Teil 42 - Das Versprechen

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„Harry?" Er drehte sich zu mir und funkelte mich an. Er wankte, sicher war er betrunken.
„Mary? Nein, du bist nicht Mary! Mary ist einfach abgehauen und hat mich hier sitzen lassen!", murmelte er. Er sah mich dabei nicht an. Ich trat näher, um ihn zu beruhigen, doch das stellte sich als Fehler heraus. Als ich nach seinen Arm griff, riss er mich vor sich und hielt mich zwischen sich und der Hauswand gefangen.
„Was willst du?", fragte er wütend. Ich erkannte ihn nicht wieder. Als ich nicht antwortete, ließ er von mir ab. Weiter redete er mit sich selbst.
„Wie konnte sie nur? Sie hat gesagt, sie geht nicht. Und wo ist sie jetzt?"
„Ich bin hier, Harry.", sagte ich leise. Er drehte sich zu mir und funkelte mich an. Ich hasste den Menschen, den der Alkohol aus ihm machte.
„Was bringt das schon. Du warst nicht da! Du bist einfach gegangen und hast mich verlassen, das ist das einzige, was zählt." Harry schlug mit der Hand gegen die Hauswand und lehnte seinen Kopf dagegen. Ich schluckte. Wie sollte ich reagieren, wenn er so wütend war?
„Harry, ich musste gehen.", wollte ich mich erklären. Doch er schnaubte nur.
„Du musstest gehen? Ist klar, Mary. Wieso musstest du bitte gehen? Weil einer deiner Verehrer nach dir gerufen hat? Weil es dir mit mir langweilig wurde? Weil ich nicht gut genug für dich bin? Sag schon, was war der Grund?" Erschrocken sah ich ihn an. Jetzt sprach er aus, was er dachte. Es überraschte mich. Wie konnte man so negativ von sich selber denken...
„Ich war doch nicht lange weg, es waren nur ein paar Ta-„
„Neun! Neun Tage warst du weg und hast mich alleine gelassen.", unterbrach er mich. Jetzt drehte Harry sich wieder zu mir und statt Wut erblickte ich, dass er verletzt war. Langsam ging ich auf ihn zu und war erleichtert, als er mich seine Hand ergreifen ließ. Ich lächelte ihn zaghaft an, was er jedoch nicht erwiderte.
„Es tut mir leid, Harry. Wirklich. Mein Verschwinden hatte nichts mit dir zu tun, ehrlich. Mein Vater hatte einen Herzinfarkt und ich musste zu ihm und meiner Mum helfen und-„ Harry entriss mir seine Hand und schlug erneut gegen die Mauer. Ich zuckte zusammen und fühlte den Schmerz, den er verursachte. Es schmerzte, ihn so zu sehen. Zu sehen, wie verletzt und gebrochen er war. Zu allem Überfluss begann es auch noch zu regnen.
„Hey.", sagte ich und trat zu ihm. Er weinte. Harry weinen zu sehen brach mir das Herz.
„Ich bin so ein Monster. Kein Wunder, dass sich alle Menschen von mir abwenden.", flüsterte er. Ich nahm sein Gesicht in meine Hände und ignorierte die Tränen auf meinen Wangen. Der Regen würde sie schon wegspülen.
„Ich werde mich nicht von dir abwenden, Harry. Du bist kein Monster. Du bist der wundervollste Mensch, den ich je kennen gelernt habe und ich würde keine Sekunde mit dir missen wollen. Du bist warmherzig und großzügig und humorvoll. Du sorgst dich um andere und besonders um mich. Seit ich dich kenne, hat sich mein Leben komplett verändert. Ich genieße jede Sekunde davon. Die neun Tage, die ich fort war, habe ich fast ununterbrochen an dich gedacht und wie gerne ich dich bei mir gehabt hätte. Ich wusste, dass ich dich nur anrufen brauchte, damit du kommen würdest, doch das konnte ich nicht zulassen. Du tust so viel für mich und ich weiß nicht, wie ich dir das zurückgeben kann. Außerdem warst du so abweisend und ich habe mich die ganze Zeit gefragt, wieso. Es hat mich beinahe um den Verstand gebracht." Ich schluckte und senkte den Blick. Harry rührte sich erst nicht, nahm dann meine Hände in seine und zwang mich damit, ihn anzusehen. Die Wut und Trauer war verschwunden.
„Und ich dachte, ich wäre der Betrunkene hier.
Du brauchst mir nichts zurückgeben, Mary. Ich kann dir nicht glauben, dass ich dein Leben so positiv beeinflusse, doch glaub mir, wenn ich dir sage, dass du mein Leben nicht bloß verbesserst, sondern es gerettet hast. Du hast mir mein Leben zurück gegeben und dafür bin ich dir unendlich dankbar. Erinnerst du dich, was ich mal über eine Liebe gesagt habe, die aus einer engen Freundschaft entsteht?", fragte er leise. Ich nickte. Diese Worte könnte ich nie vergessen.
„Damals, als ich sie gesagt habe, hatte ich einen Hintergedanken dabei. Ich habe mir vorgestellt, wie es wäre, wenn aus der Freundschaft, die uns verbindet, Liebe werden würde. Einerseits fand ich diese Vorstellung aufregend und wunderschön und auf der anderen Seite machte sie mir höllische Angst. Wenn man diese Liebe gedeihen lässt, lässt man Verletzbarkeit zu. Das erklärt, warum ich so abweisend zu dir war. Du bist mir zu kostbar, als dass ich riskieren würde, dich zu verlieren.", sagte er leise. Ich lehnte mich an ihn und schloss meine Arme um seinen Brustkorb. Harry legte seine Arme um mich und seinen Kopf auf meinen. Es fühlte sich gut an, als würde ich nach Hause kommen.
„Aber ist es das nicht wert? Zu riskieren, dass aus unserer engen Freundschaft eine intensive Liebe gedeiht?" Ich sah zu Harry auf, während er zwischen meinen Augen hin und her sah. Er hob seine Hand an mein Gesicht, streichelte über meine Wange und lächelte. Endlich.
„Du weißt, dass ich alles für dich tun würde, wenn du mich nur darum bittest." Ich spürte die Hoffnung in mir aufflammen und sah sie gleichzeitig in Harrys Augen leuchten. Ich sah mich um und stellte mich dann auf die Treppenstufe hinter mir. Dann zog ich Harry an seiner Jacke näher ran. Er sah mich unsicher an.
„Könntest du für mich endlich aufhören, dich wie ein Vollidiot zu verhalten und mich endlich küssen?", fragte ich ernst. Dann lächelte ich, was Harry erwiderte. Er zog mich an sich, kam mir näher und legte dann endlich seine Lippen auf meine. Dieser Kuss fühlte sich nicht wie die letzten an. Er war mehr als das. Es war, als wäre er das Versprechen, was wir uns in diesem Moment gaben. Das Versprechen, dass wir alles uns mögliche tun würden, damit diese Liebe gedeihen konnte.

Roses (II)Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt