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„Und ich liebe dich, Vanessa", sprach er schließlich die erlösenden Worte aus. Ich musste automatisch lächeln und in meinem Bauch regte sich etwas. Waren das etwa die Schmetterlinge, von denen alle immer sprachen?

Vor dem Abendessen gingen wir nochmal eine Runde um den Block spazieren. Wir waren bereits fertig gerichtet und konnten danach direkt in die Stadt reinfahren, wo wir uns später mit Alfred treffen würden. Hand in Hand liefen wir durch die Gegend. Es fühlte sich gut an und es fühlte sich richtig an und ich konzentrierte mich weiterhin darauf, mein Kopf aus- und mein Herz anzuschalten. Nach dem Abendessen fuhren wir mit der Metro ins Stadtzentrum. Dort hatten wir uns mit Alfred verabredet. Er war Karls bester Freund in Schweden. Er hatte mir schon so viel über ihn erzählt, tatsächlich hatte ich ihn gestern aber das erste Mal überhaupt gesehen. Da ich so müde war, konnte ich auch nicht viel mit ihm sprechen. Daher freute ich mich jetzt umso mehr darauf, Karls Freund aus Kindheitstagen kennenzulernen. Ich hoffte sehr darauf, dass ich nicht die gleiche Eifersucht verspürte, als damals mit Pauli auf den Faröer Inseln. Oder dass der Tag möglicherweise den gleichen Verlauf nimmt, als bei meinem ersten Aufeinandertreffen mit dem Mittún-Bruder...

„Hej Karl, hej Vanessa", empfing uns Alfred fröhlich am Bahnhof. „Hej!", meinten wir beide und nahmen ihn in den Arm. „Und, habt ihr schöne Tage hier?", wollte er von uns wissen. „Alles super!", antwortete Karl für uns beide und das war gut so. „Tut mir leid, dass wir uns gestern Morgen nicht mehr sehen konnten, aber ich musste schon früh los zur Arbeit", entschuldigte er sich gleich. „Was arbeitest du?", fragte ich neugierig. „Naja, eigentlich studiere ich. Deshalb lebe ich derzeit auch in Kopenhagen. Um mir das finanziell aber alles leisten zu können, habe ich einen Nebenjob in einem Café. Da muss man eben früh raus. Von dort aus geht es dann direkt weiter zur Uni und nachmittags dann nochmal eine Schicht", erzählte er. „Klingt stressig", merkte ich an. „Das ist es", bestätigte Alfred, „Für den Handball bleibt nicht mehr viel Zeit übrig." „Spielst du dann gar nicht mehr?" „Doch schon, aber ich kann nicht regelmäßig im Training sein. Das sieht mein Trainer natürlich nicht sehr gerne, aber ich halte mich auf andere Weise fit." Karl ergänzte: „Wir Nordeuropäer sind da alle etwas entspannter als die Deutschen." „Das merke ich", lachte ich. Alfred ging voraus, wir folgten ihm in eine kleine Bar, die ein richtig dänisches Flair hatte.

Alfred bestellte uns Akvavit, einen typisch dänischen Schnaps, und dazu Bier. „Also, schön dass ihr hier seid!", freute er sich und wir stießen miteinander an. „Karl hat erzählt, ihr wollt im Sommer zusammen nach Schweden kommen?" Etwas perplex schaute ich zu meinem Mitbewohner. Das Thema stand mal im Raum, ja, aber zugestimmt hatte ich dem nie. „Ich habe nur mal gesagt, dass ich im Sommer noch nichts geplant habe, deshalb hat Karl vorgeschlagen, dass ich einfach mit zu euch kommen kann, bevor ich alleine in Kiel herumsitze." Karl zuckte entschuldigend mit den Schultern. Alfred sagte daraufhin: „Das wäre doch total schön! Du bist jederzeit willkommen bei uns!" Diese Worte zu hören war schön. Grundsätzlich hatte ich den ganzen Abend über das Gefühl, ich bin nicht einfach nur als Anhängsel von Karl dabei, sondern erfahre ehrliches Interesse. Wenn ich so darüber nachdachte, hatte ich dieses Gefühl auf den Faröer Inseln bei Elias nie.

„Und du bist Fotografin, das hat Karl auch erzählt", redete Alfred weiter. „Er inzwischen ja quasi auch", lachte ich, „Hat er dir gesagt, dass er bei mir im Laden ausgeholfen hat?" „Nein, davon weiß ich nichts", meinte Alfred interessiert und wollte mehr wissen. „Meine Kollegin hat mich sitzen lassen und alleine kam ich nicht weiter. Er ist freiwillig eingesprungen. Ohne ihn säße ich jetzt wahrscheinlich ganz ohne Job da." „Du weißt schon, Marie", ergänzte Karl in Richtung seines Freundes. „Die Marie?", hakte er vorsichtig nach. „Ja, die Marie." Dass Alfred über seine „Beziehung" zu meiner ehemals besten Freundin Bescheid wusste, zeigte mir nur, wie sehr sich die zwei vertrauten. Karl wirkte ohnehin viel offener als wenn ich sonst mit ihm unterwegs war und wenn andere Leute dabei waren. Selbst mit Eric, seinem besten Freund in Kiel, redete er bei Weitem nicht so offen. Musste ich mir Sorgen machen?

Nein, den Gedanken schüttelte ich ganz schnell ab und freute mich vielmehr darüber, dass er so enge Vertraute in seinem Leben hatte, mit denen er über alles sprechen konnte.

„Soll ich uns nochmal eine Runde holen?", fragte Alfred. „Sehr gerne!" Er stand auf. Karl und ich blieben zurück. „Er ist ein toller Freund", sagte ich zu meinem Mitbewohner. „Das freut mich. Ich hatte wirklich Angst, ihr würdet euch nicht verstehen." „Alfred ist pflegeleicht", lachte ich. Karl schwärmte: „Wir haben schon so viel zusammen erlebt, haben gemeinsam Scheiße gebaut, haben uns auch echt mal so richtig verkracht, aber er weiß alles über mein Leben und ich weiß alles über sein Leben." „Dann weiß er das mit uns auch?", fragte ich zögernd nach. Karl nickte. Wow. Das musste ich erstmal sacken lassen. Nicht dass es mich störte, aber ein komisches Gefühl war es trotzdem, zu wissen, dass jemand „Fremdes" sozusagen über unsere Geschichte Bescheid wusste. „Müssen wir uns dann also gar nicht zurückhalten?", fragte ich Karl mit einem leichten Grinsen auf den Lippen. „Nein, das müssen wir nicht", bestätigte er mir und nahm meine Hand, um diese zu küssen. Das sah Alfred, der gerade mit einer Runde neuen Getränken zurückkehrte. „Ihr zwei Süßen", kommentierte er die Situation und stellte die Gläser auf dem Tisch ab. Als Alfred kurz am Handy war, flüsterte mir Karl die folgenden Worte ins Ohr: „Er weiß auch von Elias." Bei dieser Aussage lief ich knallrot an. Ein bisschen unangenehm war es mir ja schon. Alfred wusste ja quasi alles.

Mit jeder Minute wurde mir mehr klar, wie glücklich ich darüber war, dass Karl einen so guten Freund hatte und mir wurde mehr und mehr bewusst, dass ich bei Elias oft nur das fünfte Rad am Wagen war. Keine Frage, ich mochte seinen Bruder, ich mochte Óli und die Mädels, Pauli weiß ich nicht so recht, aber Alfred, er war einfach anders! „Was denkst du?", fragte Karl. „Mhh?" Er hatte mich voll aus meinen Gedanken gerissen. „Du starrst so in die Luft", erklärte er beiläufig. „Ach, es geht mir grad einfach gut. Das ist alles", freute ich mich und bei diesen Worten strahlte auch Alfred.

Wir gingen später am Abend noch weiter in eine andere Bar. Von hier aus hatte man einen wunderbaren Ausblick auf die ganzen Kanäle. Die Lichter der Stadt leuchteten und am Himmel stand der Mond. Es war eine sternenklare Nacht. Diesmal bezahlte ich trotz Gegenwehr die Runde. Es war mir unangenehm, den ganzen Abend über eingeladen zu werden. Als ich zu den Jungs kam, musste ich allerdings feststellen, dass es gar keinen Stuhl für mich gab. Also setzte ich mich kurzerhand auf Karls Schoß. Er schlang seine starken Arme um mich und drückte mir einen Kuss auf den Nacken, der dazu führte, dass meine gesamte Haut kurzzeitig von einer Gänsehaut überzogen wurde. Alfred zückte sein Handy, schoss ein Foto von uns und schon hatte er es in seiner Insta-Story gepostet. Ich wollte mich schon beschweren, doch Karl hielt mich zurück. Er sagte: „Gewöhn dich dran! Wenn du mit Alfred unterwegs bist, dann bist du Dauergast in seinen Storys. Da ist es egal, wie du gerade aussiehst." Irgendwie musste ich schmunzeln. Ich genoss es einfach, Zeit mit den beiden Jungs zu verbringen.

Weit nach Mitternacht erst kehrten wir in unser Hotel zurück. Alfred hatte versprochen, uns an einem freien Wochenende in Kiel besuchen zu kommen. Zusätzlich hatten es die zwei geschafft, mich zu überreden, im Sommer wirklich mit nach Schweden zu kommen. Das war jetzt also gesetzt. Karl und ich kuschelten noch etwas, schliefen dann aber ziemlich schnell ein. Was ein aufregender Tag, der da gerade zu Ende ging!

Am nächsten Morgen frühstückten wir ausgiebig, packten alle unsere Sachen zusammen und verluden sie schon einmal ins Auto. Danach fuhren wir noch an den Strand raus. Karl freute sich, weil er die ganze Zeit jetzt einen Blick auf die Øresundbrücke und auf Schweden hatte. Malmö konnte man aus der Ferne noch gut erkennen. „Wir hätten statt nach Kopenhagen übers Wochenende auch einfach nach Malmö oder nach Lund fahren können", lachte ich über seine Schwärmereien. „Nein, dann hätte Familie mich sehen wollen", winkte er sofort ab. „Willst du sie nicht sehen?" „Ich wollte ein schönes Wochenende mit dir verbringen und nicht an Familienessen teilnehmen. So war es schon besser. Im Sommer wirst du sie dann kennenlernen." „Okay", gab ich mich zufrieden und überlegte, ob ich mich mit ihnen wohl verstehen würde. Auch wenn ich mich bei Elias' Freunden nicht ganz so angekommen fühlte, über seine Familie konnte ich mich nicht beschweren. Sie behandelten mich gastfreundlich und aufgeschlossen. Da musste ich wieder an meine eigenen Eltern denken. Ich hatte sie lange nicht mehr besucht. Seit dem großen Streit an Weihnachten hatte ich nicht das Bedürfnis, regelmäßig bei ihnen zu sein. Wenn sie jetzt noch von der Trennung und meinem Verhältnis zu Karl wüssten, wüsste ich nicht, wie sie reagieren würden. Selbst Alina wusste noch nichts von der Trennung, sofern es ihr niemand gesagt hatte. Sie verbrachte ihre ersten Semesterferien in Neuseeland und würde erst kommende Woche wieder zurückkehren. „Meine Familie rastet aus, wenn sie von uns erfährt... und erst recht, wenn ich ihnen sage, dass auch Elias noch mit im Boot sitzt."

Sweet LiesWo Geschichten leben. Entdecke jetzt