Teil 26 - Gute Nacht, Mary

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Es war hell, als ich aufwachte und mir noch immer müde die Augen rieb. Gähnend drehte ich mich auf die Seite und kuschelte mich an das zweite Kissen. Dabei betrachtete ich die leere Bettseite vor mir und seufzte. Als ich bemerkte, dass mein Handy klingelte, wusste ich, wieso ich schon wach war.
„Hey, Mum."
„Hallo, mein Schatz. Habe ich dich geweckt?", fragte sie. Sie rief häufig morgens an und fragte dies dann. Fast jedes Mal bejahte ich die Frage.
„Ja, das hast du, Mum."
„Das tut mir Leid. Ich wollte eigentlich nur kurz anrufen und dir gratulieren.", sagte sie. Verwirrt sah ich auf das Display. Ok, es war noch immer Mai, meinen Geburtstag hatte ich also nicht vergessen. Bevor ich fragen konnte, wozu sie mir gratulieren wollte, erläuterte sie es.
„Ich habe in der Zeitung gelesen, dass eure Spendengala ein voller Erfolg war. War es ein schöner Abend?" Ich dachte zurück an die Gala und sofort sprang Harry in meine Gedanken. Wie wir getanzt hatten; wie er mich nach Hause gefahren hatte und der...
„Äh, ja, es war sehr schön. Was steht denn genau in der Zeitung?", fragte ich neugierig.
„Dass du gemeinsam mit deinen Lektoren und Harry Spenden für die Kinder des St. Thomas Hospital gesammelt hast und dass sehr viele Prominente und reiche Leute anwesend waren. Also musste es ja ein Erfolg werden.", sagte sie und lachte. Ich schmunzelte über die Einstellung meiner Mum.
„Und das Bild von euch ist sehr... sagen wir schön."
„Welches Bild?", fragte ich.
„Warte kurz, ich mache dir ein Foto." Es dauerte etwas länger. Denn auch wenn meine Mum noch sehr fit war, was Technik und neue Dinge anging, war sie nicht die schnellste bei so etwas.
„Müsste gleich da sein." Ich schaltete den Lautsprecher ein, öffnet den Chat mit meiner Mutter und erschrak. Auf fast einer ganzen Seite war ein Foto von Harry und mir abgedruckt. Es war jedoch nicht eines von denen, das die Fotografen zu Beginn der Gala gemacht hatten, sondern eines, bei dem Harry und ich uns ansahen.
„Mary, bist du noch dran?", fragte Mum. Ich nickte, doch das konnte sie ja nicht sehen, also räusperte ich mich und sprach dann.
„J-ja, bin noch da."
„Du weißt, dass ich dir vertraue und dass ich denke, dass du deine Entscheidungen mit bedacht triffst, doch dieses Bild spricht tatsächlich mehr als tausend Worte, Mary.", sagte meine Mum leise. Ich schluckte und stimmte ihr in Gedanken zu. Für Außenstehende musste dieses Foto eine klare Message haben. Immerhin sah man nur uns zwei, wie wir uns tief in die Augen sahen. Dabei lag Harrys Hand an meiner Hüfte und meine auf seiner Brust. Ich betrachtete Harry etwas genauer. Dann schweifte ich zu meinem Gesicht und verengte die Augen. Irgendwie war mein Gesichtsausdruck merkwürdig.
„Ich weiß, dass ich dich das schon einmal gefragt habe, doch bist du dir sicher, dass zwischen dir und diesem Harry nicht doch etwas mehr ist, als bloß Freundschaft?" Reflexartig öffnete ich meinen Mund und wollte mit einem bestimmten Ja antworten, doch dann kamen die Bilder vom gestrigen Abend zurück in meine Erinnerungen.
„Ich, also, ja eigentlich schon. Naja, vielleicht auch nicht so 100%. Wir haben gestern viel getanzt und dann hat er mich nach Hause gefahren und zur Wohnung rauf gebracht und dann könnte es sein, dass er mich vielleicht geküsst hat.", nuschelte ich. Ich konnte mir denken, dass meine Mum jetzt grinsend vor dem Telefon saß.
„Wie war der Kuss?", war das einzige, was sie fragte. Ich überlegte und begann zu lächeln.
„Es war, als würde ich versinken. Kurz, aber intensiv." Ich spürte, wie ich errötete und sah zur Seite in meinen Spiegel. Grinsen tat ich ebenfalls unentwegt.
„Hast du ihn erwidert?" Gänsehaut breitete sich auf meiner Haut aus, als ich an den zweiten Kuss dachte.
„Nach dem ersten Kuss, hat Harry gesagt, dass er geht, wenn ich es möchte. Dann habe ich ihn geküsst. Ganz ohne darüber nachzudenken.", flüsterte ich. Es war, als würde dieser intime Moment verletzt, wenn ich es zu laut aussprach.
„Ich glaube, da hat sich in den letzten Wochen doch so einiges entwickelt. Ich muss deinen Vater jetzt zum Angeln fahren, aber halt mich unbedingt auf dem Laufenden, was diesen Harry angeht. Vielleicht lernen wir ihn ja auch mal kennen." Ich rollte mit den Augen.
„Sicher, Mum, liebe Grüße an Dad." Nach dem Telefonat ging ich duschen. Da ich dabei stets am nachdenken war, war es eben angesprochenen Situation, die mir nicht mehr aus dem Kopf ging.
Sag mir, dass ich gehen soll und ich gehe." Statt Harry zu antworten, tat ich das, was mein Inneres mir befahl. Ich ergriff den Saum seines Sakkos, zog ihn zu mir und presste meine Lippen auf seine. Ich war diejenige, die den Kuss vertiefte und sich an ihn presste, doch es war Harry, der mich an die Wand drückte und mich dort festhielt. Meine Hand fuhr wie ferngesteuert seine Brust hinauf, seinen Hals entlang in seine Haare. Sie fühlten sich weich an, als ich meine Finger darin vergrub. Harry stöhnte leicht in den Kuss, was mich schmunzeln ließ. Ich spielte mit meiner Zunge an seiner Unterlippe, woraufhin er seine Lippen leicht öffnete und mir mit seiner Zunge begegnete. Schwer atmend löste sich Harry von mir und lehnte seine Stirn an meine. Er sah mir tief in die Augen, was das Verlangen ihn zu küssen nur noch mehr steigerte.
„Ich sollte jetzt gehen. Gute Nacht, Mary."
Ich öffnete meine Augen und seufzte. Mit diesen Worten hatte er mich stehen lassen. Gute Nacht, Mary. Als ob das wieder gut machen könnte, dass ich mit hochrotem Kopf, zittrigen Knien und geschwollenen Lippen vor meiner Wohnung stand und mich nicht rühren konnte. Es dauerte einige Minuten, bis ich wieder dazu in der Lage gewesen war, meine Wohnung zu betreten. Von da an, bis ich in einen unruhigen schlaf gefallen war, hatte ich an Harry und die Küsse gedacht. Selbst in meinen Träumen hatte mich die Frage gequält, wieso er einfach gegangen war. Und dazu noch, wieso ich nicht gewollt hatte, dass er ging.

Roses (II)Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt