Die beiden Handballer hatten sich inzwischen wieder was angezogen und weil es in der Kabine ungemütlich war, gingen wir in den Besprechungsraum, in dem die Jungs vorhin Video geschaut hatten. Irgendwie war mir das alles zu förmlich, wie wir da jetzt an einem Tisch saßen und reden wollten. Aus dem Kühlschrank besorgte Elias uns allen Spezi. „Toll, jetzt sitzen wir hier", machte ich meinem Unmut Luft. „Ihr wolltet sprechen", warf Elias ein. Karl erzählte: „Vanessa und ich waren am Wochenende in Kopenhagen." „Das weiß ich. Wollt ihr mir jetzt von eurem Urlaub erzählen? Oder wollt ihr mir mitteilen, dass ihr zusammen seid?" Elias' Stimme klang ziemlich genervt und gleichzeitig unwissend. Also fragte ich ihn: „Hat Karl gar nicht mit dir gesprochen?" „Worüber?", fragte der Färinger. „Warum wir reden wollen." Diesmal unterbrach mich Karl. Er meinte: „Ich dachte, du hättest Elias auf der Rückfahrt geschrieben." „Ja, aber nur ob er Zeit hat zum Reden", klärte ich auf. Na toll! Ging ja schon mal super los. Ich muss sagen, das eben in der Kabine hat mir da durchaus besser gefallen. Wie sagt man so schön? Reden ist Silber, Schweigen ist Gold!
„Warum wollt ihr mit mir sprechen?", hakte Elias also nochmal nach. „Hey ganz ehrlich, das müssen wir doch jetzt nicht hier im Trainingszentrum besprechen. Lasst zu uns nach Hause fahren und dort reden", schlug ich vor und war in meiner Stimme ziemlich eindeutig - kein Spielraum für Diskussionen. „Wir haben angefangen, hier zu reden, jetzt bringen wir es auch zu Ende. Ich habe auch nicht ewig Zeit", sagte Elias streng. Oh man! So hatte ich es mir nun wirklich nicht vorgestellt. „Sag doch auch mal was, Karl!", forderte ich. „Was soll ich denn sagen?", reagierte dieser völlig daneben. Jetzt wurde ich sauer. „Ich dachte, wir wären uns einig", zickte ich ihn an. „Worüber?" Wie begriffsstutzig konnte man denn sein? Jedes Mal wenn wir Streit hatten, war es dasselbe. Ich sagte etwas und er verstand gar nicht, was ich ihm da mitteilen wollte. „Über den Abend... über unsere Gefühle...", half ich ihm auf die Sprünge. Jetzt schaltete sich Elias wieder ein: „Also seid ihr jetzt zusammen?" „Nein!", antworteten wir gleichzeitig. Immerhin war Karls Verstand noch so klar, dass wir dieselbe Antwort gaben. Ich hatte mir da echt schon Sorgen gemacht. „Dann sagt mir doch einfach, was Sache ist. So schwer kann's ja nicht sein", grummelte Elias vor sich hin und seine schlechte Laune übertrug sich leider auf mich. „Es ist gar nichts los", behauptete ich auf einmal, „Wir hätten das einfach lassen und uns gar nicht hier verabreden sollen. War klar, dass es schiefgeht. Das hätte ich mir auch von Anfang an denken können. Ich war einfach zu naiv." Es war inzwischen mehr ein Selbstgespräch geworden. Ich regte mich einfach so sehr auf. Elias sprach nichts mehr, weil er sich versuchte, einen Reim auf die ganze Sache zu bilden. Karl sprach nichts mehr, weil... ja, warum eigentlich?
„Können wir nach Hause gehen?", giftete ich meinen Mitbewohner an. Nachdem wieder keine Reaktion seinerseits folgte, fragte ich ihn in aller Deutlichkeit: „Hast du das Sprechen verlernt?" Elias wurde jetzt auch alles zu blöd. Er sagte: „Also, wir kommen hier ja scheinbar nicht auf den Punkt. Ich bin dann auch mal weg!" Er war schon auf dem Weg zur Türe, ich war drauf und dran, ihm zu folgen, da erwachte einer aus seiner Winterstarre und schrie uns an: „STOPP! Keiner geht!"
Totenstille.
„Du bedeutest uns beiden was, Elias!" Der Mittelmann des THW Kiels blieb abrupt stehen. „Was?", fragte er kreideweiß. „Deswegen wollten wir reden." Es wunderte mich, dass Karl auf einmal so viel Initiative ergriff, aber ich war ganz froh darüber. Ich hatte nicht erwartet, dass mir das Gespräch so schwerfallen würde. Elias setzte sich wieder. Noch immer war er völlig perplex und wirkte auch ziemlich überfordert. Er schien nicht zu wissen, was er sagen sollte - genauso wenig wie ich übrigens. Auch ich saß schweigend da und traute keinem der beiden ins Gesicht zu schauen. Unruhig spielte ich an meinen Fingernägeln herum und hoffte, dass hier gleich irgendwas passieren würde. Das Schweigen war unerträglich. „Du weißt, ich hatte Gefühle für dich, schon lange bevor das mit Vanessa und dir angefangen hat", begann Karl zu reden, „Dann wart ihr zusammen. Ich habe damals versucht zu überspielen, wie schlecht es mir ging. Für mich war es weitaus mehr als wir haben ab und zu mal heimlich Sex und sehen uns sonst jeden Tag im Training. Ich wollte mehr. Den Eifersüchtigen wollte ich nicht spielen - wie es aber in mir drin aussah, wusste zu dem damaligen Zeitpunkt keiner. Da kam Marie ins Spiel. Von Anfang an war sie eine Ablenkung, beziehungsweise wollte ich dich, Elias, mit ihr eifersüchtig machen. Das war zumindest am Anfang mein Plan. Ich wäre sonst niemals eine Beziehung mit ihr eingegangen. Dann folgte Vanessas Geburtstag und dieser Tag hat bei mir dafür gesorgt, dass sich nochmal alles auf den Kopf stellt. Der Kuss zwischen Vanessa und mir hat mir plötzlich einiges klargemacht - ich habe im Vorfeld alles unternommen, um meine Gefühle zu dir zu unterdrücken, bis mir in diesem Augenblick klargeworden ist, dass ich nicht auf Vanessa, sondern auf dich eifersüchtig war. Ich wollte das, was du hattest - sie!" „Moment... welcher Kuss?", unterbrach Elias Karls Redeschwall. „Fuck!", seufzte ich laut und legte meine Hände sorgenvoll an Kopf. Ich hatte Elias nie davon erzählt. „Es war ein Spiel", relativierte Karl sofort. „Spiel hin oder her. Warum erfahre ich erst jetzt davon?" Hierauf gab ich eine Antwort, besser gesagt stellte ich meinem Ex eine Gegenfrage: „Und warum habe ich erst am Wochenende erfahren, dass du eine Woche bevor wir zusammengekommen sind, nochmal mit Karl gefickt hast?" „Das tut doch jetzt nichts zur Sache!", verharmloste mein Mitbewohner und fuhr fort: „Jedenfalls habe ich dann meinen Fokus so auf Vanessa gelegt, dass es irgendwann nicht mehr nur Interesse an ihr war, sondern es waren Gefühle im Spiel. Meine Gefühle zu dir waren nie weg, ich konnte sie damals einfach nur kontrollieren. Bis zu einem gewissen Zeitpunkt!"
Elias hatte am Ende gar nicht mehr zugehört. Vielmehr grübelte er über den Kuss nach und stellte hierzu noch weitere Fragen. Schließlich erzählte ich ihm die ganze Geschichte und wie es dazu gekommen war. „Aus Frust also?", fasste er am Ende zusammen. „Ja, und aus Langeweile eben. Unsere Beziehung bestand aus Sex. Mehr haben wir gefühlt nicht gemacht. Es hat mich gelangweilt - Tag ein, Tag aus dasselbe", sprach ich offen und ehrlich aus. Dass es keine schönen Worte waren, war mir durchaus bewusst. Wieder hatte Elias einiges zu verdauen. Er hatte mir aber selbst schon einmal gesagt, dass ihm in unserer Beziehung etwas fehlte, also waren wir quitt. Karl schien das alles egal zu sein, er erzählte munter weiter: „Der erste Tag, an dem ich kurz die Kontrolle verloren und wieder Gefühle zugelassen hatte, war unsere Weihnachtsfeier. Darüber haben wir schon geredet. Das, was du an diesem Abend getan hast, war überhaupt nicht in Ordnung - weder mir gegenüber, noch Vanessa gegenüber." „Es hat dir in diesem Moment gefallen", verteidigte sich Elias. Jetzt nahm ich Karl in Schutz: „Was soll er denn machen, wenn du ihm an den Schwanz greifst? Er sagte doch gerade, dass er seine Gefühle für dich nur unterdrückt hatte. Aber sowas auszunutzen, geht überhaupt nicht! Und du wusstest sehr wohl, dass du für Karl mehr als ein Freund warst." Elias wurde sauer: „Vergessen wir hier gerade eigentlich völlig, dass Karl derjenige war, der dich mir am Ende ausgespannt hat? Er ist doch der Grund für unsere Trennung." „Lüg nicht!", fuhr ich ihn an, „Du hattest doch nie nur Gefühle für mich! Am Anfang habe ich dir noch ausgereicht, aber ich konnte dir nun mal keinen Schwanz bieten. Nachher waren deine Gefühle für Karl stärker. Du wolltest den Dreier an diesem Abend, nicht ich!" „Ich wollte es genauso sehr", gab Karl nochmal seinen Senf dazu.
Zusammengefasst kam ich zu folgender Erkenntnis: Besagter Abend, nach der Weihnachtsfeier, als wir zu dritt im Bett gelandet waren, da wollte ich Elias, Elias wollte Karl und Karl wollte mich!
Danach ging sowieso alles nur noch den Bach runter!
Nach diesem Abend gab es nur noch Heimlichtuereien und Lügen. Jeder hatte mit jedem danach seine Geheimnisse. Freunde haben wir uns in diesem Zeitraum alle drei auch nicht gemacht. Eigentlich war dieser Tag der Auslöser für alle Streitereien, Gefühlsausbrüche und Diskussionen gewesen. Dass ich hintenrum mit Karl geflirtet hatte und schließlich mit ihm im Bett gelandet war, führte bekanntermaßen zur Trennung mit Elias. Er hatte auf einer Auswärtsfahrt dann wieder mit Karl angebandelt und beim klärenden Gespräch mit meinem Ex-Freund waren Dinge ans Licht gekommen, von denen Karl wahrscheinlich bis heute nichts weiß. Fuck! Warum, wird mir das jetzt erst bewusst?
„Elias, Karl, ohne Ehrlichkeit kommen wir nicht weiter. Wenn wir noch darüber sprechen wollen, wie es mit uns weitergeht, dann müssen wir uns jetzt die Wahrheit sagen. Es muss alles ans Licht, was zwischen der Weihnachtsfeier und heute passiert ist. Ungefiltert und gnadenlos. Wir müssen uns blind vertrauen können. Auch wenn es wehtut, nur so haben wir eine Chance, uns möglicherweise eine gemeinsame Zukunft aufzubauen!"
„Eine... gemeinsame Zukunft?", hakte Elias ungläubig nach. Oh man! Er war genauso begriffsstutzig wie Karl. Doch genau dieser sagte ihm nun: „Natürlich! Oder warum denkst du, sind wir sonst hier?" Elias dachte kurz nach und meinte schließlich: „Naja, es gibt da wohl einige Dinge, die ich euch mitteilen sollte."
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Sweet Lies
FanfictionEine Beziehung, die bereits auf einer Lüge aufbaut, kann keine Zukunft haben. Das weiß auch die 23-Jährige Vanessa, doch der Reiz und die Versuchung ist größer. Sie kann einfach nicht widerstehen, auch wenn sie genau weiß, dass ihr Verstand etwas An...
