Francis steht unschlüssig im Zimmer während sein Bruder Philip sich rührend um den jüngeren Mönch kümmert der sich unter Schmerzen erbricht. „Francis, bitte sei so gut und hole uns eine neue Schüssel aus der Küche, ja?" fragt Philip und Francis ist ehrlich gesagt ganz froh dieser Situation entfliehen zu können. Er macht kehrt und rennt in die Küche. Auf dem Weg macht er sich Vorwürfe. Hat er seinen Bruder zu Unrecht beschuldigt? Dem jungen Mann geht es wirklich nicht gut und Philip hat Recht ihm beizustehen. Doch warum sind die beiden nicht in den Krankenflügel gegangen? Der Medicus könnte doch bestimmt besser helfen als Philip, oder? Francis nimmt sich vor seinen Bruder zu fragen ob er vielleicht inzwischen eine Art Medicus ist. Francis geht in die Küche und er schaut sich in dem vertrauten Raum um. Hier hat sich seit seinem Auszug vor vielen Jahren nicht so viel verändert. Bruder Matthias hat die Küche schon geleitet als Francis ein kleiner Pimpf war und Francis hofft dass er sie nicht umgeräumt hat. Als er den Schrank öffnet in dem früher die Schüsseln standen wird er fündig. Schön ordentlich gestapelt findet er das Geschirr vor. Francis nimmt sich eine Schüssel und er hastet zurück in die Priorei. Martin hat inzwischen seinen Magen geleert. Es geht ihm nach wie vor hundeelend aber das Bauchdrücken ist besser geworden. Nur seine seelische Not plagt ihn noch sehr. Er hätte nie gedacht dass er so schnell zum Sünder wird. Er wollte doch nur einen schönen Tag erleben. Dass Philip sich nun beharrlich weigert ihn alleine zu lassen verwirrt ihn sehr. „Du hast doch deinen Bruder gehört, wir dürfen nicht zusammen sein." ächzt Martin kraftlos. Wenn er könnte würde er nun weglaufen. Philip wischt Martin das Gesicht sauber und er reicht ihm einen Becher mit Wasser. „Francis glaubt wir würden uns in Sünde vergnügen. Dass wir das nicht tun weiss er nicht. Ich bin mir sicher dass wir im Einklang mit dem Gelübte stehen." sagt Philip schlicht und seine feste Stimme beruhigten Martin ein wenig. Zumindest versucht er nicht mehr zu fliehen. Er lässt sich in die Kissen fallen und er schaut Philip fragend an. Philip erklärt Martin dass sie sich ja körperlich überhaupt nicht nahe gekommen seinen. Zumindest nicht so dass es die Ordensregeln verbieten würden. „Zwischenmenschliche Berührungen wie eine Umarmung und der Bruderkuss sind ausdrücklich erlaubt. Außerdem sind wir nicht die einzigen die sich das Bett teilen." erklärt Philip nüchtern. Martin ist nicht wirklich überzeugt. Im Winter rücken auch die Mönche zusammen um nicht zu erfrieren. Doch im Sommer liegen nur er und Philip noch beisammen. Philip lächelt bei dem Einwand und er sagt schlicht: „Hier im Priorshof gibt es kein zweites Bett. Wo willst du denn schlafen?" Martin schließt seine Augen und er kennt die Antwort darauf nicht. Ihm ist bewusst dass er nur neben Philip zur Ruhe kommen kann. Wenn er nicht neben Philip liegt dann kann er im Traum nicht von dem Höllenspalt weichen. Er fällt im Laufe der Nacht unweigerlich in die Tiefe und er erwacht davon mit einem Entsetzensschrei. Natürlich ginge das nicht im Dormitorium. Mitten zwischen den anderen Männern Nacht für Nacht laut zu schreien würde die anderen stören. Wenn Martin einmal nicht neben Philip schlafen kann dann schläft er gar nicht. So wie er es in seinem Leben vor Philip auch getan hat. Er hat die Nächte über gewacht und meditiert. So konnte sein Körper erholen ohne dass er diese entsetzliche Hölle vor Augen haben musste. Nur ganz selten ist er nachts eingeschlafen. Wenn ihm das passiert ist war der Schrecken gross. Martin erleidet Todesangst am Abgrund. Da ist nichts schön zu reden und nur weil er jede Nacht dort steht macht die Situation nicht besser. Nur Philip kann ihm helfen dieses Grauen zu überwinden. Wenn er nun nicht mehr bei Philip liegen will weil das eine Sünde ist dann fühlt sich Martin sehr mutlos. Kann es denn sein dass die Hölle nach wie vor sein Schicksal ist? Dass Gott für ihn nicht den Himmel sondern immer noch die Hölle vorgesehen hat? Martin weiss nun um das gute Leben und er liebt es daran teil zu haben. Dass es Sünde ist das hat er geahnt doch verdrängt weil Philip ihn stets davon überzeugt hat dass es in Ordnung sei. Als Francis mit der neuen Schüssel kommt reißt Martin ihm sie förmlich aus den Händen um sich darein zu übergeben. Nun nicht mehr weil er noch etwas im Magen hätte sondern aus Angst vor der Zukunft. Martin stellt sie sich nicht gerade rosig vor wenn er von Philip getrennt wäre. Und dass er sich von Philip trennen muss um seinen Freund nicht ebenfalls ins Verderben zu ziehen das ist ihm gerade klar geworden. Doch die Erkenntnis schreckt sein Herz entsetzlich. Martin mag sich gar nicht vorstellen wie sein Leben in Zukunft aussehen wird. Bei der Vorstellung wieder alleine, ohne Philips Beistand gegen die Hölle bestehen zu müssen wird ihm ganz anders. Wimmernd klammert er sich an die Spickschüssel und am liebsten würde er sich nun umdrehen und sich in Philips Arme werfen. Doch das geht nicht. So viel hat er verstanden.
Philip legt beruhigend einen Arm um seinen Freund um ihm ein wenig Trost zu spenden und weil er sich so hilflos fühlt. Der Zusammenbruch den Martin gerade erlebt hat nichts mehr mit den Essen zu tun, das spürt Philip. Philip fragt sich ob Francis Worte Martin wirklich so geschreckt haben können. Sie sind seit dem sie zusammen sind immer wieder in der Kritik der Brüder gewesen. Doch stets haben sie die Anschuldigungen weggelächelt und sich lieber um die wichtigeren Dinge des Alltags gekümmert als um die Vorwürfe von Remigius und Co. Francis setzt sich zu den beiden auf das Bett. Philip rückt etwas um seinem Bruder Platz zu machen und er zieht Martin automatisch an seine Brust. Der schluchzt auf, lehnt sich aber schutzsuchend an Philips Schulter. Francis schaut den Jungen Mönch hilflos an. Es tut ihm sehr leid dass der jüngere so außer sich ist. Er wirkt wie ein verlorenes Kind. Viel zu jung um schon solch Zukunftsweisende Entscheidungen getroffen zu haben. Francis reißt sich von dem Anblick des lieblichen Knaben und er schaut zu Philip und erklärt seinem älteren Bruder noch einmal seinen Standpunkt: „Philip, ich habe euch beide beobachtet. Nicht nur heute sondern die ganzen letzten Wochen. Ihr wirkt innig vertraut und ihr geht so liebevoll miteinander um dass es fast Unerhört ist. Ihr seid zwei Männer, Mönche. Ihr habt ein Gelübde abgelegt und Keuschheit geschworen. Doch heute wirkte nichts an euch keusch. Jeder Blick den ihr euch zugeworfen habt, jede Geste, jede Berührung wirkte als seid ihr ein Liebespaar. Wie ihr euch gegenseitig gefüttert habt, geküsst habt und gelacht habt, das war alles nur kein keusches Verhalten." Francis seufzt und Martin weint. Philip streichelt seinem Freund ganz zart um ihn zu beruhigen. Dann sagt er ruhig: „Francis, du hast recht. Ich liebe Martin und ich zeige das wohl auch. Doch sei gewiss, wir leben in Einklang mit den Ordensregeln. Wir schlafen beieinander, nicht miteinander." Francis staunt Philip an. „Ihr seid schnurstracks in euer Bett verschwunden. Wie sollen euch die Menschen denn glauben dass ihr keusch lebt?" fragt Francis und er zieht die Stirn kraus. Philip überlegt wie er es seinem jüngeren Bruder erklären kann. Wie er diese Liebe erklären kann und warum sie so notwendig ist. Philip ist sich bewusst dass Martin ihn braucht. Wäre er nicht Nacht für Nacht bei seinem Freund dann würde die Hölle über seinen Freund hereinbrechen. Francis vermutet dass das Zögern seines Bruders ein Schuldeigeständnis sei. Der nachdenklich gesenkte Blick Philips verleitet Francis so zu denken. Traurig hebt Francis seine Hand um sie auf Philips Oberarm zu legen. Der raue Wollstoff der abgerissenen Kutte seines Bruders fühlt sich vertraut an. Er verbindet mit der Haptik gute Kindheitserinnerungen. Sanft streichelt er den Arm und ist erstaunt wie fest und muskulös der Oberarm seines Bruders ist. Er hatte ihn eher als schmächtigen belesenen Mann in Erinnerung. „Deine Mönche eifern dir nach, Philip!" sagt Francis leise aber eindringlich. „Sie verhalten sich genau so schamlos wie ihr es tut. Gerade jetzt, in diesem Augenblick sind sie bei dem Fest und berauschen sich an den Getränken, sie küssen mit Weibern und benehmen sich lasterhaft." Philip und Martin schauen Francis gleichermaßen geschockt an. „Was sagst du da?" frage Philip und er schaut entsetzt. „Sie vergnügen sich." seufzt Francis. Sie dehnen die Regel genau wie ihr beide und sie gehen vielleicht noch ein bisschen weiter." erklärt Francis. Martin steht auf und er versucht Philip mit sich zu ziehen. „Komm, wir müssen unsere Brüder davor bewahren zu Sündigen." sagt der jüngere fast verzweifelt. Philip lässt sich auf helfen und Francis lacht Martin aus. „Gerade du musst das sagen!" gluckst er amüsiert. „Durch dich ist ja erst mein Bruder und mit ihm sein Kloster in diese missliche Lage gekommen!" klagt er den jüngeren an. Martin zieht unglaublich schuldbewusst seine Schultern hoch. Der ganze Leib brennt vor Scham. Er weiß dass er ein Dämon ist und dass mit ihm die Sünde nach Kingsbridge gekommen ist reut ihn ungemein. Philip schnaubt abfällig. „Francis, du irrst!" sagt er mit fester Stimme. Philip entfaltet Martins Flügel und sofort erhellt sich der Raum. Martin hat damit nicht gerechnet und er quiekt erschrocken auf. „Martin ist ein Engel, kein Teufel!" sagt Philip zu dem erschrocken staunenden Francis. Der Glanz und die Herrlichkeit die gerade in dem Raum erscheinen blenden Francis. Er bekreuzigt sich und Martin schlägt mit den Flügeln um sie aus Philips Händen zu entwinden. Als er das geschafft hat faltet er sie rasch ein. Niemand außer Philip und dem Medicus kennen sein Geheimnis. Martin ist erschrocken dass Philip es nun so freimütig Francis anvertraut. Philip legt seinen Arm um Martins Schultern und er erklärt seinem zitternden Bruder: „Ich habe Martin vor Jahren gefunden und der HERR selbst hat mir aufgetragen diesen Engel zu retten. Diesem Auftrag gedenke ich nachzukommen, egal was du davon hältst. Natürlich vergesse ich dabei weder meine Gelübte, noch gestatte ich dass die Sünde nach Kingsbridge kommt." Francis bekreuzigt sich noch einmal und er rutscht dann vom Bett um vor dem Bett zu knien. Immer noch zitternd vor Entsetzen starrt er Martin an der nun wieder wie ein normaler Mönch aussieht. Klein, dünn und noch sehr jung aber nicht mehr so entsetzlich herrlich wie noch gerade eben. Philip schaut seinen Bruder entschuldigend an. Er wollte ihn nicht so entsetzen aber er hat nun keine Zeit für lange Erklärungen. Er muss den Ruf um sein Kloster retten. Eilig geht er mit Martin an der Hand zurück zum Fest.
