D A N I E L
Was war das richtige Wort, um zu beschreiben, wie ich mich fühlte?
Erleichterung?
Freude?
Euphorie?
Nein, das reichte alles nicht aus.
Für das Gefühl, nach so langer Zeit und einer so zermürbenden bisherigen Saison zu gewinnen, gab es schlicht und ergreifend keine Worte.
Auch mehrere Stunden später war es noch irgendwie surreal und nicht wirklich bei mir angekommen. In einer Stunde würde unten die große McLaren-Siegesfeier stattfinden, bis dahin musste ich noch etwas wichtiges erledigen.
In Hoodie, Jeans, kuscheligen Socken und mit noch leicht feuchten Haaren vom Duschen, setzte ich mich auf mein Hotelbett und wählte Harpers Nummer.
Es dauerte nur wenige Sekunden, dann nahm sie den Videoanruf entgegen und lächelte mich so liebevoll an, dass mir schwindelig wurde.
"Hey du Grand Prix Sieger", begrüßte sie mich und ich konnte mir ein kurzes Lachen nicht verkneifen.
"Auch hey. Passt es bei dir gerade oder störe ich?"
"Keine Sorge, tust du nicht. Theo und Elliott spielen gerade in seinem Zimmer. Ich kann sie holen, wenn du willst."
Entschlossen schüttelte ich den Kopf.
"Nein, ich würde gerne nur mit dir sprechen. Es geht um die nächsten Wochen."
Verwirrt runzelte Harper die Stirn.
"Was meinst du?"
"Wie du weißt, findet in zwei Wochen das Rennen in Austin statt und um nicht während des Trainings mit dem Jetlag kämpfen zu müssen, fliege ich immer etwas früher hin. Außerdem hab ich Freunde in L.A., die mich gefragt haben, ob ich sie bei dieser Gelegenheit nicht mal wieder besuchen kommen möchte.
Und ich... na ja, ich hab ihnen zugesagt."
Noch immer schien Harper ein wenig verwirrt zu sein.
"Was genau bedeutet das? Fliegst du direkt in die USA?"
"Nein, das macht keinen Sinn, dafür hab ich zu wenig Klamotten und so dabei. Ich komme morgen wie geplant nach Hause, bleibe aber nur zwei Tage in England und fliege dann weiter nach L.A., mein Flug geht am Dienstagabend. So muss Theo sich nur eine Nacht lang mit mir das Hotelzimmer teilen und kann dann zwei Wochen lang im richtigen Bett schlafen."
"Aber das bedeutet auch, dass wir uns nur knappe zwei Tage sehen und dann wieder zwei Wochen lang nicht", stellte sie fest und ich nickte schwach.
Klar, nachdem wir zuletzt so wahnsinnig viel Zeit miteinander verbracht hatten, war es seltsam, dass wir uns so vergleichsweise lang nicht sehen würden. Aber für mich war das reisetechnisch einfach angenehmer und ich brauchte dringend mal wieder etwas weniger Hektik.
Bevor ich das alles Harper sagen konnte, hatte sie es bereits selbst festgestellt.
"Du musst tun, was für dich am besten ist. Und wenn das bedeutet, dass du nur kurz hier bist, dann werden wir diese kurze Zeit eben nach besten Möglichkeiten genießen. Ich hab Elliott versprochen, dass wir alle mit dir zusammen nochmal aus den Schuhen trinken, wenn du wieder hier bist."
Diese Aussage brachte mich zum Lachen und ich nickte entschlossen.
"Klar machen wir das. Wenn ich in Amerika bin, würde ich übrigens gerne nochmal mit dir skypen, um über das mit der gemeinsamen Wohnung zu sprechen", sagte ich ein wenig unsicher, weil ich nicht wusste, wie Harper darauf reagieren würde. Aber zu meiner Überraschung nickte sie.
"Ja, das sollten wir tun. Auch wenn mir der Gedanke nicht gefällt, dass du sie komplett bezahlen möchtest."
Bei diesen Worten musste ich schmunzeln, dann fiel mein Blick auf die Uhr und ich stellte fest, dass ich mich langsam auf den Weg zur Party machen musste. Das sagte ich auch Harper, also verabschiedeten wir uns voneinander und sobald ich aufgelegt hatte, vermisste ich sie bereits.
H A R P E R
Weil Theo und Elliott noch mit ihrem Spiel beschäftigt waren, erlaubte ich mir einen kleinen Spaziergang und damit etwas Zeit für mich allein.
Sobald ich in eine dicke Jacke und wetterfeste Schuhe geschlüpft war, verließ ich die Wohnung und das Haus und begann ziellos durch die Nachbarschaft zu laufen. Zum Glück regnete es gerade nicht, aber der Himmel war grau und trüb und weil es heute Nacht geregnet hatte, war es typisch nass-kalt, wie ich es vom Oktober in England gewohnt war.
Aber die frische kühle Luft tat mir gut und ich musste unweigerlich an mein Telefonat mit Daniel eben denken.
Warum fühlte es sich so schlecht an, dass er nur kurz hier sein würde?
Wann war ich so gesellig und anhänglich geworden?
Früher hatte ich abgesehen von Elliott so gut wie jeden unnötigen sozialen Kontakt gemieden und jetzt schien ich gar nicht mehr genug davon kriegen zu können.
Das war wohl eine der vielen Veränderungen, die Daniel bei mir bewirkt hatte, auch wenn ich mir nicht ganz sicher war, was ich von dieser hier halten sollte. Aber für Elliott war es toll, denn er hatte schon immer gern viele Leute um sich gehabt. In dieser Hinsicht kam er ganz nach seinem Vater, obwohl der es noch extremer gehabt hatte, weil er immer unbedingt im Mittelpunkt hatte stehen wollen.
Meine Gedanken wanderten zum Rennwochenende in Silverstone, als Oliver gedroht hatte, es sei noch nicht vorbei. Wie so oft hatte er seinen Worten keine Taten folgen lassen, aber in diesem Fall war ich froh darüber, denn ich genoss den Frieden, der gerade herrschte.
Ja, ich war derzeit arbeitslos, hatte immer wieder irgendwo Vorstellungsgespräche und schrieb fleißig Bewerbungen, aber davon mal abgesehen war es wirklich friedlich.
Ich hatte meine kleine Familie mit Daniel, Elliott, Theo und Lauren, der Verlust unserer Tochter tat mittlerweile auch nicht mehr so extrem weh wie noch vor einem Monat und überhaupt schien sich langsam alles zum Guten zu wenden.
Wäre da nicht die Tatsache, dass ich Angst vor diesem Guten hatte.
Ich hatte mich erschreckend schnell daran gewöhnt und Elliott leider auch. Er hing jetzt schon wahnsinnig an Daniel und war traurig, wenn der Australier nicht bei uns war, was wegen seines Jobs leider sehr oft der Fall war.
Und für Daniel war es auch nicht einfach. Früher war er mit Max im Privatjet zu den Rennen und zurück geflogen und die Fahrt vom Flughafen zu seiner Wohnung hatte nur eine knappe halbe Stunde gedauert.
Jetzt musste er mit Linienflügen nach London fliegen und brauchte dann noch mindestens eine Stunde mit dem Auto hierher. Dass er im Hotel wohnte bzw. schlief, war auch nicht gerade ein angenehmer Zustand und ich fragte mich, ob ich ihm vielleicht das Gefühl gab, er müsse das für uns tun.
All dieser Aufwand, die längeren Reisen, das dauerhafte Leben im Hotel, egal ob er arbeitete oder "zu Hause" war, das konnte ihm doch gar nicht gefallen.
Mutete ich ihm da zu viel zu?
Aber was war die Alternative?
Wenn Daniel wieder nach Monaco ziehen würde, würden wir ihn noch seltener sehen und welche Auswirkungen würde das auf Elliott haben?
Die Konstanz, die ich für meinen Sohn und mich gewollt hatte und auf die ich eine Weile bereit gewesen war zu verzichten, fehlte mir jetzt plötzlich doch.
Ich liebte Daniel, ich liebte ihn mit jeder Faser meines Körpers und ich wollte mit ihm zusammen sein.
Aber ich begann mich unweigerlich zu fragen, ob der Preis für uns alle nicht zu hoch war.
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Melt My Ice, Sunnyboy (Daniel Ricciardo FF)
أدب الهواةBerühmt, beliebt und rasend schnell. Daniel Ricciardo gilt in der Formel 1 als herausragender Overtaker und abseits der Rennstrecke als Sonnenschein und Stimmungsaufheller. Zur Saison 2021 wechselt er zu McLaren, doch er findet sich langsamer zurech...
