Teil34

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Jake führt Francis also zu dem Küchentrakt. Heute haben Philip und Martin Küchendienst. Eigentlich ja auch Jake aber er durfte Francis den Kirchbau zeigen und erklären. Als Francis bemerkt dass Jake ihn nicht in die Priorei bringt fragt er erstaunt: „Wo bringst du mich hin?" Jake antwortet ebenso perplex: „Zu Philip, wolltet ihr doch." Francis nickt und er meint: „Aber wir gehen zu der Küche!" Jake lacht und er sagt leichthin: „Ja, aber Prior Philip hat doch heute Küchendienst. Natürlich finden wir ihn da in der Küche." Nun staunt Francis wirklich sehr. „Philip macht freiwillig Küchendienst?" wundert er sich und Jake nickt nur und öffnet die Tür. Martin ist gerade dabei die Tische zu decken. Philip steht an den grossen Kesseln und er rührt in den Töpfen damit nichts anbrennt. Es duftet ganz herrlich. Bruder Matthias schrubbt derweil schon einmal die Pfannen und duftende Speisen sind in Schüsseln verteilt und warten nur darauf hereingetragen zu werden. Sofort hilft Jake Matthias beim Abwasch. Der alte Mann wischt seine Hände am Kittel ab und er beäugt den Fremden. Als er erkennt wer da in seiner Küche steht fällt er Francis freudig um den Hals. „Francis, mein Junge! Wie schön dich einmal wieder zu sehen! Gott segne dich, wie geht es dir?" Wärhend seiner Rede hat Matthias Francis an den Tisch manövriert und er stellt ihm schnell ein paar Leckereien hin. „Junge, iss! Du siehst abgemagert aus." sagt er aufgeregt. Francis lächelt und er nimmt sich einen Apfel. „Danke, ich habe wirklich grossen Hunger." Sagt er. Matthias will gerade aufspringen um noch mehr essbares vor Francis zu stellen doch dieser hält Matthias fest. „Vielen Dank guter Matthias. Aber gleich gibt es doch Mittagessen. Ich würde gerne noch ein wenig Platz im Magen haben um von den Köstlichkeiten zu kosten die Philip gekocht hat." er lacht zu Philip und er fragt amüsiert: „Wieso hast du eigentlich Küchendienst?" Philip rührt seelenruhig weiter in seinem Topf. „Normalerweise verrichten ausschliesslich die Novizen den Küchendienst. Doch ich halte das für falsch. Dadurch wirkt es als sei der Dienst nicht viel wert. Ich finde es aber wichtig sich um das leibliche Wohl der Gemeinschaft zu kümmern. Darum haben Martin und ich entschieden dass wir auch ab und an Küchendienst machen." Francis nickt beeindruckt. Ein Prior der selber niedrigste Arbeiten tut ist mit Sicherheit ein guter Prior. „Was habt ihr denn gutes gekocht?" fragt er interessiert. „Nichts besonderes, Kohlgemüse und zum Nachtisch süßen Brei mit Kompott." erklärt Matthias und Francis läuft das Wasser im Mund zusammen. Wenn der süße Brei noch so lecker wie in seiner Kindheit ist dann wird das heute ein Festmahl für ihn. Philip freut sich als er das verträumt beschenkte Gesicht seines Bruders sieht. Er weiss dass sie als Kinder diese Speisen ganz besonders gerne gegessen haben. Philip hat oft Francis noch von seinem Essen abgegeben weil sein kleiner Bruder immer so viel Hunger hatte. Doch beim Brei fiel es ihm ganz besonders schwer. Nur ungern hat er damals seinem Bruder die letzten Löffel oder selten genug, mal das ganze Schälchen überlassen. Es freut ihn dass Francis seinen Geschmack nicht geändert hat. „Wenn du magst kannst du nachher meine Portion zusätzlich bekommen." freut sich Philip. Es tut ihm so gut seinen kleinen Bruder mal wieder zu verwöhnen. Er hat ihn so geliebt und tut es auch heute noch. Francis ist so ganz anders als Martin. Francis ist nicht bescheiden und er kam nie mit dem aus was ihm Zustand. Philip hat die Not seines jüngeren Bruders bemerkt und er fand sich toll in der Rolle des grossen Beschützers. Das wird ihm jetzt gerade schmerzlich bewusst. Sein Martin ist so ganz anders als Francis. Nie würde der um mehr Essen bitten, im Gegenteil, er isst sehr wenig und gibt was er hat her. Wenn Jonathan oder die anderen Kinder ihn anbetteln dann hat er all sein Hab und Gut und auch sein Essen schnell verschenkt. Stets mit einem gütigen Lächeln so dass es den Beschenkten so vorkommt als würden sie Martin nicht um Unerhörtes bitten. Philip wäre gerne wie Martin. Auch er gibt gerne von seinen Sachen ab. Er schenkt den Novizen Bildung. Seine privaten Bücher stehen für alle zugänglich in der Bibliothek. Regelmäßig lehrt er seine Schüler. Martin sitzt dann immer wissbegierig zwischen den Novizen und Philip genießt es dass wenigstens einer seine Gaben zu schätzen weiss. Doch nun, da Francis sich wie ein kleines Kind auf seinen Brei freut wird Philip klar dass er es liebt auch mehr zu geben als nur das Wissen. Jemandem mit einem wunderbaren Geschmack ein Lächeln auf das Gesicht zu zaubern ist mindestens genau so gut. Martin hat die Tische eingedeckt und da sich der Speisesaal füllt trägt er die dampfenden Schüsseln hinein. Francis hilft ihm und auch Philip nimmt sich eine Schüssel um die Brüder zu bedienen. Francis staunt wie selbstverständlich Martin die Alten versorgt. Ihnen stellt er nicht nur die Schüsseln hin, geschickt füllt er ihnen das Essen in die Näpfe und er macht für alle das Essen klein. Anschließend sitzt er bei ihnen um denjenigen die es benötigen das Essen anzureichen. Philip liest derweil aus der Bibel vor und alle essen schweigend um den heiligen Worten zu lauschen. Francis sitzt bei Martin und er isst ganz bedrückt. Wie kann er Nahrung zu sich nehmen wo er doch gerade gegessen hat? Er fragt sich ob Martin das wohl unerhört findet. Der kleine Mönch lächelt ihm jedoch jedes mal freundlich zu wenn sich ihre Blicke kreuzen. Als der Nachtisch gereicht wird bekommt Francis tatsächlich zwei Portionen von Martin gereicht. Der schaut keineswegs missbilligend sondern fröhlich während er selbst hungrig sich weiter um die Alten kümmert. Auch sie lieben die süße Speise sehr. Gerade weil sie sie nicht kauen müssen und sie den Geschmack erkennen. Nach dem Essen freuen sich die alten Mönche dass Francis bei ihnen am Tisch sitzt. Sie kennen ihn ja alle und haben ihn aufwachsen sehen. Natürlich unterhalten sie sich noch eine Weile mit ihrem Gast. Philip und Martin räumen derweil den Speisesaal auf und verschwinden dann in der Küche. Als Francis ihnen folgt haben sie schon alles weg gespült und wieder ordentlich verstaut. Es kommen gerade die Bedürftigen die von den Resten des Essens abbekommen. „Habt ihr denn gar nicht gegessen?" fragt Francis entsetzt. Er könnte sich nicht vorstellen eine Mahlzeit auszulassen. Philip lacht und Martin erklärt: „Wer kocht schmeckt auch ab. Ich glaube wir werden heute beide nicht verhungern." Philip seufzt und er verrät: „Was du abschmecken nennst kann keinen Vogel ernähren. Wie viel hast du gekostet? Ein Blättchen?" Er umarmt stirnrunzelnd den jüngeren Mönch und Martin grinst verschämt zu Philip hoch. Francis kommt es so vor als würden sie diese Diskussion um das Essen öfters führen. Der Kleine ist aber auch zu dünn. Er wirkt noch wie ein halbes Kind. Dass in seinem Gesicht der blonde Bartwuchs nur schwer zu erkennen ist macht es nicht gerade besser. Francis beobachtet den jüngeren Mann. Dass er inzwischen kein Kind mehr ist kann er nur ahnen. Noch immer irritiert Martins äußere Gestalt und sein Geist. Wenn man sich mit ihm unterhält hat man einen durchaus sehr gelehrten Mann vor sich. Martin kennt sich in der Bibel und der Theologie aus, er überschaut die Politik und er scheint über viele Themen nachgedacht zu haben. Francis ist immer noch sehr angetan von dem Freund seines Bruders. Francis bemerkt dass sein Herz ein wenig neidisch auf seinen älteren Bruder wird. Er hat den Freund fürs Leben gefunden während er in Kingsbridge eigentlich Keuschheit geschworen hat und alles dafür getan hat damit er dieses Gelübte auch hält. Francis selber war in der Welt unterwegs um genau das zu finden was sein Bruder hat: Den Partner fürs Leben! Doch bisher ist Francis erfolglos. Bis auf ein paar harmlose Schwärmereien hat er noch niemanden getroffen mit dem er sein Leben teilen könnte. Dass nun ausgerechnet sein verklemmter Bruder dieses Glück gefunden hat wurmt ihn sehr. Er missgönnt es Philip nicht, nicht dass hier ein falscher Eindruck entsteht, aber er hätte dieses Glück sehr gerne auch für sich.

PhilipWo Geschichten leben. Entdecke jetzt