Teil 6

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Martin geht zu Ellen. Philip hat ihm gesagt dass er bei Toms Frau lernen soll. Martin ist sehr neugierig auf das was die Kräuterfrau ihm beibringen kann. Das was der Medicus weiß kann er jetzt schon gut anwenden. Er hat die Bücher über Medizin die sie im Kloster gefunden hat alle gelesen. Die meisten hat er sich abgeschrieben. Er freut sich darauf  was Ellen alles weiß was er noch nicht kennt. Martin geht in das Gästehaus. Martha spielt eifrig mit ihren Puppen am Eingang. „Hallo Martha" grüßt Martin fröhlich. „Hallo Martin!" freut sich Martha. „Stimmt es dass du beweisen sollst dass Ellen eine Hexe ist?" Das Mädchen schaut Martin mit großen Augen an. Martin schaut ernst zurück. „Nein, ich bin gekommen um von Ellen zu lernen. Wer sagt denn dass sie eine Hexe sei?" „Alfred! Er hat Jake damit geärgert und Jake hat nun fürchterliche Angst." Martin setzt sich zu dem Kind. Alfred und Jake sind Marthas ältere Brüder und die beiden sieht man so gut wie immer im Streit.  „Du kannst Jake beruhigen gehen. Philip hat erkannt dass sie keine Hexe ist. Es ist lächerlich so etwas zu behaupten." Martha schaut ihn mit ihren großen Augen an. „Dann hat Alfred recht und die Mönche halten sie für eine Hexe?" Martin wägt ab. Er möchte das Kind nicht belügen aber auch nicht beunruhigen. „Einige Brüder haben das kurz geglaubt. Ja. Aber ihre Anklage war absurd und Philip hat sie frei gesprochen. Ich bin mir sicher dass Ellen ein guter Mensch ist." Martha strahlt ihn mit kindlicher Freude an. „Lauf zu Jake und sag ihm dass er keine Angst um seine Mama haben muss."
Martha springt auf und saust los. Martin sammelt Marthas Spielzeug ein. Er richtet der Puppe das Kleid, bindet die Schütze zu und flicht den Zopf zusammen der sich geöffnet hat. Als die Puppe wieder hübsch aussieht steht er auf um zu Ellen zu gehen. Er hat die Puppe in der Hand und erschrickt als er eine böse dreinschauende Ellen in der Tür sieht. „Das ist es doch weswegen dich Philip schickt! Du wirst mich wieder als Hexe anklagen!" sagt sie böse. Der kleine Mönch drückt das Spielzeug unsicher an sich und schaut mit großen Augen Ellen an. „Ich bin hier um zu lernen." verteidigt er sich. „Erzähle keinen Unsinn! Kein Mann kommt um von einer Kräuterfrau zu lernen. Und schon gar nicht ihr Männer der Kirche." Ellen wirft ihm ihre ganze Wut entgegen. Der kleine Kerl senkt den Kopf. „Aber du weißt so vieles was ich nicht kann. Bitte bring es mir bei." Der kleine Mönch schaut sie fast flehend an. Die Puppe hält er immer noch an seine Brust gedrückt. Er sieht in dem Moment aus wie ein gescholtenes Kind, denkt sich Ellen.  Er kann nicht viel älter sein als ihr Sohn. Er hat den Kopf fast kahl geschoren. Weißblonde Stoppeln wachsen auf seinem Schädel. Er hat ein ganz fein geschnittenes Gesicht mit dunkelblauen Augen. Die schauen Ellen nun traurig an. Der kleine Kerl ist dürr. Die Arme, die die Puppe halten, könnte Ellen locker mit der Gand umgreifen. Sie sehen aus wie die Arme eines Kindes, nicht die eines Mannes. Und doch ist Martin die rechte Hand des Priors. Er ist für die Leitung des Klosters fast wichtiger als der Prior selbst. Ellen nimmt sich vor sich nicht durch das kindliche Aussehen einlullen zu lassen. Der zweitwichtigste Mann des Ordens steht vor ihr. Sie muss acht geben wenn sie nicht auf dem Scheiterhaufen enden will. Ellen fragt sich ob Martin noch zum Mann wird oder ob er Kastrat ist.

Ellen seufzt und sagt dann: „Komm rein." sie hält ihm die Tür auf und Martin strahlt sie an. „Danke." sagt er. Ellen brummt. Wenn der Mönch das unschuldige Kind nur spielt ist er ein verdammt guter Schauspieler. Ellen zeigt Martin ihre Kräuter. Sie erklärt zu jedem Kraut die Wirkung. Martin hört ihr interessiert zu. Die meisten Kräuter kennt er. Einigen schreibt er andere Wirkungen zu oder weniger oder mehr. Meist hat er sein Wissen aus Büchern. Er wirkt ehrlich interessiert an Ellens Erfahrungsberichten. Dann schlägt  Ellen vor nach Kingsbridge zu gehen um die Kranken zu besuchen. Sie machen sich gemeinsam auf den Weg. Der Knabe redet nicht viel. Er hört dafür aktiv zu. Er vermittelt seinem Gesprächspartner dass das was erzählt wird sehr interessant sei. Ellen ärgert sich dass sie ihm viel mehr erzählt hat als sie eigentlich wollte. Auch auf dem Fußmarsch spricht der kleine nicht. Er geht barfuß neben ihr her und trägt ihre Tasche. Er benimmt sich sehr höflich. Wenn Ellen an ihre beiden Jungs denkt kann sie kaum glauben dass ihr Gegenüber ähnlich alt sein soll. Irgendetwas stimmt mit dem kleinen Mönch nicht. Wäre er so jung wie er aussieht müsste er sich anders benehmen. Martin schaut Ellen interessiert bei der Arbeit zu. Sie gehen Wunden versorgen, Mütter mit Neugeborenen beraten und nach den Kindern sehen. Sie verteilen Brot an die Armen und ziehen Zähne. Martin ist eine echte Hilfe. Er hat keinerlei Berührungsängste. Die alten Leute pflegtet mit Hingabe. Ellen erfährt dass es auch alte Brüder gibt um die sich unter anderen auch Martin kümmert. Wunden versorgt er routiniert, das hat er beim Medicus gelernt und wenn man auf einer Baustelle lebt muss man öfters kleinere und grössere Wunden versorgen. Von den Babys ist Martin herzlich angetan. Wenn er eins halten darf schaut er beschenkt drein und Ellen merkt wie sehr der kleine Mönch Kinder mag. Sie schaut ihn nach diesem Tag mit anderen Augen an. Martin ist einfach nur lieb. Es tut ihr in der Seele weh dass dieser Junge nie Papa wird. Sie sagt ihm das auch. Martin schaut sie erstaunt an: „Aber ich bin doch schon so was wie ein Papa. Wir haben zur Zeit zwölf Waisenkinder bei uns im Kloster." Ellen schaut Martin an. Sie möchte ihm gerne glauben dass er der goldige kleine Bub ist für den er sich ausgibt. Ihr Herz sagt ja doch ihr Verstand warnt sie vor dem Mönch. Ihr Grundsatz: ‚Traue keinem Mann der Kirche' lässt sie an Martins Aufrichtigkeit zweifeln. Der Rückweg wird genau so wie der Hinweg. Ellen erzählt und Martin hängt interessiert an ihren Lippen. Erst als Tom nach Hause kommt verabschiedet sich Martin. Er bedankt sich glücklich bei Ellen und fragt ob er  wieder kommen dürfe. Ellen nickt. „Aber gern, mein Junge." Martin grüßt fröhlich zum Abschied und hüpft fröhlich und ausgelassen wie ein Welpe den Weg vom Gästehaus zum Kloster. Ellen schaut ihm nach bis er im Kloster verschwunden ist. „Die rechte Hand des Priors ist noch ein Kind." wendet sie sich an ihren Mann. Tom schaut sie fragend an. „Er wirkt so klein und unschuldig." „Er hat mehr Wissen als Philip und ich zusammen." brummt Tom. „Wir haben ihn heute auf der Baustelle schmerzlich vermisst." 

PhilipWo Geschichten leben. Entdecke jetzt