Teil 2

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Bald sehen sie die mächtigen Türme der Kathedrale. Philip fällt auf dass ein Turm etwas kleiner als der andere ist und sehr unregelmäßig aussieht. Er wundert sich. Sollte der Turm eingefallen sein?  Sie laufen relativ rasch in Richtung der Stadt. Der Knabe hat es anscheinend wirklich sehr eilig, hastig stolpert er den Weg voran, er würde rennen würde Philip ihn nicht ausbremsen. Zu Mittag machen sie eine Rast an einem Brunnen. Wenn sie schon nichts zu essen haben, so wollen sie doch wenigstens etwas trinken. Philip setzt sich auf den Brunnenrand und fragt: „Wie heißt du eigentlich?" Der Junge schaut Philip gleichmütig an denn er versteht die Frage ja nicht. Philip deutet auf sich und sagt „Philip" dann deutet er auf den Knaben und schaut ihn fragend an. Der Junge nimmt seine Hand und legt sie auf Philips Brust. Er wiederholt völlig verträumt und selig lächelnd die Worte: „Philip!" haucht der Junge beschenkt und dann schaut er Philip aus seinen unverschämt blauen Augen strahlend an. Er lächelt beschenkt und ein bisschen beschämt und wiederholt noch einmal das Wort "Philip" während seine kleine Hand noch einmal leicht gegen Philips Brust drückt. Philip bleibt die Spucke weg. Aus dem Mund des Knaben ausgesprochen klingt der Name wie eine Liebkosung. So strahlend lächelnd wie er Philip anschaut könnte es auch so gemeint sein. Philip legt seine Hand sanft auf die des Jungen und nickt beschenkt. „Philip" sagt er noch einmal und legt dann die Hand des Knaben ihm auf die Brust. Dann schaut Philip den Jungen fragend an. Der Junge scheint zu verstehen. Wissend nickt er und sagt: „Liu Tse". „Luthe?" fragt Philip und der Junge nickt und nimmt Philips Hand um sie an seine Brust zu drücken. „Liu Tse." dann berührt er wieder Philip und sagt fröhlich „Philip". Sein Lächeln und seine Berührungen und vor allem der Klang seiner Stimme wecken in Philip Gefühle von denen er dachte, dass er sie gar nicht hätte. Er hat sich nie nach anderen Menschen gesehnt. Weder nach Frauen und schon drei mal gar nicht nach kleinen Jungs. Die Liebe zu Gott und das Verlangen nach Wissen waren für ihn stets wichtiger als einer hübschen Maid den Hof zu machen. Die Novizen seiner Enklave hat er nie angeschaut und dabei unzüchtige Gedanken gehabt. Verwundert schaut Philip den Knaben an. Dann schüttelt er den Kopf wie um die sündigen Gedanken zu vertreiben. Sie stehen auf und gehen schweigend zu dem großen Tor. „Ah Bruder Philip! Wie schön euch mal wieder zu sehen! Was führt euch zu uns?" wird Philip am Tor des Klosters begrüßt. „Wer ist euer Begleiter?" „Ein Novize den ich in der Nähe des Bischofspalastes getroffen habe. Er war auf dem Weg nach Kingsbridge und da sind wir gemeinsam gereist. „Wie lautet sein Name?" „Ich weiß es nicht. Er hat ein Schweigegelübte abgelegt. Er redet nicht." Philip wundert sich über sich selbst wie unverfroren er lügt.  Er weiß nicht genau weswegen er das tut aber der Engel aus seinem Traum kommt ihm in den Sinn. Er hat den Auftrag den Knaben zu schützen. Am besten kann er das wenn er bei ihm ist. Mit seinen kurzen Haaren gleicht er eh einem Mönch. Mit diesem seltsamen, unchristlichen Namen würde der Junge nur unnötig die Aufmerksamkeit der anderen Mönche auf sich ziehen und das möchte Philip nicht. Womöglich würden sie einen heidnischen Knaben nicht in ihren Reihen dulden und Philip will unbedingt dass der Knabe bei ihm bleibt.
Als sie das Tor passiert haben zupft der Junge  ihm sanft am Ärmel. „Prior?" fragt er. Philip versteht dass der Kleine zum Prior des Klosterns möchte und darum nickt er. Der Prior ist der Vorsteher des Klosters. Sein Amt ist ähnlich wie die des Abtes in Abteien. Natürlich ist Kingsbridge zu klein um eine Abtei zu sein. Darum wird sie von Prior James geführt. Prior James hat Philip und seinen Bruder Francis aufgezogen nachdem die Eltern der beiden kurz nach Philips sechsten Geburtstag umgekommen waren. James ist für Philip so etwas wie eine Vaterfigur. So sollte es in einem guten Kloster ja auch sein, der Prior als guter Vater für die Mönche. Philip wollte dem Prior James eh einen Besuch abstatten. Sie betreten darum den Innenhof des Klosters. An einer Seite ist die Südseite der Kathedrale. Da der Chroraum mit dem Altar und die Türme nach Osten zeigen ist das Kloster wie ein U an die lange Südseite der Kirche angebaut. An den Chorraum grenzt der Priorshof mit dem grossen Versammlungssaal. Daran angeschlossen öffnet sich das mächtige Eingangstor und daneben sind die Wirtschaftsgebäude und die Küche. An die Westfassade mit dem wunderbaren und reich verzierten Eingangsportal der Kirche und dem wirklich wunderschönen Fenster der Kirche sind die Zellen der Brüder gebaut. Auch von hier kommt man durch ein kleines, unscheinbares Tor in den Innenhof der Abtei, wenn man einen Schlüssel zu dem Tor besitzt. Da Philip diesen Schlüssel nicht mehr besitzt sind sie durch das grosse Eingangstor gegangen. Nun stehen sie im Innenhof und Philip betrachtet traurig den Verfall seiner einstigen Heimat. Die Gebäude sind ihm so vertraut dass sich sein Herz vor Freude weitet. Gleichzeitig betrachtet er sie wehmütig. Die Häuser sind in keiner guten Verfassung. Risse werden nicht ausgebessert, an mehreren Stellen fehlen die Dachziegel und es sind einige Fenster mit einfachen Brettern verschlossen. Wahrscheinlich ist dort das Glas der Scheiben kaputt und es fehlen die Mittel um den Schaden zu reparieren. Der Turm, der aus der Ferne so seltsam aussah, ist wirklich eingestürzt. Die Bruchkanten sind schon mit Mosen und Flechten bewachsen aber es scheint keinerlei Anstalten zu geben den Turm wieder aufzubauen oder den Schutt bei Seite zu räumen. Philip schaut mit Tränen in den Augen die Kirche hinauf. Der Knabe berührt sanft seinen Arm. Er erkennt Philips Schmerz und versucht ihn auf seine Weise so gut er kann zu trösten. Philip drückt dankbar die kleine Hand und sie gehen gemeinsam in den Priorshof. Dort herrscht eine eigentümliche Atmosphäre. Philip erfährt dass der Prior im Sterben liegt. Er geht rasch zu James der zeitlebens wie ein Vater für ihn war. James ist sichtlich erfreut Philip zu sehen. Doch seine Augen schauen auch hinter Philip wo der Knabe geduldig und leise steht. „Ah, ein Engel ist gekommen." Lächelt James dem Jungen zu. Der Bub  geht auf den sterbenden zu und nimmt ganz andächtig die Hand von Prior James. Er kniet sich zu dem gläubigen Mann hinunter und schaut ihn mit seinen großen blauen Augen ernst an. James schließt friedlich lächelnd seine Augen und tut seinen letzten Atemzug. Dem Knaben der vor dem Bett des Priors kniet laufen stumm die Tränen über das Gesicht. Er ist sichtlich bestürzt über den Tod des Fremden. Philip legt ihm die Hand auf die Schulter und zieht ihn sanft zur Seite. Der Knabe stellt sich an das Kopfende des Bettes und schaut verloren und traurig. Philip salbt den Toten und betet die Gebete die für einen Toten gedacht sind. Er freut sich dass James so friedlich entschlafen ist in der Gewissheit einen Engel gesehen zu haben. Er schaut auf und sieht tatsächlich James Engel. Das Licht fällt eigenartig auf das Kind. Wie es da so steht wie zur Säule erstarrt. Philip meint sogar Flügel gesehen zu haben. Aber das war wohl nur eine optische Täuschung. Der Kleine hat das Haupt gesenkt und verharrt wie im stummen Gebet. Die anderen Mönche kommen und James wird aufgebahrt. Liu Tse weicht nicht von der Seite des Toten. Er hält stumm an seinem Kopfende die Totenwache. Egal wann Philip in die Gruft geht Der Knabe steht da und rührt sich nicht. Einmal nimmt Philip die Hand des Jungen. Sie ist eiskalt. Der Knabe  schaut durch ihn durch. Er bewegt sich nicht. Er wacht drei Tage und drei Nächte bei dem Toten. Ohne Essen ohne Trinken. Die Mönche die zeitweise mit dem Jungen wachen sind beeindruckt. Dann ist die Totenmesse. James Sarg ist in dem erhöhten Chor hinter dem Altar aufgebahrt. Die Mönche verneigen sich alle ehrfürchtig vor dem Sarg bevor sie in ihr Chorgestühl gehen. Die Mönche sind alle ausnahmslos sehr traurig über den Verlust ihres Priors. Er hat das Kloster lange und gerecht geführt und hat das kleine Kloster zu einem angenehmen Wohlstand geführt das sogar einige Enklaven sein eigen nennen kann. Enklaven sind winzige Gemeinschaften fern ab von aller Zivilisation. Sie sind dafür gedacht dass Brüder einmal für eine gewisse Zeit in völliger Abgeschiedenheit sich dem Gebet und der Arbeit widmen können. Die meisten Enklaven sind von ihrem Mutterkloster abhängig. Nur Philips Enklave ist innerhalb der Jahre die Philip für sie zuständig ist so autark geworden dass sie von den Lebensmitteln ins Mutterkloster abgeben kann anstatt welche zu bekommen. Nachdem Philip sich weinend und mit schwerem herzen vor James verbeugt hat tritt er an seinen Platz im Chorgestühl. Er verneigt sich vor dem allmächtigen und schlägt das Kreuzzeichen über sich bevor er sich auf seinen Platz begibt. Die Kirche ist kalt und dunkel. Kein Laut stört das Dunkel. Lediglich die Totenkerze spendet ein wenig Licht und Hoffnung. Bruder Remigius liest die Totenmesse. Er stand James zwar nie persönlich nahe so wie Philip aber er ist als Subprior nun einmal der Vertreter von James und damit ist es an ihm dem Toten eine angemessene Messe zu lesen. Philip sitzt zwischen den Brüdern und sein Herz weint um seinen Vater. Wie gerne hätte er die Messe gelesen. Er hätte sie nicht so auswendig gelernt gehalten. Er hätte mehr persönliches erzählt. Seine Predigt hätte von der Güte James erzählt. Wie er sich um die Seinen gekümmert hat, wie er über das Mass hinaus gerecht war. James war ein guter Mann, stark im Glauben und gütig und gerecht mit seinen Mönchen. Er hatte immer ein offenes Ohr für seine Kinder. Wer bei James zur Beichte gegangen ist hat häufig keine Strafen und Bussen auferlegt bekommen. James war schon zufrieden wenn derjenige seine Sünden und Fehler erkannt und eingesehen hat und sie bereut hat. James hat Philip stets geholfen Fehler kein zweites mal zu machen und er hat ihm geleitet ein besserer Mann zu werden. Der kleine Novize steht die ganze Messe lang traurig neben dem offenen Sarg. Sein Gesicht zeigt den Schmerz und die Trauer die alle Mönche um ihren guten Prior fühlen. Als James hinausgetragen und in die geweihte Erde versenkt wird, weint der Kleine stumme Tränen. Das Grab wird geschlossen und ein Kreuz kommt darauf. Der kleine Novize setzt sich neben das Grab und schaut verloren. Philip hat den Eindruck als habe der Kleine das Ziel ihrer Reise begraben und käme nun nicht mehr weiter. Die Mönche gehen zum Essen. Der Kleine bleibt neben dem Grab sitzen. Philip geht zu ihm und hält ihm die Hand hin. „Komm" sagt er auffordernd. Der Junge schaut ihn durch seine verweinten Augen an und schüttelt den Kopf. Er bleibt einfach sitzen und schaut verloren. Philip weiss nicht weiter und setzt sich darum neben ihn. So sitzen sie den ganzen Tag stumm und in der Trauer verloren nebeneinander. Philip in wehmütiger Erinnerung und der Junge, wer weiss? Philip weiss es nicht. Er glaubt dass der Bub James nicht kannte und er kann sich keinen Reim darauf machen weswegen der Junge so entsetzt von James Tod ist. Es wird abends ungemütlich kalt. Philip nimmt den Jungen in den Arm. Er zittert vor Kälte. „Komm!" sagt Philip zu ihm  und der Junge folgt ihm nun widerstandslos. Die Vesper beginnt und Philip geht mit dem Knaben in die Kirche. Der Junge zittert fürchterlich neben Philip. Er versucht aber dennoch der Liturgie andächtig zu folgen. Philip nimmt seine Gugel (Das ist die Kapuze die zu dem Mönchsgewand gehört. Sie bedeckt nicht nur den Kopf sondern auch die Schultern etwa bis zu den Ellenbogen) von seinen Schultern und legt sie dem frierenden Jungen um. Der zieht sie dankbar über. Da der Knabe so winzig ist reicht die Gugel ihm bis zur Hüfte. Der Junge zieht die Kaputze über dem Kopf und die Arme darunter. Philip nimmt seinen Jungen und stellt ihn sich auf die Füße. Der Junge läuft noch immer barfuß. Es ist aber  inzwischen empfindlich kalt in der Kirche. Der Junge versteht erst nicht was Philip von ihm will, als er es aber begreift schaut er ihn dankbar an und stellt sich auf Philips Schuhe. Philip lehnt sich an eine Säule und hält seinen Jungen fest. Die Liturgie kennt er eh auswendig und hier aus dem Halbdunkel die Mönche zu beobachten gefällt ihm ganz gut. Der Knabe drückt sich eng an Philip heran. Der Bub zittert immer noch und Philip fühlt wie kalt sein ganzer dürrer Körper ist. Dennoch scheint der Junge seine körperliche Verfassung zu ignorieren und er lauscht gebannt den Gebeten und Gesängen. Philip fällt auf dass der Junge versucht einzelne, stets wiederkehrende Passagen mitzusprechen. Nach der Vesper gehen sie gemeinsam in den Speisesaal.  Der Junge sitzt dort mit gesenktem Haupt und scheint keine Lebensenergie mehr zu haben. Er mag nicht essen oder trinken. Philip reicht dem Bub den  Becher. „Trink" fordert er ihn auf. Der Knabe schaut Philip an und Philip nickt ihm freundlich zu. Deshalb nimmt der Junge den Becher und trinkt ein paar Schlucke. Er nimmt auch ein paar Löffel des Breis nachdem Philip ihn eindringlich dazu aufgefordert hat und ihm den Löffel in den Mund geschoben hat. Philip ist erstaunt wie sehr sein Junge unter dem Tod von Prior James leidet. Er hat den Prior ja nicht einmal gekannt. Oder täuscht sich Philip?

PhilipWo Geschichten leben. Entdecke jetzt