H A R P E R
Nachdenklich starrte ich an die Decke des Hotelzimmers und dachte an Theo, meine Familie und all die Erinnerungen, die ich jahrelang verdrängt hatte während Daniel seine Sachen packte.
In wenigen Stunden würde er zum nächsten Rennen nach Italien fliegen, dann war zum Glück erstmal ein Wochenende Pause.
"Welches davon soll ich mitnehmen?", fragte er plötzlich und riss mich damit aus meinen Gedanken.
Ich hob den Kopf und entdeckte, dass er mit zwei verschiedenen T-Shirts in den Händen vor dem Bett stand. Lächelnd deutete ich auf das Linke.
"Nimm dieses mit und gib das andere mir, damit ich was von dir habe, um mich an deinen Geruch erinnern zu können."
Ebenfalls lächelnd warf er mir besagtes T-Shirt zu und konnte sich dann ein kurzes Lachen nicht verkneifen.
"Du hast mittlerweile so viele Klamotten von mir, dass ich mir bald neue kaufen muss, wenn ich nicht nackt gehen will."
"Ich hätte nichts dagegen, wenn du nackt gehen würdest", entgegnete ich mit einem frechen Grinsen und Daniel sah mich amüsiert an.
"Du bist ganz schön vulgär geworden meine Liebe. Ich hab wohl einen schlechten Einfluss auf dich."
"Quatsch, du hast nur meine verborgene Seite hervorgekitzelt, die bereits da war."
"Ah ja."
Lachend packte Daniel weiter und ich ließ mich wieder zurück aufs Bett fallen, um meinen Gedanken nachzuhängen. Meinem Freund hörte ich dabei nur mit halben Ohr zu, doch als er auf einen Schlag verstummte, setzte ich mich verwirrt auf und schaute zu ihm.
Der Australier stand mit hängenden Schultern vor seinem Kleiderschrank und als ich ihn leise schluchzen hörte, stand ich sofort auf und lief zu ihm.
"Hey, was ist denn los?", erkundigte ich mich sanft und als er sich langsam zu mir umdrehte, entdeckte ich den Grund für seine Tränen.
Der McLaren-Babybody, den er besorgt hatte, um damit seinen Eltern von unserer Tochter zu erzählen.
Ich hatte fast vergessen, dass Daniel den gekauft hatte und er schien es auch vergessen zu haben, genauso wie die Tatsache, dass der Body in seinem Schrank lag.
Ich spürte den bekannten Schmerz, der sich in meiner Brust breit machte und wie die ersten Tränen sich ankündigten, aber ich schluckte sie herunter, denn jetzt brauchte Daniel meinen Trost. Sanft zog ich ihn in meine Arme und drückte ihn fest an mich, während er leise in meine Schulter weinte und die Finger in den Body krallte.
Es dauerte eine Weile bis er sich beruhigt hatte, dann löste er sich von mir und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht.
"Ich wusste nicht, dass mich das so hart treffen würde", murmelte er mit rauer Stimme und ich nickte verständnisvoll, während ich mir selbst das Gesicht trocknete, weil ich doch auch einige Tränen verdrückt hatte.
"Mir geht's genauso. Die meiste Zeit glaube ich, dass ich es verarbeitet habe, aber dann passiert irgendeine Kleinigkeit und der Schmerz kommt wieder, als sei er nie weg gewesen.
Letzte Woche bin ich in London an einem Geschäft für Babyausstattung vorbeigekommen und es war furchtbar. Und wie es mir ging, als ich die Liste mit den möglichen Namen gefunden habe, weißt du ja.
Es wird wohl noch eine Weile dauern bis wir nicht mehr weinen, wenn sowas passiert."
Daniel nickte und küsste mich sanft auf die Stirn, bevor er mich nochmal in seine Arme zog.
"Aber gemeinsam schaffen wir das."
"Ja, auf jeden Fall", stimmte ich leise zu, dann seufzte ich tief und spürte sofort den besorgten Blick meines Freundes auf mir.
"Du hast doch noch irgendwas irgendwas anderes. Ist es immer noch wegen der Kündigung?"
Wieder seufzte ich tief und beschloss, ihm die Wahrheit zu sagen.
"Nein, es ist nicht wegen der Kündigung. Es ist wegen Theo, meinem Bruder."
Daniel nickte leicht. "Du hast ihn erwähnt, als wir über Elliotts Vornamen gesprochen haben. Was ist mit ihm?"
"Als ich gestern nach Jobs gesucht habe, hab ich auf der Website einer Firma ein Foto von ihm gesehen und gelesen, dass er wohl sehr schlau ist und irgendetwas entworfen hat, was diese Firma gekauft hat. Und sie haben extra für ihn ein Stipendium ins Leben gerufen, um sein Studium zu bezahlen, wenn er mit der Schule fertig ist.
Von ihm zu lesen und ihn zu sehen, hat so wahnsinnig weh getan. Schließlich ist er mein kleiner Bruder und ich hab ihn geliebt, aber nachdem meine Eltern mich verstoßen hatten, haben sie mir verboten ihn zu sehen und sobald Elliott geboren war, hatte ich sowieso keine Zeit mehr, um an meine Familie außer meinem Sohn zu denken.
Aber gestern ist mir klar geworden, dass ich sieben Jahre seines Lebens verpasst habe. Sieben Jahre, in denen er erwachsen geworden ist und sich vermutlich zu einem jungen Mann entwickelt hat, dem ich völlig fremd bin."
"Ich könnte ihn bestimmt irgendwie ausfindig machen, wenn du ihn wiedersehen möchtest", bot Daniel an und ich zog ein wenig amüsiert die Augenbrauen zusammen.
"Das klingt wie in einem Film, wo du mir jetzt erzählst, dass du einen Privatdetektiv für solche Angelegenheiten auf Kurzwahl gespeichert hast."
Meine Worte entlockten Daniel ein kurzes Lachen.
"Nicht auf Kurzwahl, nein. Aber ich hatte tatsächlich an einen Privatdetektiv gedacht."
"Wenn du das wirklich tun würdest, wäre es sehr nett. Auch wenn ich irgendwie Angst davor habe ihn wiederzusehen."
Aufmunternd lächelte mein Freund mich an.
"Das wird schon. Wenn ich aus Italien zurück bin, kümmere ich mich darum, versprochen. Du willst nicht vielleicht doch mitkommen? Noch wäre genug Zeit, um dir ein Last-Minute-Ticket zu buchen."
Entschuldigend sah ich ihn an und biss mir auf die Lippe, dann schüttelte ich den Kopf.
"Nein, ich bleibe wirklich hier. Zum einen bin ich gesundheitlich immer noch nicht ganz die Alte und so eine Reise mit all der Aufregung möchte ich mir noch nicht zumuten. Und zum anderen ist die Lage gerade sehr heikel und wir müssen davon ausgehen, dass ein gemeinsamer öffentlicher Auftritt eine Menge neuen Hass und Drama auslösen würde und das können wir nun wirklich nicht gebrauchen."
Unzufrieden, aber verständnisvoll erwiderte mein Freund meinen Blick.
"Wie hab ich mich bloß in so eine vernünftige Frau verliebt?", scherzte er, wurde dann aber ernst und strich mir sanft über die Wange: "Ehrlich gesagt bin ich froh, dass du so auf dich Acht gibst.
Es gab Zeiten, da hatte ich Angst, dass du unter der Last deiner Arbeit zusammenbrichst und dir keine Pause gönnst aber es ist schön zu sehen, dass du mittlerweile auf die Signale deines Körpers aufpasst. Und wenn sich irgendwann alles wieder eingerenkt hat, werden Elliott und du auch mal wieder zu einem Rennen mitkommen, ganz sicher. Bis dahin werde ich einfach darauf vertrauen, dass ihr mir vor dem Fernseher zujubelt."
"Das machen wir auf jeden Fall", versicherte ich ihm lächelnd, dann streckte ich mich ein wenig und legte meine Lippen auf seine, um ihn sanft zu küssen. Er erwiderte es, dann spürte ich, wie er in den Kuss hinein lächelte und tat es ihm gleich.
Was für ein Glück hatte ich doch, Daniel in meinem Leben zu haben, der immer für mich da war und eine Lösung für all meine Probleme zu finden schien.
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Melt My Ice, Sunnyboy (Daniel Ricciardo FF)
FanfictionBerühmt, beliebt und rasend schnell. Daniel Ricciardo gilt in der Formel 1 als herausragender Overtaker und abseits der Rennstrecke als Sonnenschein und Stimmungsaufheller. Zur Saison 2021 wechselt er zu McLaren, doch er findet sich langsamer zurech...
