Teil 77

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Philip und Martin begleiten Rabbi Scholomon und seinen Sohn Jona wieder zurück in die Stadt. „Wollt ihr wirklich nicht bei uns im Gästehaus wohnen bis euer Haus wieder steht?" fragen Philip und Martin wiederholt. Doch Scholomon lehnt ab. „In eurem Gästehaus residiert die Königin. Wir möchten nicht Tür an Tür mit der hohen Frau wohnen." erklärt der Rabbi bescheiden. „Aber warum denn nicht? Ihr seid uns doch genau so willkommen wie die Königin!" fragt Martin verwundert. Der Rebbe schaut etwas irritiert aber da sie bei den Überresten seines Hauses angekommen sind wird er von den versammelten Menschen freudig begrüßt. Seine Familie ist heilfroh ihn gesund und munter wieder zu haben. Natürlich kommen Scholomon und seine Frau erst einmal in dem Haus des ältesten Sohnes unter. Jona erklärt Martin verschämt grinsend: „Wir sind es gewohnt eng zusammen zu rücken." Martin lächelt traurig. Er weiß dass die Familie schon häufiger vor Progromen flüchten musste. Sie sind vor ein paar Jahren mit nicht viel mehr als einem Handkarren und den Kleidern die sie am Leib trugen mitten im Winter in Kingsbridge angekommen. Martin hat sie damals in Empfang genommen und ihnen einen warmen Schlafplatz zugewiesen und ihnen zu Essen und Trinken gebracht. Außerdem hat er dafür gesorgt dass sie ihre Wahren auf dem Markt verkaufen konnten. Er hat extra einen Tisch von Tom erbeten und ihn zum Markt geschleppt. Dann haben die Zimmerleute auf Martins Bitten hin das Häuschen für die Familie gebaut. Dass es nun verbrannt ist schmerzt nicht nur die Familie auch Martin schaut betrübt in die Überreste verkohlter Balken. Tom und seine Söhne haben sie inzwischen alle ordentlich beiseite geräumt. Tom geht zum Prior und er sagt: „Wir sollten hier ein Steinhaus errichten." Philip nickt bedächtig. „Das brennt nicht so schnell ab und ist dann kleine Gefahr für die Stadt." sagt Philip. Die Frau des Rabbi lamentiert. „Ein Steinhaus können wir uns in einhundert Jahren nicht leisten." sagt sie entsetzt. „Müssen wir umziehen?" fragt Scholomon leise. Philip schüttelt seinen Kopf und Martin sagt bestimmt: „Natürlich nicht! Aber ihr benötigt eh ein größeres Haus. Immerhin ist eure Familie nicht alleine geblieben. Es wohnen doch nun schon mehr als sieben Familien jüdischen Glaubens in Kingsbridge. Es wurde zuletzt doch so eng wenn ihr euch am Sabbat für die Gebete getroffen habt. Ich denke wir sollten über den Bau einer Synagoge nachdenken." Scholomon staunt Martin nicht als einziger mit offenem Mund an. „Was ist da denn für eine seltsame Idee?!?" fragt Tom verwirrt. Philip entgegnet seinem Baumeister: „Der Rabbi hat Martin gesegnet. Natürlich kommt Martin nun auf solche Ideen." dabei grinst Philip spitzbübisch. Martin schaut verwirrt zu Philip. Als er in das grinsende und ihm zuzwinkernde Gesicht schaut weiß er dass Philip seinen Ideen zustimmen wird. Darum sagt er fröhlich: „Dich hat er aber auch gesegnet!" Philip lacht und er antwortet: „Darum mag ich deine Idee. Sie gefällt mir gut." dann wendet sich Philip an den Rabbiner und er fragt demütig: „Wärt ihr damit einverstanden dass wir in die Baulücke eures Hauses eine Synagoge bauen?" Der Rabbi nickt bedächtig. „Woher bekommen wir denn die Steine und die Steinmetze? Die Zimmerleute und die Balken?" Alfred meldet sich. „Ich würde euch das Gotteshaus schon bauen, wenn ihr mögt. Ich kann das, ich habe das Frauenkloster gebaut." sagt Alfred nicht ohne ein bisschen Stolz in seiner Stimme zu haben. Tom kratzt sich den Bart. „Ich könnte euch ebenfalls meine Dienste anbieten. Ich bin der Baumeister der die Kathedrale errechnet hat." gibt er zu. Der Rabbi freut sich. Er wird mit seiner Gemeinde sprechen und dann werden sie sich melden um dich über den Handel einig zu werden.
Die Königin ist wieder in ihrem Gästehaus. Sie ist außer sich vor Wut dass Martin sich offensichtlich um alles und jeden kümmert nur nicht mehr um sie. Er hat sich gar nicht um Jakes Hochzeit gesorgt sondern irgend so einer Familie geholfen. Er hat sogar sein Leben für die aufs Spiel gesetzt. Sie konnte sich mit eigenen Augen davon überzeugen wie sie ihn aus den brennenden Trümmern gezogen haben. Martin ist dann mehr oder weniger an ihr vorbei gelaufen um einen alten Mann hoch zum Kloster zu bringen. Er hat sie nicht einmal bemerkt. Dabei stand sie so dass er sie nicht hätte übersehen können! Empörend! Solch ein Verhalten muss gestraft werden. Königin Mathilde grübelt wie sie Martin am besten für sich gewönne. Ihr Schmeicheln und Werben hat nicht gefruchtet. Im Gegenteil, sie hat damit den zierlichen Mann ja eher verschreckt so dass er sie nun meidet. Ein Plan muss her damit Bruder Martin sich nicht mehr vor ihr drücken kann. Da sie Martin so oft in der Küche verschwinden sieht und er dort drinnen offensichtlich schuftet weil er von draußen, für sie gut sichtbar, immer mal Holz holen geht, spricht die Königin Matthias an. „Guter Bruder!" sagt sie zu ihm als sie den alten Mönch am Brunnen trifft wo er Wasser holt. Matthias schaut auf und er grüßt die Königin mit dem gebührenden Respekt. „Euer Bursche, den jungen Martin misse ich nun schon seit Tagen. Ich mag seine Stimme aber sehr gerne vernehmen wenn er für mich singt oder liest. Könntet ihr ihn bitte wieder zu mir schicken?" fragt Mathilde freundlich aber bestimmt. Matthias reagiert so ganz anders als sie es erwartet hatte. „Das tut mir Leid, aber ich kann der rechten Hand des Priors nicht befehligen." erklärt der alte Mann. Mathilde schaut empört. „Ich habe den Burschen gestern bei euch in der Küche gesehen!" sagt sie mit inzwischen schärferen Tonfall als würde sie die Worte von Matthias nicht glauben. Matthias stellt den schweren Eimer den er bis eben den Brunnen heraufgezogen hat nun auf den Brunnenrand. Er schaut zu Mathilde und er sagt: „Es mag ungewöhnlich erscheinen aber Prior Philip und seine rechte Hand, Bruder Martin, haben gestern mit mir zusammen gekocht. Heute werden es Bruder Francis, Bruder Jakob und einige Waisenkinder tun." Wie um seinen Worten Kraft zu verleihen stürmen zwei kleine Buben auf ihn zu um ihn zu umarmen und mit leuchtenden Augen stolz zu berichten dass sie heute die Auserwählten sind die ihm beim Küchendienst helfen dürfen. Etwas langsamer aber nicht minder fröhlich tauchen zwei Männer auf. Der eine schaut genau so aus wie Prior Philip, der andere sieht Martin ähnlich, gleicht ihm aber nicht aufs Haar. Mathilde erkennt den älteren als den ehemaligen persönlichen Priester ihres Gatten. Er hatte einige Zeit ihrem Sohn das Lesen und Schreiben beigebracht. Damals war der Mann deutlich ernster aber auch etwas fülliger. Ihn nun so hager aber fröhlich zu erleben verwundert Mathilde. Da es nicht Prior Philip ist neigt sie ihren Kopf andeutungsweise zum Gruß und sie verabschiedet sich. Die beiden Kinder plappern ohne Unterlass bis sie von Jakob liebevoll ermahnt werden: „David, Jonathan! Quasselt Matthias keinen Knopf an die Backe!" Alle anwesenden lachen aber Mathilde verlässt die Szene fast fluchtartig. Ihr Sohn ist etwa in dem Alter verstorben in dem sich die Halbwüchsigen nun befinden. Die Glieder der Burschen sind langgestreckt, die Stimmen noch rein und klar. Doch das Gesicht verliert den Babyspeck. Mathilde kämpft gegen ihre Tränen als sie die Burschen verlässt. Hastig eilt Mathilde aus dem Küchenhof. Als sie gerade an dem Kirchenportal vorbei hastet verlässt der Prior die Kirche. Er grüßt freundlich die Königin. Natürlich merkt er dass es Mathilde nicht gut geht. Als Seelsorger kümmert ihn ihr Leid. Darum spricht er sie an: „Gott zum Gruße, was bedrückt euch?" Mathilde ringt einen Augenblick ob sie den Prior anvertrauen soll dass die beiden Knaben die heute in der Küche helfen ihr Gemüt in Wallung gebracht hat. Doch sie entscheidet sich dagegen. „Die Abwesenheit einer schönen Stimme, die mich mit Gesang und Lyrik aufheiterte fehlt mir, guter Vater." Philip versteht nicht was Mathilde meinen könnte. Also muss sie ihm erklären dass sie Martin vermisst. Philip glaubt seinen Ohren nicht zu trauen. „Aber ihr seid gesund und euer Kind entwickelt sich gesund und munter." stammelt Philip. „Ihr braucht Martin nicht, die Armen und Kranken und unser Kloster brauchen ihn gerade viel mehr!" „Dann lasst ihr mich also in meinem Kummer und Schmerz alleine?" fragt die Königin zickig. „Nein, ihr dürft euer Leid klagen. Vielleicht finden wir Kurzweil für euch. Nur Bruder Martin wird sie nicht sein, er hat andere Aufgaben." erklärt Philip und er muss sich arg zusammen reißen der offensichtlich verliebten Frau nicht an die Gurgel zu springen. Immerhin ist es sein Engel, sein Liebhaber den sie da begehrt. „Wo soll ich hier denn bitte schön Kurzweil erfahren? Hier gibt es doch nichts! Keine Minnesänger, keine Gaukler, kein Theater, nichts!" Mathilde schaut den frommen Mann böse an der sich ihrer angenommen hat. Philip nickt zustimmend. „Wir leben im Kloster. Kurzweil steht hier wahrlich nicht auf der Tagesordnung. Dafür Gebete und das Lob Gottes." Mathilde und Philip schauen sich seltsam an. Die eine weil sie nicht versteht wie man so karg leben kann, der andere weil er nicht versteht wie etwas wichtiger sein könnte als das Lob Gottes. Sollte nicht jeder Christ und jede Christin dies als höchste Pflicht ansehen? Philip räuspert sich. Dann schlägt er zaghaft vor dass Mathilde sich an den Stundengebeten beteiligen könnte. „Kann ich da Martin lauschen?" fragt sie prompt und Philip geht ein Stich ins Herz. „Nein!" sagt er strenger als beabsichtigt. „Ihr dürft mit den Damen gemeinsam beten. Wenn ihr mögt werde ich mit Mutter Agnes reden." Mathilde schaut sich Philip an. Die Jugend ist für den frommen Mann vorbei. Er ist, wie man so schön sagt, in der Blüte seiner Jahre. Die Haare an den Schläfen haben einen leichten Silberschimmer und Fältchen sind in seinen Augenwinkeln sichtbar. Der Mann steht aufrecht und seine Bewegungen sind geschmeidig, regelrecht kraftvoll. Man sieht dem Gottesmann an dass er spartanisch aber nicht ungesund lebt. Er ist nicht feist, wie es viele Gottesmänner sind die Mathilde kennt, die sind dick um die Leibesmitte und können sich kaum noch auf den eigenen Beinen fortbewegen. Die predigen Wasser und trinken Wein. Sie befehlen den Menschen zu fasten und selber schlemmen sie. Philip ist auch nicht ausgezehrt und hager, wie es andere Gottesmänner, wie beispielsweise Bischof Walleran sind. Diese kasteien sich und fasten bis ihr Körper fast verzehrt ist. Ihr Leib gleicht einem Tempel mit dem sie ihre Mitmenschen anklagen. Sie verurteilen jedes ausschweifende Leben und König Stefan hat die meisten von ihnen aus ihren Ämtern geschmissen da sie ihn durch ihre übertriebene Frömmigkeit ständig kritisiert haben. Dieser hier ist offensichtlich gut ernährt. Er besitzt noch alle Zähne und seine Haut ist nicht fahl. Sein Gesicht und die Hände sind gebräunt da er wohl viel an der frischen Luft verweilt. Seine Glider Schmerzen ihn nicht, er kann sich gut bewegen. Das Gewand fällt ihm gerade von den Schultern. Philip hat eine durchschnittlich große Statur. Die Schultern sind nicht schmal aber auch nicht so breit wie bei den Rittern die Mathilde kennt. Dennoch hält Philip die Schultern gestreckt und läuft nicht gebückt und eingesunken wie viele Gelehrte die Mathilde kennt. Seine Brust ist unter dem der dicken wollenen Kutte normal gebaut wie Mathilde nun auffällt. Seine Hüften sind schmal und kein Bauchansatz wölbt sich darüber. So gürtet er sich locker mit Gürtel und Rosenkranz. Die Falten seines Gewandes fallen danach bis zum Boden. Lediglich die Füße sind manchmal beim Gehen sichtbar. Der Prior läuft offensichtlich barfuß durch die Gegend. Zumindest hat Mathilde eben keine Schuhe an seinen Füßen bemerkt als er so leichtfüßig die Eingangstreppen der Kathedrale heruntergegangen ist. Doch seine Haare sind inzwischen ergraut so dass er mit Sicherheit älter ist als er aussieht. Mathilde meint sich zu erinnern dass dieser Mann der ältere Bruder von Francis ist und der ist genau so alt wie ihr Gemahl. Mathilde fragt sich unweigerlich ob dieser Mann wohl mehr tut als fromme Gebete zu sprechen. Da fällt ihr ein dass der Prior ja manchmal in der Küche hilft, doch davon kann er nicht solche Muskeln bekommen haben?
Mathilde nickt Philip zu und sie antwortet Philip: „Ja, bitte. Sprecht mit der guten Mutter damit mein Tag wieder etwas Struktur bekommt." Philip verabschiedet sich von der Königin Mathilde und er eilt zu seinem Martin den er im Kirchhof trifft. Ihm muss er von der seltsamen Begegnung berichten die in seinem Herzen so schmerzt. Martin hat mitbekommen dass Mathilde ihn mehr als mag. Darum macht er sich ja auch bei ihr so rar. Ellen hat ihn zuerst darauf hingewiesen wie es wohl um das Herz der Königin bestellt ist und als Martin darauf achten konnte da hat er es erkannt. Er möchte diese Gunst nicht haben. Martin hat keine Freude am weiblichen Geschlecht und eine verheiratete Frau sollte sich seiner Meinung nach nicht anderweitig umschauen und erst recht nicht nach ihm. Martin weiß dass er eine angenehme Stimme hat. Viele Menschen kommen extra in die Gottesdienste um seinen Gesang zu lauschen. Das ist für ihn okay, er singt so gerne und er erfreut seine Mitmenschen auch gerne mit seinen Liedern. Doch es fiele ihm nie im Traum ein seine Stimme exklusiv nur für eine einzige Person zu erheben wenn diese Person nicht gerade Philip ist. Unglücklich steht er vor seinem Liebsten und er weiß nicht wie ihm das passieren konnte dass sich jemand anders in ihn verliebt. Philip nimmt seinen Freund tröstend in seine Arme und Martin bettet seinen Kopf an Philips Brust. Liebevoll streichelt ihn Philip und er glaubt seinem Martin dass er es nicht darauf angelegt hat in die Gunst der Königin zu fallen. „Ich kann verstehen dass sie sich in dich verliebt hat, du bist nun mal liebenswert." neckt Philip schließlich seinen Freund. Martin schaut zu ihm auf und Philip haucht einen Kuss auf Martins süße Lippen. Philip weiß dass er zu lange und zu intensiv Martin küsst als dass es noch als Bruderkuss durchgehen könnte. Martin schmeckt zu gut und er ist glücklich dass er Martin hat. Doch ehe die Zuneigung zu unsittlich wird hören die beiden auf sich zu Herzen und sie betreten das Kloster um ihrem Alltag nachzugehen. Mathilde, die dem Prior gefolgt ist in der Hoffnung er würde sogleich zur Mutter Oberin gehen, durfte Zeugin dieses Schauspiels werden. Sie stand zu weit weg als dass sie hätte verstehen können was die beiden Männer besprochen haben. Martin sah jedoch arg geknickt aus und Philip hat ihn liebevoll getröstet. Zuletzt viel zu liebevoll für ihren Geschmack.

PhilipWo Geschichten leben. Entdecke jetzt