Kapitel 65: Anstrengung

64 4 0
                                        

Ich war froh, dass ich ihren Anblick nicht länger ertragen musste. Egal, wie stark ich wirken wollte, letzten Endes war sie doch für meine Folter verantwortlich und das lässt einen nicht unberührt. Ich habe gar nicht bemerkt, dass ich mein Messer in die Hand genommen hatte, aber jetzt liegt es ausgefahren in meiner zitternden Hand. Ich spiele etwas damit und das Zittern wird sofort weniger. „Alles gut?", riss eine Stimme mich aus meinen Gedanken. Ich sah auf als Nat die letzten Schritte zu mir überquerte und mich prüfend ansah. Ich nickte selbstbewusst: „Klar." Ihre Hand legte sich auf meine Wange und ihr Blick begegnet kritisch meinem. Die ganze Fassade stürzte plötzlich ein. Meine Schultern sackten nach unten und ich spürte, wie meine Augen feucht wurden. Blinzelnd schüttelte ich den Kopf und ihre starken Arme legten sich um mich. „Es ist so anstrengend", seufzte ich und versteckte meinen Kopf in ihrer Halsbeuge, „So anstrengend, sich zu verstellen und stark zu wirken. Und das Schlimmste ist, dass ich selbst nicht weiß, was ich machen will. Was ich machen würde, wenn alles keine Konsequenzen hätte. Ob ich fliehen würde oder mich rächen oder etwas ganz anderes." „Ich weiß, Baby. Aber du weißt auch, dass du mir gegenüber, uns anderen gegenüber, das nicht sein musst. Du hast das Recht, dich mal fallen zu lassen. Du musst nicht immer stark sein und alle anderen beschützen, du darfst dich auch mal beschützen lassen", erklärte sie mir sanft und küsste mich auf meine Haare. Ich hatte inzwischen aufgehört zu weinen. „Ich weiß nicht, ob ich das kann", gab ich zu, „vor allem bei den anderen." „Es reicht, wenn du es probierst und es langsam angehst", meinte meine viel zu gute Freundin. Ich nickte bloß.

Nach ein paar Minuten, die wir nur dastanden, löste ich mich von ihr. Ich blickte auf meine Hände, von denen eine immer noch das Messer hielt. Meine Gedanken drehten sich darum, dass ich auf gewisse Art genau so war wie Letizia. Ich folterte Menschen um zu bekommen, was ich will. Dabei schere ich mich nicht um sie und ihre Familien, Hauptsache ich bekomme meine Infos. Und wenn sie mir im Weg stehen, probiere ich auch sie hinter Gitter zu bringen, wo sie nichts mehr machen können. Eine warme Hand umfing mein Handgelenk und zwang mich mit dem Spielen vom Messer aufzuhören. Irritiert blickte ich auf, ich hatte wieder gar nicht mitbekommen, dass ich damit angefangen hatte. „Du hast alles gehört?", fragte ich die Spionin. Sie nickte bestätigend und wollte noch etwas sagen, aber ich kam ihr zuvor: „Gut, ich will mich nicht unbedingt noch mehr damit auseinandersetzen müssen, als ich es eh schon mach." Ich ging an ihr vorbei und verließ den Keller. Die Sachen, die ich hier unten erlebe, werden hier unten bleiben.

Ich blieb in der Tür stehen und drehte mich um. „Willst du auch was essen? Ich würde selbstgemachte Pizza machen", fragte ich meine Freundin. Sie runzelte kurz die Stirn, ihr gefällt es nicht, dass ich schon wieder so tue, als wäre alles ok. Aber wenn ich die Gedanken an Letizia nicht an einen Ort beschränke, dann wird es zu viel für mich. „Klar, ich helfe dir kochen", meinte sie dann, akzeptierend, dass das Thema vorerst für mich abgehakt war. Ich lächelte sie an und verschränkte unsere Hände als sie in meine Reichweite kam. Dann zog ich sie Richtung Küche.

Steve schloss gerade mit einem Seufzer den Kühlschrank und grummelte irgendwas mit „nie Essen im Kühlschrank". Er sah uns an und ich musste lachen, als ich seinen beleidigten Blick sah. „Na, kein Essen im Kühlschrank?", fragte ich. Er schüttelte traurig den Kopf, was mir wieder ein Lächeln entlockte. „Keine Sorge, Nat und ich machen Pizza, wir rufen euch dann, wenn sie fertig ist", munterte ich ihn auf.

Black AngelWo Geschichten leben. Entdecke jetzt