Teil44

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Philip liest die Messe und wirklich alle Menschen aus Kingsbridge sind in der Kirche. Niemand will sich die erste richtige Messe in dem neuen Gotteshaus entgehen lassen. Die einzigen die immer noch schmerzlich in ihren Reihen fehlen sind Richard und seine Mannen. Sie hätten längst wieder zu Hause sein müssen. Die Hamleighs sind dagegen mit ihrem ganzen Hofstaat da. Vater Percy mit seiner Frau, der Sohn William und auch seine junge Braut sind in der ersten Reihe und Philip hat den Eindruck als würden sie hämisch gucken. Aliena setzt sich maximal weit von dieser Familie weg. Martin wundert sich weswegen die Hamleighs den Weg von Shyring auf sich genommen haben. Sie haben in der Burg eine eigene Kapelle und selbst wenn dort kein Priester anwesend sein sollte könnten sie im nahegelegenen Kloster Weihnachten feiern. Doch sie sind die verschneiten Pfade her gekommen. Martin fragt sich ob es die reine Neugierde war die sie den beschwerlichen Weg her geführt hat. Philip lässt sich nicht beirren und er hält die feierliche Weihnachtsmesse. Martin ist an seiner Seite um zu dienen. Sie reichen das Abendmahl an zwei Stellen und Philip hat sich instinktiv von den Hamleihs weg bewegt, doch die meisten stellen sich bei ihm an. Lediglich Williams Verlobte steht bei Martin in der Reihe. Als Martin ihr die Hostie reicht und den Segen über sie spricht antwortet das Mädchen nicht mit "Amen" sondern sie flüstert hektisch: "Sie haben Richard eingesperrt." Martin glaubt seinen Ohren nicht trauen zu können. Dennoch hat er es sehr wohl verstanden. Er tut so als sei alles in bester Ordnung denn aus dem Augenwinkel beobachtet er wie Williams Mutter sie ungeniert anstarrt. Martin entlässt das Mädchen mit dem Friedensgruß und er nickt ihr huldvoll zu. Sie feiern die Messe zu Ende und als die Menschen aus der Kirche strömen um in ihren Stuben die Geburt des Herrn zu feiern da sieht Martin wie eine verlumpte Gestalt die Kirche betritt. Martin glaubt es sei ein Bettler der hier in der Kirche Schutz vor dem kalten Wind sucht. Doch eine Kirche eignet sich nicht um sich zu wärmen. Martin geht auf den Bettler zu und er merkt wie der Mann nur mühselig voran kommt. Er hält sich an den Kirchenbänken fest als bräuchte er eine Stütze. "Gott zum Gruss, guter Mann. Was wünscht ihr?" fragt Martin ganz lieb und er bleibt vor dem Bettler stehen um ihm zur Not hilfreich zur Seite zu stehen. "Martin, ich bin es, wo ist mein Bruder?" krächzt der Fremde. Martin schaut sich den Bettler genauer an und er erkennt Philips Gesichtszüge unter all dem Schmutz. "Francis, was ist dir denn passiert?" fragt Martin entsetzt und er schnappt sich einen Arm von Francis um ihn sich über die Schultern zu legen. Er ist eine bessere Stütze als die Kirchenbänke. Francis stöhnt. "Frag nicht Kleiner!" presst er heraus. "Wir gehen erst einmal in die Krankenstube. Der Medicus soll sich um dich kümmern. Dann hole ich Philip." sagt Martin bestimmt. "Nein, meine Wunden sind nicht schlimm." entgegnet Francis. "Ich bin immerhin von London aus hier her gekommen. Nein, ich muss Philip sofort sehen." bestimmt Francis. Martin nickt und er geht zusammen mit Francis in den Priortshof. Er weiss dass sie nun eine halbe Stunde für Johannes eingeplant haben. Der Knabe soll seine Geschenke in Ruhe auspacken ehe sie sich zu dem grossen Festmal begeben werden. Als Martin die Türe öffnet spiegelt das was Francis erblickt so gar nicht seinem Gefühl. Hier wird Weihnachten gefeiert. Helle Kerzen beleuchten den reich geschmückten Raum. Strohsterne und Äpfel hängen an einem kleinen Tannenbäumchen und unter der kleinen Tanne liegen bunt verpackt einige Geschenke. Der kleine Johann steht mit leuchtenden Augen ungeduldig davor. Er tippelt von einem Fuss auf den anderen und kann die Spannung kaum aushalten. Philip steht daneben und in seinen Armen liegt ein kleines Baby. Er staunt die beiden an und erst als Francis Philip begrüsst erkennt er ihn. Auf Philips erstauntes Gesicht schleicht sich unbändige Freude. "Francis!" sagt er strahlend und er geht auf die beiden zu. Martin windet sich unter Francis hervor und er nimmt Philip das Baby aus dem Arm damit Philip seinen Bruder umarmen kann. "Was führt dich zu mir und warum siehst du so schrecklich aus?" fragt Philip und er hält seinen kleinen Bruder innig umarmt. Francis fängt an zu weinen. Philip wiegt ihn wie ein Kind in den Armen. Doch Francis weiss dass hinter ihm ein kleines Kind auf seine Geschenke wartet. Darum besinnt er sich und er sagt: "Ich erzähle es dir später. Lass uns erst einmal feiern." Philip setzt Francis sanft auf einen Stuhl. Er hat gemerkt dass die Umarmung Francis zwar sehr gefallen hat, dass er aber auch grosse Schmerzen gelitten hat. Francis setzt sich und Martin, Philip und Johannes singen ein Weihnachtslied. Francis lächelt. In den letzen Wochen und Monaten hätte er nicht gedacht dass er leben würde und schon drei mal gar nicht dass er seinen Bruder wieder sehen würde. Dass er nun miterleben darf wie Weihnachten gefeiert wird und dass es ein heimeliges und huldvolles Fest wird lässt ihn vor Freude weinen. Als Johannes seine Geschenke öffnet ist Francis endgültig in Weihnachtstimmung. Der Kleine freut sich über seine neue Kutte genau so sehr wie über den Rosenkranz den er bekommen hat. Ausserdem hat Martin dem Kleinen eine Puppe genäht. Sie sieht aus wie ein Mönch. Mit Tonsur und Kutte. Martin zieht die Puppe sofort begeistert aus und er freut sich dass da sogar ein weisses Gewand unter dem braunen ist. Martin zeigt Johannes wie er seine Puppe wieder anziehen kann. Während die beiden spielen setzt sich Philip zu Francis. "Nun sag, was führt dich her?" fragt Philip und Francis berichtet was ihm Wiederfahren ist. Nach der Flucht von Philip und Martin ist Francis wieder zum König zurück gekehrt. Doch der Dämon hat ihn als seinen Feind ausgemacht. Er hat dafür gesorgt dass der König Francis der Hexerei bezichtigt hat. Francis wurde in Ketten gelegt und gefoltert. In seiner Pein hat Francis sogar zugegeben ein Hexer zu sein. Doch vor seiner Hinrichtung konnte er fliehen. Der Priester der ihm die Beichte abnehmen sollte hat ihm geholfen. "Philip, ich konnte fliehen, aber deine Jungs, die tapferen Soldaten die mit Richard an König Stefans Seite gekämpft haben die konnten nicht fliehen. Sie sind hingerichtet worden. Ich habe es gesehen." Francis weint und auch Martin und Philip kommen die Tränen. All die jungen Männer sollen nicht mehr da sein? "Aber was ist mit Richard? Williams Verlobte sagte mir dass die Hamleighs ihn gefangen hätten?" Francis zuckt mit den Schultern. "Wenn ihr mehr als vier Männer dabei gehabt habt dann kann ich euch über den Verbleib nichts berichten. Ich habe vier junge Männer am Galgen baumeln sehen. Sie hatten die Gewänder aus Kingsbridge an." Philip ballt seine Fäuste und er weiss nicht wie er nun reagieren soll. Martin hat den kleinen Francis im Arm und er gibt ihm gerade das Fläschchen. Der kleine Johannes fragt bang: "Was ist denn los? Warum weint ihr?" Philip nimmt den Knaben auf seinen Schoss und er erklärt ihm dass Francis ihm was ganz trauriges mitteilen musste. "Weisst du, ich habe in der Stadt einige Freunde. Ein paar sind ausgezogen um mit dem König zu kämpfen und sie sind nun tot. Darum bin ich so traurig." erklärt er dem Bub. Der weint nun auch und Philip umarmt ihn sachte. Da klopft es an die Tür und Matthias holt die anwesenden zum Festmahl ab. Er ist erstaunt Francis zu sehen und die anderen in solch aufgelöster Verfassung vor sich zu haben. Schnell wird er ins Bild gesetzt und Matthias läuft los um für Francis saubere Kleidung zu holen. Philip hilft seinem Bruder sich zu waschen als Matthias wieder kommt. So instand gesetzt fühlt sich Francis bedeutend wohler. Als er sich umdreht um sich die Kleidung geben zu lassen schaut er in entsetzte Gesichter. "Junge, was ist mit dir passiert?" fragt Matthias entsetzt. Francis Körper ist über und über mit Wunden bedeckt die alle mehr oder weniger eitern. Seine Hände sind unnatürlich geschwollen. Er nutzt sie sehr vorsichtig. Dort wo eigentlich Francis Geschlecht sein sollte ist eine klaffende Wunde. Philip starrt ihn wie paralysiert an. Martin ist derjenige der einen kühlen Kopf bewahrt. Matthias, geh du doch bitte mit Johannes und Klein Francis zum Essen, ja? Philip und ich werden mit Francis in die Krankenstube gehen um ihm seine Wunden zu versorgen." Philip schiebt den kleinen Johannes in Matthias Arme. Dann drückt er den beiden noch das Baby in die Hand. Dann nimmt er die Kleidung von Matthias um sie Francis anzuziehen. Philip erwacht aus seiner Starre. Er nimmt seinen kleinen Bruder auf seine Arme um ihn ihn die Krankenstube zu tragen. Martin saust vor ihm her und er hält ihm alle Türen auf damit Philip nicht anhalten muss. Als sie in der Krankenstube ankommen entzündet Martin die Lichter. Philip legt Francis auf eins der Betten und er entkleidet ihn wieder. "Wer war das?" knurrt Philip. An seiner Stimme hört man dass er sehr wütend ist. Francis lächelt. "Ich habe noch einmal Weihnachten gefeiert." sagt er selig. Philip nimmt dankbar die Schüssel mit dem geweihten Wasser das Martin ihm mit ein paar Schwämmen reicht. Dann beginnt Philip die Wunden auszuwaschen. Die kleineren verbindet Martin, die grösseren die nicht eitern vernäht er. Als sie zwischen Francis Beinen die Wunde näher anschauen wird ihnen übel. "Warum haben sie dir deine Geschlechtsteile abgetrennt?" fragt Philip. Francis stöhnt. "Na, ja, ich hatte was mit Stefans Sohn." gibt Francis zu. "Bitte Was?" fragt Philip entsetzt. Martin legt seinem Mann die Hand auf den Arm. Die Geste beruhigt Philip. Er schaut nun etwas sanfter und er fragt noch einmal eindringlich: "Francis, kleiner Bruder, ist das geschehen was ich aus deinen Worten entnehme? Hat man dich beim Sex mit dem Prinzen erwischt?" Francis nickt. "Ja, ich bin ein Hexer." sagt er schlicht. Martin streichelt Franicis durch die Haare. "Nein, Francis, das bist du nicht. Du bist kein Hexer. Was ist geschehen?" Francis schaut Martin erstaunt an. "Aber ich habe gestanden dass ich ein Hexer bin und den Knaben verführt habe." sagt er leise. Martin nimmt die Hand von Francis in seine und er streichelt sie ganz sanft. "Wie viele Finger mussten sie dir für dieses Geständnis brechen?" fragt er ganz zart und er leuchtet ein wenig. Die Leuchtkraft die er aussendet hilft ihm Wunder zu vollbringen und hier ist ein richtig grosses Wunder von Nöten wenn sie Francis Hände und Füsse wieder so herrichten wollen dass er sie auch in Zukunft wieder benutzen kann. Francis windet sich. "Alle." haucht er schliesslich. "Und was hast du mit dem Knaben in Wirklichkeit gemacht?" fragt nun Philip und auch er streichelt seinen Bruder. Francis weint los. "Ich habe ihm das Lesen und Schreiben beigebracht. Dafür bin ich doch sogar eingestellt gewesen." schluchzt Francis. "Schschschsch......." versucht Philip seinen aufgelösten Bruder zu beruhigen. Martin mischt Wein mit etwas Mohn. Wenn sie Francis Intimbereich gleich versorgen und ihm die Knochen richten dann sollte der arme Mann besser schlafen und von der Prozedur nichts mitbekommen. Francis trinkt das Getränk und er fällt in den unruhigen Schlaf. Martin und Philip versorgen die Wunde und sie richten die Knochen. Francis muss in der Krankenstube bleiben um sich zu schonen und zu heilen. Philip ruft seine Brüder und die wichtigsten Städter zusammen. Tom Builder, sein Sohn Alfred, Aliena, und Patrick von der Stadtwache. Philip erklärt die Situation: "Ich bin untröstlich dass ich euch allen die schlimme Kunde mitteilen muss aber unsere tapferen Soldaten sind in Gefangenschaft geraten. Mein Bruder Francis hat berichtet dass mit ihm zusammen vier unserer Soldaten in königlicher Gefangenschaft waren. Die jungen Männer wurden an Nikolaus gehängt. Mein Bruder Francis konnte fliehen. An Weihnachten erzählte die Verlobte von William Hamleigh dass sie Richard in Gefangenschaft halten würden." Philip schaut in entsetzte Gesichter. Nur Aliena scheint er keine Neuigkeit erzählt zu haben. Aliena meldet sich zu Wort. Ich habe einen Brief vom König bekommen. Er fordert einhunderttausend Dukaten von mir damit ich meinen Bruder auslösen kann. Er ist des Hochverrats angeklagt." sagt Aliena mit erstickender Stimme. Ein Raunen geht durch die Menge. Einhunderttausend Dukaten sind sehr viel Geld, sehr sehr viel. Alfred Builder meldet sich zu Wort. "Aliena, ich habe fünfzigtausend Dukaten. Wenn du mich heiratest dann geb ich sie dir." sagt er und Aliena dreht sich erstaunt zu ihm um. Ellen fragt prompt: "Woher hast du so viel Geld?" Und Alfred antwortet ihr: "Seit dem ich nicht mehr alles vertrinke spare ich. Ich habe schon zwanzigtausend Dukaten in meinem Kästchen. Dreißigtausend wird mir Vater für die Hochzeit geben." Tom Builder fallen zwar gerade die Augen aus dem Kopf weil sein Sohn so eine unverschämte Forderung stellt aber er hat das Geld. Er nickt darum bedächtig. "Für Richard würde ich mein letztes Hemd geben." brummt Tom. Aliena fällt Tom um den Hals und sie bedankt sich wortreich. Alfred fragt: "Dann wirst du mich also heiraten?" Martin sagt laut: "Nein!" Alle drehen sich erschrocken zu dem kleinen Mönch um "Nein, Aliena, du liebst Jake, nicht Alfred." erinnert Martin das Mädchen. Aliena schaut unglücklich. "Aber Jake hat keine fünfzigtausend Dukaten." sagt Aliena und sie weint. Martin geht zu ihr und er sagt: "Du liebst Alfred nicht. Du würdest nicht glücklich mit ihm." Die meisten der Anwesenden wundern sich. Philip fragt erstaunt: "Was hat Liebe denn mit einer Ehe zu tun?" Nun schaut Martin Philip entsetzt an. "Alles?" sagt Martin unsicher. Ihm ist wohl bewusst dass viele adlige Töchter nicht aus Liebe sondern wegen der Politik heiraten. Doch Alias Vater hat Alienas Mutter versprochen dass Aliena einmal ihren Mann selber wählen darf. Dieses Versprechen ist Jakes grosse Hoffnung. Er hofft dass seine Liebe auf Gegenseitigkeit stossen wird und Aliena ihn aus Liebe heiraten wird. Dass sie sich nun für ihren Bruder verkaufen will findet Martin schrecklich. Philip weiss dass die meisten Menschen nicht aus Liebe oder Zuneigung füreinander heiraten sondern weil die Eltern es so bestimmen. Er fand es immer sehr grosszügig von Alias Vater dass er manch gute Patie für seine Tochter ausgeschlagen hat weil das Mädchen die Männer nicht wollte. Dass sie sich nun einen Mann freiwillig erwählt hat findet Philip völlig in Ordnung. So eine reiche Mitgift bringt kaum ein adliger mit und Aliena braucht das Geld. Dennoch weiss Philip dass sein Martin meist die besseren Ideen hat. Er hinterfragt mehr. Obwohl Aliena, Alfred und Tom sich einig sind reagiert Philip zurückhaltend als er um den Segen für das Brautpaar gebeten wird. "Ich weiss nicht, ich würde dir Aliena gerne noch ein paar Tage Bedenkzeit auferlegen. Wenn du am Sonntag immer noch heiraten willst dann soll es so sein." sagt Philip und er hofft sehr dass Martin irgendetwas tun kann damit Aliena glücklich wird. Er selber kann da nicht helfen. Philip sitzt Stunde um Stunde und er hütet den grossen und den kleinen Francis. Ersten weil er einfach sein Bruder ist und letzten weil Martin nun besseres zu tun hat als sich um ein Baby zu kümmern. Zum Glück ist Francis sehr entzückt von dem Knaben. "Ihr habt ihn echt nach mir benannt?" will er gefühlt hundert mal wissen. Philip muss die Geschichte von der Taufe so oft erzählen. Dass er Martin und er bei der Gelegenheit gleich getraut wurden lässt Philip weg. Das muss selbst sein Bruder nicht wissen. Dieses süsse Geheimnis sollte besser eins bleiben.

PhilipWo Geschichten leben. Entdecke jetzt