Auch ein Zwergenkönig benötigt mal einen Arschtritt

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Lea POV:
„Ähm, Dwalin? Ich glaub, ich kann ab hier alleine gehen", sagte ich zu dem glatzköpfigem Zwerg und er nickte.
„Gut, es ist ja nicht mehr weit...und Lea?"
„Ja?"
„...Viel Glück."
Ich zog eine Grimasse und er lächelte leicht, bevor er sich umdrehte und verschwand. Wer war noch mal auf die bescheuerte Idee gekommen, dass ich mit Thorin reden sollte?
Ich hatte nicht vor, mich mit ihm zu unterhalten. Das wäre reiner Selbstmord und außerdem war ich dann ganz alleine mit ihm und das letzte Mal hatte er mich geschlagen. Das waren keine tollen Aussichten...
Ich lief zur Ahnenhalle der Könige, wo das flüssige Gold längst getrocknet war und so eine beeindruckende Atmosphäre schaffte. Doch am Coolsten waren die riesigen goldenen Fußabdrücke, die Smaug hinterlassen hatte, als er aus dem Erebor Richtung Seestadt gestürzt war. Zum Glück gab es hier ziemlich viele Säulen, hinter denen man sich verstecken konnte und ich bewegte mich nur in den Schatten, sodass man schon ziemlich genau hin gucken musste, um mich zu erkennen. Ich zog mir die Schuhe aus, sodass ich mit nackten Füßen auf dem Steinboden lief und so gut wie keine Geräusche machte. Dann lief ich so nah, wie es nur ging, zu Thorin heran und lehnte mich an eine breite Säule, hinter der ich mich versteckte. Von hier konnte ich bequem die Halle überblicken, aber trotzdem unentdeckt bleiben.
Der Zwergenkönig stand in der Mitte der Halle und starrte auf einen Punkt, den nur er sehen konnte. Ob er es alleine schaffte, die Drachenkrankheit zu besiegen?
Ich hatte keine Ahnung.
Mein Atem kam mir in dieser Stille viel zu laut vor und ich hatte Angst, dass er mich hören könnte. Ich versuchte langsamer zu atmen, was es aber nur noch schlimmer machte. Nach ein paar Augenblicken hielt ich es nicht mehr aus. Ich trat ein paar Schritte zurück, übersah dabei aber die Schuhe, die ich vorher hinter mir abgestellt hatte. Als ich darüber stolperte und auf den Hintern fiel, hallte das dumpfe Geräusch in der ganzen Halle wieder. In meinen Ohren hörte es sich wie ein gewaltiger Donnerschlag an.
Scheiße.
Ich kniff die Augen fest zusammen und wagte nicht, mich zu bewegen. Für einen Moment war es einfach nur still und ich hörte das Blut in meinen Adern rauschen. Doch dann ertönten Schritte und irgendetwas raschelte. Jetzt erwachte auch ich aus meiner Starre und rutschte weiter in die Dunkelheit, doch jetzt war es eh schon zu spät. Ich konnte mich nicht mehr retten.
„Du hintergehst mich nicht nur, sondern belagerst mich auch noch?"
Thorins Stimme war nur noch ein Knurren als er mich entdeckte. Ich hatte alles kaputt gemacht. Es kam gar nicht dazu, dass er diese Halluzinationen hatte.
„Ich wollte doch nur...", fing ich ängstlich an, doch er ließ mich gar nicht erst aussprechen.
„Was wolltest du? Du willst immer nur irgendetwas! Wieso hab ich dich eigentlich nicht den Wall runter geworfen, als ich die Gelegenheit dazu hatte?!"
Mein Mund klappte auf. Meinte er das gerade ernst? Hieß das, er wollte mich tot sehen?
„Das würdest du nicht tun...", flüsterte ich entsetzt und kam auf die Füße, sodass ich endlich wieder stand.
Er lachte, er lachte einfach nur!
Ich wurde wütend. Genauso wie bei dem Gespräch zwischen Bard und Thorin. Irgendwann reichte es. Ich konnte vieles hinnehmen, ohne dabei auszurasten, aber das hier...das war zu viel.
„Merkst du eigentlich, wie wahnsinnig du geworden bist? Wie sehr du dieses Scheißgold liebst, als wärst du mit ihm verheiratet? Merkst du, dass du immer mehr wie dein Großvater wirst? Mach die Augen auf, Thorin!", schrie ich ihn fast an und diese Worte saßen.
„Ich. Bin. Nicht. Mein. Großvater.", sagte er gefährlich ruhig und ich hob hilflos die Arme.
„Oh, doch. Das bist du. Du bist genauso wie dein Großvater! Und du wirst auch genauso enden wie er, wenn du nicht bald mal vernünftig wirst!"
„ICH BIN NICHT MEIN GROẞVATER!", brüllte er mich so sehr an, dass ich zusammen zuckte.
Darauf schwieg ich, doch mein Blick sprach Bände. Ich war nicht seiner Meinung.
Sein Gesicht war wutverzerrt, als er sich von mir abwendete, sodass er mit dem Rücken zu mir stand. Dann nahm er sich die Krone vom Kopf und einen Moment passierte nichts, bis er leise raunte: „Ich bin nicht mein Großvater..."
Er drehte den Kopf und sah mich an. Ich konnte seinen kalten Augen nicht standhalten und wandte meinen Blick ab.
Ein lautes Klirren ertönte, was mich wieder aufblicken ließ. Thorin hatte die Krone von sich geschleudert und jetzt keimte ein Funken Hoffnung in mir auf.
„Ich bin nicht mein Großvater", wiederholte er noch einmal mit fester Stimme und plötzlich fand ich mich in seinen Armen wieder.
Ich war so erschrocken, dass ich erstmal gar nichts machte und erstarrte.
„Gajut men, Lea. Menu sigim bundul.*", raunte er dicht an meinem Ohr. Ich hatte keine Ahnung, was das hieß, aber es hörte sich schön an. Jetzt schlang auch ich meine Arme um ihn und vergrub mein Gesicht an seiner Schulter. Thorin drückte mich nur noch näher an sich und ich musste mich beherrschen, nicht gleich los zu heulen.
Nach einer Weile machte ich mich von ihm los und trat einen Schritt zurück, sodass ich ihn ansehen konnte. Er machte den Mund auf, wollte etwas sagen, entschied sich dann aber um und machte ihn wieder zu. Seine Augen hatten diese Kälte verloren und langsam kehrte die Wärme zurück, die früher immer in ihnen wie Feuer gelodert hatte. Er hatte die Drachenkrankheit besiegt. Er war wieder Thorin, einfach nur Thorin.
„Du hast mich geschlagen", stellte ich fest.
„Und du hast mir eben gerade gesagt, dass du mich lieber tot sehen willst. Dass du mich eigenhändig töten willst", fuhr ich fort, als er nicht antwortete.
„Und das werde ich mir nie verzeihen. Sei sauer auf mich, hass mich auf ewig oder sprich nie mehr mit mir, aber denke niemals, dass ich das gemacht habe, ohne mich danach schuldig zu fühlen. Du weißt nicht, wie sehr ich mich selber dafür gehasst habe, nachdem du vor mir weggelaufen bist. Ich hab die Angst in deinen Augen gesehen und das werde ich niemals vergessen. Es tut mir leid."
Thorin sah mich mit so einem herzzerreißendem Blick an, dass ich schwer schlucken musste. Ich musste seine Worte noch einmal in Gedanken durchgehen, um den wirklichen Sinn davon zu kapieren.
„Du weißt, dass ich dir so schnell nicht verzeihen kann...", sagte ich dann nach einer Weile und er nickte ernst.
„Das weiß ich. Doch vielleicht wirst du mich nicht mehr so sehr hassen, wenn ich dir das hier gebe."
Er streckte die Faust aus und öffnete dann die Hand. Meine Augen wurden groß, als ich das elbische Armband aus der Trollhöhle erblickte. Er musste es die ganze Zeit mit sich herum geschleppt haben.
„Oh mein Gott...Das...Das ist...", mehr bekam ich nicht heraus.
Thorin lächelte leicht und legte mir das Armband um das rechte Handgelenk.
„Ich hatte gesehen, wie du es genommen hast, dann aber doch zurück gelassen hast. Da dachte ich...", er ließ den Satz in der Luft hängen.
„Danke. Das bedeutet mir sehr viel. Und Thorin? Ich hasse dich nicht. Ich habe dich nie gehasst und ich werde dich auch nie hassen. Lass mir einfach ein bisschen Zeit und zeig mir, dass du das ernst meinst, okay?"
Er nickte langsam und eine lange Stille entstand.
„Wir sollten zu den anderen gehen. Und ich hab noch eine Bitte: Zieh diesen hässlichen Mantel aus!"
Er lachte tief und streifte sich dieses komische Felldings von den Schultern. Dann zog ich mir noch schnell meine Schuhe wieder an und wir gingen nebeneinander zu den anderen Zwergen und Franzi. Noch war zwischen uns nicht alles so wie vorher. Ich würde eine Weile brauchen, bis ich seine Entschuldigung annehmen konnte, doch für's erste sollte es reichen.
Wir sagten beide kein Wort, bis Thorin die Stille unterbrach: „Wer hat dir eigentlich die Haare so geflochten?"
Hörte ich da etwa Eifersucht in seiner Stimme?
„Kili.", sagte ich kurz angebunden und er zog eine Augenbraue hoch.
„Keine Sorge. Das bedeutet nichts, genauso gut hätte es auch Gloin oder Bifur machen können", erklärte ich dann doch und er entspannte sich wieder. Ich blieb stehen und er sah mich fragend an.
„Ähm...würde es dir was ausmachen...also, ich will nicht so gerne mit dir da auftauchen. Dann stellen die so viele Fragen...", bei meinen Worten fing er ernsthaft an zu grinsen. Ja, er grinste. Krass oder?
„Klar. Geh du vor, givashel."
Mir wurde ganz warm. Givashel.
Ich wusste immer noch nicht, was das hieß. Aber er hatte das das letzte Mal vor gefühlten Ewigkeiten gesagt.
Ich drehte mich um und ging alleine weiter, bis ich bei den anderen Zwergen ankam. Diese sprangen sofort auf, weil sie wahrscheinlich dachten, dass ich Thorin war, der da gerade aus dem Gegenlicht trat.
„Sorry, Jungs. Falscher Alarm", meinte ich und alle setzten sich enttäuscht wieder hin, sahen mich aber erwartungsvoll an.
„Ich will nicht drüber reden", winkte ich ab und ließ mich neben Franzi und Fili fallen, die sich leise unterhalten hatten. Meine Freundin blickte mich prüfend an und ich verdrehte die Augen.
„Guck nicht so. Ich erzähl's dir später, sonst verpassen wir noch Thorins krassen Auftritt."
Franzi gab sich damit mehr oder weniger zufrieden und wandte sich wieder dem blonden Zwerg zu.
Der Zwergenkönig tauchte kurz nach mir auf und trat wie im Film aus diesem goldenen Schein. Balin war total fassungslos und fragte: „Thorin?"
„Ne, das ist Horst. Der ist neu hier", entgegnete Franzi und ich musste leicht kichern, konzentrierte mich dann aber wieder auf den Ernst des Lebens. Doch da hatte ich die Rechnung ohne meine Freundin gemacht, die plötzlich anfing, wie ein Engelschor zu singen. Ich pikste sie in die Seite und sie brach ab.
„Hast du noch irgendwas geplant oder reicht das jetzt?"
„Naja, eigentlich wollte ich ihm noch einen Stein in den Weg legen, damit er so episch auf die Fresse fliegt, aber das wäre dann ein bisschen zu gemein gewesen", überlegte Franzi.
„Ein bisschen...", wiederholte ich und dabei triefte meine Stimme nur so vor Sarkasmus. Unsere kleine Unterhaltung wurde von Kili unterbrochen, der plötzlich los brüllte.
„Ich werde mich nicht hinter einer Wand aus Stein verstecken, während andere für uns in die Schlacht ziehen!"
„Wow. Wer hätte das gedacht", murmelte Franzi und ich warf ihr einen scharfen Blick von der Seite zu.
„Das liegt nicht in meinem Blut, Thorin", sagte jetzt Kili wieder etwas ruhiger, heulte dabei aber fast los. Der Zwergenkönig blieb vor ihm stehen und sah ihm fest in die Augen.
„Nein...Wahrlich nicht. Wir sind Söhne Durins...und Durins Volk flieht vor keinem Kampf."
Beide fingen an zu lächeln und Thorin lehnte kurz seine Stirn an die seines Neffens, bevor er sich uns zu wandte. Alle waren mittlerweile aufgestanden und man sah deutlich die Erleichterung in ihren Gesichtern.
„Ich habe kein Recht, dies von euch zu verlangen...aber wollt ihr mir folgen, ein letztes Mal?"
Keiner sagte etwas, doch alle nahmen ihre Waffen zur Bestätigung in die Hand und ich musste einfach lächeln, obwohl ich am liebsten heulen wollte. Ich hatte Thorin gesagt, dass ich Zeit bräuchte, um ihm zu vergeben, doch es gab keine Zeit mehr. Ich musste irgendetwas unternehmen.
„Wir werden mit kämpfen", sagte ich und begegnete Thorins blauen Augen, die mich traurig anblickten.
„Nein."

*„Verzeih mir, Lea. Du bist größer, als Worte beschreiben."

Vier Bekloppte in MittelerdeGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt