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„Wann hast du das letzte Mal mit deiner Schwester gesprochen?", wollte Elias von mir wissen. Ich überlegte: „Vor ihrem Urlaub irgendwann. Sie hat jetzt zwar immer wieder mal ein paar Bilder geschickt, aber gesprochen haben wir nicht. Warum?" „Sei nicht sauer... es... war ein Ausrutscher. Einmalig. Es war kurz nach unserer Trennung." Ich war sprachlos. Karl brachte es freundlicherweise auf den Punkt: „Du hast mit Alina gevögelt?" Elias nickte bedröppelt. Ich war so schockiert, dass mir noch immer die Worte fehlten. Na dann musste ich ihr zumindest nicht mehr von der Trennung erzählen. Ich musste bei diesen Worten wirklich schwer schlucken. Mein Ex-Freund rechtfertigte seine Aktion: „Sie hatte mir geschrieben, merkte an meinem Schreibstil, dass ich sauer war. Wir haben uns getroffen und dann ist es eben passiert. Danach habe ich sie übrigens sofort blockiert. Mein schlechtes Gewissen dir gegenüber war größer. Trotz allem, was im Vorfeld passiert war." „Zurecht", schob ich ein und hörte mir seine Erklärung weiter an. „Sie wollte sich nochmal mit mir treffen, aber das konnte ich einfach nicht. So sehr es mich verletzt hat, dass ihr beide was miteinander hattet... es ging nicht." „Immerhin im Nachhinein erkannt", stichelte Karl nun ebenfalls. „Bei ihr oder bei dir?" Das war das einzige, das ich noch wissen wollte. Alle anderen Details wollte ich erspart haben. „Bei ihr." „Im Wohnheim?" „Ja!" Karl musste allein bei diesem Gedanken so laut lachen, dass auch er mir ein leichtes Schmunzeln entlocken konnte. Ich hatte mit vielem gerechnet, aber nicht damit! „Solange du nicht auch noch mit Marie geschlafen hast", setzte der Schwede hinterher, doch hier konnte Elias uns beruhigen. Das war ihm glücklicherweise nicht in Sinn gekommen. „Ich musste trotzdem bisschen Frust rauslassen, war ziemlich viel auf den ganzen Dating-Plattformen unterwegs, hatte mit einigen Männern und Frauen was in dieser Zeit. Rein zum Spaß." „Junge", seufzte Karl, „Du hast dich hoffentlich mal auf Geschlechtskrankheiten untersuchen lassen." „Als ob ihr in den letzten drei Monaten gar keinen Sex hattet", konterte Elias. „Ich hatte mit zwei Menschen was", sagte ich. Ich überlegte noch einmal. Doch, war richtig. Karl und der Typ aus dem Club. Ich hatte schon wieder vergessen, wie er überhaupt hieß. „Vier", schoss es aus Karl heraus. Vier? Elias, ich, dieses Fangirl aus dem Club... aber wer war Person Nummer Vier? Karl erzählte unterdessen von besagtem Abend. „Das war übrigens das Wochenende, nachdem du so dumme Gerüchte in die Welt gesetzt hast, dass Vanessa und ich zusammen wären", erinnerte er ihn. Elias fiel es ebenfalls wieder ein. Er schilderte seine Sichtweise: „Ich habe in der Kabine mitbekommen, dass ihr alle feiern gehen wolltet. Ich hatte mich ja damals ein wenig von euch abgekapselt und hatte daher auch gar kein Interesse, mitzukommen. Ich glaube Rune war es, der mir gesagt hat, dass ihr den ganzen Abend aneinanderhingt und als einzige noch länger geblieben seid. Dann sind halt mit mir die Fantasien durchgegangen. Ich habe das Ganze Tomas erzählt und der hat es irgendwie falsch verstanden und so hat das dann die Runde gemacht." „Aber du hast doch selbst gesagt, dass du dachtest, wir wären zusammen", warf ich ein. „Ich habe es auch gedacht, aber ich habe es so nie laut ausgesprochen." „Wie schön, dass wir jetzt darüber sprechen können", meinte Karl und erhielt unsere Zustimmung. Die Stimmung war auch schon wieder deutlich besser und aufgelockerter, als noch eine halbe Stunde zuvor.

Elias fasste zusammen: „Also, ihr hattet beide an diesem Abend einen One Night Stand, danach erst hattet ihr wieder was miteinander. Und wer sind die anderen beiden?" „Du?!", lachte Karl und erinnerte Elias so wieder an die Auswärtsfahrt, von der ich erst vorhin noch gesprochen hatte. „Mit wem hattest du noch was? Und wann?", fragte ich nun. Es fehlte nach wie vor die Nummer Vier. Karl druckste herum, er wurde daraufhin von mir ermahnt, dass wir bisher alle ehrlich waren und er jetzt endlich mit der Sprache herausrücken sollte. Schließlich gab er nach und löste das Geheimnis: „Ich weiß auch nicht, was da in mich gefahren ist - ich war doch mal ein Wochenende mit Eric in Hamburg." Stimmt, das war aber schon einige Zeit her. Das war in der Phase, als ich noch alleine das Studio schmeißen musste - lange bevor ich Jakob eingestellt hatte. Ich hörte Karl weiter zu. „Jedenfalls waren wir abends auf der Reeperbahn unterwegs und waren dann in so einer Bar, wo alle Altersstufen irgendwie vertreten waren." Ich ahnte Schlimmes... Aber konnte mich an dem heutigen Tag überhaupt noch etwas schocken? „Mann oder Frau?", nahm Elias vorweg. Karl seufzte: „Frau... 45 Jahre... Mutter." Jetzt war ich diejenige, die lachen musste. „Verliebt? Verlobt? Verheiratet?", quetsche Elias seinen Mannschaftskollegen weiter aus. „In einer offenen Beziehung verheiratet." „Was ist denn mit euch nur schiefgelaufen?", sagte ich ziemlich verzweifelt. Das Lachen konnte ich mir trotzdem nicht unterdrücken. Es war zu komisch. „Hey, das zeigt uns doch nur, dass wir alle offene Menschen sind", rechtfertigte Karl sofort. „Oh ja! Vielleicht manchmal zu offen... dem einen reicht ein Familienmitglied nicht aus, der andere vögelt jemanden, der seine Mutter sein könnte. Ich fühle mich hier noch am normalsten", lachte ich weiter. „Normal? Ein Profihandballer an deiner Seite reicht dir doch nicht aus, du musst gleich die doppelte Ladung nehmen", grinste Elias. Puh! Damit hatte er Recht. Wir schenkten uns wohl alle drei nichts. Aber lag nicht genau darin unsere Chance?

„Leute, es ist übrigens kurz vor Mitternacht", stellte Karl auf einmal fest. Was? Wann war die Zeit verflogen? „Tja... was jetzt?", fragte ich ratlos in die Runde. „Vielleicht sollten wir alle eine Nacht darüber schlafen?", schlug Elias vor. Das hielt ich für eine gute Idee. „Keine Lügen und Geheimnisse mehr!", sagte ich nochmals. „Ich habe einen Wunsch... eine Bitte", meinte Elias daraufhin, „Würdet ihr die Nacht heute getrennt verbringen?" „Ja!", versprach ich. Auch Karl nickte das ab. Es war nur fair. „Keine Lügen und keine Geheimnisse", wiederholte der Schwede meine Worte von eben. Elias war uns dankbar. „Ihr spielt am Donnerstag wieder, oder?", fragte ich. Karl nickte: „Mittwochabend fliegen wir schon nach Stuttgart." „Okay."

Mein Hirn ratterte. Gab es irgendeine Möglichkeit, dass ich auch nach Stuttgart mitkommen konnte? Würden wir es schaffen, bis dahin zu klären, wie es weitergehen sollte? „Was tun wir, wenn wir uns das nächste Mal sehen?", sprach ich meine Sorgen aus. „Was meinst du?", fragte Karl. „Ich habe Angst, dass es komisch werden könnte... außerdem ist es so, dass ich nachher zusammen mit Karl heimgehen werden, morgen seht ihr zwei euch wieder, fliegt am Mittwoch gemeinsam nach Stuttgart. Ich sitze dann 600 Kilometer entfernt und keiner weiß, was Sache ist." „Morgen ist auch noch ein Tag. Elias, magst du nach unserem Training zu uns kommen?", schlug Karl gleich vor. „Gerne!", sagte der Färinger und nickte mir zuversichtlich zu.

„Dann gehen wir, oder?", fragte Karl nochmal nach. „Ja, ich bin echt müde geworden", sagte Elias, „Wobei gut schlafen werde ich jetzt wahrscheinlich sowieso nicht." „Wird mir auch so gehen", bestätigte ich. Karl ging es nicht anders. Am Parkplatz verabschiedeten wir uns voneinander. Es war eine einfache Umarmung. Für heute reichte das vollkommen aus. Karl war selbst mit seinem Auto hier, also fuhren wir auch separat vom Parkplatz weg. Am Ende hatte ich Elias nochmal versichert, dass Karl und ich heute nicht im selben Bett schlafen würden. Ehrlich gesagt wollte ich das nach den heutigen Erkenntnissen auch gar nicht.

Zuhause angekommen richteten wir uns zwar zeitgleich im Bad, doch keiner wusste, was wir währenddessen reden sollten. Es war jetzt schon komisch und ich wollte gar nicht wissen, wie es morgen früh werden würde. „Gute Nacht", rief Karl mir am Ende noch zu, dann hörte ich seine Zimmertüre ins Schloss fallen. Ich seufzte laut und betrachtete mein Spiegelbild. Noch fühlte ich mich leer und kraftlos. Auch wenn das Gespräch heute mehr als nötig war, war ich mir nicht sicher, ob es gewinnbringend für uns war. Jetzt wussten wir zwar alles übereinander, aber schlauer, was unsere Gefühle anbelangte, waren wir trotzdem nicht. Dass Elias und Alina was miteinander hatten, wurde mir auch jetzt erst so richtig bewusst und ich fing an, intensiver darüber nachzudenken. Sie ist meine kleine Schwester! Was hatte er sich dabei nur gedacht? Würde Alina mir je davon erzählen?

Ich schrieb ihr eine Nachricht:

Vanessa: Hey kleine Schwester, treffen wir uns nach deinem Urlaub mal? :) genieß die letzten Tage und komm gesund zurück☺️

Wie erwartet lag ich in dieser Nacht - trotz der späten Uhrzeit - noch lange wach und konnte nicht einschlafen. Leider änderte das aber nichts daran, dass mein Wecker am nächsten Morgen um halb sieben schon wieder klingelte. In der Wohnung war es ruhig. Karl hatte erst um 10.00 Uhr Training. Wie ich ihn kannte, stand er vor 9.00 Uhr gar nicht erst auf. Ich musste schon deutlich früher aufbrechen, um pünktlich bei der Arbeit zu sein. Heute war ich sogar vor Jakob da. Ich schloss auf, arbeitete die ersten Mails ab und empfing dann meinen Mitarbeiter, der auch noch sehr verschlafen aussah. „Wo hast du dich denn heute Nacht rumgetrieben?", wollte ich wissen. „Mein bester Kumpel ist wird heute 30. Wir haben in den Geburtstag reingefeiert." „So siehst du aus", lachte ich. Solange er pünktlich war und seine Sachen zuverlässig erledigte, war mir das auch egal. „Was ging bei dir noch gestern? Du wirkst auch müde", stellte er fest. „Schwieriges Thema", lenkte ich ein, war zum jetzigen Zeitpunkt aber wirklich nicht bereit, das Ganze auszuführen. Und genau dabei kam mir ein Gedanke:

Würde es die Welt um mich herum eigentlich akzeptieren, dass ich bald möglicherweise nicht nur mit einem, sondern gleich mit zwei Männern eine Beziehung führen würde? War ich überhaupt bereit dazu, das mit der Welt zu teilen? Waren Elias und Karl bereit, es der Öffentlichkeit zu sagen und damit möglicherweise ihren (Be-)Ruf zu gefährden? Oder würde das ganze nur ein sinnloses Versteckspiel werden?

Sweet LiesWo Geschichten leben. Entdecke jetzt