Teil49

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Als Philip Tom am nächsten Morgen auf der Baustelle ihre Pläne von einem riesigen bunten Fenster über dem Westportal erzählt fängt Tom fast an zu weinen. "Wollt ihr das nur für mich bauen lassen?" sagt er gerührt. Philip nickt. "Wir wollen dass auch dir die Kirche gut gefällt und du die Freude an dem Bau nicht verlierst." sagt Philip und daraufhin wird er von dem hünenhaften Mann umarmt. Tom setzt sich sofort an die Zeichnungen für das Fenster. Wenn Philip sagt dass er ein riesiges Fenster dort haben will dann soll er es bekommen. Tom ist sprachlos dass sein Bauherr sich solch große Sorgen um ihn macht. Ja, gestern hat er mit Philip geredet und der hat seine Wünsche nach schlichten Kirchenfenstern klipp und klar erklärt so dass Tom nur traurig nicken konnte. Philip hat wohl seine Traurigkeit bemerkt und er hat Tom nach seinen Wünschen gefragt. Tom hat Philip von seinem Traum erzählt den er schon seit seiner Kindheit hat, eines Tages eine imposante Kirche mit den schönsten und farbenprächtigsten Fenstern die man je gesehen hat zu bauen. Philip ist daraufhin verstummt und er und Martin sind recht schweigsam von der Baustelle gegangen. Dass Philip ihn heute mit solch einem großartigen Kompromiss überrascht hätte Tom nie im Leben erwartet. Er ist dem Prior unendlich dankbar dass seine Wünsche und Träume ernst genommen werden und, obwohl er nicht der Bauherr ist, doch realisiert werden. Tom ist glücklich dass er damals hier geblieben ist obwohl der damals noch junge Prior ihn nicht bezahlen konnte. Tom grinst vor sich hin. Außerdem hat er seinen Sohn Johannes aufwachsen sehen. Tom glaubt nicht dass noch irgendein Mensch übersehen kann dass Johannes sein Sohn ist, schaut der Bub doch inzwischen aus wie der Junge Alfred. Auch hier wundert sich Tom über die Diskretion mit der der Prior mit diesem Kind umgeht. Er hat dem Jungen Lesen und schreiben beigebracht und er wird von dem Prior und seiner rechten Hand umsorgt und geliebt als wäre der Kleine mit ihnen verwandt. Normalerweise hätte Philip den Johannes als Laienbruder behandeln müssen weil er ein Findelkind ist. Aber Philip hat sich gegen die Konvention dazu entschieden den Jungen gut auszubilden. Johannes nennt Philip Vater und er wird von Philip väterlich behandelt. So manches mal hat Tom sich für die Tatsache geschämt dass sein Sohn neben ihm groß wird und er sich nicht traut sich ihm zu offenbaren. Philip ist derjenige der ihm immer wieder das Gefühl gibt dass es okay sei dass Johannes so aufwächst wie er es tut: inmitten der Brüder als herzlich geliebtes Kind der Gemeinschaft. Johannes wirkt sehr glücklich und er ist ein ausgesprochen fröhliches Kind. Anders als sein Bruder Alfred ist Johannes ein richtiger Sonnenschein. Der Bub geht sehr gerne mit Philip und Martin auf die Baustelle, er betrachtet sie als seinen persönlichen Abenteuerspielplatz. Tom freut sich jedes Mal wenn der Kleine zu ihm in die Baumeisterhütte kommt um sich die vielen schönen Zeichnungen anzusehen. Tom zeigt dem Kind so gerne sein Handwerk und er ist stolz dass der Junge ein so aufgewecktes Kerlchen ist. Tom zeichnet instinktiv die Mutter Gottes mit dem Antlitz von seiner ersten Frau Agnes und der Jesusknabe auf ihrem Schoß trägt die Gesichtszüge von Johannes.

Martin ist mal wieder in Kingsbridge unterwegs um zu den Menschen zu gehen die nicht zu ihm kommen. Im Hurenhaus trifft er auf eine zerlumpte Gestalt die über und über mit Aussatz verunstaltet ist. Martin bekommt ein entsetzen Gesichtsausdruck als er erkennt wen er da vor sich hat. "Bella! Was ist dir denn passiert?" fragt der kleine Mönch und er streichelt ihre Hände dort wo sie nicht schmerzhaft entzündet sind. Bella schaut den Mann vor ihr an. Sie fängt an zu weinen. "Gott hat mich gestraft." schluchzt sie und sie fällt Martin in die Arme. Der kleine Mönch umarmt sie ganz sacht. Die Dirne die Martin geholt hat fragt bang: "Ist sie ansteckend?" Martin sagt dass er es noch nicht wüsste. Bisher habe er Bella ja kaum untersucht, lediglich getröstet. "Ihr sollt sie nicht trösten, ihr sollt die von hier wegschaffen." sagt die Dirne streng. Martin lächelt sie an und er sagt: "Vielen Dank Hulda, dass ihr sie überhaupt aufgenommen habt und ihr ein Dach über dem Kopf gegeben habt. Das war sehr grosszügig von euch und ich bin mir sicher dass ihr dafür reich gesegnet werdet." Die angesprochene muss lachen. "Ach, Bruder Martin, ihr seid unverbesserlich." schmunzelt sie. Sie kennt Martin seit dem er als Novize das erste mal in die Armenviertel gekommen ist. Seit dem ist er nicht gerade viel grösser geworden. Es war ein dürres Kind das ihnen damals geholfen hat. Sie selber hatte eine schlimme Lungenentzündung und sie war damals dem Tode näher als dem Leben. Der Kleine hat sie geheilt. Liebevoll hat er sich um sie gekümmert und ihr gezeigt dass die Welt nicht ohne Hoffnung ist. Martin hofft immer ein Stückchen mehr als alle anderen Menschen. Er hat sie nie aufgegeben, auch nicht als das Fieber schrecklich hoch und die Schmerzen beim Atmen einfach unerträglich wurden. Martin hat ihr die Stirn gekühlt, sie eingerieben und genährt. Sie hat damals besser gegessen als sie je in ihrem Leben gegessen hat auch wenn sie das in ihrem Zustand kaum würdigen konnte. Darum hat sie heute Nacht dieser schrecklich zugerichteten Frau die Türe geöffnet. Sie hat sich als freischaffende Hure aus Shyring vorgestellt und um Einlass gebeten. Zum nahen Kloster wolle sie erst morgen gehen, hat sie gesagt. Und nun kennt Martin diese verwahrloste Frau und er ist ihr herzlich zugetan. Bella klammert sich an den Arm von Martin und sie bittet um Vergebung ihrer Sünden. "Du bist doch ein Mönch, du kannst mir doch vergeben?" fragt sie verzweifelt. Martin lächelt ihr zu und er segnet sie und er spricht sie bedingungslos von all ihren Sünden frei. "Mädchen, du hast Glück, Martin ist nicht nur Mönch sondern auch ein Priester. Er kann dir tatsächlich deine Sünden vergeben." sagt Hulda und dann verschwindet sie aus dem Zimmer nicht ohne Martin zu ermahnen dass er die kranke Frau mitnehmen soll. Martin untersucht Bella erst einmal. Er muss sich ein Bild von ihrer Krankheit machen und ob er es wagen kann sie durch halb Kingsbridge laufen zu lassen. Sie hat am ganzen Körper Geschwüre. Auch unter den Armen und an den Knien. Unter den Armen sind sie aufgeplatzt und stinken gewaltig. Am Hals und im Gesicht sind die Geschwüre ebenfalls entzündet, am Körper noch nicht. "Bella, du leidest unter Pocken." sagt Martin und Bella schaut ihn gross an. "Das ist doch eine tödliche Krankheit?" fragt sie mit versagender Stimme. Dann jammert sie wieder dass Gott sie für ihre Sünden bestrafen würde. Martin hört sich den Kummer von Bella geduldig an. Dann kramt er in seiner Tasche und er nimmt etwas Alkohol um die Wunden zu reinigen. Bella hält es ganz tapfer aus dass ihre Wunden mit dem brennenden Mittel versorgt werden. Die Creme die Martin anschliessend aufträgt tut ihr gut und sie hat das erste mal seit Wochen nicht mehr das Gefühl dass ihr ganzer Körper verfaulen würde. "Hast du Hunger?" fragt Martin und Bella nickt. Ihr Bauch hat ganz furchtbar geknurrt und Martin reicht ihr ein hartes Stück Brot. "Ich habe leider nichts anderes." entschuldigt sich Martin. Bella kaut den Kanten Brot gierig. Seit dem sie nicht mehr ansehnlich ist kommen keine Männer mehr zu ihr um sie zu bezahlen. Sie musste hungern. Um nicht zu verhungern ist sie nach Kingsbridge gekommen um ihren Bruder Matthias zu bitten für sie zu sorgen. Dass sie nun den kleinen Mönch getroffen hat der sie erst einmal ein wenig ansehnlicher und vor allem riechbarer gemacht hat war ein riesiges Glück für sie. Und nun hat er ihr sein Proviant geschenkt und sich dafür noch entschuldigt. Bella ist Martin so dankbar. Sie weiss noch nicht was sie alles zurückzahlen muss aber es geht gerade um ihr Leben. Die Pocken sind schrecklich und sie weiss dass an Pocken erkrankte Menschen nicht lange überleben. Martin nimmt Bella tatsächlich mit zum Kloster. Irgendwoher hat er sich einen kleinen Esel geborgt und er führt Bella den Weg rauf zum Kloster. Bella schaut staunend die Kirche an. "Sie ist ja fast fertig!" sagt sie beeindruckt. "Sie ist wunderschön." sagt sie und Martin strahlt über sein ganzes Gesicht. "Gefällt sie dir?" fragt er atemlos und er wirkt beschenkt als Bella nickt. "Komm, wir gehen erst einmal zu deinem Bruder. In die Krankenstation können wir später noch." sagt Martin und er führt den Esel geradewegs in den Küchenhof. Vor der Tür ist ein kleiner Novize der Holzscheite auf seinen dünnen Armen stapelt. "Johannes!" wird der kleine Junge von Martin angesprochen. Johannes schaut auf und er lässt die Holzscheite fallen um mit einem Jubelschrei in Martins Arme zu springen. Martin umarmt den Knaben liebevoll und er gibt ihm einen Kuss auf die Stirn. "Johannes, sei so lieb und hole Bruder Matthias. Seine Schwester Bella ist hier." sagt Martin und Johannes nickt und er saust los. Genau so aufgeregt wie Johannes in die Küche gesaust ist kommt Matthias herausgerannt. "Bella! Oh mein Gott! Bella du bist es wirklich!" sagt Matthias und er nimmt seine Schwester sacht in seine Arme. "Hat Gott doch all meine Gebete erhört und dich endlich wieder zu mir geschickt." sagt Matthias gerührt. Bella weint. Sie hätte nie gedacht dass ihr Bruder sie so sehr vermisst. "Du hast all die Jahre für mich gebetet?" fragt sie mit erstickter Stimme. Matthias nickt. "Jeden Tag und meist auch jede Nacht." gibt Matthias zu. "Ich bringe sie in die Krankenstube." erklärt Martin. "Ich glaube sie leidet an Pocken. Ich werde unseren Medicus bitten dass er uns eine Medizin braut." Matthias nickt. Dann ruft er in die Küche: "Jakob, Johannes, könnt ihr heute das Essen alleine zubereiten? Ich muss mit meiner Schwester zum Medicus." Von drinnen kommt ein fröhlich gerufenes: "Aber sicher schaffen wir das!" und Matthias strahlt. "Martin, dein Sohn tritt wirklich in eure Fußstapfen." sagt Matthias und Martin lächelt. "Ja, Johannes ist ein guter Junge." gibt Martin lächelnd zu. "Du hast einen Sohn?" fragt Bella entsetzt und Martin grinst sie verschämt an. "Eigentlich sogar zwei." sagt er fröhlich. Nun fallen Bella vor Verwunderung fast die Augen aus dem Kopf. „Es sind Findelkinder. Jonathan wurde einst von Philip im Wald gefunden und Francis haben wir aus London mitgebracht. Die Buben wachsen bei uns auf und da Philip und ich uns um die beiden kümmern behaupten einige dass es unsere Söhne seinen." Martin schaut Matthias etwas sauer an aber Matthias lacht nur. "Bessere Väter könnten sich die beiden nicht wünschen." erklärt er und er führt seine Schwester schnurstracks zum Medicus. "Bruder Lukas!" ruft Martin laut und der Medicus erscheint. "Was gibt es?" fragt er und als er Bella sieht bekreuzigt er sich. "Oh, mein Gott! Du hast die Pocken nach Kingsbridge gebracht!" sagt er bang. Martin zuckt mit den Schultern und er erklärt wer die Frau ist und warum sie nach Kingsbridge gekommen ist. Lukas ist wenig begeistert. "Ich hoffe sehr dass wir von den Pocken verschont bleiben." brummt er. Doch für Matthias Schwester braut er die Medizin. Als er mit Martin alleine ist hält er ihn am Ellenbogen fest. "Martin, du musst eine andere Lösung für die Frau finden wo sie wohnen kann. Frauen im Kloster sind nicht erlaubt." Martin schaut Lukas erstaunt an. "Wie meint ihr das Bruder?" fragt er. "Du weisst was ich meine. Wir haben schon ein Mädchen bei den Novizen. "Bruder" Elias verdreht allen den Kopf. Vom kleinsten Novizen bis zum ältesten Mönch. Es ist wie wenn du eine rossige Stute im Stall hast. Selbst die Wallache werden dann unruhig." Martin grinst bei dem Vergleich. "Elias ist hauptsächlich im Waisenhaus beschäftigt. Lediglich zu den Stundengebeten ist er in der Gemeinschaft. Und nachts schläft er im Priortshof im Gästezimmer. Darum teilt sich Philips Bruder Francis ja auch mit uns das Bett." Lukas stönt. "Dennoch verdreht schon das stille und sittsame Mädchen den Brüdern gehörig den Kopf. Matthias Schwester aber ist eine Hure. Was meinst du was sie mit den Brüdern anstellen wird wenn sie hier bleibt?" Martin macht ein langes Gesicht. "Fast alle haben ihr Keuschheitsgelübde abgelegt." sagt Martin und Lukas lacht ihn aus. "Die einzigen die sich daran halten sind Philip und du!" Martin erwidert: "Bruder Francis hält sich auch daran." Lukas lacht. "Dann solltet ihr ihn mal beobachten was er alles mit Jakob anstellt. Nein, mein Lieber. Francis ist nicht Philip. Er war es nicht und er wird es auch nie sein. Führe besser niemanden in Versuchung indem du dir die Sünde ins Kloster holst. Setz sie vor die Tür sobald sie die Pocken überstanden hat." Martin schaut verständnislos aber auch ein bisschen geschockt. Er hätte nie gedacht dass Francis sich nicht an sein Versprechen hält. Lukas muss sich irren. Philip hat doch gesagt dass Francis nichts von Jakob will.

PhilipWo Geschichten leben. Entdecke jetzt