H A R P E R
Aufmerksam musterte ich meinen Bruder und sah ihn dann fragend an.
"Hey Theo, hast du Lust eine Runde mit mir spazieren zu gehen während die anderen Schach spielen?"
Ich erhielt ein Nicken zur Antwort und wenige Minuten später hatten wir uns kuschelig warm eingepackt und die Wohnung verlassen.
"Was hältst du davon, wenn wir zum Park gehen und uns vorher beim Bäcker noch eine heiße Schokolade mitnehmen?", schlug ich vor und Theo stimmte zu.
Also machten wir es genau so, dann liefen wir durch den Park und wärmten unsere Finger an den warmen Pappbechern.
"Geht's dir gut?", erkundigte ich mich und kam damit endlich dem Grund für diesen Spaziergang näher.
Mir war gestern schon aufgefallen, dass etwas mit Theo nicht stimmte, aber mein Fokus hatte auf Laurens Umzug gelegen und ich hatte mich nicht um beides kümmern können.
Theo seufzte tief und schüttelte dann schwach den Kopf.
"Nicht wirklich."
Besorgt sah ich ihn an.
"Was ist denn los?"
"Da war ein... ein Mädchen, mit dem ich mich echt gut verstanden hab. In meiner Parallelklasse. Ich hab ihr ab und zu Nachhilfe in Physik gegeben und wir haben uns angefreundet. Sie war eine der ganz wenigen, der ich ein bisschen was von der Situation zu Hause erzählt hab."
Langsam ahnte ich, worauf das hier hinauslaufen würde.
"Sie wollte mehr als nur mit dir befreundet sein?"
Er nickte zaghaft und seufzte dann erneut.
"Aber ich bin glücklich mit Clara und war einfach froh, eine echte Freundin gefunden zu haben statt all der falschen Leute an der Schule. Es tut verdammt weh, dass sie jetzt nicht mehr mit mir befreundet sein will, weißt du?"
Verständnisvoll nickte ich.
"Natürlich. Liebeskummer ist scheiße, das Ende einer echten Freundschaft ist noch viel beschissener. Aber ich verspreche dir, dass der Schmerz irgendwann vergeht und du wieder echte Freunde finden wirst. Und es wird genauso vertrauensvoll und ehrlich wie beim ersten Mal."
"Wirklich?"
Ich nickte und lächelte meinen Bruder aufmunternd an.
"Wirklich. Erstmal wird es scheiße weh tun und du musst da durch. Aber sieh dir Lauren und mich an. Mittlerweile kann ich mir ein Leben ohne sie nicht mehr vorstellen."
Theo wollte mir gerade antworten, als sein Blick an irgendetwas hängen blieb und er misstrauisch die Augenbrauen zusammenzog.
"Sag mal, ist das nicht-"
Ich folgte seinem Blick und erstarrte.
"Oliver", vervollständigte ich Theos Satz und spürte, wie mein Herzschlag sich beschleunigte, "Was macht der hier?"
Mein Exfreund saß auf einer der Parkbänke und schaute sich suchend um, doch als er uns entdeckte, hörte er damit auf. Seine blonden Haare steckten unter einer dunklen Mütze und er trug einen schwarzen Designermantel, wobei ich auch nichts anderes von ihm erwartet hätte.
Er stand auf und steuerte auf uns zu, woraufhin ich automatisch meinen Rücken durchstreckte, um größer zu wirken. Theo neben mir hatte hasserfüllt das Gesicht verzogen und ich warf ihm einen warnenden Seitenblick zu, um zu verhindern, dass er etwas Dummes tat.
Als Oliver uns erreicht hatte, kratzte er sich verlegen an der Schläfe und ich zog abwartend eine Augenbraue nach oben.
"Was machst du hier?", fragte ich emotionslos, obwohl es in meinem Inneren tobte.
"Ich... ich hab dich gesucht. Ich wusste nicht, wo du wohnst, nur dass du nach Woking gezogen bist."
"Und woher wusstest du das?", hakte ich skeptisch nach und verschränkte die Arme vor der Brust.
"Das stand im Internet. Dein Freund, dieser Rennfahrer... Ich hab ihn gegoogelt und da stand, dass ihr gemeinsam hierherzieht. Na ja, und dann hab ich einen Privatdetektiv beauftragt dich zu finden und er hat gesagt, dass du in diesem Park oft spazieren gehst, besonders an den Wochenenden."
"Was für ein kranker Stalker bist du denn?", mischte Theo sich aufbrausend ein und machte einen Schritt auf Oliver zu, aber ich hielt ihn auf und zog ihn zurück neben mich.
"Wofür der ganze Aufwand, Oliver? Ich weiß, dass ich dir nicht wichtig genug bin, um so beharrlich zu sein."
"Ich... ich wollte dir das hier geben."
Er reichte mir einen Briefumschlag, auf dem mein Name stand und ich öffnete ihn vorsichtig. Es befand sich nur ein einziges dünnes Papier darin und als ich es herauszog, bemerkte ich, dass es ein Scheck war. Ein Scheck über eine verdammt große Menge Geld.
"Was soll ich damit?", fragte ich, obwohl ich es bereits ahnte.
"Ihn einlösen. Ich kannte deine Kontodaten nicht, deshalb konnte ich es dir nicht direkt überweisen, aber ich wollte, dass du es bekommst. Na ja, oder besser gesagt: Dass Elliott es bekommt.
Seit ich ihn in Silverstone gesehen habe, hab ich viel nachgedacht und mich dagegen entschieden, mir das geteilte Sorgerecht zu erklagen."
"Woher der Sinneswandel?", erkundigte ich mich kühl, auch wenn ich mich irgendwo tief in meinem Inneren sogar ein wenig freute, dass er sich Elliotts Namen gemerkt hatte.
"Er sah so glücklich aus, als ich ihn gesehen hab. Es scheint, als ob du eine sehr gute Mutter geworden wärst und ihr ein gutes Team seid, das ich nicht zerstören sollte.
Aber er sollte trotzdem etwas davon haben, dass sein leiblicher Vater viel Geld hat, deshalb der Scheck. Du kannst selbst entscheiden, wofür du ihn nehmen möchtest, da gibt es denke ich vom Führerschein bis zur Uni eine Menge Dinge, die teuer sind."
Ich rang mit mir, dann schüttelte ich den Kopf.
"Ich will dein Geld nicht, mit dem du versuchst dein schlechtes Gewissen zu beruhigen. Nimm es wieder mit und steck es dir sonstwohin, Oliver."
Ich hielt ihm seinen Scheck entgegen, doch er nahm ihn nicht zurück, sondern schaute mich beinahe flehend an.
"Bitte Harper. Bitte nimm das Geld und tu mir den Gefallen. Ich werde euch nie wieder aufsuchen oder in irgendeiner Weise eine Gefahr darstellen, ich will nur... Ich will nur auf meine Weise etwas wieder gut machen. Nicht bei dir, dafür ist es zu spät.
Ich hab dich enttäuscht und du hast jedes Recht der Welt, wütend auf mich zu sein. Und ich werde auch bei Elliott nicht mehr gut machen können, dass er ohne Vater aufwachsen musste. Aber ich kann dafür sorgen, dass er sich aus finanzieller Sicht keine Sorgen um die Zukunft machen muss. Also bitte, lass mich das tun und damit mein Gewissen beruhigen."
Stumm sah ich ihn an, musterte den Mann, von dem ich früher einmal geglaubt hatte, er sei die Liebe meines Lebens. Und während ich ihn ansah und seine Gesichtszüge begutachtete, fielen mir die Ähnlichkeiten zu Elliott auf.
Plötzlich störten mich diese Ähnlichkeiten nicht mehr. Egal wie ähnlich Elliott seinem Erzeuger sah, er würde niemals so werden wie er.
In diesem Moment wurde mir klar, dass es nichts brachte, der Vergangenheit hinterherzutrauern und der Frage, was wohl hätte sein können, wenn Oliver mich nicht verlassen hätte. Ich realisierte, dass ich mir selbst eine unnötige Last aufbürdete und Kraft raubte, wenn ich an meinem Hass auf ihn festhielt.
Also zog ich meine Hand zurück und steckte den Scheck in meine Jackentasche.
"Okay. Ich nehme dein Geld und dafür wirst du nie wieder bei uns auftauchen. Deal?"
Oliver nickte sofort.
"Deal. Danke Harper."
"Dank mir nicht, sondern verschwinde einfach. Auf Niewiedersehen Oliver."
Mit diesen Worten schob ich mich an ihm vorbei und setzte meinen Weg fort, Theo folgte mir wenige Sekunden später.
Verwirrt sah er mich an.
"Wieso hast du das getan? Jetzt hat er ein beruhigtes Gewissen, obwohl er ein Arschloch war und ist."
Ich atmete tief durch, dann begann ich unweigerlich ein wenig zu lächeln.
"Weißt du Theo, ich hab Oliver so lange verteufelt und gehasst, das hat Kraft gekostet. Kraft, die ich in Zukunft viel lieber in Elliott stecken möchte. Und mit diesem Geld kann ich viel Gutes für ihn tun, also soll es mir Recht sein. Wenn das bedeutet, dass Oliver wirklich nie wieder bei uns auftaucht, dann war es mir das definitiv wert.
Und jetzt lass uns nach Hause gehen, Lauren und Elliott fragen sich bestimmt schon, wo wir sind."
Ach ja, ich liebe gesunde Abschlüsse mit der Vergangenheit. Wenn ich das doch bloß in meinem eigenen Leben auch so toll hinkriegen würde...
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Melt My Ice, Sunnyboy (Daniel Ricciardo FF)
Fiksi PenggemarBerühmt, beliebt und rasend schnell. Daniel Ricciardo gilt in der Formel 1 als herausragender Overtaker und abseits der Rennstrecke als Sonnenschein und Stimmungsaufheller. Zur Saison 2021 wechselt er zu McLaren, doch er findet sich langsamer zurech...
