Nachdem wir keine Lust mehr auf den Whirlpool hatten, ging es für uns weiter Richtung Sauna. „Hast du inzwischen zu Ende gedacht?", fragte Karl mit einem Hauch von Belustigung in seiner Stimme. „Fast", antwortete ich wahrheitsgemäß. „Geht es um uns?", wollte er wissen. Ich zuckte mit den Schultern. Es ging schon um uns, natürlich, aber wahrscheinlich nicht so, wie er dachte. Also sagte ich mit pochendem Herz: „Es gibt eine einzige Sache, über die wir beide nicht offen und ehrlich sprechen." Der Schwede dachte nach. Er schloss die Augen und öffnete sie kurz darauf wieder. Er erinnerte sich: „Du hast gestern in der Halle noch mit Elias gesprochen. Habe gesehen, dass er auf dich zugesteuert ist, bevor ich duschen gegangen bin." Es war ihm offensichtlich klar, was, beziehungsweise wen ich mit meiner Aussage eben angesprochen hatte. Nervös kaute ich auf meiner Lippe herum und hörte Karl dabei weiter zu: „Danach habe ich dich erst wieder im Auto gesehen. Du hattest geweint. Worüber habt ihr gesprochen?" Ich schwieg. Es fiel mir mehr als schwer, über diese Thematik zu sprechen.
„Was hat er zu dir gesagt, was dich so aufgewühlt hat? Bitte, ich will es doch nur verstehen!" Karl legte seine Hand auf meinen Oberschenkel. In diesem Moment öffnete sich die Türe der Sauna und ein etwas älterer Mann trat ein. Damit war unser Gespräch vorerst auf Eis gelegt. Karl nahm seine Hand auch wieder von meinem Bein weg, es könnte für den Herren sonst nur eine falsche Wirkung haben. Dass sich Karl dennoch Sorgen machte, erkannte ich auf den tiefen Falten in seiner Stirn.
Am Abend machten wir uns frisch und gingen dann zum Abendessen. Hand in Hand betraten wir den Speisesaal und wurden sogleich zu unserem Tisch geführt. Eine junge Bedienung nahm unsere Getränkewünsche auf. „Es tut gut, einfach mal ein Wochenende abzuschalten. Das hatte ich schon lange nicht mehr", schwärmte Karl. „Das glaube ich dir. Ihr seid so viel unterwegs, habt eigentlich gar keine Ruhe. Aber genau deshalb war das Wochenende jetzt auch so gedacht. Treffen wir morgen dann eigentlich nochmal deinen Kumpel?", wollte ich wissen. Karl nickte: „Nach dem Abendessen hier lädt er uns auf eine Nachttour durch Kopenhagen ein und zeigt uns die schönsten Bars der Stadt." „So stelle ich mir das vor", grinste ich zufrieden. Die Kellnerin brachte unsere Getränke und wir stellten uns am Salatbuffet an.
Nach dem Abendessen verzogen wir uns relativ schnell wieder in unser Zimmer. Es war unser erster gemeinsamer Urlaub zu zweit und wir hatten heute Nachmittag im Whirlpool etwas angefangen, das wir noch zu Ende bringen mussten. Mein Oberteil schaffte es gerade noch so in unser Hotelzimmer, arg viel weiter kam es allerdings nicht. Als wir zusammen auf das große Bett taumelten, trugen wir beide nur noch Unterwäsche. Karls Hände ertasteten meinen Körper und verharrten an gewissen Stellen auch mal ein bisschen länger. Ein genussvolles Stöhnen entfuhr mir. Ich hielt meine Augen geschlossen und versuchte jede Berührung zu genießen. Nur irgendwie... irgendwie rutschte ich immer wieder in den Gedanken hinein, dass nicht Karls Hände mich berührten, sondern die von Elias. Vor Schreck riss ich meine Augen auf, um mich zu versichern, dass es wirklich mein Mitbewohner war, der sich da an mir zu schaffen machte. Er lächelte mich ahnungslos an und küsste mich. Seine Lippen fühlten sich anders an als die von Elias. Voller. Er küsste zaghafter. Der Sex zwischen Elias und mir war immer super. Da hatten wir überhaupt keine Probleme. Ganz anders als jetzt mit Karl. Es fiel mir schwer, mich emotional auf diese Art und Weise auf ihn einzulassen. Ich drehte zuerst meinen Kopf zur Seite, danach befreite ich mich von Karl und drehte mich ganz zur Seite ab. Schnell griff ich nach der Bettdecke und legte sie über mich.
„Was ist los?", fragte Karl besorgt und zog sein Shirt über den Kopf. „Ich kann das nicht", sagte ich bestimmt. „Was?" „Es geht nicht", schob ich hinterher. Karl legte seine Hand an meine Schulter. „Wir sind Freunde", sagte ich schließlich, „Und dabei sollte es besser bleiben." „Vanessa, hör auf, dir selbst was vorzumachen! Dass wir schon lange nicht mehr bloß Freunde sind, dass weißt du genauso gut wie ich." „Wir waren viel zu lange befreundet, um zu sagen, dass wir jetzt auf einmal Gefühle füreinander haben", trotzte ich. Karl blieb ruhig und meinte schließlich: „Wenn es deine Meinung ist, muss ich das akzeptieren. Ich aber habe Gefühle für dich! Ich liebe dich! Und das auch nicht erst seit gestern!"
Ich stand vom Bett auf und bewegte mich Richtung Fenster. Ich schaute auf die vielen Lichter und das Wasser. Eine Träne floss über meine Wange. „Wir sind keine Freunde, das weißt du", wiederholte Karl besonnen seine Worte von eben. Ich spürte, dass er hinter mir stand. Mein Atem beruhigte sich mit der Zeit. Sagen konnte ich aber nichts. Nur innerlich wusste ich, dass Karl Recht hatte. Wir waren keine Freunde, wir waren viel mehr als das.
Meine Gedanken drehten sich nach wie vor im Kreis. Ich hatte selbst keine Antwort auf meine derzeitige Gefühlslage. Genau deshalb fiel es mir auch so schwer, mit Karl über all das zu sprechen. Wieder startete mein Mitbewohner einen Versuch, mich aus der Reserve zu locken - diesmal mit Erfolg. „Würdest du nochmal was mit Elias anfangen, wenn du die Möglichkeit dazu hättest?" Kurz stoppte er und ergänzte schließlich: „Er ist es doch, unser Tabuthema, habe ich Recht?" Nach kurzem Zögern nickte ich langsam. Danach lehnte ich mich einfach nach hinten und ließ mich von Karls starken Armen auffangen. Ich schloss die Augen und hörte meinem Mitbewohner weiter zu. Er sagte: „Nicht nur du denkst viel an unseren Färinger. Ich tue es auch." Sein Geständnis überraschte mich nur wenig. Dass er das aber so offen anspricht, damit hätte ich nicht gerechnet. „Ich weiß gerade nicht, was ich eigentlich will - ich glaube, deshalb fällt es mir so schwer, mich auf dich einzulassen", murmelte ich leise vor mich hin. Mein Blick war weiter starr aus dem Fenster gerichtet. Hinter mir spürte ich Karls durchtrainierten und muskulösen Körper. Seine Hände hatte er nach wie vor um mich geschlungen. „Du bist nicht alleine mit diesem Gedanken", löste er meine Anspannung und drückte mir nach diesen Worten einen Kuss auf den Scheitel. Er fügte an: „Ich will es so sehr mit dir. Dass ich dich liebe, habe ich nicht umsonst gesagt... Denkst du, man kann auch Gefühle für mehr als einen Menschen haben?" Kurz dachte ich über seine Frage nach und antwortete schließlich: „Mein Leben lang hätte ich mit Nein geantwortet. Seit ein paar Monaten bin ich glaube ich anderer Meinung." Es fiel mir schwer, diese Worte auszusprechen. Mir war bewusst, wie verletzlich und angreifbar ich mich in diesem Moment machte. Doch es war Karl, der hinter mir stand. Der Karl, der all meine Höhen und Tiefen kannte. Der Karl, mit dem ich meine Beziehung aufs Spiel gesetzt hatte. Ich vertraute ihm. Daran musste ich festhalten. „Was denkst du?", stellte ich ihm wenig später die Gegenfrage. „Für mich ist die Frage einfacher. Ich meine, ich bin bisexuell. Ich kann Frauen lieben, kann aber auch Männer lieben. Und aktuell ist genau das der Fall. Ich liebe zwei Menschen - einen Mann und eine Frau!" „Hast du um Elias genauso gekämpft, wie du es für mich in den letzten Wochen und Monaten getan hast?", fragte ich. Auf einmal hatte ich so viele Zweifel und Fragezeichen im Kopf. So viele Fragen waren ungeklärt. Was konnte ich ihm wirklich glauben? Konnte ich ihm wirklich so sehr vertrauen, wie ich es tat?
„Meine Gefühle für dich sind stärker - deshalb habe ich so darum gekämpft. So blöd es sich anhört, ich wusste, dass ich Elias jederzeit haben konnte. Da gibt es ein paar Dinge, die du noch nicht weißt..." Seine Worte machten mir Angst. Gerade als ich mir eingestehen wollte, dass ich Karl blind vertrauen konnte, kam er mit diesen Worten daher. Ich wollte mehr wissen und hakte nach. „Bevor ich mit Marie zusammengekommen bin, hatte ich ja noch ziemlich starke Gefühle für Elias. Das weißt du ja. Es fiel mir damals sehr schwer, mitanzusehen, dass er dich datete. Kurz bevor ihr auf die Faröer Inseln geflogen seid, hatten wir nochmal was miteinander. Elias hat das damals aber so sehr bereut, dass ich ihm versprechen musste, es dir niemals zu sagen. Ihr wart zu dem Zeitpunkt schon in der richtigen Kennenlernphase, nach diesem Urlaub wart ihr ja dann auch zusammen. Er wollte es sich mit dir nicht versauen und ich musste einsehen, dass seine Gefühle für dich stärker waren. Marie war dann schon auch eine Ablenkung für mich." Ich schloss die Augen. Das durfte jetzt doch wohl echt nicht wahr sein!
„Ich möchte jetzt schlafen", sagte ich. „Willst du das Gespräch jetzt einfach mittendrin beenden?", wollte Karl aufgelöst wissen. „Ich muss eine Nacht darüber schlafen und das alles verarbeiten", murmelte ich mit gesenktem Kopf und schlurfte ins Bett zurück. „Wenn du schon zwei volle Tage brauchst, um ein Gespräch mit Elias zu verarbeiten - wie lange willst du dann jetzt nachdenken?" Karl wirkte verzweifelt. Auf diese Frage antwortete ich ihm gar nicht erst. Ich wusste nicht einmal, ob ich diese Worte jemals verarbeiten konnte. Mein Kopf drohte langsam wirklich zu platzen. Es ging mir alles andere als gut. In mir herrschte das reinste Chaos.
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Sweet Lies
FanfictionEine Beziehung, die bereits auf einer Lüge aufbaut, kann keine Zukunft haben. Das weiß auch die 23-Jährige Vanessa, doch der Reiz und die Versuchung ist größer. Sie kann einfach nicht widerstehen, auch wenn sie genau weiß, dass ihr Verstand etwas An...
