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Als ich am Abend nach Hause kam, war ich überrascht, dass Karl und Elias bereits da waren. Damit hatte ich nicht gerechnet. „Seit wann seid ihr hier?", wollte ich wissen, bevor ich überhaupt Hallo sagte. Ich stellte meine Sachen ab und ging zu den beiden ins Wohnzimmer. „Halbe Stunde circa", beantwortete der Schwede meine Frage. Ich umarmte beide. „Ich gehe mich kurz frisch machen, bin gleich bei euch", teilte ich mit. Im Bad merkte ich, wie schnell mein Puls ging und wie groß meine Anspannung war. Ich wusch mein Gesicht mit kaltem Wasser ab. Was würde gleich passieren? Welche überraschenden Wendungen würde der Abend heute noch mit sich bringen?

Zunächst lief alles ziemlich banal ab. Wir erzählten uns gegenseitig von unserem Tag und überlegten dann, was wir essen könnten. Währenddessen versuchte ich mir vorzustellen, dass dies möglicherweise unser Alltag werden könnte. Wir lachten, hatten Spaß, das Körperliche fehlte allerdings noch. Das war mir im Moment aber auch noch gar nicht unrecht. „Wir sollten einkaufen gehen", meinte Karl, nachdem er festgestellt hatte, dass unser Kühlschrank ziemlich leer war. Also zogen wir uns Schuhe und Jacke an, setzten uns in Karls Auto und fuhren zu dritt zum nächsten Supermarkt. Kurz bevor wir dort waren, fragte Karl „Magst du morgen nach Stuttgart ausnahmsweise mitfliegen? Wir haben heute mit Viktor gesprochen, dass eine Auswärtsfahrt ja eine schöne Gelegenheit für deine Doku-Reihe über uns wäre. Also dieser Imagefilm, den du mal bei uns gedreht hast. Jakob könnte auch mitkommen. Viktor fand das eine super Idee. Nachdem wir gerade sowieso so viele Verletzte haben, wäre noch Platz im Hotel und im Flieger." „Ähm", zögerte ich, „Ich... also..." „Bitte!", forderte nun auch Elias ein. „Guter Vorwand übrigens", lobte ich die zwei Jungs zunächst für ihren kreativen Einfall, dann sagte ich: „Das ist super spontan! Ich muss mit Jakob sprechen. Wann würden wir denn zurückkommen?" „Wir fahren direkt nach dem Spiel mit dem Bus zurück nach Kiel, kommen vermutlich mitten in der Nacht an. Freitag könntet ihr wieder ganz normal in euren Laden. Es wäre wirklich nur der Donnerstag." „Du kannst natürlich auch alleine mitkommen, aber mit Jakob zusammen hättest du natürlich nur die halbe Arbeit und wir hätten bisschen Zeit zu dritt", ergänzte Karl.

Er parkte am Supermarkt. „Geht ihr einkaufen, ich rufe Jakob so lange an. Ich will das geklärt haben. Und ich muss unseren Kalender checken." „Okay, bis gleich!", meinte Elias und ging mit Karl durch die Ladentüre.

Den Kalender checkte ich als erstes. Für Donnerstag waren zwei Shootings im Laden geplant. Wenn ich den Leuten morgen früh gleich Bescheid gab, dass der Termin verschoben werden müsste, dann sollte das kein Problem sein. Da uns der THW für das Video natürlich auch bezahlte, musste ich mir auch finanziell keine Sorgen machen. Natürlich würde da auch wieder sehr viel Arbeit auf Jakob und mich zukommen, auf der anderen Seite machten wir uns dadurch auch wieder einen Namen und die Leute würden auf uns aufmerksam werden. Das hatte man im Anschluss an den Imagefilm nach der EM schon gemerkt. Ich wählte Jakobs Nummer und hoffte, dass er ranging. Das tat er nicht. Mist! Gerade wollte ich Elias und Karl hinterhergehen, da rief er mich zurück. Ich erzählte von unserem sehr spontanen Auftrag und vermittelte ihm die Wichtigkeit. Natürlich reichte auch für ihn die Halbwahrheit. Den eigentlichen Grund, warum wir nach Stuttgart reisten, musste er vorerst nicht erfahren.

Er überlegte ziemlich lange, doch endlich sagte er zu. Auch er musste dafür noch einen privaten Termin verschieben, doch diese Erfahrung, gemeinsam mit dem THW eine Auswärtsreise zu erleben, wollte er sich dann doch nicht entgehen lassen. „Danke! Du bist der beste!", rief ich erleichtert und verabschiedete mich von ihm. Da kamen auch Elias und Karl schon wieder aus dem Laden und ich konnte ihnen die frohe Botschaft verkünden. Sie gaben Viktor sofort Bescheid, sodass er uns fest einplanen konnte.

Wir fuhren zurück und überlegten dabei, was ich für die Kurzreise alles packen musste. Bei den beiden Jungs war das deutlich einfacher, sie konnten ihre Tasche für Auswärtsfahrten mittlerweile wahrscheinlich schon blind zusammenpacken. Ich dagegen brauchte hierfür mehr Energie. „Wir können dir gleich helfen", bot Elias sofort an. Karl hatte allerdings einen Einwand: „Naja, davor würde ich gerne kochen. Ich habe echt Hunger!" „Geht mir genauso", stimmte ich zu, „erst essen, dann packen."

Sweet LiesWo Geschichten leben. Entdecke jetzt