victory

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H A R P E R

Es war kein schönes Gefühl gewesen, Theo zum ersten Mal die Tür zu meiner Wohnung zu öffnen. Obwohl er sich um Fassung bemühte, konnte man ihm das Entsetzen ansehen und ich konnte es ihm nicht verdenken, denn wir waren nunmal in völlig anderen Verhältnissen aufgewachsen.

Aber mit jedem weiteren Tag, den er in der Wohnung verbrachte, gewöhnte er sich mehr an den Anblick und ich vergaß schneller als erwartet meine Scham und genoss einfach nur die gemeinsame Zeit mit ihm, Elliot, Daniel und Lauren.

Mit Lauren verstand Theo sich von Anfang an wahnsinnig gut, denn wenn sie nicht wie gerade eine Auszeit machte, war sie Architektin und hatte damit sofort ein Thema, das sie mit meinem Bruder lang und breit diskutieren konnte. Durch Theos viele Fragen und Laurens ausführliche Antworten fand sogar ich noch das ein oder andere über sie heraus, das ich vorher nicht gewusst hatte, und ich hatte das Gefühl, dass das unsere Freundschaft weiter stärkte.

Ab und zu musste ich ungläubig daran denken, wie distanziert ich mich bis vor ein paar Monaten ihr gegenüber verhalten hatte und stellte mal wieder aufs Neue fest, wie erfolgreich Daniel es schaffte, das Beste in mir zum Vorschein zu bringen.

Die Tatsache, dass wir zuletzt wirklich viel Zeit miteinander hatten verbringen können, weil er ein Wochenende ohne Rennen gehabt hatte, fühlte sich im Nachhinein betrachtet fast zu schön an, um wahr zu sein.
Aber leider war dieses Gefühl nicht von Dauer, denn mein Freund musste schneller als mir lieb war wieder arbeiten und als ich ihn mittwochs zum Flughafen brachte, spürte ich, wie es mir ums Herz herum ganz schwer wurde.

Ich hasste diese ständigen Abschiede und die Gewissheit, dass er jedes Mal gefühlt ans andere Ende der Welt flog, um dann in ein verdammt schnelles Auto zu stiegen, in dem er riskierte zu sterben. Eigentlich hatte ich mich mit seinem gefährlichen Job mittlerweile arrangiert, aber manchmal kamen diese Gedanken eben doch noch durch und innerlich hasste ich mich dafür, doch ich konnte nichts dagegen tun.

Obwohl ich mir des Risikos bewusst war, konnte ich am Flughafen nicht darauf verzichten, meinen Freund so fest wie möglich zu umarmen und ihn zum Abschied zu küssen, bevor er nach seinem Koffer griff und mich zurückließ.
Theo und Elliott schafften es zwar, meine gesunkene Laune wieder zu bessern, aber wirklich besser wurde es nur dann, wenn wir im Fernsehen Formel 1 schauten.

Bei jedem Training und dem Qualifying hatte ich mit Daniel mitgefiebert und als er sich sogar auf P2 qualifiziert hatte, hatte ich vor Freude Tränen in den Augen gehabt. Es schien wirklich so, als sei bei ihm durch den Podestplatz beim letzten Rennen ein Knoten geplatzt und das freute mich wahnsinnig für ihn, weil ich wusste, wie hart die bisherige Saison für ihn gewesen war, von der McLaren aber besonders Daniel selbst sich deutlich mehr erhofft hatte.
Umso schöner war es, dass all die Stunden im Simulator und das harte Training sich jetzt endlich auszuzahlen schienen.

Max hatte sich die Pole Position gesichert und Daniel erzählte mir abends via Facetime, dass das etwas ganz besonderes für ihn war, weil es ihn an die gemeinsame RedBull-Zeit der beiden erinnerte. Und schneller als erwartet war es Sonntag und das Rennen begann.
Wir hatten vorher noch kurz mit Daniel telefoniert und ihm Glück gewünscht, jetzt saßen wir zu viert auf Laurens Couch und starrten alle gebannt auf den Bildschirm des Fernsehers.

Sogar Theo war angespannt, obwohl er Daniel noch gar nicht lange kannte und das das erste Formel 1 Rennen war, das er jemals anschaute. Mein Herz pochte so wild, dass ich Angst hatte, es würde mir beim Start aus der Brust springen und als Daniel sich dann in der zweiten Kurve tatsächlich auf den ersten Platz schob, gab es in Laurens Wohnzimmer kein Halten mehr.

Obwohl ich bisher geglaubt hatte, es sei am spannendsten, wenn Daniel sich durch das Fahrerfeld nach vorne arbeiten musste, stellte ich jetzt fest, dass es noch viel nervenaufreibender war, wenn er vorne war und aufpassen musste, dass ihm niemand diesen Platz wegnahm.

Runde um Runde kam Max meinem Freund näher und ich kniff zwischendurch so fest meine Fingernägel in meine Handballen, dass es an einigen Stellen leicht zu bluten begann.
Doch dann kam alles ganz anders und es ging so schnell, dass ich es beinahe verpasst hätte.
Max und Hamilton hatten beide schlechte Boxenstops gehabt, weshalb sie im direkten Duell um den zweiten Platz hinter Daniel kämpften und plötzlich flog Max' Auto in die Luft und halb auf das von Hamilton drauf.

Lauren entfuhr ein spitzer Schrei und auch ich erschreckte mich wahnsinnig. Hoffentlich war den beiden nichts passiert!
Mit angehaltenem Atem beobachtete ich das Geschehen auf dem Bildschirm, dann atmete ich erleichtert auf, denn Max stieg aus dem Wagen und Hamilton versuchte seinen Boliden sogar noch rückwärts aus dem Kies zu kriegen, also ging es ihm auch gut.

Sofort beruhigte sich mein Herzschlag, auch weil ich wusste, dass Daniel jetzt erstmal ein Stück weit außer Gefahr war.
Bis zum Ende des Rennens kam Daniels Teamkollege Lando ihm zwar noch ziemlich nah, aber nicht nah genug, um ihn zu überholen und als mein Freund schließlich nach 70 nervenaufreibenden Runden als Sieger durchs Ziel fuhr, brach bei uns lauter Jubel aus.

Elliott führte einen kleinen Freudentanz auf, in den Theo bald mit einstimmte, Lauren und ich blieben auf dem Sofa sitzen. Irgendwann schaute sie zu mir und riss überrascht die Augen auf.

"Harper, du... du weinst", sagte sie leise und ich stellte fest, dass sie Recht hatte.
Mir liefen stumme Freudentränen über die Wangen und ich konnte nicht anders, als zu lächeln.

Wann war ich das letzte Mal so glücklich gewesen, dass ich sogar deswegen geweint hatte?
War ich abgesehen von Elliotts Geburt überhaupt jemals so von Stolz und Freude erfüllt gewesen, wie in diesem Moment?
Ich wagte es zu bezweifeln.

Lächelnd wischte ich mir über die Augen und nickte, dann zuckte ich zusammen, weil mein Handy in meiner Hosentasche vibrierte. Schnell zog ich es hervor und sah, dass Daniels Mum via Facetime anrief. Ich hob ab und sie und Joe grinsten mich breit an, aber noch bevor ich etwas sagen konnte, kam ein dritter Kontakt dazu und zu meiner Überraschung war es Zak Brown.

Sein Kamerabild wackelte ein wenig während er sich durch jede Menge Menschen hindurchschob, dann sah ich das verdammte Grinsen, in das ich mich verliebt hatte und musste ebenfalls grinsen.
"Hier Daniel, deine Familie."

Mit diesen Worten drückte Zak meinem Freund das Handy in die Hand und er strahlte uns an.

"Das heute, das war für jeden von euch. Danke, dass ihr immer alle an mich geglaubt habt", sagte Daniel überwältigt, dann musste er Zak das Handy zurückgeben, um zum Wiegen zu gehen.

Also schauten wir im Fernseher weiter und als Daniel während der Siegerehrung wieder aus seinem Schuh trank, wandte Elliott sich sofort wieder mit bettelndem Hundeblick an mich und fragte, ob er auch wieder aus seinem Schuh trinken durfte.

Ich war so euphorisiert, dass ich sofort zustimmte.
"Was hältst du davon, wenn wir das alle machen, sobald Daniel wieder da ist?"

Elliott nickte breit strahlend, dann schauten wir auch noch den Rest der Siegerehrung und die Interviews.
Es war etwas ganz besonderes, Daniel so glücklich und befreit zu sehen und mir wurde klar, wie viel ihm das bedeutete. Das Gewinnen, aber überhaupt das Rennfahren an sich, das war es, was er liebte, wofür er lebte.

Es machte mich ein bisschen neidisch, dass er einen Job hatte, dem er so leidenschaftlich nachgehen konnte und ich fragte mich, ob ich irgendwann auch so glücklich mit meiner Arbeit sein würde. Ich hoffte es auf jeden Fall.
Und bis dahin musste Daniel eben genug Spaß für uns beide daran haben.

Melt My Ice, Sunnyboy (Daniel Ricciardo FF)Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt