Am Nachmittag machten wir uns auf die Heimreise. Zuvor hatten wir uns im Supermarkt noch mit etwas Proviant für den Rückweg ausgestattet. „Danke für das Wochenende!", meinte ich zu Karl, nachdem wir Kopenhagen schon hinter uns gelassen hatten. „Danke dir! Ich konnte endlich einmal wieder richtig abschalten und den Handball vergessen. Das hat gut getan." „Um ein Gespräch mit Elias kommen wir nicht herum, oder?" Seit gestern Morgen hatten wir nicht mehr über ihn gesprochen. Zumindest nicht in diesem Zusammenhang. Alles was wir klären mussten, hatten wir in der Nacht zuvor getan. Wir beide hatten Gefühle für den Färinger und er für uns. Trotzdem war es schön für mich, Zeit mit Karl zu zweit zu verbringen und ihn nicht nur emotional, sondern auch körperlich an mich heranzulassen. „Wir trainieren ab morgen wieder. Donnerstag spielen wir auswärts. Wir fliegen schon Mittwochabend. Ich weiß nicht, ob wir es davor noch schaffen." „Wenn dann ja sowieso mal abends nach eurem Training. Ich muss ja auch arbeiten", erinnerte ich meinen Mitbewohner. „Stimmt. Dann gleich morgen Abend?", schlug der Schwede vor. Ich nickte. „Soll ich Elias gleich schreiben?" „Ja, mach das", bestätigte Karl und konzentrierte sich wieder auf die Straße.
„Er hat Zeit", bestätigte ich einige Augenblicke später. „Gut. Danke. Nach unserem Training dann?" „Bis wann trainiert ihr?", wollte ich wissen. „Bis sieben glaub." „Das passt!" Man merkte schon wieder eine gewisse Anspannung im Auto. Die sorgenlose Zeit in Dänemark war vergessen. Nun mussten wir uns wieder der harten Realität stellen. Es brachte nichts, das Ganze noch ewig weit hinauszuzögern. Wir brauchten eine Antwort. Wir brauchten Klarheit. Karl, Elias und ich. Ich war wieder in meinem Nachdenkmodus gelandet und so redeten wir auf der restlichen Rückfahrt kaum etwas. Zuhause packten wir unsere Taschen aus und ich sagte zu Karl: „Ich würde heute gerne alleine schlafen. Ich möchte noch nachdenken." „Geht das wieder los?", amüsierte er sich, akzeptiere aber meine Entscheidung und wünschte mir eine gute Nacht. Noch lange lag ich wach und grübelte über den Ausgang des morgigen Tages. Ich war unglaublich nervös, auf der anderen Seite wollte ich das Gespräch einfach nur hinter mich bringen. So wie jetzt ging es einfach nicht mehr weiter! Es musste ein ehrliches und offenes Gespräch zwischen uns dreien her, in dem jeder seine Gefühlslage offenlegen musste.
„Na, wie war dein Kurzurlaub?", wollte Jakob am nächsten Tag auf der Arbeit wissen. „Überwiegend gut", antwortete ich ihm ehrlich. „Freut mich." Wir hatten beide ziemlich viel zu tun, deshalb redeten wir an dieser Stelle gar nicht mehr weiter. Mit jeder weiteren Stunde, die an diesem Montag verging, wurde ich nervöser. Was würde heute Abend bloß herauskommen? Ich machte mir große Sorgen, dass der ganze Schuss nach hinten losgehen würde.
Um halb fünf machte ich Feierabend. Auf dem Heimweg ging ich noch einkaufen. Wir hatten gar nicht ausgemacht, wo wir uns heute Abend treffen würden. Ich ging allerdings stark davon aus, dass Karl Elias nach dem Training zu uns nach Hause mitbringen würde. Das wäre am einfachsten. Nervös ging ich in unserer Wohnung auf und ab. Eigentlich wollte ich kochen, doch ich hatte keinen Hunger und so verzichtete ich auf das Abendessen. Vorerst zumindest. Plötzlich rief Karl an: „Hey", meldete ich mich. „Hey Vanessa. Filip überzieht. Wir haben jetzt noch Videostudium. Willst du zur Halle kommen?" „Und dann?", fragte ich verwirrt. „Vielleicht ist ein neutraler Ort zum Reden besser als unser Zuhause", rechtfertigte sich der Schwede am anderen Ende der Leitung. „Wann soll ich da sein?" „In einer Stunde vielleicht? Wir würden je nachdem dann noch kurz duschen." „Okay, dann komme ich auf 20.00 Uhr zur Halle", meinte ich und legte auf. Na super, wie sollte ich denn mit meiner Aufregung nochmal eine ganze Stunde totschlagen?
Da ich zuhause nur noch verrückter wurde, setzte ich mich ins Auto und fuhr schon mal zum Trainingszentrum der Zebras. Die Autos der Spieler standen alle noch vor der Halle. War ja klar. Ich beschloss, eine kleine Runde zu drehen. Ich war immerhin 45 Minuten vor dem ausgemachten Treffpunkt da. Nach 20 Minuten kehrte ich zur Halle zurück. Vielleicht würden die Jungs ja früher fertig sein? Ich setzte mich in meinen offenen Kofferraum und wartete dort. Kurz darauf kamen Eric und Rune aus der Halle gelaufen. Ich sprang auf und steuerte auf sie zu. „Seid ihr fertig?", wollte ich wissen. „Ja. Wartest du auf Karl?" Ich nickte. „Kannst du ihm bitte sagen, dass ich da bin?", bat ich. Eric zögerte kurz, merkte dann aber schnell, dass ich nervös und hektisch wirkte. „Bin gleich da, Rune", vertröstete er den Linksaußen, mit dem er scheinbar zusammen gekommen war. Er ließ seine Tasche stehen und ging zurück in die Kabine der Zebras. Rune schaute mich skeptisch an: „Alles gut?" „Ja", bestätigte ich angespannt. Da kam auch Eric schon wieder zurück und meinte zu mir: „Er kommt gleich raus. Du kannst innen warten, wenn du möchtest." „Danke Eric, tschau. Und tschau, Rune", rief ich den beiden zu und ging ins Innere des Trainingszentrums.
„Seit wann bist du hier?", fragte Karl überrascht und nahm mich in den Arm. Er hatte schon gar keine Schuhe mehr an, trug nur seine Socken. Wahrscheinlich hatte ich ihn jetzt wirklich vom Duschen abgehalten. „Ich saß daheim rum und wusste nicht, was ich tun sollte. Also bin ich hierhergefahren", erklärte ich meine Überpünktlichkeit. „Ich habe Angst", gestand ich schließlich kleinlaut. „Komm, lass kurz rausgehen", reagierte mein Mitbewohner, als er sah, dass ich den Tränen nahe war. So musste mich jetzt wirklich keiner aus seiner Mannschaft sehen. „Was ist es, was dir so Angst macht?", fragte er mich, nachdem wir hinter einer Ecke verschwunden waren. Seine Fürsorglichkeit und seine liebevolle Art brachen letztendlich alle Dämme in mir und ich brach vollends in Tränen aus. Karl fiel es schwer, mich zu beruhigen. Ich war gerade auch gar nicht fähig zu sprechen und musste mich erstmal wieder sammeln. Karl redete mir gut zu. Schließlich sagte ich: „Ich habe Angst, dass sich irgendetwas zwischen uns ändern wird nach heute. Zwischen uns oder zwischen euch oder zwischen Elias und mir. Ich will euch nicht verlieren. Ich brauche euch so sehr!" Ich weinte weiter. Zärtlich streichelte mir Karl über den Rücken. Er versprach: „Dazu wird es nicht kommen! Genau deshalb reden wir doch jetzt. Alleine deine Reaktion zeigt mir, wie viele Gefühle gerade in dir stecken." „Was, wenn nur ich so fühle?", presste ich unter Tränen hervor. „Das tust du nicht."
„Hier seid ihr... was ist los?" Elias. Sofort wischte ich mir die Tränen beiseite. Dass es mir nicht gut ging, entging ihm natürlich nicht. Er setzte sich auf die andere Seite neben mich und platzierte seine Hand auf meinem Oberschenkel. Ich saß weiterhin da wie ein Wrack und versuchte meine Atmung unter Kontrolle zu bringen und die Tränen zu unterdrücken. Dass beide Jungs an meiner Seite waren, erleichterte es mir, mich zu beruhigen. „Ist irgendwas passiert?", fragte Elias vorsichtig nach. Ich verneinte. „Ich schaue mal schnell, ob die anderen schon weg sind", meinte Karl und ließ mich mit Elias zurück. „Warum hast du geweint?", wollte er sogleich wissen. Ich zuckte mit den Schultern. Ich konnte es ihm einfach nicht sagen. Also schwiegen wir. „Filip und Sprengi sind noch da und in der Kabine sind nur noch Magnus, Harald und Niko", teilte Karl uns mit. „Lass warten, bis die weg sind. Dann haben wir unsere Ruhe", meinte Elias. Das klang gut. Ich wollte heute wirklich nicht gesehen werden. Die beiden Jungs fingen an, sich über das heutige Training und das bevorstehende Spiel am Donnerstag zu unterhalten. Ich wischte mir in der Zwischenzeit mit einem Taschentuch die verlaufene Schminke und die inzwischen getrockneten Tränen weg. In dem Moment verließen die letzten drei Spieler die Halle, kurz nach ihnen folgten Filip und Sprengi. Elias hielt die beiden auf, damit sie die Türe noch nicht abschlossen. Von innen kam man immer heraus, aber von außen nicht mehr hinein. „Bist du der letzte?", wollte Filip von Elias wissen. Dieser bejahte diese Frage und begründete das ganze mit einem wichtigen Telefonat. „Na dann geh mal schnell duschen. Wir schließen schon mal ab. Bis morgen!", vernahm ich die Stimme des Trainers. Karl und ich warteten, bis alle Autos vom Parkplatz weg waren und gingen dann zum Eingang, wo Elias schon auf uns wartete. Innen war jetzt mit Ausnahme der Kabine alles dunkel.
„Wollen wir jetzt kurz duschen, Karl?", fragte Elias an meinen Mitbewohner gerichtet. „Lass doch. Sonst sitzt Vanessa wieder alleine hier herum." „Mir ist das egal. Ihr könnt gerne schnell duschen gehen", winkte ich ab. „Dann setz dich aber wenigstens in die Kabine. Ich will nicht, dass du alleine hier im Dunkeln sitzt", ordnete Karl an. Bei den Worten entgleisten mir scheinbar die Gesichtszüge. Elias meinte: „Ist doch nichts dabei. Nackt hast du uns beide schon gesehen." Wo er Recht hatte... Naja, es war trotzdem komisch!
So sehr ich mich bemühte, die nackten Körper der beiden Handballer nicht anzuschauen, ganz konnte ich den Blick von ihnen dann doch nicht lassen. Mein Herz schlug schneller und ich spürte schon wieder ein Kribbeln in meinem Bauch. Durch den Spiegel am Waschbecken konnte ich ein wenig zu den Duschen hineinspähen. Elias war vor Karl fertig. Er sparte sich die Mühe, sein Handtuch umzubinden und kam genauso entblößt aus der Dusche, wie er eben dort hineingegangen war. Es war totenstill, doch Blicke sagten mehr als tausend Worte. Und in diesem Moment konnte ich meinen Blick wirklich nicht mehr von Elias, meinem eigentlichen Ex-Freund, lassen. Das entging ihm nicht. Er schaute mir tief in die Augen, während er sich abtrocknete. Da kam Karl aus der Dusche, ebenfalls ohne Handtuch. Seines lag noch in seiner Tasche und er tropfte den ganzen Boden voll. Mein Blick schellte zu ihm. Es war ihm nicht entgangen, wie ich Elias eben angestiert hatte. Jetzt beäugte ich ihn. Mein Herz klopfte wild gegen meine Brust, mein ganzer Körper war angespannt und meine Hände schwitzten. Dazu stand mein Mund leicht offen.
Ich befand mich in einer positiven Schockstarre. All meine Ängste waren in diesem Augenblick verflogen, weil ich spürte, wie sehr wir einander wollten. Und dazu bedarf in diesem Moment auch erstmal keiner weiteren Worte.
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Sweet Lies
FanficEine Beziehung, die bereits auf einer Lüge aufbaut, kann keine Zukunft haben. Das weiß auch die 23-Jährige Vanessa, doch der Reiz und die Versuchung ist größer. Sie kann einfach nicht widerstehen, auch wenn sie genau weiß, dass ihr Verstand etwas An...
