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Am nächsten Morgen wachte ich mit dunklen Augenringen auf. Ich fühlte mich schlecht. Karl schlief noch. Seufzend drehte ich mich auf die Seite und griff nach meinem Handy. Ich hatte eine Nachricht von Elias.

Elias: Hey, können wir nächste Woche mal reden?

Nach kurzem Überlegen antwortete ich mit „Ja". In dem Moment erleuchtete das Display von Karl. Ich spähte hinüber und sah, dass es ebenfalls Elias war, der ihm soeben eine Nachricht geschickt hatte. Auf meinen Chat hatte er mit einem Daumen nach oben reagiert. Ich seufzte. Wohl einen Tick zu laut, denn dadurch erwachte Karl. Mit leeren Augen schaute er mich an. Vor lauter Verzweiflung umarmte ich ihn. Ich war ratlos und wusste nicht, was ich tun sollte. Es war mit Sicherheit nicht meine beste Entscheidung, die ich jemals getroffen hatte, aber in dem Moment fühlte es sich kurzzeitig richtig an. „Wie lange bist du schon wach?", wollte er wissen. „Nicht lange, zehn Minuten vielleicht", antwortete ich leise. „Gehen wir frühstücken?", fragte er weiter. „Lass bitte noch kurz liegen bleiben. Es ist erst acht Uhr."

„Ich habe mehr Gefühle für dich, als du für mich, das ist in Ordnung", erklärte Karl mir kurz darauf. Ich wollte das Gespräch von heute Nacht eigentlich nicht nochmal aufgreifen. Nicht jetzt. „Ich kann es dir nicht erklären. Ich dachte, ich wäre bereit", murmelte ich. Ich spürte Karls Herzschlag an meinem Ohr. Ich führte weiter aus: „Wir waren so lange befreundet, dass mir der Gedanke Angst macht, dass wir ab sofort mehr als das sein können. Bisher war das alles sowas Lockeres. Ich weiß, dass du nicht einfach nur ein normaler Freund für mich bist. Mein Kopf macht mir nur einen Strich durch die Rechnung." „Dann schalte deinen Kopf ab und höre auf dein Herz", riet mir der Schwede. Es klang so einfach! Ich wünschte, es wäre so leicht. „Es tut mir leid, dass ich dir mit meinen Gedanken jetzt den ganzen Urlaub versaue", entschuldigte ich mich. Wir waren hierher gefahren, damit wir beide - insbesondere aber Karl - mal für ein paar Tage abschalten kann. „Du versaust mir gar nichts. Vanessa, ganz ehrlich, ich merke doch, dass dich irgendetwas hemmt und das habe ich nicht erst hier festgestellt. Es ist für mich nicht einmal überraschend, dass Elias damit was zu tun hat. Natürlich hätte ich es mir anders gewünscht, aber vielleicht können wir die Zeit hier einfach ausnutzen, um darüber nachzudenken, was wir eigentlich wollen. Wir beide", meinte Karl daraufhin. Ich nickte und brachte dann den Vorschlag: „Vielleicht gehen wir doch mal zum Frühstück. Ich kriege Hunger."

Dem stimmte mein Mitbewohner zu und etwas später standen wir am Buffet und luden unsere Teller voll. Karl strahlte bei dem Anblick über beide Ohren. Auch wenn wir in Dänemark waren, fühlte es sich für ihn wie Heimat an. Ich wusste, wie sehr er sich schon auf seinen Sommerurlaub freute, wenn es wirklich dann nach Schweden für ihn ging. Ob ich wohl dabei sein würde? Seitdem hatten wir nicht mehr darüber gesprochen.

Wieder hatten wir traumhaftes Wetter. Deshalb zog es uns auch wieder nach draußen. Wir gingen shoppen und setzten uns um die Mittagszeit mit voll beladenen Taschen ans Wasser. „Smørrebrød?", fragte Karl. „Au ja!" Ich wartete, bis der Handballer zurückkehrte. Er hatte uns auch gleich etwas zu trinken mitgebracht. Eine leichte Anspannung war zwischen uns zu merken, doch ehrlich gesagt hatte ich es mir nach dem nächtlichen Gespräch heute schlimmer vorgestellt. Gerade war es tatsächlich wieder so, als wäre ich einfach mit meinem besten Freund unterwegs. Keine körperliche Nähe, keine Emotionen, keine Fantasien - einfach nur gute Gespräche und eine schöne Zeit. Nachdem wir  unser Smørrebrød gegessen hatten, genossen wir die warmen Frühlingssonnenstrahlen, das Rauschen des Wassers und die wunderbare Aussicht auf die Stadt Kopenhagen. „Fahren wir morgen noch raus ans Meer, bevor wir zurückfahren?", wollte Karl wissen. Ich bejahte. Den Vorschlag fand ich super. In Kiel hatten wir zwar auch immer das Meer vor unserer Haustüre, aber hier war es einfach nochmal was anderes. Hier lebte man (weitestgehend) sorglos in den Tag hinein und konnte (meistens) auf andere Gedanken kommen. Weitestgehend und meistens deshalb, weil meine Gedanken immer wieder zu Elias abdrifteten. Was er wohl machte? Ob er an uns dachte?

„Alfred schreibt, dass wir uns um 20.00 Uhr heute Abend treffen", löste Karl mich aus meinen Gedanken. Alfred war Karls Kumpel, bei dem wir heute übernachtet hatten. „Okay", nickte ich ab und schloss wieder meine Augen. Plötzlich legten sich seine Lippen auf meine. Es war nur ein ganz kurzer Kuss, doch dieser kam unerwartet und genauso fiel auch meine Reaktion aus. Dass ich verwirrt war, merkte Karl und sagte: „Sorry, deine Lippen sahen gerade einfach so einladend aus." Bei diesen Worten grinste er. Ich legte den Kopf schief, sagte aber nichts. „Wollen wir langsam Richtung Hotel zurück?", fragte ich etwas später. „Ja, komm", entgegnete der Schwede und half mir beim Aufstehen.

Wir machten uns gleich fertig für den Whirlpool, zogen Bikini und Badehose an und verließen gleich nach der Ankunft schon wieder das Zimmer. Das heiße sprudelnde Wasser ließ meine Sorgen vergessen. „Kopf aus, Herz an", erinnerte Karl mich nochmals an seine Worte von heute Morgen. Er hatte uns eine Flasche Sekt und zwei Gläser besorgt. Dass der Alkohol hier im Hotel maßlos überteuert war, störte ihn nur wenig. Er füllte beide Gläser voll und reichte mir dann eines. Er tat alles dafür, dass ich wirklich abschalten konnte und das wiederum liebte ich so sehr an ihm. Wir stießen an und ich merkte, wie mir mit jedem Schluck die Anspannung mehr und mehr abfiel. Ich stellte mein Glas beiseite, nahm Karl auch sein Glas weg, setzte mich auf ihn und küsste ihn voller Leidenschaft. Er zögerte keinen Moment und ließ sich auf diesen Kuss mit mir ein. Unsere Zungen suchten einander und erforschten sich gierig. Seine Hand wanderte an meinem Körper entlang und tastete sich vorsichtig an den Rand meiner Bikinihose heran. Ich biss mir auf die Unterlippe und wartete auf eine weitere Aktion meines Gegenübers. Er versicherte sich mit seinen Blicken, dass es mir gerade wirklich gut ging, dann schob er erst die eine, dann die andere Hand unter meine Hose und massierte meinen Hintern. Er packte kräftig zu und ich musste aufstöhnen. Auch wenn wir hier gerade die einzigen Gäste waren, versuchte ich mich zurückzuhalten, weil wir uns noch immer an einem öffentlichen Platz befanden. Seine rechte Hand schob sich weiter nach vorne und erreichte meinen Intimbereich. Auch hier gingen seine Finger auf Entdeckungstour und schoben sich in mich hinein. Es fiel mir schwer, meinen Atem und meine Gefühle zu kontrollieren. Ich gab mich Karl voll und ganz hin und das merkte er. Er reizte es noch weiter aus, kreiste seine Finger leicht in mir, schob einen weiteren Finger hinterher, verstärkte den Druck und ließ mich auf Wolke Sieben schweben. Plötzlich ging die Tür auf und zwei Frauen betraten den Wellnessbereich des Hotels. Sofort zog Karl seine Hände zurück und schob mich beiseite. Es dauerte einen Moment, bis ich realisieren konnte, was hier gerade passierte. Er reichte mir mein Sektglas und trank selbst einen großen Schluck. Dass er selbst noch eine riesige Beule in seiner Hose hatte, konnte man von außen zum Glück nicht erkennen.

„Duschen?" „Duschen!", flüsterte ich, nachdem sein Glied sich wieder beruhigt hatte. Den übrigen Sekt nahmen wir mit, zogen unsere Bademäntel über und gingen in unser Zimmer zurück. Hier waren wir alleine und ungestört. Auf die Gläser verzichteten wir, den Sekt tranken wir jetzt direkt aus der Flasche. Nachdem ich einen großen Schluck genommen hatte, zog ich mich aus. Dabei schaute ich Karl tief in die Augen. Ich ging schon mal in die Dusche vor und schaltete das Wasser an. Auch Karl trank nochmal einen großen Schluck und folgte mir, nachdem seine Hose wie meine auf dem Boden gelandet war. Wir fielen übereinander her, vergaßen all unsere Probleme und Diskussionen der letzten Wochen und Tage und ließen unseren momentanen Gefühlen freien Lauf. Diese Gefühle sagten uns jetzt in diesem Moment, dass wir einander so sehr wollten, dass uns der Rest der Welt für einen Augenblick egal sein konnte.

Von der Dusche aus ging es direkt im Bett in eine zweite Runde. Weil wir so verschwitzt danach waren, ging es im Anschluss nochmal unter die Dusche. Jetzt, nachdem wir beide zu unserem Höhepunkt gekommen waren, seiften wir uns aber nur noch gegenseitig ein, küssten uns kurz und stiegen dann nacheinander aus der Dusche aus. Völlig erschöpft ließ ich mich mit meinem Handtuch um den Körper aufs Bett fallen. Wenig später kam Karl dazu. Auch er hatte sich ein Handtuch um die Hüften gebunden. „Zufrieden?", fragte ich. „Womit?" „Kopf war aus bei mir, Herz hat geregelt", erklärte ich, während ich die Decke anstarrte. „Sehr zufrieden!", grinste er fröhlich und knuffte mir in die Seite. „Ich liebe dich, Karl!"

Jetzt war es raus. Die Worte, über die ich mir seit Wochen den Kopf zerbrach. Ich hatte immer auf den richtigen Moment gewartet. Jetzt waren diese Worte einfach so über meine Lippen gekommen. Ich hatte gar nicht darüber nachgedacht. Es fühlte sich gut und befreiend an, meine Gefühle laut auszusprechen. Und doch hatte ich Sorgen vor seiner Reaktion. Ja, er hatte mir schon mal gesagt, dass er mich liebte, doch das war der denkbar ungünstigste Moment gewesen, den er sich hätte aussuchen können. Hatte er die Worte überhaupt ernst gemeint? Hatte sich an seiner Gefühlslage seitdem etwas geändert?

Sweet LiesWo Geschichten leben. Entdecke jetzt