promises (1)

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H A R P E R

Eine Weile blieb ich nachdenklich auf dem Sofa sitzen, dann stand ich irgendwann auf und lief nach oben ins Schlafzimmer, um mein Handy zu holen, mit dem ich mich anschließend im Schneidersitz aufs Bett setzte.
Entschlossen scrollte ich durch meine Kontakte und sobald ich die gesuchte Person gefunden hatte, klickte ich auf die Nummer und lauschte dem stetigen Tuten.

Schon nach wenigen Sekunden wurde abgehoben.
"Verstappen?"

"Hey Max, hier ist Harper."

"Harper, was für eine Überraschung! Du bist noch in Australien, oder?"

"Ja, bin ich."

"Cool, und wie gefällt's dir? Ich wette Elliott hat jede Menge Spaß."

Kurz biss ich mir auf die Lippe, dann nickte ich, obwohl der Niederländer das nicht sehen konnte.
"Ja, er hatte wirklich eine tolle Zeit und mein Bruder und ich auch."

Max schien zu merken, dass das nicht der Grund für meinen Anruf war, denn bei seinen nächsten Worten klang seine Stimme deutlich ernster.
"Wieso rufst du an?"

"Daniel und ich haben uns getrennt", platzte es aus mir heraus.
Eigentlich hatte ich es irgendwie weniger direkt sagen wollen, aber es war mir einfach so rausgerutscht.

Am anderen Ende der Leitung herrschte erstmal schweigen, dann erklang ein völlig verwirrtes: "Was?"

"Daniel und ich haben uns getrennt. Na ja, oder vielmehr werden wir uns trennen, wenn Elliott, Theo und ich morgen hier abreisen."

"Aber- aber wie? Wieso? Ist irgendwas passiert?"

"Ich hab herausgefunden, dass Daniel mich angelogen hat.
Die letzte Saison hat ihn sehr viel mehr Kraft gekostet als er zugegeben hat, die ständigen Flüge nach England, all der Stress. Er hat wohl auch sein Training vernachlässigt und er hat ein Zittern in den Händen entwickelt, das vermutlich psychosomatisch bedingt ist. Das letzte Jahr hat ihm alles abverlangt und das kann ich kein weiteres Jahr von ihm verlangen.
Er hat so viel für mich und meinen Sohn getan, jetzt ist es an der Zeit, ihm etwas zurückzugeben und ihm zu ermöglichen, sich auf seinen geliebten Job zu konzentrieren.
Ehrlich gesagt hatten wir beide in den vergangenen Wochen und vielleicht sogar Monaten Zweifel daran, wie gut wir uns wirklich tun, aber wir haben das ignoriert und voreinander versteckt bis es nicht mehr weiterging und wir uns zur Trennung entschieden haben.
Das erschien uns die einzige Lösung, auch wenn es uns beiden weh tut."

Ich merkte selbst, wie monoton meine Stimme dabei klang. Fast, als wäre ich wieder dieselbe Harper wie vor einem knappen Jahr, bevor ich Daniel in mein Herz gelassen hatte.

"Ich- ich weiß nicht, was ich sagen soll. Es tut mir so Leid für euch beide. Ich kann die Argumente verstehen, aber scheiße ist es trotzdem."

Mir entfuhr ein kurzes, trostloses Lachen.
"Was du nicht sagst."

"Sorry, diese Aussage war wahrscheinlich nicht besonders hilfreich. Ich wünschte ich könnte dir irgendeine tolle Idee präsentieren, aber mir fällt nichts ein und ich hab das Gefühl, dass ihr euch darüber auch schon viele ergebnislose Gedanken gemacht habt. Also bleibt mir nur zu sagen, dass es mir wahnsinnig leid tut."

"Danke. Aber das ist nicht der Grund, wieso ich anrufe. Ich wollte dich um etwas bitten."

"Klar, was kann ich tun?", fragte Max sofort.

"Bitte kümmer' dich um Daniel. Er wird zurück in seine Wohnung in Monaco ziehen, er wird Liebeskummer haben und er wird seinen besten Freund mehr denn je brauchen. Ich weiß, dass du das sowieso tun würdest, weil du ein großartiger Freund bist, aber ich wollte dich trotzdem nochmal explizit darum bitten.
Vielleicht wird er so tun, als ob alles gut wäre und wie früher versuchen, einfach alles wegzulächeln und es in sich hinein zu fressen.
Aber das darf nicht passieren.
Er muss die Trauer zulassen, er muss den Liebeskummer durchstehen, sonst wird er niemals wirklich darüber hinwegkommen.
Er darf nicht wieder der alte Daniel werden, der alles mit sich selbst ausmacht und so tut, als wäre nichts und sich hinter seinem Grinsen versteckt.
Bitte versprich mir, dass du auf ihn aufpassen wirst."

Dieses Mal klang meine Stimme anders als vorher, emotional und beinahe weinerlich, aber das war gut so, denn Daniel war mir wichtig und ich wollte, dass er nicht alleine durch das alles gehen musste.

Als Max mir antwortete, konnte ich hören, dass er lächelte.
"Versprochen, ich werde auf ihn aufpassen und für ihn da sein."

"Danke. Und auch danke für alles andere. Ohne dich wären wir nicht zusammengekommen, du warst jederzeit für ihn und auch für mich und für meinen Sohn da. Das werde ich dir niemals vergessen, Max."

"Das hab ich gerne getan, Eiskönigin."

Der Spitzname brachte mich zum schmunzeln. Wer hätte gedacht, dass ich diesen Namen, den der Niederländer mir verpasst hatte, irgendwann mal belächeln würde, weil er mich an Daniel erinnerte?

"Wie gesagt, danke. Und vielleicht sehen wir uns ja eines Tages mal wieder."

"Das würde mich wirklich freuen."

"Mich auch. Mach's gut Max."

"Mach's gut Harper."

Ich legte auf und atmete tief durch, dann verließ ich das Bett und lief ins Nachbarhaus, in dem Daniels Eltern wohnten. Wie immer betrat ich es durch die Terrassentür und weil die beiden im Wohnzimmer saßen, entdeckten sie mich sofort.
Ich wurde lächelnd empfangen und schaffte es sogar, das kurz zu erwidern.

"Hallo Harper, wie schön dich zu sehen. Wo hast du denn Daniel, Elliott und Theo gelassen?", begrüßte Grace mich freundlich.

"Theo übt mal wieder mit dem Skateboard und Daniel und Elliott verbringen den Tag zusammen, um- um sich voneinander zu verabschieden."

Sofort verblasste das Lächeln auf den Lippen der beiden und wurde durch ein leises Seufzen von Joe ersetzt.
"Daniel hat uns von eurer Trennung erzählt."

Ich nickte schwach und setzte mich den beiden gegenüber in einen Sessel.
"Ich weiß, deshalb bin ich hier.
Natürlich weiß ich, dass ihr ihn liebt und für ihn da seid, aber ich wollte euch nochmal besonders bitten, soweit es möglich ist ein Auge auf ihn zu haben.
Wahrscheinlich wird er seine Trauer überspielen oder schon sehr früh behaupten, es ginge ihm gut. Vielleicht wird er sogar selbst glauben, dass es ihm gut geht.
Aber das wird es nicht.
Früher oder später wird es ihn wie ein Faustschlag in die Magengrube treffen und ich will nicht, dass er dann einsam ist. Bitte passt gut auf ihn auf, wenn ich es nicht mehr kann."

"Oh Harper, natürlich werden wir auf ihn aufpassen. Aber versprich uns, dass du auch auf dich aufpassen wirst."

Sofort nickte ich.
"Das werd ich. Und dann- dann wollte ich mich noch bei euch bedanken. Für einfach alles.
Ihr habt meine Familie und mich so liebevoll und herzlich aufgenommen, habt uns sofort das Gefühl gegeben, dazuzugehören. Dank euch hatten wir das schönste Weihnachtsfest aller Zeiten und Elliott hatte einen großartigen Geburtstag, den er sicher niemals vergessen wird und ich auch nicht.
Das war alles nicht selbstverständlich und deshalb- Danke. Danke für alles."

"Für uns war das selbstverständlich. Und wir müssen dir auch danken, denn du hast Daniel sehr glücklich gemacht und ihn positiv beeinflusst. Wenn du möchtest, steht dir hier auch in der Zukunft jederzeit die Tür offen."

Gerührt sah ich Daniels Eltern an, denn damit hatte ich nun wirklich nicht gerechnet. Aber es zeigte erneut, dass die Ricciardos mich tatsächlich als Teil ihrer Familie ansahen und das war Balsam für meine Seele.

Zum ersten Mal an diesem Tag schlich sich ein ehrliches Grinsen auf meine Lippen, bevor ich aufstand und Grace und Joe umarmte. Wie sehr hätte ich mir gewünscht, sie als Großeltern für Elliott zu behalten, die er gern besuchte und die ihm die tollsten Geschichten erzählten.

Aber es sollte nicht sein und in Anbetracht der Tatsache, dass wir morgen abreisen würden, wurde es langsam aber sicher Zeit sich irgendwie mit dem Ende dieses Abenteuers zu arrangieren. Sicher war nur, dass ich mit einem lachenden und einem weinenden Auge gehen und diese gemeinsame Zeit niemals vergessen würde.

Melt My Ice, Sunnyboy (Daniel Ricciardo FF)Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt