klosterleben teilnehmen. Darum verhüllen die Mönche alle ihre Gesichter und Francis bleibt im Dunkeln. Da die Kirche inzwischen nicht mehr hell ist weil ihre Mauern hoch aufragen, ihre Fenster allerdings noch nicht verglast sind wirken die Männer sehr mystisch. Ihre Gesänge in dem dunklen Gottes haus künden zwar vom Licht der Welt aber hier ist es alles andere als hell, zumindest bis Martin seine Stimme erhebt. Er leuchtet stets ein wenig wenn er anfängt über Gottes Güte zu singen. In der dunklen Kirche ist das besonders eindrucksvoll.

Der Alltag hat Martin und Philip wieder. Sie kümmern sich um den Kirchbau, das Kloster und die kleine Stadt. Als Martin und Philip mal wieder die Gegend um Kingsbridge herum inspizieren stellen sie fest dass ihre Brücke langsam aber sicher morsch wird. "Wir werden sie im Sommer erneuern müssen." sagt Philip. Martin nickt. Einige der Balken haben Mose und Flechten angesetzt und das ist immer ein Zeichen dass das Holz fault. "Wir sollten die Balken vom Gerüst nehmen. Bis Sommer müssten ja die Glaser im Chorraum fertig sein und dann kann das Gerüst da weg. Das Dach ist dort ja schon fertig." schlägt Martin vor. Philip hält das für eine glänzende Idee. Weswegen sollten sie die dicken und geraden Stämme des Gerüsts wegtun und gleichzeitig hier neue verbauen wenn man sie einfach doppelt nutzen kann. "Meinst du wir sollten die Brücke breiter bauen?" fragt Martin. Philip wundert sich. "Wieso? Es passen zwei Karren bequem aneinander vorbei." sagt er. "Ausserdem ist die Strasse auch nicht breiter." Martin erklärt: "Aber auf der Strasse können Fussgänger den Karren ausweichen. Bei der Brücke nicht. Es ist doch immer mal zu bösen Unfällen gekommen. Zuletzt ist das Kind vom Weber bös überfahren worden." Philip nickt nachdenklich. "Wie immer hast du Recht. Wir sollten neben der Brücke eine schmale Brücke bauen dass Fussgänger gefahrlos darüber gehen können." sagt er und damit ist es geklärt. Sie werden auch die Brücke verbessern wenn sie sie erneuern werden. Die Gehöfte und Höfe um Kingsbridge herum sind reich. Philip und Martin lassen sich von ihnen den Zehnten geben, nicht mehr. Die Bauern dürfen, wenn sie wollen mehr verkaufen. Philip zahlt gut für die Lebensmittel. Er möchte dass seine Pächter ein gutes Auskommen haben, dass sie von ihren Höfen leben können und nicht nur überleben. Er ist mit dieser Idee sehr allein. Seine Nachbarn sehen das natürlich ganz anders, allen voran die Hamleighs. Daher fliehen immer mal wieder Bauern oder Handwerker aus Shyring in das nahe gelegene Kingsbridge. Philip hat bisher alle Äcker und Wiesen die zum Kloster gehören verpachtet. Selbst die Streuobstwiese hat zum Schluss einen neuen Bewirtschaftet gefunden. Francis verspottet Philip darum. "Du kaufst dir allen Ernstes die Äpfel die du letztes Jahr noch selber pflücken konntest?" fragt er etwas verwundert. Philip lächelt Francis zu. "Letztes Jahr haben die Novizen nach ihrer langen Arbeit am Bau der Kirche die Äpfel nur noch sehr unwillig aufgelesen. Auch ich hätte lieber anderes getan als mich nach den Früchten zu bücken. Ja, ich lasse sie mir nun auflesen, die Bäume im Frühjahr beschneiden dass sie im Sommer reichere Frucht bringen als bisher. Ich bin bereit demjenigen der sich darum kümmert ein Auskommen zu gewähren. Es mag sein dass mich das einige Pfennige kostet aber ich spare auch viel Zeit wenn mir ein anderer meinen Apfel bringt und ich ihn nicht selber sammeln muss." Francis brummt. So argumentiert hat sein Bruder recht. Doch es scheint ihm wenig sinnvoll dass ein Kloster seinen eigenen Lebensunterhalt nicht selbst erwirtschaften kann. "Wir ziehen doch noch das Gemüse im eigenen Garten. Ausserdem sind inzwischen alle fünf Enklaven autark und auch sie beliefern uns mit Lebensmitteln. Wir haben wahrlich keinen Mangel. Selbst wenn Kingsbridge sich eines Tages von uns lösen wird so werden wir nicht verhungern." erklärt Martin dem immer noch mürrisch drein schauenden Francis. "Wenn du magst dann kannst du mit mir im Garten Gemüse anbauen." schlägt nun Jakob vor. Der Junge ist nicht nur für die Kinder zuständig sondern auch für die Beete im Klostergarten. Jakob ist jeden Tag mit den Kindern in den Beeren um zu jäten, zu harken, zu pflanzen und zu ernten. Die Kräuter die er zieht sind aromatisch und würzig. Sein Gemüse frei von Ungeziefer und seine Blumen zieren in der Kirche den Altar und auch die Tische des Speisesaals. Der Junge hat ein gutes Händchen für die Pflanzen. Francis lächelt Jakob lieb an. Der Eifer der aus dem Gesicht des Jungen spricht rührt ihn. Er streichelt dem Jungen über die Wange und er nickt. "Ich werde sehr gerne mit dir diese Arbeiten verrichten." sagt Francis gerührt. Ihm ist nicht entgangen dass Jakob ihm damit eine Freude machen will. Seine Sorge um die Versorgung des Klosters hat der Junge ernst genommen und eine Lösung gesucht. Dass seine Lösung so seltsam aussieht dass ein Priester nun Gemüse anpflanzt ist nicht bös gemeint, im Gegenteil. Francis freut sich auch in Zukunft wieder mehr Zeit mit dem aufgeweckten Burschen zu verbringen. Jakob himmelt ihn an und das tut Francis sehr gut. Er fühlt sich irgendwie nicht wirklich wohl in seiner Haut. Als Kastrat fehlt ihm was, im wahrsten Sinne des Wortes. Mit seinem Bruder kann er sich darüber nicht unterhalten. Als Priester und Mönch sollte Francis sein Geschlecht nicht fehlen. Die Fleischeslust kann er nun nicht mehr stillen. Francis meint dass er auch niemand anderen mehr befriedigen kann. Ausser seinem Bruder, dessen Stellvertreter und dem Medicus weiss nur Jakob von Francis Verstümmelung. Francis hat Jakob davon erzählt als sie sich das Bett geteilt haben. Francis hat schnell gemerkt dass der junge Novize mehr von ihm wollte als nur ein ruhigen Schlafplatz. Er wollte dem Jungen keine Hoffnung machen wo es keine gibt. Darum hat er ihm schon in der ersten Nacht seine Wunde gezeigt. Jakob ist aber nicht von Francis Seite gewichen. Er hat ihn trotzdem weiter bewundert und ihm verstohlene Blicke geschenkt. Francis Seele hat das sehr gut getan. Als sein Bruder und Martin wieder zurück gekommen sind ist Jakob wieder in sein Waisenhaus gegangen und Francis ist im Scriptorium damit beschäftigt wertvolle Bücher abzuschreiben. Sie sehen sich so gut wie nicht mehr. Auch nachts nicht, da Francis bei Philip und Martin schläft, Jakob aber wieder ins Dormitorium gezogen ist. Dass er nun doch wieder Zeit mit dem hübschen jungen Novizen verbringen wird lässt Francis lächeln. Philip beobachtet seinen Bruder verwundert. Er ist seit seiner Rückkehr eher in sich gekehrt, traurig und unnahbar. Er redet nicht mehr viel. Philip versucht ihn immer wieder in die Entscheidungen die das Kloster und die Stadt und die Kirche ihm abverlangen einzubeziehen. Francis berät gut. Er denkt über vieles nach, doch er ist immer nur ernsthaft und er hat keinen fröhlichen Gesichtsausdruck mehr. Selbst das Essen scheint ihm nicht mehr zu schmecken. Er freut sich nicht über den Pudding und er strahlt auch nicht als es die ersten Erdbeeren gibt. Philip macht sich riesige Sorgen um seinen Bruder. Immer wieder geht er zu ihm und er fragt ihn ob er Francis irgendwie etwas gutes tun könne. Francis gibt immer die gleiche Antwort: "Nein, mir geht es doch gut." sagt er und er schaut als würde er das Gegenteil meinen. Auch Martin, der normalerweise fast aus jedem seinen Kummer heraus bekommt beisst sich an Francis die Zähne aus. "Mein Bruder schickt dich, nicht?" fragt Francis stets wenn Martin sich zu ihm gesellt. Doch Martin wird nicht von Philip geschickt, zumindest nicht wörtlich. Er selber macht sich auch grosse Sorgen um den einst so lebenslustigen und lebensbejahenden Mann. Er hat Francis als einen Mann kennen gelernt der weiss was er vom Leben will. Er wollte all das Gute und Schöne. Er wollte sein Leben in vollen Zügen geniessen. Nun wandelt er traurig und geknickt durch den Kreuzgang als würde ihm jemand oder etwas die Lebensenergie aussaugen. Weil Martin so beharrlich bei ihm bleibt erzählt Francis was ihn so sehr belastet. "Weisst du, mein Leben wurde verschont weil ich ein Priester bin. Bruder Georg hat mich gekannt und dann verschont. Aber all die jungen Männer die für den König gekämpft haben wurden von ihm verraten und umgebracht. Ich konnte überhaupt nichts dagegen tun." jammert Francis dann doch. Martin umarmt Francis. "Du kannst da nichts für. Wir haben diesen grässlichen Dämon nicht erschlagen. Philip war vielleicht doch der Esel für den du ihn damals gehalten hast. Wir hätten viel Leid erspart wenn ich sie alle drei getötet hätte. Weine nicht, Francis, du bist derjenige der am wenigsten für den Tod der jungen Männer kann. Francis nickt zwar aber er läuft danach genau so bedröppelt wie vorher durch das Kloster. Den eigentlichen Grund, dass er sich nicht mehr wie ein Mann fühlt den hat er ja noch nicht gebeichtet. Und nun ist die kleine Aufforderung von Jakob mit ihm zusammen das Gemüse anzupflanzen plötzlich der ausschlaggebende Grund dass Francis wieder strahlt. In diesem Moment ist es nicht mehr wichtig dass er keinen Schwanz hat. Er wird mit dem Jungen zusammen etwas machen, er wird etwas schaffen, etwas das keine Bücher sind die er nicht selber geschrieben hat. Er wird nicht das Werk eines anderen kopieren sondern er wird sein Beet bearbeiten. Zusammen mit diesem süssen Kerl der ihn immer so anschaut als sei er ein toller Mensch. Francis strahlt und Philip stellt dies glücklich fest. "Francis, du strahlst ja." sagt er ebenfalls lächelnd. "Wenn ich gewusst hätte dass dich die Beete so glücklich machen hätte ich dich schon viel früher gefragt." Francis lächelt nun seinen Bruder an. "Ich wusste es bis eben ja selbst nicht." gibt er ehrlich zu. Philip belässt es dabei und er lässt seinen Bruder mit dem Novizen ziehen. Martin schmiegt sich in Philips Arm und er fragt seinen Freund: "Meinst du die beiden haben was miteinander?" Philip schüttelt seinen Kopf. "Nein. Das kann nicht sein. Wenn Francis jemanden toll fand dann war er immer sehr direkt. Er hat mich ja auch schamlos nach dir gefragt. Wenn er nun Jakob in den letzten Wochen nicht hinterher gestiegen ist dann will er nichts von ihm." sagt Philip. 

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