Am nächsten morgen musste ich früh raus. Obwohl ich nicht sehr leise war, wachte Harry nicht auf, also ließ ich ihn seinen Rausch ausschlafen und machte mich auf den Weg zu Haley. Ich nahm Harrys Wagen, da ich bei ihr nicht zu Fuß auftauchen wollte. Ich hielt vor ihrem Haus und hupte. Gleich darauf kam sie hinaus geeilt und setzte sich auf den Beifahrersitz.
„Guten Morgen.", sagte ich. Haley schloss sich an und reichte mir einen Becher mit Kaffee.
„Guten Morgen. Kaffee?"
„Oh ja, den kann ich heute gut gebrauchen.", seufzte ich und nahm einen Schluck. Dann fuhren wir los. Je näher wir unserem Ziel kamen, desto nervöser wurde ich.
„Du siehst müde aus.", bemerkte Haley. Ich fluchte innerlich, weil man es mir ansah.
„Ja, ich hab etwas schlecht geschlafen. Harry hat geschnarcht."
„Und das hörst du durch Wände?", fragte sie und lachte. Ich schmunzelte und schüttelte dann den Kopf.
„Nein. Harry hat letzte Nacht bei mir geschlafen.", sagte ich und bereute es im nächsten Moment etwas. Haley sah mich mit hochgezogener Braue an.
„Ich dachte, ihr seid nur Freunde."
„Sind wir auch. Harry war gestern aus und kam betrunken nach Hause. Dann will er immer nicht alleine schlafen.", erklärte ich. Für außenstehende musste das alles grotesk aussehen, doch das störte mich nicht. Ich mochte die Beziehung, die Harry und ich hatten.
„Ihr seid ja verrückt.", sagte Haley und lachte. Ich fuhr auf den Parkplatz des Krankenhauses und parkte im Untergeschoss.
„Weißt du, wo genau wir hin müssen?", fragte ich Haley. Sie hielte ihre Tasche über die Schulter und grinste mich dann unschuldig an.
„Leider nein, aber wir werdende Zuständigen schon finden, da bin ich mir sicher." Ich folgte Haley in das Gebäude, wo sie am Empfang fragte, in welchem Stockwerk sich die Kinderabteilung befand. Gleich darauf gingen wir durch einen langen Gang, liefen die Treppen zwei Stockwerke nach oben und es war, als würden wir in eine andere Welt eintauchen. Alles war bunt und freundlich und sogar die Kinder, die hier mehrere Monate oder gar Jahre ihres kurzen Lebens verbrachten, lachten. Haley führte mich zu einer der Schwestern, die sich uns als Lucy vorstellte.
„Mrs. Hensley, es ist mir eine Ehre, Sie kennen zu lernen. Die Kinder sind seit Tagen sehr aufgeregt, aber innerhalb der Schwestern ist es schlimmer. Ich bin Schwester Lucy."
„Hallo, ich freue mich hier zu sein. Sie können mich gerne Mary nennen.", sagte ich. Die junge Frau lächelte mich an und führte uns dann ins Schwesternzimmer, wo wir unsere Sachen ablegten und dann einen Rundgang durch die Station machten.
„Auf dieser Station haben wir hauptsächlich die Kinder, die einen längeren Aufenthalt vor sich haben. Es sind die härtesten Schicksale, aber auch die größten Kämpfer. Wir haben Patienten mit Leukämie, Mukoveszidose und ähnlich schweren Krankheiten. Untereinander bezeichnen wir uns gerne als Familie. Die Kinder sollen sich hier wohlfühlen und möglichst schnell genesen. Hier ist der Raum, in dem du ein oder mehrmals in der Woche mit den Kindern eine Stunde gestalten kannst. Viele lieben Bücher und haben eigenen dabei, doch sie alle sind offen für Neues. Für die Bezahlung wird sich jemand aus der Finanzabteilung des Krankenhauses in den nächsten Tagen an dich wenden. Leider ist es nicht sehr viel."
„Ich hatte nicht vor, Geld von euch anzunehmen. Diesen Job nehme ich an, um den Kindern zu helfen und nicht, um mein Vermögen aufzubessern.", unterbrach ich sie. Schwester Lucy strahlte mich an und nahm meine Hände.
„Dich schickt der Himmel.", sagte sie sanft. Ich lächelte. Für mich war diese Geste mehr als selbstverständlich. Ich hatte das Geld nicht annähernd so nötig, wie manche Stationen oder Mitarbeiter dieser Einrichtung.
„Gut, ich muss gleich zur Visite. Habt ihr noch Fragen?" Haley und ich sahen uns an und schüttelten dann beide den Kopf.
„In Ordnung. Ihr könnt euch gerne weiter hier umsehen. Wir sehen uns spätestens am Freitag.", verabschiedete sich die Schwester.
„Netter Empfang.", sagte ich und Haley nickte.
„Tatsächlich hatte ich mir Sorgen um diese Zusammenarbeit gemacht, aber es scheint ja zu laufen."
Den Rest der Zeit nutzten wir, um uns die Räumlichkeiten anzusehen und die Abläufe kennenzulernen. Alle Mitarbeiter dieser Station waren sehr nett und beantworteten uns gerne unsere Fragen. Schon bei der Begrüßung war mir klar gewesen, dass es sicher eine Freude werden würde, hier zu arbeiten. Als die Schwestern anfingen das Mittagessen auszugeben, machten Haley und ich und auf den Rückweg. Ich warf sie zuhause raus und fuhr dann in Richtung Appartement. Doch mir war nicht danach, Harry zu begegnen. Er verhielt sich in letzter Zeit anders und mehr wie früher und das mochte ich nicht so sehr. Grübelnd fuhr ich durch die Stadt und landete durch Zufall auf einer stadtauswärts führenden Straße. Spontan entschied ich mich dazu, zu meinen Eltern zu fahren. Ich hatte sie seit Monaten nicht mehr gesehen und mir war nach einem mütterlichen Rat. Die Fahrt dauerte ein paar Stunden, die ich mit Musik genoss und zum nachdenken nutzte. Harry rief mich einmal an, doch ich nahm nicht ab. Selbst wenn ich in diesem Moment nicht gefahren wäre, hätte ich nicht mit ihm reden wollen. Er konnte sich ja denken, dass ich sein Auto hatte und mehr musste er nicht wissen.
Gegen Nachmittag kam ich in meinem Heimatstädtchen an. Ich parkte vor meinem alten Zuhause, schloss den Wagen ab und klingelte. Ich war etwas nervös, da ich mich nicht angemeldet hatte. Doch das erübrigte sich, als meine Mum die Tür öffnete.
„Was machst du denn hier?", rief sie erfreut und riss mich in ihre Arme.
„Schatz? Wir haben Besuch!", rief sie nach hinten und schloss die Tür hinter mir.
„Wenn das wieder ein Scherz ist und nur der Postbote dort steht..."
„Hallo, Dad.", sagte ich und begrüßte auch ihn. Meine Eltern freuten sich sehr über meinen Besuch. Bei Tee und Keksen erzählte ich ihnen, wieso ich mich so spontan entschieden hatte, die paar hundert Kilometer zu fahren. Als mein Vater etwas später zu seiner Pokerrunde fuhr, unterhielt ich mich mit meiner Mutter über die Dinge, die mich wirklich beschäftigten.
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Roses (II)
FanfictionAls ich zu ihm aufsah, begegnete ich seinem Blick. Harry blieb stehen und atmete tief durch. „Ich habe wirklich versucht, mich von dir fern zu halten, doch das ist schwerer, als ich gedacht hätte. Ich habe schon lange gespürt, dass da etwas zwischen...
