Teil19

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Der Bau der Kirche geht zügig voran. Bald schon steht der Chorraum und Philip plant die Weihe der Novizen. Wie vor einem Jahr besprochen stellen sie den Antrag dass Martin die Priesterweihe vom Bischof erhält. Es soll ein rauschendes Fest werden und Philip lädt die ganze Stadt ein an der Messe teilzunehmen. Die Stadt schmückt sich und es wird überall geputzt, gelacht und das Fest vorbereitet. Als Martin in das kleine Städtchen kommt wird er von all seinen Freunden umringt und die meisten gratulieren ihm und beglückwünschen ihn nun bald Mönch und Priester zu sein. Nur Ellen schnappt sich den Burschen und verwickelt ihn in ein ernstes Gespräch. "Bist du dir ganz sicher dass dies dein Weg ist, mein Junge?" fragt sie mit vor Sorgen gerunzelter Stirn. Martin schaut sie verwundert an. Er nickt nachdenklich. "Ich könnte mir keinen anderen vorstellen." sagt er leise. "Ich mir schon. Du bist ein heller Kopf und ein hübscher Kerl geworden. Die Mädchen schauen sich alle nach dir um. Du könntest alles machen, die Welt steht dir offen und ich kann dich mir gut als Medicus vorstellen. Ich glaube jedes Mädchen wäre entzückt wenn du sie heiraten würdest." Martin errötet bei der Vorstellung dass er ein Mädchen um seine Hand bitten müsste. Er schaut Ellen bedrückt an. "Ich bin nicht so sehr an Mädchen interessiert, falls du verstehst was ich meine. Ich könnte mir eher vorstellen mit einem Mann zusammen zu sein und das geht ja auf keinen Fall." sagt Martin und er wird bei dieser Beichte dunkelrot. Ellen schaut sich den kleinen, unglücklichen Novizen an. Er ist zwar ein schmächtiger aber wirklich ein attraktiver junger Mann geworden. Seine Gesichtszüge sind noch immer fein und edel, er hat keine groben Gesichtszüge, wie etwa ihr Stiefsohn Alfred. Ausserdem ist sein Gesicht ebenmässig und seine Augen schauen klar und rein, nicht wie bei ihrem Sohn Jake so schielend. Dadurch dass er so belesen ist gibt er kluge Antworten. Er scheint eine Menge über alles mögliche zu wissen. Schon als Kind war er weise. Nun wirkt er einfach wie ein kluger Gelehrter und dadurch immer noch wesentlich älter als er eigentlich ist. Die Kirche kann sich glücklich schätzen solch einen schlauen Kopf in ihren Reihen zu haben, doch Ellen missfällt der Gedanke dass Martin sein Leben der Kirche widmet. "Wer sagt denn dass die Liebe zwischen zwei Männern nicht gestattet ist?" fragt Ellen zornig. Martin schaut unglücklich auf und er wiederholt leise was die Lehre der Kirche ist. "Es ist Sünde. Gott hat den Menschen als Mann und Frau geschaffen." erklärt er und man merkt dass er selbst nicht so wirklich seinen Worten glaubt. Ellen lacht. "Ach, ja? Dann erkläre mir mal wieso David und Jonathan sich so herzlich zugetan waren und wieso Jesus zwölf Jünger hatte und sein Lieblingsjünger an seiner Brust liegen durfte während der Mahlzeiten." Martin staunt Ellen mit offenem Mund an. "Aber das sind doch alles Gleichungen und Allegorien, nicht?" Ellen schaut Martin skeptisch an. "Aha, also sind alle unbequemen Stellen der Bibel Allegorien und man darf sie nicht wörtlich nehmen, andere Stellen sind aber unbedingt wörtlich auszulegen und zu beachten, oder hab ich das jetzt falsch verstanden?" Martin kaut nachdenklich auf seiner Unterlippe. "So wie du es sagst klingt es sehr logisch. Ich habe den Fehler noch nicht gefunden." Ellen staunt Martin an. Sie hat noch nie einen Mann der Kirche kennen gelernt der auch nur in Erwägung gezogen hat dass eine Frau theologisch recht haben könnte. Doch dann schaut er Ellen traurig an. "Philip hat doch schon seine Gelübde abgelegt, er würde sie niemals brechen und ich möchte das auch nicht." Noch während Martin sich Ellen anvertraut realisiert er dass er der Frau gebeichtet hat dass er in Philip verliebt ist. Er schlägt sich erschrocken eine Hand vor den Mund und wartet ängstlich Ellens Reaktion ab. Sie schaut den kleinen Kerl wohlwollend an und ein zartes Lächeln umspielt ihre Lippen. "Also ist es doch Philip dem dein Herz gehört. Das habe ich mir all die Jahre schon gedacht. Findest du nicht er ist eher ein Vater für dich als ein Lebensgefährte?" Martin starrt in sich gekehrt vor sich hin. Dann entschliesst er sich Ellen zu vertrauen und ihr seine Gefühle zu verraten. "Nein, ich liebe Philip seit dem er mir mein Leben gerettet hat und mich mit nach Kingsbridge genommen hat. Er war der erste Mensch der gut zu mir war ohne dass er eine Gegenleistung verlangt hat. Ich meine, er ist ohne zu zögern zwischen meine Angreifer getreten und hat sie verjagt. Er hat mir geholfen die Glassplitter los zu werden und er hat mich gewärmt als mir kalt war. Als ich Angst hatte hat er mich getröstet und er hat mir reden, lesen und schreiben beigebracht. Er hat mit mir zusammen herausgefunden was mir an seinem Klosterleben gefällt und er hat mich verschiedene Dinge ausprobieren lassen und mir immer mal eine andere Aufgabe zugeteilt so dass ich mich wirklich im Kloster sehr wohl fühle. Es wurde zu meinem Kloster, meiner Heimat. Dass ich ihn körperlich anziehend finde weiss er und er verurteilt mich deswegen nicht. Er hat mir nie das Gefühl gegeben dass er deswegen nicht mehr mit mir befreundet sein kann. Ich habe einige Freundschaften deswegen in die Brüche gehen sehen. Gerade wenn ein Bruder einen anderen liebt der die Gefühle nicht erwidert geht das schnell. Doch wenn die Liebe auf Gegenseitigkeit beruht dann werden die beiden sündig und sie geben sich ihrer Liebe hin. Das ist gegen die Ordensregel. Philip hat mir versichert dass er mich auch sehr liebt aber er hat mich noch nie unsittlich berührt. Im Gegenteil. Wenn er mich berührt oder mich im Arm hält dann immer freundschaftlich. Er ist mir ein guter Freund und ich möchte dass es so bleibt. Ich glaube dass eine Gemeinschaft von Brüdern nur bestehen kann wenn alle gleich behandelt werden. Wir könnten die Gemeinschaft nicht halb so gut führen wenn uns neben unserer Freundschaft noch die Leidenschaft verbände. Die Liebe ist gut, sie vermag Berge zu versetzen, aber die Leidenschaft ist nicht gut. Sie vermag die Urteilskraft zu trüben und verleitet einen ungerecht zu sein." Martin schaut Ellen ängstlich an. „Das stimmt doch, oder?" fragt er bang und in diesemMoment sieht er eher wie ein verunsichertes Kind aus als wie ein weiser Mann. Ellen würde ihn am liebsten in ihre Arme ziehen um ihn zu trösten. „Wovon träumt dein Herz nachts?" fragt sie sanft. Martin schaut sie erstaunt an und dann wird er wieder rot um die Ohren. Ellen grinst innerlich aber was Martin ihr nun anvertraut damit hätte sie nicht gerechnet. „Ich stehe Nacht für Nacht an dem Abgrund zur Hölle. Es ist ein tiefer Spalt und ich kann die Hitze des Höllenfeuers förmlich auf meiner Haut spüren. Die Tiefe ruft nach mir und ich habe das Gefühl dass sie an mir zieht. Sie will mich haben. Früher bin ich manchmal in den Spalt gestürzt und dann schreiend aufgewacht. Doch seit dem Philip bei mir ist kommt er jede Nacht um mich von dem Tor zur Hölle wegzuholen. Vor meiner Taufe musste er mich weg tragen. Ich hatte jedes Mal Angst dass er es nicht schafft und wir beide in die Hölle gezogen werden. Doch seit dem er mich getauft hat kann er mich von der Hölle weg führen. Wenn Philip kommt dann höre ich den Ruf der Verdammnis nicht mehr so stark. Ich habe dann keine Angst mehr hinabzustürzen. Er kann mich einfach an der Hand nehmen und er kann mich vom Spalt wegführen." Martin schaut Ellen nun erwartungsvoll an. Sie hatte ja nach seinem Traum gefragt. Nun möchte er wissen was sie davon hält. Ellen schaut entsetzt. „Wieso glaubst du Nacht für Nacht du müsstest in die  Hölle stürzen?" Stottert sie betroffen. „Weil ich ein Dämon bin!" sagt Martin verschämt. Außer Philip weiß das niemand und dass er es nun Ellen anvertraut erstaunt Martin sehr. Ellen schüttelt ihren Kopf. „Das kann nicht sein!" sagt sie prompt. Martin schämt sich. „Einen Dämon erkennt ihr Menschen nicht, es sei denn es ist zu spät." flüstert er traurig. Ellen wundert sich. „Aber du bist ein guter Mensch, Martin. Ich kenne dich nun schon so viele Jahre. Immer hilfst du anderen, du kümmerst dich um die Schwachen, hast damals Toms Baby aufgenommen und groß gezogen, hast dich um die Armen und Kranken gekümmert, wue kannst du ein Dämon sein?" Martin weint nun. „Ich bin halt einer. Nur weil ich keiner sein will heißt das doch nicht dass ich keiner bin." Martin zieht seine Nase hoch und wischt seine Tränen mit dem Ärmel ab. Ellen schaut ihn betroffen an. So ganz kann sie nicht glauben was ihr der junge Mann da anvertraut. „Und Philip hat dich getauft?" fragt sie perplex. „Weiß er nichts von deinem Wesen?" „Doch. Aber Philip sagt immer dass ich ein Engel sei. Er glaubt das weil er meine Flügel gesehen hat als ich gegen den Fürst der Finsternis gekämpft habe. Als ich den Höllenfürst besiegt habe wollte der mich mit in den Höllenspalt ziehen, doch Philip hat mich festgehalten. Er konnte mich jedoch nicht hinausziehen, der Fürst hat mit seiner Peitsche meinen Leib umwickelt und mich nach unten gezogen. Da hat Philip mich schnell getauft weil er mich kaum noch gegen die ziehende Tiefe der Hölle retten konnte. Nachdem er mich getauft hat ging das recht einfach." Martin schaut Ellen traurig an. „Philip glaubt seit dem dass ich zum Licht gehöre aber ich glaube das nicht. Ich bin doch noch immer einDämon und ich habe so große Angst dass ich Unheil über Kingsbridge oder das Kloster bringe. Erst recht wenn ich Philip verlasse und meinen eigenen Gelüsten folge." Martin schüttelt sich bei dem Gedanken dass er nur noch für seinVergnügen leben könnte. „Warum hast du so große Angst vor einem selbstbestimmten Leben?" fragt Ellen interessiert. Martin wundert sich. Hat Ellen nicht zugehört? Oder versteht sie es nicht? „Weil ich nicht selbstbestimmt leben kann. Ich bin ein Dämon. Ich habe einen Meister. Derzeit ist Philip meinMeister unser zeigt mir das Licht. Wäre er nicht mehr meinMeister so werde ich wieder zu einem Wesen der Finsternis. Seit dem ich das Licht kenne weiß ich das ich das nicht mehr möchte. Ich möchte ein guter Mönch werden. Ein Priester, der den Menschen von der Güte Gottes berichtet und ihnen den rechten Weg zeigt. Das möchte ich sein. Ich habe nur Angst dass ich dazu nicht berufen bin und mit etwas anmaße was nicht für mich bestimmt ist." Martin schaut Ellen wieder hilflos an. Endlich begreift Ellen dass Martin von ganzem Herzen den Weg als Mönch und Priester beschreiten möchte. Wenn ein Mann diesen Weg beschreiten kann dann er. Dieser kleine und hilfsbereite junge Mann entspricht wahrscheinlich wirklich dem Ideal eines Mönches. Wenn das was er sagt stimmt dann kann sein Herz lieben aber sein Wille und Verstand werden durch diese Liebe nicht vernebelt. Ellen schaut Martin sehr lange und sehr ernst an. Dann sagt sie wie zu sich selbst: „Wenn jemand würdig ist Mönch zu werden dann du. Ich kann mir vorstellen dass du mit deinem guten Herz und deinem scharfen Verstand auch ein guter Priester wirst. Möchtest du einmal eine eigene Gemeinde leiten?" nun wirkt Ellen doch wieder interessiert und Martin schaut sie überrumpelt an. „Darüber habe ich mit ehrlich gesagt noch nie Gedanken gemacht. Ich glaube aber nicht dass ich eine Gemeinde leiten möchte. Ich bin zufrieden mit Philip das Kloster zu leiten." Ellen lächelt. Bist du eigentlich Philips Subprior?" fragt sie und Martin wiegt seinen Kopf. „De facto bin ich seine rechte Hand aber als Novize kann ich natürlich kein so hohes Amt bekleiden. Ich glaube dass Remigius noch offiziell Subprior ist auch Renner sich überhaupt nicht mehr an der Leitung des Klosters beteiligt. Dafür ist er als Kellermeister ein wahres Goldstück! Seine Biere sind richtig gut und er hat ein Händchen für das Brennen." Ellen grinst und sie sagt: „Philip hat ohne Zweifel die Gabe für seine Leute die richtigen Aufgaben zu finden. Ich kenne Bruder Remigius schon vor Philips und deiner Zeit. Er war einst ein übellauniger und missgünstiger Mann dem man nachgesagt hat dass er gerne Intrigen spönne. Doch seit dem er wieder bei euch im Kloster ist hat er sich verändert. Er wirkt viel ausgeglichener und freundlicher als sonst."

PhilipWo Geschichten leben. Entdecke jetzt