Teil 57 - Außer Kontrolle

229 19 1
                                        

„Fahr schneller!", rief ich.
„Geht nicht, Mary. Beruhig dich, es wird schon nichts passieren."
„Nichts passieren? Du weißt genau so gut wie ich, wie Harry ist, wenn er getrunken hat und nach der eifersüchtigen Aktion heute morgen bin ich mir nicht sicher, dass nichts passieren wird.", erwiderte ich. Ich wollte Lya nicht anschnauzen, doch ihre Worte halfen mir in diesem Moment nicht. Ich hatte Angst. Angst um Harry und darum, dass er wieder in alte Muster verfallen würde. Ich liebte Harry, so wie er war. Doch ich wollte weder für ihn, noch für mich, dass alles wie früher wurde. Das hatte keiner von uns verdient.
„Tut mir leid, aber es geht hier nun mal um mehr als nur ein blaues Auge!", seufzte ich.
„Ich weiß." Lya nahm meine Hand und hielt kurz darauf direkt vor dem Club an.
„Geh nur, ich parke den Wagen und komme dann nach." Ich nickte und sprang hinaus. Verzweifelt sah ich mich um. Es standen ein paar Menschen hier, doch ich entdeckte keinen Harry. Schnell eilte ich am Türsteher vorbei hinein in den Club. Ich durchsuchte alle Räume, von der Tanzfläche bis zur Bar. Doch ich fand weder Scott noch Harry. Inzwischen war ich so panisch vor Angst, dass mir sogar Tränen die Wangen hinab liefen.
„Mary? Ist alles ok?", fragte plötzlich jemand. Ich drehte mich um und entdeckte Liam. Erleichtert drückte ich ihn und erklärte ihm schnell die Situation. Er ergriff meine Hand und zog mich in die hinteren, privateren Räume. Doch auch dort war Harry nicht.
„Hast du das gehört?", fragte Liam. Ich lauschte und konnte tatsächlich Harrys Stimme hören. Ich ließ Liams Hand los und rannte den Gang entlang. Harrys Stimme wurde lauter und als ich am Ende des Ganges aus der Tür trat, fand ich ihn. Wankend pöbelte er die Gäste an.
„Harry!", rief ich. Er drehte sich um und sah mich an. Doch seine Augen verengten sich, als er auf mich zu kam. Er schubste mich beiseite und ging auf Liam los.
„Du also auch? Wieso denkt jeder Mensch mit einem Schwanz eigentlich, dass er sich an meine Freundin ranmachen könnte? Sie ist nicht wie eines deiner Flittchen. Mary ist ein guter Mensch und ich liebe sie also lass verdammt noch mal deine dreckigen Finger von ihr!", brüllte Harry und schubste auch Liam. Er stolperte gegen die Wand und hob seine Arme, als Harry zum Schlag ausholte.
Schützende Arme legten sich um mich, als Lya und Scott herbeieilten, um zu helfen. Scott versuchte Harry von Liam fern zu halten und erntete einen Schlag in die Magenkuhle dafür. Es ging alles ganz schnell, als die beiden Harry endlich in den Griff bekamen. Liam hatte einen Arm um seinen Hals gelegt und hielt ihn so in Schach. Harry schnappte nach Luft, während ich in seinen Augen die Wut sah. Als unsere Blicke sich trafen, hauchte er meinen Namen und wurde ohnmächtig. Erschöpft ließ Liam Harry los, der bewusstlos in sich zusammensackte. Bevor er auf dem Boden aufkommen konnte, lief ich zu ihm und fing ihn auf. Sein Kopf lag auf meinem Schoß und ich wischte ihm die Haare aus dem Gesicht. Es sah aus, als würde er schlafen und das ganze eben wäre nicht passiert.
„Ich kümmere mich um den Clubchef, ihr solltet fahren.", sagte Scott.
„Ich fahre die beiden nach Hause. Bleibst du hier?", fragte Liam Lya. Sie nickte und klammerte sich an Scott.
„Mary? Komm, ich helfe dir.", sagte Liam und wollte mir Harry aus dem Arm nehmen. Erst hielt ich ihn fest, doch dann wurde mir bewusst, dass ich Harry ohne Liams Hilfe keinen Meter weit bewegen konnte.
„Ich bringe euch nach Hause.", sagte Liam sanft. Nickend stand ich auf und sah zu, wie er meinen Freund schulterte. Ich folgte ihm zu seinem Wagen und setzte mich zu Harry auf die Rückbank. Wieder lag sein Kopf auf meinen Schoß und ich fragte mich, was darin wohl vorgegangen sein musste.
„Danke.", flüsterte ich. Liam hatte es gehört, denn er lächelte mir über den Rückspiegel zu. Wir parkten vor dem Appartement und wieder trug Liam Harry, bis er ihn oben auf der Couch ablegte. Ich schloss die Tür und setzte mich zu Harry auf die Couch.
„Ich gehe mir eben etwas zum kühlen holen und rufe Cheryl an. Wenn etwas ist, ruf.", sagte Liam. Ich nickte und sah wieder hinab zu Harry. Auf seinem Gesicht zeichnete sich Schmerz ab und ich fragte mich, ob er diesen im Moment auch fühlte. Ich wollte nicht, dass Harry litt. Selbst dann nicht, wenn er sich den Schmerz selber zufügte. Manchmal benahm er sich wie ein kleines Kind. Mit lautem Einatmen kam Harry nach wenigen Minuten wieder zu sich. Er klammerte sich an meinen Arm, sah sich wild um und rief meinen Namen.
„Sscchh, wir sind zuhause.", beruhigte ich ihn.
„Mary, wo warst du?", flüsterte er und schloss seine Augen wieder. Ich streichelte über seine Wange.
„Ich war bei Lya.", sagte ich, doch Harry reagierte nicht mehr. Um sicher zu gehen, dass er keine Schäden hatte, fühlte ich seinen Puls. Er war normal, was mich etwas beruhigte.
„Ist er aufgewacht?", fragte Liam, als er zurück kam.
„Ganz kurz, aber dann ist er eingeschlafen."
„Ist wohl auch besser so. Dann kann er seinen Rausch ausschlafen.", murrte Liam. Ich beobachtete ihn, wie er seinen Hinterkopf kühlte und sich im Raum umsah, während er vor mir auf dem Sessel saß.
„Liam, darf ich dich was fragen?"
„Natürlich.", sagte er und lächelte. Ich fasste meinen Mut zusammen und schluckte, bevor ich die Frage stellte.
„Ist so etwas früher schon passiert?" Liam sah mich ernst an und schien nachzudenken.
„Harry war schon immer ein sehr impulsiver Mensch. Es gab Momente, in denen wir ihn komplett unterschätzt haben. Meistens war es Zayn, der es schaffte, ihn zu beruhigen, doch leicht war es nie. Du kannst dir ja jetzt sicher vorstellen, wie schwer man Harry kontrollieren kann.", sagte er und lächelte traurig.
„War es schwer für dich, die Band hinter dir zu lassen?" Selbst von dieser Frage schien mein gegenüber nicht allzu überrascht zu sein.
„Es war nicht leicht, die Band aufzulösen. Doch noch schwerer war es, die Jungs hinter mir zu lassen."

Roses (II)Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt