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„Jakob, Vanessa, hier eure Zimmerkarte", meinte Viktor und überreichte uns das Kärtchen. „Es ist doch in Ordnung, wenn ihr euch das Zimmer teilt, oder?", hakte er vorsichtshalber nochmal nach. Uns blieb ja nichts anderes übrig, als diese Entscheidung hinzunehmen. Ich wollte hier wirklich nicht für Aufsehen sorgen. Wie sonst auch teilten sich Karl und Eric sowie Dule und Elias jeweils ein Doppelzimmer. Wie blöd, dass Elias und Karl auch auf unterschiedlichen Positionen spielen mussten. „Wir können dann gleich noch zum Abendessen", verkündete Viktor für alle. Wir waren da natürlich inkludiert. Arbeiten mussten wir währenddessen trotzdem, denn das Video drehte sich schließlich nicht von alleine. Ich musste vor Viktor und der restlichen Mannschaft wenigstens den Schein bewahren, dass wir wirklich nur deswegen hier waren und nicht aufgrund irgendwelcher Romanzen.

Nach dem Abendessen ging Jakob ins Zimmer und auch die Jungs verteilten sich im Hotel. Elias, Karl und ich blieben alleine im Speisesaal zurück. „Wir müssen Eric einweihen", sprach Karl seinen Plan offen aus. „Und dann?", fragte Elias. Ich hatte einen Einwand: „Ich habe es durchgedacht. Egal wie, es reicht nicht, wenn wir nur eine Person einweihen." „Jakob glaubt doch, dass zwischen uns sowieso was läuft", meinte Karl. „Glaub schon", erwiderte ich. „Also, wir schicken Eric zu ihm und ihr beide kommt in mein Zimmer." Ich fasste zusammen: „Du meinst also, wenn wir ihm sagen, dass wir beide unbedingt die Nacht zusammen verbringen wollen, dann stellt er keine Fragen und Elias kann einfach dazukommen? Was ist mit Dule?" Elias sagte sofort: „Wenn er einmal schläft, dann wacht er bis zum dritten Weckerklingeln am Morgen nicht mehr auf. Er wird gar nicht merken, dass ich fehle." „Wir müssen Eric vertrauen", murmelte ich. „Wir können Eric vertrauen!", versprach sein Landsmann. „Gehst du und redest mit ihm?", fragte Elias. Karl entgegnete: „Ja! Und wenn das geregelt ist, solltest du mit Jakob sprechen." Ich nickte.

Der Schwede ging davon. Elias und ich blieben zu zweit zurück. „Sven wittert schon, dass da zwischen uns wieder was läuft", gestand ich. „Nicht nur Sven", seufzte mein Ex-Freund. „Ich will echt nicht, dass dieses Dreierding hier die Runde macht... zumindest noch nicht", meinte ich nachdenklich. „Ich verstehe was du meinst. Ich will das auch nicht." Wir starrten beide eine Weile in unser Handy, bis Karl - leider mit schlechten Nachrichten - wiederkam. Er wirkte sauer: „Eric macht uns ein Strich durch die Rechnung!" „Wieso das?", fragte ich schockiert. „Er meinte, wir sollen uns auf den Handball konzentrieren und auf das Spiel morgen." „Seit wann ist er so verbissen?", wollte nun auch Elias überrascht wissen. „Ach, frag mich nicht. Er ist jedenfalls nicht bereit dazu, das Zimmer mit einem Fremden zu teilen!" „Ach, es geht um Jakob?", fragte ich. „Lasst halt doch Dule fragen", brachte Elias einen Vorschlag, den Karl und ich aber vehement ablehnten. Unser Kapitän musste wirklich nicht eingeweiht werden! Reichte, dass Karls Freund nun davon wusste und uns nicht den Rücken freihielt. „Lasst abhauen und in einem anderen Hotel schlafen", überlegte Karl noch immer wütend. „Das gibt ja Riesenärger. Vielleicht ist hier noch ein Zimmer frei?", suchte ich nach einer besseren Idee. „Leute! Das ist doch lächerlich! Wir zahlen doch kein Geld, nur um eine Nacht miteinander zu verbringen!", stoppte Elias unsere Ideensuche. „Was dann?", fragte sein Mannschaftskollege. „Dann halt doch keine gemeinsame Nacht", seufzte ich.

Wir konnten in Kiel tausend Nächte zusammen verbringen. Warum drängten wir also so darauf, unbedingt heute damit anzufangen?

„Wollen wir wenigstens noch irgendwo auswärts was trinken gehen?", brachte Karl einen Vorschlag, mit dem Elias und ich einverstanden waren. Es war uns egal, dass es bereits kurz vor Mitternacht war. Wenn wir schon nicht zusammen schlafen konnten, dann konnten wir uns wenigstens einen gemeinsamen Drink genehmigen. Nur zwei Straßen weiter wurde uns auf Google Maps eine gut bewertete Bar anzeigt. Da heute aber Mittwoch war, hatte diese um die späte Uhrzeit schon geschlossen. Na super!

„Dann drehen wir einfach so eine Runde", meinte Elias leicht enttäuscht. „Willst du echt in die Kälte raus? Schau dich um... wir sind die letzten... wollen wir hier nicht einfach bisschen miteinander rummachen?" Die Worte fielen mir irgendwie leichter als gedacht. Aber genau das war es doch, was wir wollten. Wir wollten endlich uns! Wir mussten hier nicht miteinander vögeln, aber was sprach denn gegen ein bisschen küssen? „Vanessa hat recht", stimmte Karl mir zu, „Scheiß einfach drauf!" Er beugte sich zu mir nach vorne, packte meinen Hals und küsste mich voller Leidenschaft. Der Moment als unsere Lippen sich berührten, löste ein wohliges Kribbeln in meinem Körper aus. Nachdem wir uns voneinander lösten, wandte sich mein Mitbewohner Elias zu und ich sah einen vertrauten und innigen Kuss, der Lust auf mehr machte. Karl deutete an, dass nun Elias und ich an der Reihe waren. Es war komisch. Er war mein Ex. Seit Monaten war Schluss. Ich war mit einem Mal unsicher. War es der richtige Weg? War es wirklich das, was ich wollte? Ich merkte, dass der Färinger genauso zögerte wie ich. „Muss ich euch helfen?", lachte Karl. Warum fiel es mir so leicht, Karl zu küssen? Sollte es nicht genau anders herum sein? Mir blieb keine Zeit nachzudenken, denn der Schwede packte nun unsere beiden Köpfe und führte sie zusammen, bis sich unsere Lippen endlich trafen.

Vertrauen.

Sehnsucht.

Liebe.

Ich spürte auf einmal wieder alles. Gefühlt durchlebte ich in diesem Moment unsere ganze Beziehung noch einmal. Alle Höhen und Tiefen, alle Streitereien, jeden Sex. Es war, als hätte es die drei Monate Pause nicht gegeben. Es fühlte sich richtig und vertraut an. Ich wusste, wie Elias küsste. Er wusste, was ich mochte und was nicht. Der Kuss fühlte sich an wie eine Ewigkeit.

„Geht doch!", kommentierte Karl trocken und lächelte uns dann zufrieden an. Ich war von meinen eigenen Gefühlen überwältigt. Jetzt war ich froh, dass ich die Nacht alleine verbringen konnte. Ich musste meine Gedanken sortieren, meine Gefühle einordnen, Entscheidungen treffen. Mir war nicht klar, dass ich so viel auf einmal fühlen konnte. Und was für Gefühle waren das eigentlich? Konnte ich beide Jungs gleichermaßen lieben? Konnte ich beide Jungs gleichzeitig lieben? „Ich gehe schlafen", verkündete ich ziemlich durch den Wind. „Jetzt schon?", fragte Karl. Er schien am neutralsten mit der ganzen Sache zu sein. Elias war genauso still wie ich geworden und sagte nur: „Ich auch!" „Ist alles gut?", hakte der Schwede nochmals nach. Ich nickte und umarmte ihn zum Schluss. Karl blieb ratlos sitzen, Elias und ich nahmen die Treppe nach oben zu unserem Zimmer. Wir sprachen kein Wort miteinander. Am Ende winkten wir uns zu. Es war unsere Kommunikation, um einander „Gute Nacht" zu sagen. Ich wusste, uns plagte derselbe Gedanke.

...

Am nächsten Morgen wollte ich gerade mit Jakob zum Frühstück gehen, da kam mir Karl entgegen. Er hatte wohl schon gefrühstückt und befand sich nun auf dem Rückweg. Er war alleine. „Hey, können wir kurz reden?", fragte er. Ich deutete an, dass Jakob schon mal vorgehen soll. Karl und ich gingen in mein Zimmer. „Was ist los?", wollte ich wissen. Sein Gesichtsausdruck eben hatte mir gar nicht gefallen. So ernst... so direkt. „Ich habe heute Nacht kaum geschlafen, ich hatte sehr, sehr viele Gedanken im Kopf", begann er. Ich wartete darauf, dass er fortfuhr. „Der Kuss gestern zwischen dir und Elias... da war mehr... ich habe es gesehen... ihr beide gehört einfach zusammen." Worauf wollte er hinaus? Ich verstand seine Absichten nicht so ganz. „Vanessa, wir zwei sind Freunde. Vielleicht sollten wir es dabei belassen." Was? Ich wusste gar nicht, was ich sagen sollte. „Ich bin zu dem Entschluss gekommen, dass ich dir und Elias nicht im Wege stehen möchte. Ihr beiden seid diejenigen, die zusammengehören. Wenn ihr mal Spaß haben wollt, bin ich gerne für euch da, aber ich habe eingesehen, dass ich auf den richtigen Partner oder die richtige Partnerin noch warten muss. Ich liebe euch beide, aber bei euch sind es echte Emotionen und echte Gefühle. Ich liebe euch als meine zwei besten Freunde."

Schockiert über deine Worte, spazierte ich im Zimmer auf und ab. Seine Worte trafen mich hart. Ich hatte so viele Fragen: „Was war das dann in Kopenhagen? Ich habe Gefühle für dich, Karl!" „Das glaube ich dir, aber ich habe gesehen, welche Gefühle du noch für Elias übrig hast. Da werde ich niemals herankommen! Kopenhagen war doch so eine Art Test für uns. Du warst diejenige, die eine Blockade im Kopf hatte. Erinnerst du dich?" „Ich habe an Elias gedacht", murmelte ich nachdenklich. „Siehst du! Du weißt es selbst, Vanessa! Fang an, es dir einzugestehen!"

„Ich lass dich alleine", meinte Karl schließlich und ging aus dem Zimmer. Verzweifelt ließ ich mich auf mein Bett fallen und starrte Löcher in die Luft. Hatte er Recht? Woher dieser plötzliche Sinneswandel? War es wirklich nur dieser eine Kuss gestern Abend?

Nachdem ich noch immer keinen klaren Gedanken fassen konnte, beschloss ich, mich unter die Dusche zu stellen. Schon mehrfach kam mir dabei die rettende Idee, doch dieses Glück blieb mir heute verwehrt. Ich hörte, dass Jakob vom Frühstück zurückgekommen war. Schnell trocknete ich mich ab, zog mich an und räumte damit wieder das Bad. „Alles gut?", wollte er wissen. Ich schüttelte kaum merklich den Kopf. Mein Kollege spürte, dass es mir alles andere als gut ging und nahm mich einfach in den Arm und drückte mich fest an sich. Es war das, was ich im Moment brauchte. Ich spürte, ich war nicht alleine. Was sollte ich bloß tun?

Sweet LiesWo Geschichten leben. Entdecke jetzt