Kapitel 61: Tränen

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Ich klopfte an Wandas Türe. „Wanda?", sagte ich leise. Die Türe öffnete sich und ich sah gerade noch Vision durch die Wand verschwinden, es war mir gerade jedoch egal, wenn ich die beiden bei irgendetwas unterbrochen hatte. Meine beste Freundin sah mich an uns stand ruckartig auf. „Was ist passiert?", fragte sie bestürzt und nahm mich in den Arm. Ich lächelte etwas gezwungen: „Und ich dachte, ich bin undurchschaubar." Ihre Mundwinkel zuckten, aber es wirkte eher ärgerlich. „Nein, nicht gerade. Und du sagst mir jetzt endlich was passiert ist." Ich ließ mich auf ihr Bett sinken. „Gefühle sind passiert", antwortete ich monoton. Sie sah mich irritiert an und als ich mich einfach nur zurückfallen ließ meinte sie genervt: „Jetzt lass dir doch nicht so alles aus der Nase ziehen. Oder willst du, dass ich deine Gedanken lese?" Ich schüttelte leicht den Kopf und fing dann an zu erzählen. Davon, dass ich mit Nat unterwegs war, dass wir wieder miteinander geschlafen hatten, was wir seit ich zurück bin noch nicht hatten, und dann von der Art Streit und meinen gemischten Gefühlen. Den Job ließ ich unerwähnt, da das andere gerade noch genug war.

„Oh, Marie. Das tut mir alles so leid für dich", nahm Wanda mich in den Arm, sobald ich geendet hatte, „Ich glaube dir, dass das gerade alles ein bisschen viel für dich ist. Aber du solltest wissen, dass Nat auch jeden Tag dahin ist, um sich zu versichern, dass du noch lebst. Einmal warst du nicht da, als sie nach dir schauen wollte und sie ist zusammengebrochen und war erst dann wieder ansprechbar, als sie gesehen hatte, dass du zurückgebracht wurdest und noch lebst. Und dann eines Tages schien sie wie ausgewechselt, noch verbissener, verzweifelter und es schien ihr egal zu sein, wenn sie sterben würde. So war sie, bis wir dich rausgeholt hatten. Ich weiß nicht, woran es lag, wir wissen es alle nicht. Aber ich schätze es hatte etwas mit einer Veränderung bei dir zu tun. Sie hatte uns verboten, es anzusehen, wir hielten uns auch daran und fragten nicht nach, was passiert war." Sie hatte es auch getan um zu wissen, dass ich noch lebe, natürlich. Auch wenn sie das mir nicht sagen wollte, weil sie denkt, dass sie meine Wut verdient hat. Dabei kann ich es unter diesem Aspekt doch verstehen. Und was war mit dem Tag, ab dem sie sich anders verhalten hatte? War das der Tag, wo ich mich von mir selbst abgeschottet hatte? Gut möglich. Wie viel weiß sie eigentlich genau? Wie viel hat sie gesehen? Gut möglich, dass sie die schlimmsten Sachen gar nicht gesehen hatte. Und selbst wenn, was für einen Unterschied macht das noch? Und sie wollte mich wenigstens vor den anderen beschützen, dass sie nicht auch noch sehen, was mir angetan wird. Die Demütigung blieb mir dank ihr erspart. Und sie hat das alles nicht gesagt, weil sie denkt, dass sie es verdient hat, wenn ich wütend auf sie bin. Weil sie sich selbst bestrafen will, indem sie mir nicht alles erzählt, sondern nur das, was sie gemacht hat, worauf sie nicht stolz ist.

„Oh man", brach ich schließlich hervor und stand ruckartig auf, „Ich muss mit ihr reden." Ich öffnete die Türe und drehte mich dann nochmal zu meiner Freundin um: „Danke, Wanda. Das hatte ich nicht gewusst." „Immer wieder gerne", zwinkerte sie mir zu und machte scheuchende Handbewegungen, „Und jetzt geh, rede mit deiner Freundin." Ich nickte ihr nochmal dankbar zu, bevor ich die Tür hinter mir ins Schloss fallen ließ und den Gang entlangjoggte. Vor der Türe zu unserem Zimmer hielt ich inne. Wollte sie überhaupt mit mir gerade reden? Zögernd klopfte ich und wartete. „Ich will nicht mit dir reden, Clint", ertönte ihr Stimme von innen. Sie klang belegt, so als ob sie gerade die Tränen zurückdrängte. „Und mit mir?", fragte ich. Stille. Ich drehte mich gerade um und wollte wieder gehen und das unausgesprochenen „Nein" akzeptieren, als sich die Tür öffnete und eine weiche Hand sich um mein Handgelenk legte. „Ja", sagte sie leise und ließ mich los. Ich drehte mich um. Sie stand in der offenen Tür. Ich ließ meinen Blick von ihren nackten Füßen über meine Jogginghose und einen zu großen Pulli von mir gleiten. Ihre Haare hingen wirr runter und ihr Gesicht war gerötet. Es war offensichtlich, dass sie geweint hatte. Ihre grünen Augen wichen meinem Blick aus und sahen zu ihren Füßen, auf denen sie unsicher hin und her tänzelte. Ich trat einen Schritt vor, überbrückten den kleinen Abstand zwischen uns und nahm sie in meine Arme. Ich hielt sie und merkte, dass sie wieder angefangen hatte zu weinen. Ich gab ihr einen Kuss auf den Kopf und sog tief ihren Duft ein. Dann musste ich selbst anfangen zu weinen und wir hielten uns einfach nur gegenseitig.

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